bereitstehende Bett, und Gottlob pustete und schnarchte und merkte
nicht, daß der Ersehnte heimgekommen war. Der konnte freilich trotz
seiner Müdigkeit nicht gleich einschlafen; wie ein wunderlich wirrer
Traum lagen die letzten Wochen hinter ihm, und in alle Freude, endlich
am Ziel zu sein, tönten ihm aber doch immer des Meisters Worte hinein,
daß er es noch hätte aushalten sollen. Er meinte Gottliebes helles
Lachen zu hören, ihr liebliches Gesicht zu sehen; vielleicht weinte sie
um ihn, und die Tante war traurig, und Pfarrer Buschmann schüttelte
bekümmert das Haupt über den entlaufenen Schüler. Aushalten, aushalten,
nicht heimlich davonlaufen! klang es immer in ihm. Nun werden sie dich
feige schelten und erst recht nicht für einen echten Steinberg halten.
Da ballte er die Hände zur Faust in seinem Bett und sagte ganz leise zu
sich wie ein festes, schweres Gelöbnis: »Sie sollen doch noch sehen,
daß ich ein Steinberg bin.« Und in dem Schlummer, der nun endlich
über ihn kam, sah er plötzlich Joachim vor sich stehen, der lachte
spöttisch: »Bist doch kein echter Steinberg!« Halbwach fuhr Raoul noch
einmal empor und murmelte drohend: »Warte nur, ich werde dir's doch
beweisen!« -- --
Als Gottlieb Käsmodel am nächsten Morgen erwachte, reckte und dehnte er
sich gähnend in seinem Bett herum und schaute erst die Wand an, dann
in das Zimmer hinein. Da fuhr er plötzlich mit einem gellenden Schrei
in seinem Bett empor. Mit einem Sprung war er drüben am andern Bett
und zog Raoul mit einer solchen Kraft aus dem Bett, daß im nächsten
Augenblick beide Jungen auf der Erde lagen.
»Er ist da, er ist da,« brüllte Gottlieb, sprang auf, setzte über Raoul
hinweg, riß die Türe auf und brüllte wie besessen die Treppe hinab: »Er
ist da, er ist da, huuh, huuh!« Ein wildes, schauerliches Freudengeheul
erfolgte, und im Nu öffneten sich Türen, man hörte ängstliche Stimmen,
jemand schrie: »Es brennt, es brennt!« und dann klappten Schritte,
oben, unten, überall waren die Bewohner aufgeschreckt.
Raoul aber saß auf seinem Bett und lachte, lachte, und Gottlieb tanzte
im Hemd im Zimmer herum und stieß solche Siegesschreie aus, daß selbst
Bonaparte vor diesem Gebrüll vielleicht auf und davon gelaufen wäre.
»Donnerwetter, ja!« mit diesem Ruf war Meister Käsmodel aus seinem
süßen Morgenschlummer aufgefahren. Er wollte hinaus, aber dann besann
er sich noch zur rechten Zeit und rief nur: »Mutter, halt doch dem
Bengel, unserem Gottlieb, mal den Schnabel zu; der Junge bringt ja
die Nachbarschaft in Aufregung. Nee, wenn der mal so backen kann wie
schreien, dann wird er Obermeister oder gar Hofbäcker.«
Oben legte sich schon der Lärm, denn Gottlieb war von der
unbezwinglichen Sehnsucht erfaßt worden, des Freundes Schicksale zu
hören, und an diesem Tage verwünschte er die Schule noch mehr als
sonst, und nur der Gedanke vermochte ihn zu trösten, daß künftig der
Freund mit ihm die Plage teilen würde.
In der Mittagsstunde stand dann Raoul wie einst in der Burggasse,
stand und wartete auf Karl Wagner, dessen Freude beim Anblick seines
ehemaligen Schreibgenossen freilich nicht so laut und stürmisch war wie
die von Gottlieb Käsmodel.
