Nur Gottliebes unverwüstliche Fröhlichkeit brach immer wieder durch,

und so sehr sie sich um Raoul grämte, es kamen doch immer wieder

Stunden, in denen ihr Lachen das Haus durchschallte, und einen

Widerschein auf allen Gesichtern fand. Selbst Jungfer Rosalies

mürrische Miene hellte sich dann ein wenig auf. Gottlobe hatte sich

auch verändert. Sie schwärmte nicht mehr so überschwenglich mit ihren

Freundinnen, sie hielt sich jetzt mehr zu Bruder und Schwester, und

als eines Tages Karoline heimgeholt wurde, denn die Eltern wollten

ihr Kind lieber bei sich in der Stadt haben in dieser Zeit, da weinte

sich Lobe nicht, wie Liebe prophezeit hatte, die Augen aus dem Kopf.

Ja sie lehnte sogar das Anerbieten, mit nach Königsberg zu kommen,

ab; die Eltern hatten es ihr freigestellt, weil es Lobe sich immer so

sehnlichst gewünscht hatte, in Königsberg sein zu dürfen.

»Sie bleibt bei uns,« schrie Gottliebe begeistert, als die Schwester

ihr »Nein« sagte, »Achim, hörst du?«

In Joachims Augen leuchtete es auch freudig auf, er rief halb

zweifelnd: »Bleibst du wirklich?«

»Ich bin doch eine Steinberg und gehöre hierher,« sagte Gottlobe

ein wenig gekränkt, daß die Geschwister ihren Entschluß gar so

verwunderlich fanden. Die sichtbare Freude stimmte sie aber froh,

und von dieser Stunde an gab es eine schöne Dreisamkeit unter den

Geschwistern, und in allen Sorgen erstarkte die Geschwisterliebe mehr

und mehr.

»Die Franzosen kommen!« Unzähligemal ertönte in dem Frühling und Sommer

des Jahres 1812 dies Wort im preußischen Land. Erst war es nur ein Ruf

der Angst, der bangen Ahnung, bis dann eines Tages von Ort zu Ort die

unheilschwere Kunde flog: »Sie kommen wirklich.«

Sie kamen als Freunde, Bundesgenossen und hausten wie Feinde, sie

leerten die Kornkammern, trieben das Vieh aus den Ställen und

zerstampften die blühenden Saaten.

Eines Tages hieß es auch in Hohensteinberg: »Sie kommen!« Und wie

überall mußten es die Bewohner vom Schloß und Dorf mit ansehen, wie

die Abteilung, die hier durchkam, »ihre Vorräte ergänzte«, so nannte

es der führende Offizier, ein sehr höflicher Italiener. Er nahm, was

er nur irgend an Lebensmitteln erhalten konnte, aber er war doch so

menschlich, nicht den ärmsten Dorfleuten das letzte Stück Vieh aus den

Ställen zu treiben. »Glauben Sie mir, mein Err,« versicherte er dem

Freiherrn, »mir mackt dies Krieg kein Spaß, und es mackt viele keine

Spaß. Dies Land da,« und er deutete mit der Hand finster in die Ferne,

»ist wie der Maul von eine große Tier, er verschlingt uns! Sicker -- er

verschlingt uns!«

Nach diesen kamen noch andere, und Jungfer Rosalie schloß diesen

bereitwillig die Speisekammer auf, stemmte die Hände in die Seiten und

sagte kaltblütig. »Da!« Eine einzige Wurst bammelte an einem Faden,

und ein paar Brocken lagen auf dem Brotschrank, sonst war die Kammer

leer.

Die Soldaten schimpften und drohten, aber Jungfer Rosalie wischte sich

mit der Hand über den Mund und zeigte kläglich auf den Magen, als

wollte sie den eigenen Hunger andeuten. Dabei hatte sie selbst alle

Vorräte in einen gut verborgenen Keller geschafft, den nicht einmal

alle Bewohner des Hauses kannten. In dem dunklen Keller lagerte auch

mancher Notgroschen, manche Wurst und manches Mehlsäcklein, das die

Dorfbewohner vertrauensvoll ihrem Gutsherrn gebracht hatten.

