Hohensteinberg gefahren war, rasselte das Wäglein die Straße entlang,
und Raoul warf einen letzten Blick auf das spitzgieblige Haus; nun eine
Biegung, es war nicht mehr zu sehen. Gottlieb schaute sich nicht einmal
um; er saß ganz zusammengekauert da, und erst als Leipzig weit, weit
hinter ihm lag, richtete er sich auf und fragte ein wenig unsicher:
»Glaubst du, Raoul, daß uns die Studenten auch mitnehmen?«
»Freilich,« antwortete der Freund sorglos, und auch der Meister meinte
gewichtig: »Warum denn nicht? Ich habe gute Empfehlungsschreiben.«
[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 153.)]
Es gab auf dem Marktplatz zu Halle aber ein lautes Hallo und Geschrei,
als der Leipziger Bäckermeister auf ein dort versammeltes Häuflein
Studenten zutrat und sein Anliegen vorbrachte. »Sind wir Kindermuhmen,
sind wir Magister, die kleine Buben in Zucht und Lehre nehmen?« schrie
ein baumlanger Kerl in Samtrock, der aus einer Pfeife rauchte, die
beinahe so lang wie Meister Käsmodel selbst war.
»Euer Brot ist noch zu frischgebacken, wohllöblicher Bäckermeister,«
spottete ein anderer und schaute lachend auf Gottlieb. Und ein dritter
höhnte: »Schick den Backofen mit auf die Reise, damit die Büblein es
gut warm haben.«
Heisa, da fuhr der Meister aus! Sein Gesicht glühte ihm wie ein
gutgeheizter Backofen selbst, und seine Stimme dröhnte laut über die
anderen hinweg. »Was schert es euch, ihr Herren, wenn den Buben ein
paar Jährlein fehlen? Seid ihr der König von Preußen selbst? Sollte
meinen, lang ist das allweil noch nicht her, als ihr selbst die
Schulbänke drücktet! Nennt ihr das Vaterlandsliebe, aus langen Pfeifen
schmauchen, in Samtkitteln einherlaufen und über ehrsame Bürgersleute
spotten? Ein Paar junge Arme sind viel wert in dieser Zeit, und mein
Gottlieb tut seine Sache vielleicht besser als so ein Bücherschnüffel,
und mein Pflegesohn da, -- dem sein Vater selig, der ist bei Saalfeld
gefallen, und sein Sohn wird ihm Ehre machen. Gehabt euch wohl, ich
meinte, in der Zeit müßte einer wie'n Bruder zum andern stehen, aber
mir scheint, ihr zieht auf den Tanzsaal mit Lust und Übermut und
allweil nicht in den heiligen Krieg fürs Vaterland.«
Der dicke Meister wischte sich danach den Schweiß von der Stirn, die
Rede war kein leichtes Stück gewesen, aber sie hatte eine gute Wirkung
getan. Die Studenten sahen einander betroffen an, dann trat einer vor
und sagte höflich: »Nichts für ungut, so arg war's nicht gemeint, und
wenn der Herr Meister uns die Söhne anvertrauen will, ich will sie wohl
mitnehmen.«
Die andern fielen ein, so sei es recht, und nach ein paar Minuten
war der Friede geschlossen, und es wurde abgemacht, daß Raoul und
Gottlieb mit ungefähr zwanzig Studenten am nächsten Morgen die Fahrt
nach Breslau antreten sollten. Mit festem Handschlag wurde brüderliche
Treue gelobt, und Gottlieb, der schlechte Lateiner, der unerbittliche
Feind aller Grammatik und Orthographie, hatte in dieser Minute beinahe
Respekt vor sich selbst, vor diesem Gottlieb Käsmodel, der ein Genosse
der Studenten geworden war. »Raoul,« flüsterte er, »von der Schule aus
brächte ich's nie so weit, wenn -- die nur nicht lateinisch reden.«
Aber daran dachten die Musensöhne nicht, sie redeten ein kräftiges,
kernfestes Deutsch in dieser Zeit, und es zeigte sich bald, daß sie
wirklich mit heiligem Ernst in den Krieg zogen. Der Meister wurde rasch
gut Freund mit ihnen, und etliche versprachen ihm: »Wenn wir nach
Frankreich marschieren und durch Leipzig kommen, dann vergessen wir es
nicht, Meister, bei Ihnen Einkehr zu halten.«
»Das ist ein Wort,« rief der Meister, »aber so weit sind wir allweil
noch nicht, und ehe ihr den Musjeh Bonaparte in seinem Frankreich
selbst aufsuchen könnt, mag noch viel Wasser die Berge herabrennen.«
Mit schmetterndem Gesang ging es am nächsten Morgen frohgemut mit
der Extrapost zur Stadt hinaus. Meister Käsmodel sah das Trüpplein
davonfahren, und er lüftete ehrerbietig seine Kappe, als es stolz und
froh in den kühlen Vorfrühlingsmorgen hinausschallte:
»Eine Ernte ist getreten
Von dem Feinde in den Kot,
Eh' ihn unsre Schwerter mähten,
Doch wir wuchsen auch in Not.
