Da kamen die Tugendbündler schon aus dem Tempelchen heraus.

Blitzschnell entschwand der Mann in dem nahen Gebüsch, dort duckte er

sich nieder, und Gottliebe raste, von den andern verfolgt, dem Hause

zu. »Haltet die Spionin, haltet sie auf!« schrie Joachim dicht hinter

ihr.

Doch auf einmal stutzten alle und drängten verlegen rückwärts, --

Raoul stand vor ihnen. Er hielt Gottliebe fest, trotzdem sie flehte:

»Laß mich los, die andern -- und in der Regentonne ist -- die Ratte

auf mich gehopst.« Der Knabe achtete gar nicht auf die verwirrte Rede.

»Bleibt,« sagte er schroff, aber leise, »ich glaube, ihr seid verraten.

Der Rentamtmann, Liebe, von dem du gestern gesagt hast, er haßt deinen

Vater, ist bei ihm, ich sah ihn kommen. Ein Mann ist mit ihm gewesen,

der lief nach dem Park, und ich sah von meinem Fenster aus, wie er an

der Türe des Tempelchens horchte!« Kurz, stoßweise hatte der Knabe die

Worte hervorgebracht, sie waren ihm sichtlich schwer geworden, aber

plötzlich warf er einen schnellen Blick in das Dickicht neben dem Weg,

rief nur noch: »Haltet ihn!« und setzte einem davoneilenden Manne nach.

»Er ist's,« rief Liebe, und einige Sekunden später raste auch sie dem

Lauscher nach.

Doch Raoul hatte ihn schon gefaßt, und blitzschnell ersah er ein

kleines, grünes Buch in seiner Hand. Von dem Buche hatte doch Gottliebe

gesprochen. Mit einem Ruck entriß er es dem Manne, der wollte es wieder

an sich reißen und versetzte Raoul einen Faustschlag, aber schon hatten

die vier andern Knaben die beiden umringt, und der Lauscher dachte nur

noch daran, sich in Sicherheit zu bringen. Er war ein starker Mann

und warf erst Arnold, dann Fritz von Berkow in den Schnee, und ehe

noch Joachim ihn halten konnte, war er fort und über die Gartenmauer

gesprungen.

Wenige Minuten nur hatte das Schreien und Toben den Garten durchgellt,

dann war eine tiefe Stille eingetreten, und die Verschwörer sahen alle

verlegen, beschämt und ruhig auf Raoul, dem das Blut aus der Nase rann,

-- der Faustschlag hatte gut getroffen.

Gottliebe fand zuerst Worte. »Er blutet,« jammerte sie und hielt dem

Vetter gleich hilfbereit die Schürze hin.

»Es ist nicht schlimm,« sagte der, »hier ist das Buch!« Er warf Joachim

das Buch zu, drehte sich um und eilte in das Haus zurück. Er lief dort

gerade Frau Maria in die Arme, die von dem Lärm herbeigelockt worden

war und sich nun erschrocken liebevoll des Neffen annahm. Als sie beide

durch den Hausflur gingen, schlüpfte ihnen Gottliebe nach, und alle

drei hörten aus des Hausherrn Zimmer heraus heftige Stimmen klingen.

Gottliebe schaute so entsetzt zur Mutter auf, daß diese sagte: »Es

ist nicht schlimm: der Rentamtmann hat allerlei Klagen, brauchst keine

Sorgen zu haben!«

Gottliebe atmete auf, aber dann dachte sie wieder an den entlassenen

Gärtnerburschen, der das Buch gefunden hatte, und Raoul mußte von den

gleichen Gedanken bewegt werden; er beugte sich vor und flüsterte so

leise, daß es die Tante nicht hören konnte: »Sie sollten es verbrennen!«

»Lauf mal in die Küche und sage Jungfer Rosalie, sie solle Leinwand

und Essig bringen,« gebot Frau Maria da, und eilig lief Gottliebe,

den Auftrag auszurichten. Atemlos bestellte sie der Jungfer Rosalie,

was die Mutter gesagt hatte, und just war sie fertig, als Joachim mit

seinen langen Beinen durch das offene Fenster in die zu ebener Erde

liegende Küche einstieg und zu Jungfer Rosalies grenzenlosem Erstaunen

ein grünes Etwas in das hellbrennende Feuer warf.