Und als zum drittenmal Soldaten kamen, bammelte wieder nur eine Wurst

in der Speisekammer, und wieder gab es nur dürftige Reste, und wieder

schalten und drohten die Soldaten, und wieder blieb Jungfer Rosalie

ungerührt mit in die Seite gestemmten Armen stehen. Als es aber einer

der Leute gar zu schlimm machte und ihr mit dem Gewehr vor der Nase

herumfuchtelte, da ergriff sie kurz entschlossen den Mann und stülpte

ihn kopfüber in das leere Mehlfaß. »Sucht selbst!« sagte sie mürrisch.

Die Sache hätte freilich für die tapfere Jungfer recht übel ablaufen

können, wenn sich nicht ein Offizier ihrer angenommen hätte. Er

beruhigte den Soldaten, der in einem fürchterlichen Kauderwälsch

Bestrafung der Untäterin verlangte, als er endlich wieder Augen und

Mund von dem Mehlstaub frei hatte. Dem Offizier, einem Rheinländer

von Geburt, schien der Zug nach dem weiten Rußland auch wenig Spaß zu

machen, desto besser gefiel ihm die tapfere Jungfer. Er sagte beim

Abschied lachend zu ihr: »Schade, daß sie kein Mann ist, sie hätte

einen guten Gardisten abgegeben und gewiß tapfer gefochten!«

»Ja, wenn's gegen die Franzosen ginge,« sagte Jungfer Rosalie gelassen.

Da schwieg der Offizier und nickte nur noch einmal grüßend zurück, --

vielleicht hätte er auch lieber sein Leben für des Vaterlandes Freiheit

eingesetzt!

Und als die Durchzüge beendet waren, die letzten Nachzügler der

großen Armee den Niemen überschritten hatten, da war es, als wäre

ein verheerendes Unwetter mit Hagel und Sturmflut über die Gegenden

dahingebraust, die an der großen Landstraße lagen, und dem Heere

folgten die Flüche, folgte das Jammern des gequälten Volkes nach.

[Illustration: Dekoration Ende 8. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 9. Kapitel]

Neuntes Kapitel.

Auf weiten Wegen ins alte Nest zurück.

In dieser Zeit, da die Frühlingsstürme den Winter vertrieben, und

da über die deutschen Lande eine neue Not kam, wanderte Raoul von

Steinberg durch viele Wirrsale in der Fremde herum. Er hatte gemeint,

es sei am besten, das Haus zu verlassen, in dem ihm so wenig Liebe

geworden war, und als er an jenem verhängnisvollen Tage stumm auf

seinem Lager lag, so still, daß Frau Maria ihn schlafend wähnte, da

hatte er nichts mehr von all den guten Vorsätzen vernommen, die im

Familienzimmer laut wurden. Um Mitternacht war er aufgestanden, hatte

sein Bündel gepackt und war durch das Fenster entflohen. Unten hatte er

ein paar Minuten gezögert. Tat er recht? Da oben schliefen Frau Maria,

Pfarrer Buschmann und Gottliebe, die hatten ihn doch lieb, waren gut

zu ihm, ihnen würde seine Flucht vielleicht wehe tun. Er hätte ihnen

schreiben mögen, sagen, daß er sie nie vergessen würde, aber dazu war

es zu spät. Kehrte er in das Haus zurück, dann hörte ihn wohl jemand,

man würde seine Absicht erraten, und Joachim würde lachen, spöttisch,

verächtlich, wie er es so oft getan hatte. Nein, nur das nicht. Die

Verachtung, mit der man auf ihn um der Mutter willen, der guten,

geliebten Mutter willen herabsah, die konnte er nicht ertragen, lieber

wollte er wieder Schreiber werden oder sonst eine Arbeit tun. Und ohne

rechtes Ziel war er in das Schneewehen hinausgetrabt, nur die Straße

mied er, die er gekommen war. Auf einem ihm unbekannten Pfade war er

weiter und weiter geschritten, und der Wille, fortzukommen, hatte seine

Kraft gestärkt.