Eine Saat ist aufgestiegen,
Drachenzähne setzt die Brut;
Mag es brechen, will's nicht biegen,
Jugend hat ein heißes Blut.« --
Schon von Mitte Februar an zogen in Breslau die ersten freiwilligen
Kämpfer ein, und als nach einer Fahrt, mit mancherlei List und
Vorsicht, denn noch gab es überall französische Besatzungen, die
Hallenser mit Raoul und Gottlieb an einem Märztage ihr Ziel erreichten,
da herrschte auf den engen Straßen schon ein ungewöhnliches Leben.
In Scharen kamen die Freiwilligen an, jeder hatte sich ausstaffiert,
wie es gerade ging, und manch einer trug noch einen alten Säbel,
den sein Vorfahre schon unter des großen Fritzen siegreichen Fahnen
geschwungen hatte. Die Uniformen waren wunderlich zusammengestoppelt:
ein bunter Kragen auf dem Alltagsrock -- das war manchmal das einzige
Zeichen, welchem Regiment einer zugehörte. Auch Gottlieb und Raoul
waren noch nicht ausgerüstet, sie liefen in ihren Schulkleidern mit,
als die Studenten sich einschreiben ließen. In dem großen Saal, in der
Menschenmasse, den vielen höheren Offizieren gegenüber wurde es den
Buben dann seltsam beklommen zumute. »Sie nehmen uns nicht,« flüsterte
Gottlieb entmutigt, aber Raoul beharrte: »Sie müssen uns nehmen, ich
muß mitziehen.«
In einer Ecke des großen Saales standen einige ältere Offiziere
zusammen in eifrigem Gespräch. Ein hochgewachsener Mann in der Uniform
der preußischen Landwehr erzählte lebhaft, wie es droben in Ostpreußen
aussehe, und die andern lauschten aufmerksam seinen Schilderungen. Nur
manchmal warf einer einen Blick auf die Schar der eben angekommenen
Freiwilligen, von denen einer nach dem andern vortrat und seinen Namen
und Stand nannte. Doch plötzlich horchten alle auf, das Stimmengewirr
hatte sich jäh gelegt, und in die Stille hinein gellte eine helle
Knabenstimme: »Ich muß mit, ich muß mit! Nehmen Sie mich doch, ich bin
stark genug! Ich heiße Steinberg, und mein Vater fiel bei Saalfeld.«
»Steinberg, hören Sie, da ist einer Ihres Namens,« wandte sich ein
General an den stattlichen Mann in preußischer Landwehruniform, und der
drehte sich blitzschnell um. »Ein Steinberg, wo?« Da traf sein Blick
Raoul, der blaß, hochaufgerichtet vor dem Tisch stand, auf dem die
Listen der Eingeschriebenen lagen. Senkrecht grub sich in die Stirn des
Knaben die tiefe Falte, und seine Augen sprühten und blitzten, eine
so feste Entschlossenheit lag in dem jungen Gesicht, daß der General
unwillkürlich sagte: »Donnerwetter, um den wär's schade!«
»Raoul!« Der Freiherr von Steinberg war rasch vorgetreten, da stand er,
der verlorene Neffe, der Knabe, der so eigenmächtig sein Schicksal in
die Hand genommen hatte. »Raoul, du hier?«
O diese Stimme! Raoul wandte sich jäh um und stand nun seinem Oheim
Auge in Auge gegenüber. Eine tiefe Glut überflog sein Gesicht, aber
seine Augen hielten doch den Blick des Oheims aus, und dem war es,
als schaute er durch diese dunklen, ernsten Augen hindurch auf einen
lichten, reinen Grund. Er legte seine Hand auf des Knaben Haupt: »Was
ist's denn mit dir?«
»Ich bin zu jung, Gottlieb und ich sind zu jung,« rief Raoul, der jetzt
nur an die Gegenwart dachte, rasch des Freundes Hand ergreifend, der
einen Schritt hinter ihm stand.