»Na?« rief die treue Hüterin der Küche verdutzt.

»Ja,« brummte Joachim nicht minder lakonisch und starrte in die

Flammen. Das Büchlein wandte und drehte sich, es sperrte seine Deckel

weit auseinander, und dann -- war es zu einem Häuflein glühender Asche

verwandelt.

Gottliebe hatte mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit zugesehen,

und als nichts mehr von dem unseligen Buch zu sehen war, schaute sie

zu dem Bruder auf, und sekundenlang blickten die Geschwister sich

wie befreit an. »Es war dumm,« murmelte Joachim und stieg dann eilig

wieder zum Fenster hinaus, um den ziemlich verwirrten und verängstigten

Tugendbündlern zu melden, daß das Werk vollbracht sei.

Gottliebe kehrte zur Mutter zurück. Sie sollte Raoul pflegen helfen.

Es gab aber nicht viel zu pflegen, der Knabe bat nur, man möchte

ihn allein lassen, schlafen lassen, er sei so müde. Und weil er so

blaß aussah und jedes Wort ihm schwer zu fallen schien, willfahrte

Frau Maria gern dem Wunsch und ließ den Neffen allein. Einigemal noch

sah sie an dem Nachmittag in das Stübchen, und immer fand sie Raoul

anscheinend in tiefem, festem Schlafe liegen. Still, wie sie gekommen

war, verließ sie wieder das Zimmer und ahnte nicht, welche schwere,

unruhige Gedanken den Knaben bewegten, wie er rang, um den rechten Weg

für sein Tun zu finden.

»Der Raoul ist doch ein anständiger Kerl! Brav, wie er uns geholfen

hat! Aber Liebe ist eine Klatschbase und Horcherin,« hatte Arnold von

Berkow im Kreise der Tugendbündler erklärt, die noch immer mitten

im Schnee des Parkes standen und gar nicht wußten, was sie beginnen

sollten.

»Sie war vernünftiger als wir,« grollte Joachim. »Wißt ihr,« wandte

er sich an die Freunde, »ihr geht nach Hause, und ich begleite euch.

Vielleicht ist es jetzt am besten, wir sind nicht zu finden.«

Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, die Mädels meinten, sie

wollten in das Dorf gehen und einen Krankenbesuch machen, und die

Knaben schlugen im Geschwindschritt den Heimweg an. Joachim ging

eigentlich nur mit, weil er eine Frage des Vaters fürchtete. Zu feige,

eine Schuld zu leugnen, war er nicht, aber es trieb ihn hinaus, weil

Raoul im Hause war, Raoul, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte.

Er fühlte, er mußte den Vetter um Verzeihung bitten, das war seine

Pflicht, aber der harte Steinbergtrotz in ihm lehnte sich noch immer

gegen die Demütigung auf. »Ich hasse ihn,« dachte er, und dabei sah

er immer noch das blasse, blutige Gesicht vor sich, die schönen,

traurigen Augen, und er fühlte dumpf und unklar, daß auch sein Haß nur

Trotz war.

Schweigsam schritt er neben den Freunden hin, die noch laut und

aufgeregt den Fall besprachen, und was hätte geschehen können, wenn

das Buch mit all den wilden Schmähworten wirklich in die Hände des

Gärtnerburschen gefallen wäre. »Es wäre uns schlimm ergangen,« meinte

Fritz von Berkow kleinlaut, und Oswald Hippel rief immer wieder in

ehrlicher Selbsterkenntnis: »Eigentlich war's doch eine dämliche

Kinderei!«

Als Joachim von den Freunden Abschied nahm, bat Arnold: »Grüße Raoul.

Ich sag's ihm morgen, daß mir die Geschichte leid tut.«

»Morgen, morgen ist Zeit genug,« dachte Joachim, »ja, morgen, da will

ich's ihm auch sagen.« Und als er heimkam, atmete er erleichtert auf,

als er hörte, daß Raoul schlief, da rückte doch auch die bittere Stunde

für ihn in die Ferne.