Im Morgengrauen traf er einen Wagen, einen, der mit grauer Leinwand

rund überdacht war, und den ein mageres Pferd nur mühsam durch

den Schnee zog. Jahrmarktsleute waren es, die, von der russischen

Grenze kommend, durch die winterliche Einsamkeit zogen. Hoch oben im

Thüringerwalde war ihre Heimat, von da aus zogen sie mit Holzgeräten,

Spielsachen und Topfwaren, mit Quirlen, Löffeln, Brettern, Butterformen

und allerlei solchen Dingen in der Welt herum, von Markt zu Markt.

Raoul stand erschöpft an einen Baum gelehnt, als die Leute an ihm

vorbeikamen, und der Knabe, der so allein in dieser grauen Morgenstille

war, fiel ihnen auf. Der Mann hielt an und forschte nach dem Weg. »Ich

habe keine Heimat,« sagte Raoul traurig, »meine Eltern sind tot, in

Leipzig leben gute Freunde, zu ihnen will ich.«

»Nach Leipzig kommen wir auch, aber erst im Frühling,« sagte die Frau,

und über ihr blasses Gesicht ging ein Freudenschein. Von Leipzig aus

nach dem Thüringerwald war es schon näher, und sie sehnte sich nach der

Heimat.

»Willst en Linschen mitfohre jo--e? Dann kumm ruff,« sagte der Mann

gutmütig in seinem Thüringerdialekt. »Es gäht uff Marienburg, jo--e, 's

ist noch sähre weit!«

Raoul überlegte nicht lange. Konnte er ein Stück mit den Leuten fahren,

dann verwischte sich am besten seine Spur, der Oheim fand ihn, wenn er

wirklich nach ihm suchen ließ, nicht so leicht, und er kam wohl auch

nach Leipzig.

So zog er mit den Händlersleuten. Als die sahen, daß der fremde Knabe

etwas Geld besaß, -- es war wenig genug, -- willigten sie gern ein, ihn

in ihrem Wagen mitzunehmen. »Dos Foahre hoaste for nischt,« sagte der

Mann, »abersch 's Ässen mußte alleene kofen.«

Brot und Wasser reichen aus, dachte Raoul, und dafür langte seine

Barschaft schon ein Weilchen, und seine Hoffnung wuchs, das ersehnte

Ziel zu erreichen. In den ersten Tagen der gemeinsamen Wanderschaft

hielt sich der Knabe immer fern, wenn man in ein Dorf, an ein Gutshaus

kam und die Händlersleute versuchten, ihren Kram loszuwerden. Als aber

nach einigen Tagen eine kleine Stadt erreicht wurde, bot Raoul der

Frau an, er wolle ihr verkaufen helfen. Es wurde ihm nicht leicht,

aber er mochte auch nicht gern ganz umsonst seine Mitfahrt genießen.

Mit einem Bündel Holzlöffeln und Quirlen, ein paar Brettern und Töpfen

trat er seinen Weg an, und er hatte Glück: sein sanftes, feines Wesen,

der traurige Blick seiner schönen Augen bestimmten die Hausfrauen,

dem kleinen Händler doch etwas abzukaufen, und als Raoul zum Wagen

zurückkehrte, hatte er ein besseres Geschäft als die Frau gemacht.

»Dich hat der Himmel geschickt!« rief sie. »So--e Glicke! Du mußt bei

uns bleiben, gelle Mann?«

Auch der Mann freute sich über den jungen Gehilfen und teilte an diesem

Tage seine Mahlzeit mit ihm: »Das haste verdient, und wenn de bleiben

willst, mir is 's racht!«

Und wieder überlegte Raoul nicht lange, sondern sagte zu, bis Leipzig

die Händlersleute zu begleiten. Die erzählten ihm viel von ihrem

Leben. Im Winter lebten sie meist eine Zeitlang in ihrem Dörfchen im

Thüringerwald, und sonst war nur immer der Mann mit dem Beginn des

Frühlings ausgezogen, die im Winter geschnitzte Ware zu verkaufen.