»Zu jung, zu jung! Erst fünfzehn Jahre. Siebzehn müssen es sein,« sagte
der Protokollführer und wiegte bedauernd den Kopf.
»Tretet zurück,« sagte Herr von Steinberg, »ich werde sehen, was sich
tun läßt,« und ohne ein Wort weiter zu sagen, schob er Raoul vor sich
her, stellte ihn vor den General hin und sagte: »Mein Neffe, der Sohn
meines Bruders, der bei Saalfeld fiel, und noch ein Steinberg, der mit
will. Mein Sohn, der auch noch nicht seine siebzehn hat, zieht auch
mit. Ein Steinberg kann nicht daheim bleiben in dieser Zeit.«
Der General musterte Raoul von Kopf bis zu Füßen. »Ein wackerer
Bursche,« sagte er anerkennend, »und ein Steinberg, das ist ein guter
Empfehlungsbrief. Ich denke, wir können hier auch über die fünfzehn
hinwegkommen. Aber was ist der andere?«
»Mein Freund Gottlieb Käsmodel aus Leipzig,« sagte Raoul, denn Gottlieb
war ganz verstummt. »Wir sind zusammen gekommen.«
»Auch nicht älter?«
»Nein!«
»Na, dann muß der schon heimziehen, nur Jungen können wir doch nicht
gebrauchen. Ist er ein einziger Sohn? Was ist sein Vater?«
»Ja, sein Vater ist Bäckermeister in Leipzig.«
»Ein gutes Gewerbe! Zieh heim, mein Sohn, und hilf dem Vater
ordentlich,« sagte der General freundlich.
Raoul atmete tief auf, dann trat er einen Schritt vor, und seine
dunklen Augen unverwandt auf den General gerichtet, rief er: »Wir
müssen beide mit. Der Gottlieb ist mein Freund, ich hab's ihm gelobt,
zusammen oder -- nicht.« Seine Stimme schwankte. »Er hat noch mehr
Kräfte als ich, wir halten's beide ganz bestimmt gut aus!«
Nun irrte sein flehender Blick zu seinem Oheim hin, und dessen Herz
schlug.
So war seines Bruders Sohn, so treu, so tapfer! Er trat an den General
heran und erzählte ihm leise kurz des Neffen Geschichte, und immer
wohlwollender ruhten die hellen Reiteraugen des Generals auf den
beiden Knaben. »Uns wird's nicht fehlen, Kameraden,« sagte er zu
den umstehenden Offizieren, »wenn solche Jugend für des Vaterlandes
Freiheit ficht. Tretet jetzt zurück und wartet draußen, ihr beiden, ich
werde an eure Sache denken.«
Und nebeneinander, Raoul größer, schlanker, Gottlieb kleiner und
untersetzter, mit brennenden Wangen und strahlenden Augen gingen beide
durch den Saal und harrten dann vor der Türe in Zuversicht, daß sich
ihr Schicksal entscheiden werde. »Der Oheim zürnt nicht,« sagte Raoul
leise, froh.
»Jetzt begreif' ich's allweil nicht,« flüsterte Gottlieb, des Vaters
Lieblingswort unwillkürlich gebrauchend, »warum du da ausgerissen bist.