Die klaren Augen ruhten aber so warm und doch so ernst fragend auf dem
Knaben, daß der den Kopf senkte. Es war ihm, als schaute der kleine
Schreiber ihm tief auf den Grund der Seele. »Ich bin ausgerissen,«
sagte er leise, »es war nicht recht, ich hätte aushalten sollen,
aber --«
»Du bist froh, daß du hier bist, mein Junge. Nun, wir begehen alle
Torheiten im Leben, und es kommen auch schon Stunden, in denen man gut
machen und Fehler sühnen kann. Doch Gott zum Gruß, daß du wieder da
bist, daran wollen wir uns heute freuen. Ich hab' es erwartet. Gottlieb
hat mir erst gestern gesagt, du kämst so gewiß wie seine Vier in der
nächsten lateinischen Arbeit!«
»Das stimmt,« rief Raoul, »er hat sie heute bekommen,« und mit einem
strahlenden Lachen sah er zu Karl Wagner auf: »Ich bin so froh, so
froh!« --
Das Bäckerhaus, das sich dem heimatlosen Knaben so bereitwillig
geöffnet hatte, wurde ihm bald wieder eine liebe Heimat. Jetzt, da er
freiwillig die Verwandten verlassen hatte, betrachtete ihn Meister
Käsmodel als seinen Sohn und handelte wie ein guter, treuer Vater an
ihm. Mit Gottlieb besuchte Raoul zusammen das Gymnasium, und mit seiner
Hilfe umschiffte Gottlieb die Klippen der lateinischen Sprache, nahm
sicherer die bösen Gräben der Orthographie, und schaute fortan die
Schule nicht mehr wie einen Käfig an, in dem ein Raubtier eingesperrt
werden soll.
Raoul hatte den Adel ablegen müssen, Meister Käsmodel meinte, es
würde zu viel Gefrage drum geben. »Bleib nur adlig im Herzen, mein
Junge, das ist die Hauptsache. Nachher, wenn du was Rechtes geworden
bist, allweil kannst du dich wieder mit dem alten Namen nennen.« Der
biedere Meister fürchtete immer, Graf Turaillon könnte doch wieder dem
Neffen nachforschen, und nach Frankreich hätte er den Pflegesohn nur
bitter schwer ziehen lassen. Zu seiner großen Beruhigung war der lange
Schreiber Neumann aber wirklich aus Leipzig fortgezogen, der konnte
also Raouls Anwesenheit nicht mehr verraten.
Es kam in diesem ersten Sommer aber noch einmal ein Briefchen aus
Hohensteinberg ins Bäckerhaus, Gottliebe hatte es geschrieben. Sie
schrieb darin, sie glaube bestimmt, daß Raoul da ist, und sie bat
gar lieb und herzlich, der Vetter möchte zurückkehren. Da wurde dem
Knaben das Herz doch schwer, und wenn er jetzt an alles dachte,
was er in Hohensteinberg erlebt hatte, da fühlte er immer mehr und
mehr, daß seine Flucht zu rasch, zu unüberlegt gewesen war. Aber
zurückkehren wollte er doch nicht, und so schwer es ihm auch wurde,
er ließ Gottliebes Brief unbeantwortet. Das Bäslein im fernen Osten
weinte manche Träne darum, als der Brief, auf den sie gewartet hatte,
ausblieb; sie hoffte und hoffte, und erst als der Winter kam, schwand
ihre Hoffnung, und sie dachte nun auch wie die andern, Raoul sei
untergegangen oder nach Frankreich zu seiner Mutter Bruder entwichen.
[Illustration: Dekoration Ende 9. Kapitel]
[Illustration: Dekoration Titel 10. Kapitel]
Zehntes Kapitel.
Nach langer Not zum heiligen Krieg.
In dem Sommer von 1812 hatte in Preußen keiner die rechte Freude an
aller Sommerlust, an Sonnenglanz, blühenden, grünenden Wiesen und
kühlem Waldesschatten gehabt, und als sich der Winter früh meldete, da
klagte niemand dem Sommer nach. Mit Schnee und Eis, mit frostklaren
Tagen und Nächten kamen zugleich über die Grenze Nachrichten geflogen,
die jedes vaterlandstreue Herz erbeben ließen. Napoleon sei geschlagen,
raunte es erst leise, bis dann die gewisse Kunde kam von dem Untergang
der großen Armee. Im Wintersturm flohen die letzten Reste des einst so
glanzvollen Heeres aus dem unbesiegten Lande.
Da hob ein Singen und Klingen in viel tausend deutschen Herzen an, und
überall blühte die Hoffnung empor, daß der Freiheitskampf, nach dem
sich alle sehnten, der sie vom Joch der Fremdherrschaft erlösen sollte,
nun beginnen würde. Wie ein Gottesgericht erschien ihnen allen der
furchtbare Schlag, der die übermütigen Eroberer getroffen hatte, aber
die Freude zeigte sich nicht, als in kleineren Trupps, manchmal gar nur
zu zweien und dreien, die letzten Überlebenden der großen Armee über
die russische Grenze kamen. »Man muß sie vernichten,« hatte mancher
gerufen, wenn er an die Härten des Sommers dachte, der mancher Familie
den letzten Wohlstand geraubt hatte. Doch als die Flüchtlinge kamen,
wahre Jammergestalten, da schwieg der Haß, und das Mitleid regte sich.