Doch der älteste Bube, der den Vater zu begleiten pflegte, war

krank geworden im letzten Frühling, und da hatte die Frau ihre vier

Kinder der Sorge der Großmutter anvertraut und hatte selbst den Mann

begleitet. Weil die Geschäfte gar so schlecht gegangen waren, -- in

diesen Zeiten bedeutete in gar manchem Haushalt schon ein neuer Quirl

eine Ausgabe, die man sich zehnmal überlegte, -- waren die Leute weiter

ostwärts gezogen. Im Herbst war der Mann erkrankt, er hatte sich einen

Fuß gebrochen, und das Ehepaar hatte eine Zeitlang in Königsberg

bleiben müssen. Dort hatten beide die Zeit benutzt und neue Geräte

geschnitzt, und nun zogen sie mit vollem Wagen wieder von Stadt zu

Stadt, hoffend, endlich im Frühling heimzukommen.

Die Frau sorgte sich um die Kinder, von denen sie nun fast das ganze

Jahr getrennt gewesen war, und sie war froh, daß sie ihrem jungen

Begleiter von ihrem Konrad, ihrer Rose, Liese und dem kleinen Peter

erzählen konnte. Sie fragte gutmütig auch nach Raouls Leben, und der

erzählte von der Mutter, von den Bäckersleuten, aber von Hohensteinberg

nichts. Dahin kehrten aber seine Gedanken desto öfter zurück, und

manchmal war's ihm, als flüstere leise, leise eine Stimme in seinem

Herzen: Du hättest bleiben sollen.

Ein langes Wandern durch deutsche Gaue, deutsche Dörfer und Städte

war es. Die alte Stadt Marienburg war der erste Ort, wo sie länger

rasteten. Es war gerade Markt, und Raoul suchte eifrig zu verkaufen.

Hier hörten die Händlersleute aber auch, daß die Franzosen wirklich

bald kommen sollten, und sie beschlossen, auf den nächsten Wegen,

jedoch abseits von der großen Heerstraße, heimzukehren. Um Berlin

herum wollten sie einen großen Bogen machen, sie waren von namenloser

Furcht vor den Franzosen erfüllt. 1806 hatte der Kriegslärm bis in

ihr einsames Walddorf hinauf geschallt, und sie erzählten Raoul beide

allerlei aus jener Zeit, erzählten, was Verwandte unten im Saaletal

erlebt hatten.

Da sprach auch Raoul von seinem Vater, der bei Saalfeld gefallen war.

Die Leute wunderten sich nicht, daß er ein Offizier gewesen war; sie

hatten es bald gemerkt, daß ihr kleiner Begleiter aus gutem Hause war,

aber sie forschten nicht weiter, sie hatten am eigenen Sorgenbündel

genug zu tragen.