Aber gut war's, denn ohne dich schickten sie mich heim.«
Sie saßen beide auf einem Holzbänkchen im Winkel, und es dauerte lange,
ehe der Freiherr herauskam. »Das ist er,« flüsterte Raoul und schnellte
in die Höhe, und kerzengerade, viel größer geworden in dem einen Jahr
der Trennung, stand er vor seinem Oheim. »Junge, Junge,« rief der mit
bewegter Stimme, »weißt du denn nicht, welche Sorge du uns gemacht
hast? Ahnst du nicht, wie wir uns gegrämt haben um dich?«
»Es war eine Dummheit,« bekannte Raoul offenherzig, »es war unrecht.«
Da zog der Mann ihn an seine Brust. »Sieh von jetzt ab deinen Vater in
mir, und wenn wir heimkehren, dann soll dir Hohensteinberg wirklich
eine Heimat sein!«
Raoul drückte nur fest des Oheims Hand, er konnte nicht sprechen, und
Gottlieb zog ein Gesicht, als wäre er dabei, eine Literflasche voll
Essig auszutrinken. Da wandte sich der Freiherr zu ihm: »Du bist also
der Gottlieb, von dem meine Mariell, deine Namensschwester, mir so viel
erzählt hat! Schau nicht so finster drein, ich will dir den Freund
nicht nehmen, so gute Freundschaft hält, meine ich, das ganze Leben.
Gib mir die Hand, Gottlieb, auf gute Freundschaft auch zwischen uns
zweien. Deinen Eltern und dir bin ich viel Dank schuldig für das, was
ihr an meines Bruders Sohn getan habt!«
Gottlieb war puterrot geworden. Er hätte gern etwas recht Kluges,
Feierliches gesagt, aber eine große Verlegenheit schnürte ihm fast
die Kehle zusammen. Er trat von einem Bein auf das andere und platzte
endlich heraus: »Raoul, warst du'n Esel! Vor so'nem Oheim wär' ich doch
nicht davongelaufen!«
Der Freiherr lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und
herzhaft schüttelte er immer wieder die feste Bubenhand. »Du bist ein
Prachtkerl, Junge!« sagte er. »Nun aber kommt noch hinein, es ist mir
gelungen, eure Aufnahme durchzusetzen, da es euer Wille ist und deine
Eltern, Gottlieb, doch einverstanden sind?«
»Freilich,« rief der und gab Raoul einen Puff. »Erzähl, wie's war!«
Und Raoul erzählte dem Oheim kurz, wie sie hergekommen waren, und daß
Meister Käsmodel sie selbst nach Halle gebracht hatte.
»Na, dann kommt!« sagte der Freiherr und betrat mit den beiden nochmals
den Saal. Sie wurden eingeschrieben, und mancher wohlwollende Blick
traf die beiden Jungen, und mancher dachte auch wie Herr von Steinberg:
»Wie wird ihr Schicksal sein? Werden sie heimkommen aus diesem harten
Kampf, der vor uns steht?«
Am nächsten Tage schon trennte die Unruhe der Zeit den Freiherrn von
den beiden Knaben: er mußte nach Ostpreußen zurück, die Jungen aber
blieben in Breslau. Es war ein kurzer Abschied. Auf Wiedersehen riefen
die Knaben hoffnungsfroh, aber der besonnene Mann setzte ernst hinzu:
»Gott gebe es uns, daß wir uns als Sieger wiedersehen.«
[Illustration: Dekoration Ende 10. Kapitel]
[Illustration: Dekoration Titel 11. Kapitel]
Elftes Kapitel.
Fürs Vaterland war es auch.
Der Sturm, der am Ende des Jahres 1812 durch Deutschland zu brausen
begann, wurde stärker, sein Tosen gellte lauter und lauter, und immer
höher schlugen die Flammen der Begeisterung. Als am 17. März König
Friedrich Wilhelms »Aufruf an mein Volk« erschien, da strömten die
Freiwilligen in immer größeren Scharen dem preußischen Adler zu, und
es gab wohl kaum eine Familie, die nicht an Blut und Gut ihr Opfer dem
Vaterland darbrachte. Und ein hartes, schweres Ringen um die Freiheit
hub an. Die Völker vereinten sich, um Napoleons Joch abzuschütteln,
doch der hatte nach der russischen Niederlage rasch neue Kräfte
gesammelt. Ihn kümmerte es wenig, daß Frankreich selbst kriegsmüde und
tief erschöpft war, er wollte nur seinen maßlosen Ehrgeiz befriedigen.