Durch Hohensteinberg kam an einem der ersten Tage des Jahres auch ein
Trupp Flüchtlinge, und Joachim in seinem überschäumenden Knabenhaß
rief, als er von ihrem Nahen hörte: »Man darf sie nicht aufnehmen, es
sind Feinde!«
Nachher stand er neben seinem Vater auf dem Hof und sah das Trüpplein
vor sich. Wohl fünfzehn Männer waren es; von Hunger, Kälte, dem langen
Marsch und Krankheiten waren sie so erschöpft, daß nur ein paar noch
klare Antwort geben konnten über ihre Schicksale, die andern starrten
dumpf vor sich nieder, ein paar waren kraftlos in den Schnee gesunken.
Die Knechte, Mägde, die Dorfleute, alle waren herbeigeeilt und
umstanden in finsterem Schweigen die Unglücklichen, und der Freiherr
fragte nach den Namen, der Herkunft. Da klang ein deutscher Name nach
dem andern an sein Ohr: die Leute waren alle Süddeutsche, sie alle
hatten den französischen Fahnen folgen müssen.
Die Hausfrau hatte die Flüchtlinge kommen sehen. Sie hatte nicht viel
geforscht und überlegt, nicht viel nach Namen und Art gefragt, sondern
sie war selbst in die Küche gegangen und hatte mit Jungfer Rosalie eine
kräftige Mehlsuppe gekocht, und bald kamen aus dem Haus die Hausfrau
mit ihren Töchtern und Mägden, und alle trugen Töpfe voll dampfender
Suppe und Körbe voll Brot.
Ein Schreien, ein gieriges Schreien gellte auf, die erloschenen Augen
der Flüchtlinge blitzten, zitternd streckten sie die Hände aus: Essen,
warmes Essen nach so vielen langen, langen Tagen wieder!
Die Frauen mußten mahnen: »Ihr verbrennt euch, nicht so hastig!« Doch
die Flüchtlinge rissen ihnen die heißen Töpfe fast aus den Händen, sie
schluchzten, schlangen, und manch einem Mann rannen die Tränen über das
hohlwangige Gesicht. Essen, Essen, eine warme Suppe, wie wohl das tat!
In tiefem Schweigen sahen die Männer und Frauen zu. Kein Schmähwort
wurde laut, keine Hand ballte sich mehr zur Faust, vor diesem Jammer
schwieg der Haß. Und als der Freiherr sich zu seinen Knechten wandte:
»Räumt eine große Stube für die Leute aus, ihr könnt in den leeren
Gastzimmern wohnen,« da boten sich eilig ein paar Bauern zur Hilfe an,
und ein paar Frauen sagten, sie könnten wohl noch allerlei Sachen aus
ihrem Vorrat hergeben.
Schweigend folgte auch Joachim den Knechten und half räumen und
Strohlager herrichten, und manchmal streifte sein Blick die Flüchtlinge
voll tiefen Mitleids, die, in Lumpen gehüllt, die Beine mit alten
Fellen und Stroh umwickelt, auf dem Kopfe wohl Frauentücher und Hauben,
in nichts mehr den siegesfrohen Kriegern des Sommers glichen. Und alle
waren Deutsche. Des Jünglings Herz krampfte sich zusammen, und in
dieser Stunde begriff er völlig die Schmach seines Vaterlandes.
Man hatte auf Hohensteinberg noch manchmal Gelegenheit, den
Flüchtlingen zu helfen, und alle auf dem Schloß und im Dorfe taten es
mit christlichem Erbarmen. Ein paar der Leute starben, andere wurden
gesund, einige kehrten in die Heimat zurück, andere aber blieben,
blieben, um in das preußische Heer einzutreten und für ihrer Brüder
Freiheit zu kämpfen.
Es regte sich überall. Laut sprachen die, die bisher hatten schweigen
müssen, von dem bevorstehenden Freiheitskampf, und keinem Krieg hatte
man in Preußen so entgegengejubelt wie diesem, den der Frühling von
1813 bringen sollte und dessen Ausbruch man kaum erwarten konnte.