Und wohin auch die Wanderer kamen, überall sprachen die Leute von der

neuen Not, dem neuen Krieg. Denn wie die Schrecken des Krieges selbst

sahen alle den drohenden Durchzug der Franzosen an. Das Bündnis mit

Frankreich, das nun wirklich der König von Preußen abgeschlossen hatte,

gab ja das arme Land dem Eroberer förmlich preis. Jammer, Angst und

glimmenden Haß sahen die drei, wohin sie kamen, und dabei hub sachte

ein erstes, zartes Frühlingsgrünen an, und hier und da standen schon

Büsche mit feinen, grünen Schleiern überhangen, und manchmal pflückte

Raoul blaue Osterblumen und Himmelsschlüssel, steckte sie an seine

vertragene Kappe und rief wohl froh: »Hier ist es schön!«

»Bei uns ist's scheener,« erwiderte immer die Frau, und der Mann nickte

jedesmal zustimmend: »Da haste was Richtiges gesagt.«

Die Leute sehnten sich immer stärker danach, heimzukommen, es wurde

ihnen zu unsicher auf den Straßen, und der Handel wurde auch immer

kärglicher. Die Frau steckte jedesmal ein Sträußchen vertrockneten

Quendel zu sich, wenn sie ging, nach dem alten Spruch: »Quendel,

Quandel, mach mir Handel,« aber es nutzte nicht viel. Raoul lachte

zwar über den Aberglauben, aber er nahm gutwillig doch auch immer das

Quendelsträußchen mit. Einmal verlor er es, und um die Frau nicht zu

kränken, steckte er rasch ein paar trockene, vorjährige Grashalme vom

Wege in das Papiertütchen. Sie rasteten gerade in einem Dorf, und

Raoul kam zu einer Bauersfrau, der war in diesen Tagen ihre Küche

ausgebrannt, und die Handelsleute kamen zu guter Stunde. Raoul mußte

noch mehr Ware bringen, und als am Abend der Verdienst überzählt wurde

und das erlöste Sümmchen ihnen allen dreien fast märchenhaft erschien,

rief die Frau froh: »Sihst de nu -- e, Quendel, Quandel, mach mir

Handel, jetzund hast de's erfoahren.«

Über Raoul kam ein fröhlicher Übermut wie seit langem nicht, er lachte

aus vollem Halse, und lachend gestand er der Frau, daß er den Quendel

verloren und dürres Gras genommen habe.

Aber so ein echtes Thüringer Waldfrauchen ließ nicht so rasch vom

gewohnten Aberglauben, sie meinte nachdenklich: »Dann mag do -- e was

Gutes drunter gewesen sein. Gib mir 's Kraut.«

»Sin Faxen,« brummelte der Mann lachend, aber die Frau nahm doch das

Grasbüschlein und verwahrte es sorgsam an ihrer Brust, man konnte doch

nicht wissen! Am nächsten Tag ging sie dann mit sehr viel Mut aus den

Handel und kehrte mit aller Ware heim, nur einen einzigen kleinen Quirl

war sie los geworden. Gutmütig lachte sie dann sich selbst aus, und der

Quendel verlor etwas sein Ansehen bei ihr.

Endlich langten die drei an einem Tage, früh im April, der sich aber

ganz wie ein schöner, sonnenheller Maitag aufspielte, in Halle an. Hier

wollte Raoul von seinen Gefährten Abschied nehmen, die nicht erst den

kleinen Umweg über Leipzig machen wollten. »Sie kommen, sie kommen!«

klang überall der Angstruf, und alles zitterte und zagte vor dem

gewaltigen Heere, das seinen Marsch durch Deutschland schon angetreten

hatte.

In einer Ausspannung am Roßmarkt, der außerhalb der Stadt lag, rasteten

die Handelsleute. Sie wären am liebsten gleich weiter gezogen, doch das

Pferdchen brauchte Ruhe. Raoul wollte bis zum nächsten Morgen warten

und dann in aller Frühe seine Wanderung nach Leipzig antreten. Er lief

rasch einmal durch die Straßen der Stadt, um das Wirtshaus zu suchen,

in dem damals Meister Koch abgestiegen war. Vielleicht wußten die Leute

was von ihm, der öfter hin und her fuhr, und vielleicht auch etwas von

Käsmodels. Nun er Leipzig so nahe war, hatte ihn eine heftige Unruhe

erfaßt, ob sie noch alle lebten, ob das Haus noch stand, und ob sie

sich auch freuen würden, daß er so unerwartet kam.

Er lief und lief, dort mußte es doch sein, nein dort! Auf einmal blieb

er mitten auf der Straße stehen und überlegte, er wußte ja gar nicht

mehr den Namen des Wirtshauses. Es war ein Roß, dachte er, nein, ein

Hirsch -- und weil gerade ein Mann vorbeikam, fragte er hastig: »Ach,

bitte, sagen Sie mir, ist hier ein goldenes Roß, nein, ein weißes Roß

-- nein, ein Schwan oder eine Gans -- nein, ich glaube, es war ein --«

»Dummkopf!« schrie der Mann, »hältst mich wohl zum Narren!«

Fuchsteufelswild drehte er sich um und rannte einem dicken Mann etwas

unsanft gegen den Bauch, aber der schien das gar nicht zu spüren, er

starrte nur Raoul an und rief: »Daß dich das Mäuschen beißt, das ist ja

allweil unser Raoul!«

»Herr Meister -- ich!« Mit einem Schrei hing Raoul an des dicken

Meisters Hals, ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, und fassungslos

vor Freude umklammerte er den dicken Mann.