Gottliebe hatte den Geschwistern gleich mitgeteilt, was die Mutter

von dem Besuch des Rentamtmannes gesagt hatte, also wußte der Vater

nichts davon, und der Sturm war an ihnen vorübergebraust. Sie

hatten aber doch sein Sausen gehört, und sie saßen alle wie Vögel

nach einem Gewittersturm am Abend am Familientisch. Auch Liebe war

niedergeschlagen, obgleich weder Bruder noch Schwester und Base sie um

des Horchens willen geneckt hatten. Zwischen ihnen waren auf einmal

alle bitteren Worte vergessen, die gemeinsame Angst hatte sie wieder

vereinigt.

Der Eltern Augen aber ruhten forschend auf den Kindern, und der

Großmutter Blick haftete immer an Raouls leerem Platz. Nach dem

Abendessen, als Jungfer Rosalie und der Vogt, die nach altem Brauch

am Herrentisch aßen, gegangen waren, rief Herr von Steinberg: »Kinder

bleibt! Joachim, erzähl' mal, wer hat Raoul geschlagen?«

»Der Jakeit,« gab Joachim zur Antwort, während eine heiße Röte über

sein Gesicht lief, lügen konnte er nicht.

»Der Jakeit?« fragte der Vater erstaunt, »wie kam er dazu? wo war er?«

»Er trieb sich -- im Park herum. Wir wollten ihn halten, da schlug er

Raoul, warf Arnold und Fritz hin und riß aus!«

»Wie ist der Jakeit wieder in den Park gekommen?«

»Jungfer Rosalie sagt, er wäre als Begleiter des Rentamtmannes

gekommen,« mischte sich Frau Maria ein.

»Was steckt aber dahinter? Ihr seid so verstört!« fragte die Großmutter

scharf, und ihre Augen suchten prüfend die Gesichter der Enkelkinder.

Die schwiegen, eins sah das andere an, sie wurden alle rot und wagten

doch nichts zu sagen.

»Wieder ein Streit mit Raoul!« rief Pfarrer Buschmann traurig. »Wie

junge Raben hacken sie auf den armen Burschen ein, es ist kein

Vertragen, keine Liebe zwischen ihnen.«

»Die andere Art!« Die Kammerherrin murmelte es nur leise, aber

Frau Maria hatte das Wort vernommen, und sie sagte sanft: »Und

Raoul ist doch ein Steinberg, ist manchmal ganz sein Vater, so wie

mir Georg-Wilhelm in der Erinnerung lebt, nur weicher, ernster,

verschlossener ist er. Ich denke immer, wir tun allesamt dem armen

Jungen unrecht und bringen ihm nicht genug Liebe entgegen!«

»Bei Gott, Maria,« rief der Freiherr, »du hast recht. Ein echter

Steinberg ist der Raoul, und wir haben ihn alle verkannt. Hört, was ich

heute erfahren habe.« Und bewegt erzählte er, daß Graf Turaillon an

ihn geschrieben und ihm mitgeteilt habe, daß Raoul damals in Leipzig

unauffindbar gewesen wäre. Bäckermeister Käsmodel hätte erklärt, auf

Wunsch seiner Mutter hätte der Knabe sich zu den Verwandten seines

Vaters begeben. Noch einmal bot der Graf dem Neffen an, er wolle ihn

zum einzigen Erben seiner Reichtümer einsetzen, und bat den Freiherrn,

der doch Kinder hatte, ihm den Knaben auszuliefern. »Darum ist der

Junge damals so eilig gekommen! Er hat uns gewählt, hat sich zu uns

Steinbergs gehalten,« rief der Vater, »aber er mag wohl nicht das

rechte Zutrauen haben fassen können, sonst hätte er uns alles erzählt.«

»Jetzt versteh' ich's,« rief Liebe plötzlich und wurde dann namenlos

verlegen, weil es nicht Sitte war, daß eins der Kinder ungefragt sich

in das Gespräch der Erwachsenen einmischte.