An einem Märztag, an dem es schon lenzlich sproßte und Büsche und
Bäume im jungen Safte schwollen, gab es in Hohensteinberg eine bittere
Abschiedsstunde. Vater und Sohn zogen beide in den heiligen Kampf, und
aus dem Dorfe folgten ihnen alle Männer, die noch die Kraft in sich
fühlten, mitzustreiten und mitzusiegen, denn Sieg war aller Gebet und
Hoffnung.
Joachim wollte mit seinen Freunden, den Tugendbündlern, in das ganz
aus Freiwilligen gebildete Reiterregiment, das Graf Lehndorf in
Königsberg sammelte, eintreten. Daß nur Arnold von Berkow gerade die
vorgeschriebenen siebzehn Jahre zählte, kümmerte sie alle nicht, sie
hofften, niemand werde es so genau damit nehmen.
Es hatte in Hohensteinberg auch niemand daran gezweifelt, daß Joachim
mitziehen würde, und Frau Maria, die bei aller Sanftmut doch eine
starke, tapfere Frau war, brachte ohne Klagen das schwere Opfer. Die
Frauen des Hauses trugen in dieser Zeit eine stille, gefaßte Miene zur
Schau, keine wollte es den Scheidenden schwer machen. Als Gottlobe
zuerst in Strömen von Tränen Trost suchte, hatte die Großmutter sie
in der alten herben Art, von der seit Raouls Flucht nur wenig noch
zu spüren war, angerufen: »Schweig! Eine Steinberg heult nicht.« Da
war Gottlobe jäh verstummt, und nur der Schwester klagte sie. »O der
furchtbare Krieg! Wenn doch kein Krieg käme!«
»Bist dumm,« erklärte Gottliebe, und in ihr weiches Gesichtchen grub
sich die feste, harte Steinbergfalte, »ich wollte nur, ich könnte mit
wie Joachim!« Gottlobes Entsetzen ließ die Schwester ungerührt, und es
ahnte niemand, wie oft Gottliebe es wünschte, ein Junge zu sein.
Wenige Tage vor dem Aufbruch trat sie zu dem Vater in das Zimmer. Zu
ungewohnter Zeit und ohne Erlaubnis wagten es die Kinder selten, des
Vaters Zimmer zu betreten, und der Freiherr, der über Büchern und
Rechnungen saß, schaute erstaunt auf sein Mädel. »Was willst du?«
»Vater!« Gottliebe preßte beide Hände an die Brust, und wie sie so vor
dem Vater stand im schlichten, dunklen Kleid, ein weißes, feines Tuch
um Hals und Brust geschlungen, das junge Gesicht von den blonden Locken
umrahmt, sah sie unendlich lieblich aus, und des Vaters Augen freuten
sich an der jungen Schönheit seines Kindes. »Nun,« fragte er noch
einmal freundlich, als Gottliebe stockte, »was will mein Mariellchen?«
»Vater -- ich --« Purpurglut lief über das Gesichtchen, »ich -- will
mich als Achims Bruder verkleiden, weißt du, als ob ich sein Bruder
wäre und nicht seine Schwester, und mitziehen in den Krieg. Ich kann's,
Vater, gewiß! Bitte, bitte, lachen Sie nicht, ich habe die Kraft und
-- ich schäme mich, daß ich nichts, gar nichts für mein Vaterland tun
kann, nur ein Mädchen bin.«
»Nur ein Mädchen!« Der Freiherr zog sein Kind an sich. »Meine Liebe,
mein tapferes Kind, was sagst du da? Nur ein Mädchen -- ist es denn
nicht etwas Schönes, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden, zu
sorgen und zu schaffen für der anderen Wohl? Ei, Liebe, was sollten wir
Männer tun, wenn wir in den Krieg ziehen müssen und daheim nicht unsere
Mütter, Frauen und Schwestern unsere Arbeit täten?«
»Es ist so wenig,« flüsterte Gottliebe, »es sind -- keine großen
Taten.«
Ein ernstes Lächeln glitt über des Freiherrn Gesicht. »Keine großen
Taten? Du Kind du! Auch wir, die wir in den Kampf ziehen, wissen nicht,
ob uns das Schicksal für große Taten bestimmt hat. Es wird mancher
an einem Zaun verbluten und sein Leben lassen, der ein Held war, und
dessen Name nie jemand nennt. Sieh hinaus, meine Mariell, dort grünen