Der schluckte, prustete, brummelte, wischte sich die Augen und

schneuzte sich laut, endlich brüllte er, daß es die Straße entlang

schallte: »Da ist er ja, der Musjeh Raoul, allweil, nee so was! Junge,

Junge, heule doch nicht so! Du bist da und bleibst da, und alleweil

wieder fort, das gibt's nicht. Aber jetzt sag', wie du hergekommen

bist!«

Doch Raoul konnte noch nicht sprechen, er hielt die Hand des Meisters

so fest, als wollte ihn jemand mit Gewalt von dem Manne wieder trennen.

»Na sachte, alleweil sachte,« brummte der, »ich nehm' dich gleich mit.

Wärst du eine halbe Stunde später gekommen, dann hättest du laufen

müssen. Zu uns willst du doch, oder bist du etwa auf dem Wege zu deinem

französischen Onkel?«

»Nein!« rief Raoul, und ein Lachen flog nun über sein Gesicht, und dann

sagte er ausatmend: »Ich bin ausgerissen!«

»Das wissen wir schon!« Der Meister schmunzelte so, daß sich sein

rundes Gesicht in lauter Falten zog. »Dein Oheim hat's schon

geschrieben, und danach tut es ihnen allen furchtbar leid. Ich habe

geschwind geantwortet, daß ich nichts von dir wüßte, ich dachte aber

doch, alleweil kommt er schon, wenn er noch 's Leben hat. Der Gottlieb,

der verflixte Bengel, hat sich schon beinahe die Augen aus dem Kopf

nach dir ausgeguckt. Daß die teuren Bücher auch zum Hineinsehen sind,

das vergißt er alleweil. Doch nun komm, unterwegs erzählst du mir,

warum du's mit dem Ausreißen so eilig hattest!«

Jetzt erst fielen dem Knaben wieder seine Weggenossen ein, und er

erzählte eifrig und ein bißchen kraus durcheinander, auf welche Art er

die Reise gemacht habe, und ein paarmal nickte der Meister anerkennend

dazu. Nach kurzem Nachdenken wurde beschlossen, den kleinen Umweg zu

machen und an der Ausspannung vorbeizufahren, wo die Handelsleute

weilten. Es dauerte nicht lange, da saß Raoul neben seinem Beschützer,

und mit Hühhott ging es durch die Stadt, und die braven Thüringer

staunten nicht wenig, wie stattlich ihr junger Genosse auf einmal

daherkam. Der Leipziger Bürger und Meister flößte ihnen gewaltigen

Respekt ein, und da er ihnen noch als Mitbringsel für ihre Kinder ein

kleines Geldgeschenk gab, sagte die Frau wieder zu Raoul: »Du hast uns

Glicke gebracht!«

Es gab einen sehr herzlichen Abschied. Der Meister riet den Leuten

dringend, möglichst schnell auf Nebenwegen in ihren Wald zurückzugehen.

»Sie ziehen daher wie ein Heuschreckenschwarm,« sagte er finster.

Der Händler nickte trübe: »Iche wollte meine Schecke und den Wagen

verkaufen und zu Fuße ziehen, aber jetzund kauft das Pferd niemand; sie

sagen alle, die Franzosen nehmen's uns vielleicht weg, jo--e es will

jeder sein Geld im Sacke behalten.«

Noch einmal rief Raoul den Genossen ein Lebewohl und gute Heimkehr zu,

dann zog der Meister die Zügel an, und fort ging die Fahrt, auf Leipzig

zu.