Überall ließ er neue Soldaten ausheben, blutjunge Burschen mußten
eintreten, und viele, viele Deutsche wurden wieder zum Kampf gegen
die deutschen Brüder gezwungen. Das unglückliche Sachsen wurde zum
Schauplatz des Krieges, sein König mußte Napoleons Bundesgenosse
bleiben, der in Dresden residierte. Das Volk mußte namenlose Opfer
aufbringen, das Landvolk namentlich war ganz der Willkür der Franzosen
preisgegeben, und in Dresden und Leipzig lagen nach den Schlachten bei
Großgörschen und Bautzen Tausende von Verwundeten. Die Lebensmittel
wurden immer knapper, immer teurer, und in vielen Häusern, in denen
einst blühender Wohlstand geherrscht hatte, war bittere Not eingekehrt.
Auch in dem Hause Meister Käsmodels sah es trübselig genug aus, und
der Meister sagte manchmal: »Es ist keine Freude, Bäcker zu sein, wenn
das Brot so sündhaft teuer ist.« Die Meisterin ging still und bedrückt
einher. Sie zagte und bangte um den fernen Sohn. »Er steht bei den
Feinden,« klagte sie oft.
»Er kämpft für die gerechte Sache,« sagte der Mann dagegen. Dieser
einfache, schlichte Mann erkannte in dieser Zeit klarer als mancher
gelehrte Würdenträger, wo das Heil für Deutschland lag, und so
sorgenbeschwert ihm auch das Herz war, er hoffte doch unverzagt und
gläubig, daß es den Verbündeten gelingen würde, das Land von der
Fremdherrschaft zu erlösen.
Freilich der Sommer 1813 ging ins Land und wandelte sich zum Herbst,
und noch immer schwankte die Wage hin und her. In einem langen
Waffenstillstand suchte Napoleon von Dresden aus sein Heer zum
entscheidenden Kampfe zu rüsten, aber seine Gegner waren in dieser
Zeit nicht müßig gewesen: dem russisch preußischen Bündnis hatten sich
Österreich und Schweden zugesellt. England gab Gelder her, und als
sich im Oktober auf den weiten Ebenen um Leipzig herum die Völker zur
entscheidenden Schlacht sammelten, da beseelte eine stolze Zuversicht
die Führer der verbündeten Armeen.
Im grauen, feinen Regendunst sah Gottlieb Käsmodel seine Vaterstadt am
Morgen des 16. Oktober zum erstenmal wieder. Als Feind stand er draußen
vor den Toren, und wie er, so fragten sich zitternd die Bewohner der
bedrohten Stadt: »Was wird unser Schicksal sein?«
Nebeneinander standen die Freunde an diesem Morgen. Der Frühling und
Sommer dieses harten Jahres hatte in ihre jungen Gesichter tiefe Spuren
gegraben, sie hatten im Schlachtenlärm gestanden, hatten Kameraden
fallen sehen, hatten allen Jammer des Kriegs erlebt. Das hatte Gottlieb
Käsmodels Knabenübermut gedämpft und Raoul noch stiller und ernster
gemacht. »Wenn's zu einem Sturm auf Leipzig kommt!« murmelte Gottlieb
und starrte in die Ferne, wo er ganz zart im Grau die vieltürmige Stadt
liegen sah.
Raoul atmete schwer, auch seine Gedanken kreisten in dieser Stunde um
das Bäckerhaus, in dem es ihm so wohl gewesen war. »Wir müssen unsere
Pflicht tun,« sagte er herb und sah den Freund an. Der nickte: »Wir
müssen durch -- wenn ich nur wüßte, wie's drinnen aussieht!«
Seit Wochen fehlte den beiden jede Nachricht von dort, und drinnen
weinte um diese Stunde die Meisterin in nicht enden wollendem Leid.
»Mein Gottlieb, mein Gottlieb, wie mag's ihm ergehen! Nun steht er wohl
draußen als Feind.«
Das kleine Minchen, das mit seinen fünf Jahren noch nicht den Ernst der
Stunden erfaßte, hob plötzlich sein Fingerchen: »Mutter, das bummst so!
Der liebe Gott donnert.«
Dumpf dröhnte und hallte der Kanonendonner über Leipzig hin, und im
weiten Kreis um die Stadt herum raste der Kampf. Am Mittag wurde es
stiller, und dann plötzlich fingen von den Türmen die Glocken zu läuten
an, Sieg, Sieg!