Doch diesmal blieb ihre Vorwitzigkeit ungerügt, und der Vater fragte:

»Was verstehst du jetzt?«

»Karl Wagners Brief,« stammelte Liebe, und dann erzählte sie sehr

geschwinde, sehr kraus mit allerlei Abschweifungen, wer Karl Wagner

sei, was er geschrieben habe, und daß Raoul nichts mehr von seinen

Freunden sagen wollte, weil -- weil -- hier stockte sie und fuhr dann

fort, tapfer die Schuld der Geschwister mit auf ihre Schultern nehmend,

»wir so über den komischen Namen und die Bäckersleute gelacht haben.

Aber sie sind gewiß alle gut, und sie können alle Napoleon nicht

leiden, und Gottlieb singt immer: Warte, warte, Bonaparte, und --«

Gottliebe mußte einmal nach Luft schnappen, die Rede war zu lang und

eilig gewesen, und sanft strich die Mutter, neben der sie saß, über das

heiße Gesicht des Kindes. »Wir haben Raoul wohl alle nicht verstanden,

haben uns beeinflussen lassen, weil -- seine Mutter eine Französin

gewesen ist!«

»Ach, und sie muß himmlisch gut gewesen sein, und Hauben hat sie

genäht, und Raoul hat sie so viel von der Großmutter und unserem Vater

erzählt.« Wieder rügte an diesem Abend niemand Gottliebes lebhaften

Zwischenruf, und wieder strich die Mutter liebkosend die blühende Wange

ihres Kindes und dachte still: Du gutes Herzlein, du!

»Wer gefehlt hat, soll trachten, es gut zu machen, damit Raoul in

diesem Hause auch die Heimat findet, die er gesucht hat,« sagte der

Freiherr ernst, tauschte einen Blick mit seiner Mutter und sah dann auf

Joachim. Der senkte den Kopf. Morgen, morgen, klang's in ihm.

Nachher ging Frau Maria noch einmal in des Neffen Zimmer, und da lag

der still und gab keine Antwort auf den leisen Ruf. Morgen, morgen,

dachte auch die Frau und klinkte die Türe ein und ermahnte dann ihre

Kinder: »Geht leise, stört Raoul nicht, er schläft.«

»Wie dumm,« seufzte Gottliebe, »nun muß ich bis morgen warten, um ihm

alles zu erzählen. Warum muß er auch heute so müde sein!«

[Illustration: Dekoration Ende 7. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 8. Kapitel]

Achtes Kapitel.

Einem traurigen Morgen folgen schwere Tage.

Im Hause verloschen allgemach die Lichter, und ganz Hohensteinberg

versank in tiefe, nächtliche Stille, nur aus dem Fenster der

Kammerherrin fiel noch lange ein heller Schein in die Nacht hinaus.

Zum zweitenmal in ihrem Leben beklagte die alte Frau, daß sie zu hart,

zu streng gewesen war, aber diesmal konnte sie noch sühnen, konnte

gutmachen, was sie einst nicht mehr gekonnt hatte. Damals, als sie

die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes erhalten hatte und die Witwe

und sein Kind unauffindbar gewesen waren, hatte sie es nicht mehr

können. Nun lebte des Sohnes Sohn in ihrem Hause, und wie hatte sie

bisher die seinem Vater erwiesene Härte gesühnt? Die stolze Frau litt

namenlos in dieser Stunde, als sie sich wieder einmal sagen mußte: Du

tatest unrecht! Aber doch klang es auch in ihrem Herzen hoffnungsvoll:

»Morgen, morgen.«

»Morgen soll ein neues Leben für den armen Jungen beginnen,« hatte auch

der Freiherr zu seiner Frau gesagt. »Wie konnte ich nur bisher so wenig

erkennen, daß das Fremde in seiner Art gut ist! Eine Prachtfrau muß die

Mutter gewesen sein.«

Morgen, morgen, dachte auch Joachim unablässig; er, der sonst einen

Bärenschlaf hatte, warf sich in dieser Nacht unruhig auf seinem Lager

hin und her. Er rang immer noch mit seinem Trotz, und dazu hatte sich

die Eifersucht gesellt: nun würden auf einmal alle Raoul lieben, er

würde beiseite geschoben werden von den andern, wie es schon Gottliebe

mit ihm getan hatte.