Unterwegs erzählte Raoul dem Meister getreulich und ausführlich alles,

was er erlebt hatte, er verschwieg nichts, auch nicht die erfahrene

Güte, aber zu seiner Verwunderung schwieg der nachdenklich und sah

sinnend auf den braunen Pferderücken vor sich, als gefiele ihm der

ganz besonders. Da begann Raoul das Herz zu schlagen, und leise, scheu

fragte er: »War's recht?«

»Alleweil nee, mein Junge,« rief der biedere Meister. »Sie haben dir

übel mitgespielt, aber nicht alle; weil's doch deine Frau Mutter selig

gewollt hat, darum hättest du noch etwas aushalten, lieber mal dem

Hochhinaus, dem Joachim, ordentlich die Jacke vollhauen sollen. Na ja,«

beschwichtigte er, als er Raouls erschrockenen Blick sah, »du bist von

anderer Art als wir Käsmodels, und ich glaube beinahe, darin gleichst

du deiner Frau Mutter selig. Schlecht behandeln, nee, das ließ die sich

nicht, lieber arbeitete sie über ihre Kräfte und hungerte dazu. Einzig

schade ist's, daß deine Verwandten nicht deine Mutter gekannt haben,

alleweil, das war ihr größtes Unrecht, daß sie gleich nichts Gutes

von ihr dachten, bloß weil sie eine Französin war. Aber wie es ist, so

ist's, ich habe deiner Frau Mutter selig gelobt, dir ein Freund zu

bleiben, und das halte ich. Du hast ihren Willen erfüllt, bist zu den

Verwandten gereist und bist freiwillig wiedergekommen, und nun bleibst

du bei uns und gehst mit dem Bengel, dem Gottlieb, auch aufs Gymnasium,

's wird euch beiden gut sein. Uff!« Der dicke Meister atmete tief nach

dieser langen Rede, und Raoul schmiegte sich fest an ihn an. Er fühlte

wohl, daß sein Beschützer recht hatte, daß er zu vorschnell gewesen

war, aber die Freude, wieder in der alten Heimat zu sein, war doch

größer als die Reue.

Die Nacht war schon heraufgekommen, als Meister Käsmodel mit seinem

Schützling durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhr. Zum Ärger

manches braven Bürgers rasselte das Wäglein laut durch die stillen,

dunklen Gassen, und aus manchem Federbett heraus kam brummend das

scheltende Wort: »Es ist unerhört, daß zu nachtschlafender Zeit wieder

ein Wagen fährt. Nicht einmal in der Nacht hat man seine Ruhe.«

Als die Meisterin Käsmodel aber in der Backstube das Rollen vernahm,

horchte sie freudig auf: ihr Mann kehrte zurück, um den sie schon sehr

gebangt hatte, denn eine Fahrt auf der Landstraße bei Dunkelheit war in

den unruhigen Zeiten nicht ungefährlich.

Sie eilte selbst, die Haustür zu öffnen, und mit einem Laternchen

beleuchtete sie die Heimkehrenden. Es war aber gut, daß der Meister

geschwind zusprang, sonst wäre das Laternchen hingefallen, so

überrascht war die Frau, als sie Raoul erblickte. Sie zog den Knaben

rasch gar liebevoll in die Arme, streichelte ihn mütterlich und sagte:

»Nun sind's wieder drei!«

»Das Lottchen,« flüsterte Raoul, er wußte nicht viel zu sagen, aber

die Meisterin verstand ihn: »Es hat eben jeder sein Kreuz zu tragen in

der Welt,« sagte sie sanft. »Nun komm aber hinein, Gott segne deinem

Einzug!«

»Und der Gottlieb, der Racker, schläft alleweil wie ein Bär,« rief der

Meister. »Na, der wird morgen Augen machen. Kannst dich übrigens gleich

in das Bett in seine Kammer legen. Der verflixte Bengel hat doch nicht

geruht, das Bett mußte aufgestellt werden, noch an dem Tage, an dem der

Herr Oheim geschrieben hat.«

Mit strahlenden Augen sah sich Raoul in der Backstube um. Der warme,

kräftige Brotgeruch mutete ihn so heimatlich an, und daneben in dem

Stübchen hatte er so oft mit der Mutter gesessen, wenn es oben in der

Mansarde kalt gewesen war, und unwillkürlich sagte er laut: »Ich bin so

froh, so froh!«

»Ist recht,« sagte der Meister, »und nun, Mutter, gib ihm mal was zu

essen, und dann in die Federn. Den Gottlieb wecken wir heute nicht, der

schreit uns sonst alleweil die ganze Nachbarschaft zusammen vor Freude.«

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 8 / 12 段