»Herrgott,« schrie der Meister Käsmodel verzweifelt auf, »der Bonaparte
hat wieder gesiegt! Verloren die gerechte Sache!«
Doch das Siegesläuten verstummte; nur ein Scheinsieg war es gewesen,
den die Franzosen allzu schnell verkündet hatten: der alte Löwe Blücher
hatte Bonaparte seine Klauen gezeigt und ihm schwere Wunden beigebracht.
Es waren fürchterliche Tage für Leipzig. Blutrot flammte der Himmel
über der Stadt: es war der Widerschein der brennenden Dörfer ringsum.
Die Straßen hallten wider vom Wehgeschrei der Verwundeten, die in
Scharen in die Stadt hineinströmten, und Geschützwagen rasselten eilig
dazwischen. Die öffentlichen Gebäude und Kirchen waren in Spitäler
verwandelt worden. Am 17. Oktober, einem Sonntag, riefen die Glocken
nicht wie sonst die Bewohner zur Kirche. In dumpfer Angst blieben alle
in ihren Häusern. Wer nicht mußte, wagte sich nicht auf die Straße
hinaus, viele verkrochen sich in die Keller und verrammelten Türen
und Fenster ihrer Häuser. Am 18. Oktober stieg die Sonne in feuriger
Glut über der Stadt und der weiten Ebene empor und bestrahlte den
mörderischen Kampf dieses Tages. Zu Tausenden bedeckten Sterbende,
Tote, Verwundete die Felder um Leipzig, wie Fackeln brannten die
Dörfer, das Rollen und Donnern der Geschütze tönte unablässig fort, und
die Bewohner von Leipzig sahen in dumpfer Verzweiflung ihrem völligen
Untergang entgegen.
»Die Stadt wird gestürmt, die Stadt wird geplündert! Nun müssen wir das
Bündnis mit Frankreich büßen, an dem wir schon so viel gelitten haben,«
klagten die Bürger.
Dann flog plötzlich der Ruf durch die Stadt, wie ein Erlösungsschrei
klang es: »Die Sachsen sind zu den verbündeten Heeren übergegangen.«
Und als der Abend kam, drängten die fliehenden Franzosen in Scharen
in die Stadt hinein und flohen in wilder Hast dem Ranstädter Tore
zu, und Napoleon ließ die andern Tore noch verteidigen, um den Resten
seiner Armee den Rückzug zu decken.
[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 164.)]
Doch schon am nächsten Morgen drangen die Verbündeten von drei Seiten
auf die Stadt ein. Laut brauste der Jubel der Einwohner ihnen entgegen.
»Sieg, Sieg, Sieg!« hallte es durch die Straßen, jeder fühlte, daß
der Sieg der Franzosen nur neues Leid, neue Schmerzen bedeutet hätte.
»Sieg, Sieg, Sieg!« läuteten die Glocken und übertönten das Stöhnen und
Ächzen der vielen Verwundeten, die, ein Obdach suchend, durch die Stadt
irrten.
An alle Türen klopften Hilfesuchende, und bald war alles überfüllt.
Auf den Straßen, den Friedhöfen lagerten die Unglücklichen, frierend,
hungernd in der rauhen Luft des Oktobertages. Die Bürger nahmen auf, so
viele sie konnten, aber Mangel und Not waren so groß, daß selbst die
wohlhabenden Leute nur knapp zu essen hatten. Auch Meister Käsmodel
hatte das Backen einstellen müssen; er war ein Bäcker ohne Mehl, nur
für das eigene Hans gab es noch einen kümmerlichen Vorrat. Dafür lagen
in den Stuben Verwundete, und die braven Meistersleute sorgten, so gut
sie es vermochten, für die Unglücklichen. Nur Gottliebs und Raouls
Kammer war unbesetzt, die Betten standen bereit. »Wenn die Jungen
heimkommen, sollen sie doch ihr Unterkommen haben,« hatte die Meisterin
gesagt.
Und bei jedem Klopfen an der Türe schraken Mann und Frau zusammen und
liefen hinaus, und immer wieder kehrten sie enttäuscht zurück, -- die
Erwarteten kamen nicht.