Draußen hatte sich der Wind erhoben; er sauste und brauste um das Haus

herum, es knisterte und raschelte in dem alten Gebälk, ganz unheimlich

klang es. Einmal fuhr Joachim empor, es war ihm, als hätte er tastende

Schritte gehört. Aber nein, es war doch wohl nur der Sturm gewesen. Die

Wetterfahne auf dem Dache drehte sich gerade knarrend, und irgendwo

klappte ein Fenster -- oder war es eine Tür?

»Unsinn!« murmelte Joachim und grub den Kopf tief in die Kissen hinein.

Da schlug draußen ein Hund an, kurz, und er verstummte gleich wieder,

und wieder war allein das Brausen des Windes hörbar. Noch eine Weile

lauschte der Knabe, aber nichts, gar nichts war zu hören, und doch

preßte eine seltsame, beklemmende Angst ihm das Herz zusammen. Und

wieder sagte er »Unsinn!« zu sich und versuchte zu schlafen, aber es

dauerte noch lange, ehe ihn der Schlaf übermannte. Er schlief so fest,

daß er das laute Klopfen, mit dem Jungfer Rosalie morgens die Kinder

zu wecken pflegte, überhörte und weiter schlief. Erst der Jammerruf:

»Joachim, Joachim!« den Gottliebe ausstieß, ermunterte ihn völlig. Die

Schwester stand in der offenen Türe, ihr liebes Gesichtchen war ganz

von Tränen überflutet. »Raoul ist fort,« schluchzte sie, »Raoul ist

fort!«

»Raoul -- fort?« stammelte Joachim, »wie denn fort?«

»Fort ist er, seine Sachen hat er mitgenommen, er -- ach Raoul, Raoul!«

jammerte das Mädel.

Hinter Gottliebe trat rasch Pfarrer Buschmann in das Zimmer. Er schob

das Mädel sanft hinaus, ihr über die verwirrten Locken streichend. »Geh

zu deiner Mutter, Kind, sie verlangt nach dir,« sagte er milde, und

dann wandte er sich an Joachim: »Steh auf, eile dich und hilf deinem

Vater suchen; oder -- weißt du etwa um seine Flucht?«

Joachim schüttelte verstört den Kopf. »Warum -- warum nur?« stammelte

er.

»Das fragst du noch?«

»Ich -- ich wollte ihm abbitten -- heute!«

»Warum tatest du es nicht gestern, warum verschobst du es?« fragte

der alte Mann und sah traurig seinen trotzigen Schüler an. »Es kommt

oft ein Morgen, an dem ein gutes Wort zu spät kommt. Raoul muß in der

Nacht geflohen sein, er hat nur ein kleines Bündel Sachen mitgenommen,

nur -- was er hergebracht hat. Dein Vater ist schon unterwegs. Nach

Langenstein ist geschickt worden, wir hoffen alle, den armen, lieben

Jungen zu finden.«

»Ich finde ihn, ich muß ihn finden,« rief Joachim heftig. Er zog sich

in zitternder Eile an und wollte hinaus.

»Halt, sachte, nicht so stürmisch!« Pfarrer Buschmann hielt ihn fest.

»Willst du ohne Sinn und Verstand drauf los rennen, Wege, die schon

andere abgesucht haben? Das nützt wenig. Du sollst zu Berkows reiten

und von dort aus nachforschen. Es ist nicht unmöglich, daß Raoul den

Waldweg eingeschlagen hat und dann --« Der alte Mann vollendete nicht,

aber Joachim wußte genau, was er meinte. Den Waldweg, der ein großes

Stück nach der nächsten Poststation hinter Langenstein abkürzte,

konnten nur Kundige gehen, namentlich im Schnee konnte man sich leicht

verirren. War Raoul ihn gegangen in der Sturmnacht? Wer weiß, in

welcher weglosen Einsamkeit er sich schon verirrt hatte.