die Saaten, dort wächst die Ernte des Jahres heran, und es würde
schlimm darum bestellt sein, wenn die Frauen nicht den goldenen Segen
hüten wollten, und unsere Ställe und Kornkammern würden leer sein ohne
der Frauen Arbeit, und wer diese Arbeit leistet, der tut auch etwas für
sein Vaterland. Ich ziehe fort und Joachim, und wir wissen nicht, wann
wir wiederkehren, und ob wir noch einmal die Heimat sehen. Da lege ich
denn auf deine Schultern einen Teil meiner Sorge und Last: du sollst
deiner Mutter ein Segen, ein Trost sein, ihre Helferin in den Tagen der
Mühe, die kommen werden. Es wird dir wenig Zeit für heitere Jugendlust
bleiben, aber ich weiß, daß du treu an deiner Stelle stehen wirst,
und an der Liebe für die Deinen, für das Vaterland wird deine Kraft,
dein Wille erstarken. Gott hat jeden an seinen Platz gestellt, und es
braucht keiner zu sagen: Ich bin nur dies, nur das! der seine Pflichten
in Treue erfüllt. Die Frauen unseres Geschlechts waren immer tapfer und
treu und verloren nicht ihren Mut in den Zeiten der Not. Sei auch du
eine Steinberg, mein Kind, und draußen im Wirrsal des Krieges will ich
froh denken: Meine Liebe schafft daheim, meine Tochter. Gott sei Dank,
daß mir der Himmel zum Sohne auch Töchter gab!«
Gottliebe schmiegte sich bebend an den Vater an, sie fand keine Worte.
Erst als der Vater sie prüfend anschauend fragte: »Willst du noch
verkleidet mitziehen, und bist du nun noch traurig, nur ein Mädchen
zu sein, meine kleine Tugendbündlerin?« da sagte sie leise, mit einem
feierlichen, frommen Klang in der jungen Stimme: »Ich will daheim
bleiben!«
Es wurde nicht viel geweint und keine Klagen ertönten, als ein paar
Tage später die freiwilligen Kämpfer Abschied nahmen. Alle waren
ernst und gefaßt, selbst die weichmütige Gottlobe versuchte, tapfer
ihre Tränen zurückzudrängen; Gottliebe aber stand dabei mit einem so
ernsten, reifen Ausdruck in dem Gesicht, daß der Vater diese Tochter
noch einmal mit besonderer Liebe umfaßte. »Ich weiß, daß ich mich auf
dich verlassen kann, mein Mädel,« sagte er ernst.
Und die Zurückgebliebenen nahmen tapfer und willig die vermehrte
Arbeitslast auf sich, und so emsig auch jeder schaffte, sie staunten
in Hohensteinberg doch alle über Gottliebe. Mit einem Ernst, der ihre
Jahre weit überragte, suchte sie sich selbst ihre Arbeit. Pfarrer
Buschmann willigte ein, daß vorläufig die Stunden ausgesetzt wurden,
und Gottliebe packte die Bücher fort, die sie so liebte; auch für
heitere Mädchenlust und zärtliche Freundschaftsbriefe fand sie
keine Zeit mehr. Schon nach etlichen Wochen nannte Frau Maria ihre
älteste Tochter ihren kleinen Minister, und Jungfer Rosalie wollte
fast eifersüchtig werden, aber die Freude über des jungen Mädchens
ernsten Fleiß war größer als das kleinliche Gefühl der Eifersucht.
Die weichere, schwärmerische Gottlobe ließ sich von der Schwester
fortreißen, aber wenn Liebe schon vor Tau und Tag aufstand, um
auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen, dehnte sie sich doch noch
oft im Schlafe, und sie konnte auch das Seufzen und Klagen nicht
ganz unterlassen; trotzdem wurde sie in dieser Zeit doch auch ein
tüchtiges, pflichtgetreues Mädchen, eine rechte Tugendbündlerin, wie es
die Schwester nannte. --
Und es wurde manche in dieser harten, schweren Zeit zur Heldin, manche
Frau lernte das tapfere Aushalten, und für manches Mädchen gingen
Jugendlust und Freude unter in dem ernsten Alltag. Das Gefühl, in einer
großen, gewaltigen Zeit zu stehen, befreite viele von kleinlichem
Kummer, kleinen Fehlern, kleinen Gedanken.