Gegen Abend des 19. Oktober klopfte es wieder laut an die Haustüre, und
als der Meister hinauseilte, sah er einen hochgewachsenen preußischen
Offizier draußen stehen. Er leuchtete ihm mit seinem Laternchen
forschend ins Gesicht, der Offizier fragte: »Bin ich hier recht bei
Meister Käsmodel?«
»Das stimmt,« sagte der Meister. »Wenn ich nur wüßte, wo ich das
Gesicht schon sah!«
»Steinberg ist mein Name,« erwiderte der Fremde, »ich --«
»Daß mich das Mäuschen beißt, das ist doch alleweil der Oheim von
unserm Raoul!«
»Sie haben mich also doch erkannt?« fragte Herr von Steinberg, der war
es wirklich.
»Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte der Meister. »Unsere Frau von
Steinberg, Gott hab' sie selig, hatte ein Bild von ihrem Manne, dem
gleichen Sie aufs Haar.« Er ließ den Gast vorangehen und schloß dann
eilig wieder die Türe, denn schon drängten andere in den Lichtschimmer
des Laternchens. Rasch prüfte des Meisters Blick den Freiherrn, der
bleich und erschöpft aussah. »Mir scheint's, Sie brauchen Ruhe!«
Herr von Steinberg nickte. »Die brauchen wir wohl alle. Ich bin auch
verwundet an der Schulter, es ist nicht arg; doch darum kam ich nicht.
Ihr Sohn Gottlieb liegt verwundet in einer Scheune bei Gohlis, ich
komme, Sie zur Hilfe holen.«
»Mein Junge,« schrie der Meister, »er ist verwundet, aber er lebt?
Sagen Sie mir, daß er lebt!«
»Ich hoffe, er lebt,« sagte der Freiherr ernst. »Ich sah ihn selbst
nicht. Heute in der Frühe erhielt ich Botschaft: mein Neffe Raoul
hatte gestern schon einen Ordonnanzoffizier gebeten, wenn er mich
treffen sollte, mir diesen Zettel zu bringen.« Herr von Steinberg gab
dem Meister einen Zettel, auf dem stand in eiliger Schrift: »Gottlieb
Käsmodel liegt in einer Scheune links von Gohlis, drei Bäume stehen
rechts, in der Nähe ist ein Wassertümpel. Wenn Sie nach Leipzig
kommen, sagen Sie es, bitte, Meister Käsmodel, lieber Onkel. Raoul.«
»Und Raoul?« fragte der Meister zurück.
Der Freiherr zuckte die Achseln. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört,
der Zettel kam nur durch einen glücklichen Zufall in meine Hände. Sein
Regiment soll große Verluste gehabt haben. Wer kann in diesem Wirrsal
wissen, wo der ist und jener! Ich weiß auch nichts von meinem Sohn.«
»Einen Wagen kann ich wohl beschaffen,« sagte der Meister hastig, »aber
werde ich hinauskommen?«
»Ich werde Sie begleiten, vielleicht gelingt es mir, uns Durchfahrt zu
verschaffen.«
»Aber Sie sind verwundet, Herr Baron!«
»Was schadet das! Ein Streifschuß nur. Es war eine böse Sache heute am
Grimmaischen Tor, nur« -- der Freiherr stockte -- »Hunger habe ich!«
»Hunger? Kommen Sie herein, schnell, schnell,« drängte der Meister,
»meine Frau soll für Sie sorgen, und allweil schaffe ich einen Wagen
herbei.«
Nach wenigen Minuten saß der Freiherr in der Backstube, in dem Raum, in
dem seine Schwägerin so oft mit ihrem Sohn sich an kalten Winterabenden
erwärmt hatte, und die Meisterin gab ihrem Gast, was sie nur hatte.
Ihr flossen die Tränen im Leid um ihren Sohn, und die gemeinsame Sorge
knüpfte rasch ein festes Band um die einfache Frau und ihren vornehmen
Gast. Der sagte: »Ich kann's Raoul nicht verdenken, daß es ihm hier
wohl war,« und die Meisterin gab schlicht zur Antwort: »Wir haben ihn
alle lieb.«
»Is Raoul totgeschoßt?« fragte Minchen weinerlich am Knie der Mutter,
und die seufzte schwer: »Wo mag er sein? Und wird mein Gottlieb noch
leben?«