Raoul mußte sich von seinem Fenster aus an der Kastanie herabgelassen

haben, abgebrochene Zweige deuteten darauf hin. Sonst hatte der

Schneesturm in dieser Nacht jede Fußspur verweht. Jungfer Rosalie

klagte mit einem ihr sonst fremden Wortreichtum: »Daß ich's nicht

gehört habe, immer nur gemeint, der Sturm sei's, und das Fenster hat

doch geklappt!«

An die Knie der Großmutter geschmiegt, weinte Gottliebe in

fassungslosem Schmerz, und jedes Aufschluchzen fand in der Ecke des

Zimmers ein leises Echo. Dort saßen Gottlobe und Karoline, und beide

zuckten immer wieder zusammen und fühlten jedes ihr Teilchen Schuld,

wenn die Schwester klagte: »Wir waren nicht gut genug zu ihm.« Ihr, die

dem Entflohenen am meisten Liebe von den Kindern erwiesen hatte, fiel

immer wieder etwas ein, was sie hätte tun können, und alles sagte sie

und ahnte nicht, daß jeder Vorwurf, den sie gegen sich selbst erhob,

die Großmutter bitter traf. Die sagte mit einer seltsam schweren,

weichen Stimme: »Sei ruhig, mein Kind, Raoul kommt schon wieder, heute

abend ist er wieder da. Sicher, er kommt wieder.« Und mit diesem Trost

versuchte die Kammerherrin sich selbst zu trösten, versuchte sie ihre

schwere Sorge zu bannen.

»Wir werden ihn schon finden,« hatte der Freiherr, der über des Neffen

Flucht tief betroffen war, die Seinen getröstet, »er ist doch nur zu

Fuß gegangen, unsere Pferde holen ihn schon ein!« Aber als der Abend

kam, war noch keine Spur von dem Vermißten gefunden. Niemand hatte ihn

gesehen, durch kein Dorf schien er gekommen zu sein! Auf allen Wegen,

die süd- und westwärts führten, waren die Boten weit ins Land hinein

gefahren und geritten, denn alle nahmen an, der Knabe habe nach Leipzig

zurückkehren wollen, um vielleicht von dort aus zu seinem Onkel nach

Paris zu wandern.

»Ich muß ihn finden, ich muß ihn finden,« dachte Joachim verzweifelt,

und nur die ernsten Ermahnungen seiner Eltern und des Pfarrers konnten

ihn nach dem Tage vergeblichen Suchens abhalten, ins Blaue hinein dem

Vetter nachzuziehen. Wie eine schwere Last lag die Schuld gegen den

Vetter auf seiner Seele, und als der Vater näher forschte und fragte,

um den wahren Grund zur Flucht zu erkennen, da erzählte Joachim

selbst die Geschichte des Tugendbundes, und wie sie Raoul von allem

ausgeschlossen hätten. Er verschwieg nicht dessen tapferes Eintreten

für die Tugendbündler, und während der Knabe dies alles bekannte, wurde

ihm sein Unrecht immer klarer. »Ich bin schuld,« murmelte er, »ich

allein!«

Die Kammerherrin sah von ihrem Enkelsohn zu ihrem Sohn, und der

Freiherr nickte ihr trübe zu. »Wir wollen nicht untersuchen und

fragen, wo die meiste Schuld liegt,« sagte er mit schwerem Ernst.

»Euer Tugendbund war freilich eine Torheit, eine Kinderei: ihr paar

Jungen und Mädels werdet das Vaterland nicht aus seiner tiefen Not

befreien. Kindereien sind nicht am Platz in einer so schweren Zeit,

das merkt euch alle, wir brauchen den Ernst und die Tat. Aber euch

allen sei diese Torheit nicht angerechnet, weil diese Torheit aus Liebe

zum Vaterland erwachsen ist. Diese Liebe haltet fest und erstarket

in ihr, damit ihr dereinst fähig seid, wenn die Stunde kommt, in der

das Vaterland euch braucht, Opfer zu bringen. Einen Tugendbund dürft

ihr untereinander schließen, aber dazu braucht es keiner geheimen

Versammlungen und törichter Bücher, euer Tun soll Zeuge sein von eurer

Liebe zum Vaterland und eurer Liebe untereinander.«

Bei dem letzten Wort des Vaters sahen sich Joachim und Gottliebe

unwillkürlich an, und mit einem Schrei flog das lebhafte Mädel auf den

Bruder zu, hing an seinem Hals und rief schluchzend: »Wir wollen uns

wieder lieb haben, und wenn Raoul -- wiederkommt, dann haben wir ihn

alle, alle lieb!«

»Ich will ihn suchen,« murmelte Joachim, und nicht mehr, wie so

manchmal in der letzten Zeit, stieß er die Schwester unwirsch fort. Er

hielt ihre Hand fest, fest in der seinen, und Liebe verstand den Bruder

auch ohne Worte.