Eine große, eine wunderbare Zeit war es. Als Herr von Steinberg mit
seinem Sohne, Freunden und Heimatgenossen nach Königsberg zog, da
hatte der König von Preußen sein Volk noch gar nicht gerufen, aber
doch strömten von überall her die Freiwilligen zu den Fahnen. Das Volk
selbst forderte den heiligen Krieg, es forderte ihn so einmütig, mit
solcher Opferwilligkeit, daß die meisten fühlten, nur Sieg oder ein
völliger Untergang konnte das Ende sein. In Ostpreußen aber fühlte man
es vielleicht am tiefsten, daß das herrliche, tapfere Preußenvolk nicht
untergehen konnte.
Aber auch aus den andern Ländern deutscher Zunge außerhalb Preußens
strömte die Jugend herbei, um dem Bruderlande zu helfen. Da litt
mancher schwer, weil das engere Vaterland sich noch zu Frankreichs
Bundesgenossen rechnete, und mancher kehrte dem kleinen Vaterland den
Rücken und eilte über die Grenze nach Breslau, wo König Friedrich
Wilhelm weilte, um unter dem preußischen Adler zu fechten. Sie fühlten,
daß es diesmal für Preußen kämpfen für die deutsche Sache überhaupt
kämpfen hieß.
* * * * *
Raoul von Steinberg träumte mit seinem Freunde Gottlieb auch viel von
Kampf und Sieg, und in dem Ofenwinkel schmiedeten die zwei in den
ersten Monaten des Jahres 1813 manchen kühnen Plan. Meister Käsmodel
sagte nichts dagegen, wenn die Jungen laut von Kampf und Sieg sprachen;
er war auch einer von denen, die voll Hoffnung auf den kommenden Sieg
sahen, auch ihn bedrückte schwer die Schmach der deutschen Uneinigkeit,
und er sagte manchmal: »Es ist wider die Natur, daß wir Sachsen
Bonapartes Bundesgenossen sind. Herrgott, ich wollte, wir alle, die wir
deutsch sprechen, hätten einen Kaiser, es wäre ein Reich.«
Das milde Klima des Pleißentales hatte in Leipzig schon im Februar hier
und dort grüne Spitzen hervorgebracht, und es gab schon frühlingswarme
Tage. Statt Schnee rann wohl auch der Regen in Strömen vom Himmel
herunter, und an einem solchen platschenden, warmen Regentag kamen
Raoul und Gottlieb mit einer solchen Eile, mit so viel Geschrei aus der
Schule heim, daß ihr Rufen selbst das kleine blonde Minchen aus dem
Puppenwinkel hervorlockte. Die Meisterin ließ den Kochherd im Stich,
und der Meister kam mehlbestaubt aus der Backstube herbei. »Alleweil
jetzt möcht' ich wissen, was das Geschrei soll, Bengels! Nächstens
fällt noch unser guter, dicker Thomasturm um von eurem Geschrei.«
»Sie ziehen nach Breslau,« schrie Gottlieb und fuchtelte mit den Armen
in der Luft herum, »und wir woll'n mit.«
»Wer -- was zieht nach Breslau? Junge, rede doch vernünftig!« brummte
der Meister.
»Die Hallenser Studenten ziehen nach Breslau, um dort als Soldaten
einzutreten,« sagte Raoul heiß und erregt. »Sie sagen alle, dort würden
neue Regimenter gebildet, und der Herr Konrektor hat's selbst erzählt,
in einigen Tagen schon reisen die Studenten ab, sein Neffe ist auch
dabei, und da -- da -- wollen wir mit.«
»Seid doch keine Studenten,« rief die Meisterin ärgerlich, die um
ihren Sohn bangte, -- »euch nehmen sie ja gar nicht, und die Studenten
möchten sich schön umschauen, wenn so'n paar Dreikäsehochs mitwollten.«
»Hoho,« schrie Gottlieb empört, »wir sind fünfzehn Jahre, 'n paar Tage
fehlen mir nur noch, sie nehmen uns schon.«
»Sie nehmen euch nicht! Mann, rede du doch etwas!« Die Meisterin sah
bittend zu ihrem Manne hin. Sagte der denn kein Wort, redete der nicht
den Buben den Unsinn aus?