Joachim hielt Wort. Er suchte fieberhaft nach einer Spur des

Verlorenen, er fragte da und dort, aber keine Spur fand sich, auch die

Nachforschungen des Freiherrn blieben erfolglos. Der schrieb an den

Grafen Turaillon, schrieb, daß der Neffe entflohen sei; wie er vermute,

habe er sich nach Paris gewandt. Auch an den Bäckermeister Käsmodel

schrieb er, und dieser Brief wurde ihm herzlich schwer; aus Leipzig kam

rasch Antwort, Raoul sei nicht dort eingetroffen, und nach Wochen kam

die gleiche, in einem scharfen, beleidigenden Tone abgefaßte Antwort

aus Paris. Der Graf nahm an, man hätte den Neffen absichtlich entfernt,

um ihn vor seinen Nachforschungen zu verbergen.

»Das wußte ich,« frohlockte Gottliebe, »nach Paris ist Raoul nicht

gegangen, er haßt den Bonaparte.« Sie wurde aber gleich wieder traurig.

»Aber wo mag er sein?«

Ja, wo war der Knabe? War er gestorben und verdorben in dem großen

Wirrsal, in der tiefen Not, die von neuem über das deutsche Vaterland

hereinbrach?

Mit dem Frühling kam von Westen her das Unheil. Napoleon zog wirklich

nach Rußland, des Zaren Macht wollte er brechen. Wie ein Märchenland

lockte und lockte den Eroberer das unermeßliche Reich des Ostens mit

seinen endlosen Steppen und weiten Wäldern. Aber Deutschland, Preußen,

lag zwischen ihm und seinem Ziel, und so zwang er dem Könige von

Preußen ein Bündnis auf, das das arme Land förmlich der Plünderung

der großen Armee preisgab. Und manche deutsche Mutter sah weinend den

Sohn in die Ferne ziehen, denn zu Tausenden mußten deutsche Söhne

den französischen Fahnen folgen, und zu denen gesellten sich noch

manche, die freiwillig mitzogen, weil sie den Glauben an des eigenen

Vaterlandes Kraft verloren hatten.

Als von eines solchen freiwilligen Kämpfers Mitzug, der ein Sohn alter

Freunde war, die Kunde nach Hohensteinberg kam, schrie Joachim aus vor

Empörung: »Ein Vaterlandsverräter!«

»Ein Armer, ein Unseliger,« sagte die Kammerherrin; die alte Frau war

sehr milde geworden in dem Leid der letzten Wochen. »Wehe ihm, wehe

uns! Wehe dem, der den Glauben an sein Vaterland verliert, und wehe

uns, daß wir nicht mehr stolz auf unseres Vaterlandes Stärke sein

können!«

Da schwieg Joachim, er schwieg jetzt oft und sann stille den Worten der

Erwachsenen nach. Er, der Trotzige, Ungebärdige war in der Zeit des

werdenden Frühlings zu einem ernsten Jüngling herangereift. Die Schuld,

die ihn quälte, des Vaterlandes Not wandelte sein Wesen und machte ihn

über seine Jahre hinaus ernst.

Es war überhaupt keine rechte Zeit für Jugendlust und Jugendübermut,

und wenn die Steinbergschen Kinder mit ihren Freunden und Freundinnen

zusammenkamen, dann gab es oft gar ernste, nachdenkliche Gespräche.

Sie nannten sich untereinander Tugendbündler, die Eltern wußten es und

widerstrebten nicht, nur mußte der Name verschwiegen bleiben, auch

durfte kein Wort niedergeschrieben werden. Wohl war ringsum alles gut

preußisch gesinnt, aber es gab doch etliche solcher Kreaturen im Land,

wie der Rentamtmann Meldeling, und in Pillau saß eine französische

Besatzung wie in manchen andern Festungen des Landes. Napoleon bewachte

auch seine Bundesgenossen gut, er ahnte, daß niedergehalten in der

Tiefe der Haß schlummerte.

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 7 / 12 段