Doch der Meister schwieg. Er sah von einem zum andern, und das Herz tat
ihm weh, daß er die beiden Jungens aus dem Hause lassen sollte, aber --
er selbst hätte es wohl verlangt, wenn er in ihrem Alter gewesen wäre,
er verstand, daß die Jugend vor Kampfeslust glühte. »Du bist unser
Einziger,« sagte er zögernd, »da ist's wohl allweil besser --«
»Das sagt Raoul auch,« schrie Gottlieb, und sein Gesicht flammte, »aber
ich bleib' nicht hinterm Ofen sitzen, ich schäm' mich halbtot.«
»Mein Himmel,« stammelte die Meisterin entsetzt, »der Junge ist
ja außer Rand und Band und soll nun mal ein richtiger, gesetzter
Bäckermeister werden! Mann, schaff Ordnung!«
Doch dem Meister gelang es nicht, Ordnung nach dem Sinne des zagenden,
sorgenden Mutterherzens zu schaffen. Er redete den Knaben gütlich und
ernst zu, aber Gottlieb merkte wohl das heimliche Zögern des Vaters,
und daß der im Herzen ihm recht gab, und er bat, flehte, trotzte auf,
und im Bäckerhaus gab es ein paar stürmische, tränenvolle Tage. Die
Meisterin wollte und wollte nicht einsehen, daß gerade sie ihren Sohn
ziehen lassen müßte, und dabei schaute sie doch immer mit heimlichem
Stolz auf Gottlieb. Es war, als wüchse der in diesen Tagen; er streifte
viel Kindisches, Törichtes von sich ab, sein heißes Wollen, die
brennende Sehnsucht, die in ihm gärte, reifte ihn, und endlich gab die
Mutter nach und fügte sich mit blutendem Herzen darein, den Sohn ziehen
zu lassen. Um des Vaters Einwilligung brauchte Gottlieb nicht zu ringen.
»Wartet es doch wenigstens ab, bis man wirklich weiß, ob es losgeht,«
bat die Meisterin, der jeder Tag Aufschub ein Geschenk schien; aber
dann brachte Meister Koch eines Tages die Nachricht, daß die Hallenser
Studenten wirklich nach Breslau zu ziehen gedächten. Da gab es kein
Halten mehr. Gottlieb und Raoul eilten zu ihrem Konrektor und erbaten
sich einen Empfehlungsbrief an dessen Neffen, und der redete nichts
dagegen, sondern gab ihnen das Schreiben. Beim Abschied sagte er dann:
»Ich glaube, Gottlieb, du wirst ein besserer Soldat als Lateiner
werden, trotz deiner Jugend. Nun, Gott befohlen, ihr Jungen! Es wird
eine heiße Zeit werden, und ich wollte, ich könnte euch erst wieder
auf der Schulbank sehen, dann freute ich mich wohl selbst an deinem
Fehlergewimmel, Gottlieb!«
Auch Meister Käsmodel hatte sich ein paar Empfehlungsschreiben
verschafft, und so fuhr er selbst eines Morgens die beiden Knaben
heimlich nach Halle. Es schien ihm gut und vernünftig, wenn die beiden
sich den Hallenser Studenten anschlossen. Das war eine bitterschwere
Abschiedsstunde in der kleinen Ladenstube. Die Meisterin hielt ihr
Minchen an der Hand und schluchzte herzbrechend: »Nun bleibt mir nur
das eine von meinen Kindern.«
»Ich komme wieder, Mutter, haben Sie keine Sorge,« flüsterte
Gottlieb, dem nun doch der Abschied so schwer wurde, daß er die Zähne
zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu heulen. Er starrte immer
geradeaus an der Mutter vorbei. Da lagen die Brote auf dem Schrank,
eins, zwei, drei, vier, fünf, zählte er in Gedanken, eins, zwei, drei,
vier -- er schluchzte auf und rannte plötzlich hinaus und kletterte auf
den Wagen. Herrgott, das hätte er nicht gedacht, daß ein Abschied eine
so schlimme Sache war!
Raoul war gefaßter, doch als er des Freundes Kampf, der Mutter
Jammer sah, dachte er an die bitteren Abschiedsstunden, die er schon
durchlitten hatte. »Frau Meisterin,« sagte er rasch und faßte die Hand
der Frau, »ich halt' zu Gottlieb, wie's auch kommt!«
Da war's, als glitte ein schwaches Leuchten über das vergrämte Gesicht
der guten Frau, und sie strich über des Knaben Haupt. »'s ist mir ein
rechter Trost, daß du dabei bist,« murmelte sie. »Fahrt mit Gott!«