Der verstand die unausgesprochene Frage. Er nickte, und sein ehrliches

Gesicht verfinsterte sich. »Dann kommen sie hier durch, und wir haben

den schönsten Kladderadatsch. Gnade uns Gott, wenn das geschieht! Sie

sagen zwar, unser König wollte jetzt dem Bonaparte sein Freund und

Verbündeter werden, -- na, den als Freund haben, da kommt doch eine

böse Sache heraus.« Er drehte sich wieder um, knallte mit der Peitsche,

und schneller holten die Pferde aus. Näher und näher kam das Städtchen.

»Wenn die Franzosen kommen,« flüsterte Gottliebe, »dann -- nützt doch

der Tugendbund auch nichts?«

»Was?« fragte Raoul erstaunt zurück.

»Leise,« bat Liebe, und tuschelnd vertraute sie dem Gefährten die

Geschichte vom Tugendbund an. Auf einmal bedrückte sie die Sache, die

sie vorher als Kinderei angesehen hatte: das Heimliche, Verborgene

wollte ihr daran nicht recht gefallen, die Eltern hätten es doch wissen

müssen. »Es ist vielleicht nicht recht, daß ich dir das verrate, aber

-- aber mir ist so bange!«

»Es ist nur eine Kinderei,« dachte Raoul, »und doch -- es wäre besser,

Joachim ließe solche Sachen,« sagte er nachdenklich. »Meister Käsmodel

hat zwar oft auf Napoleon geschimpft, er hat uns aber oft gesagt, man

müßte vorsichtig sein, und die Zeit sei noch nicht gekommen.«

»Meinst du, daß der Tugendbund eine -- eine Verschwörung ist?« fragte

Liebe angstvoll.

Da mußte Raoul doch lachen; so gefährlich erschien ihm der Bund nicht,

und er tröstete das Bäslein und hatte es gerade erreicht, daß Liebe

wieder vergnügt um sich blickte, als der Wagen vor Jungfer Mahdissens

Lädchen hielt.

Raoul fand freilich die Herrlichkeiten der kleinen Ladenstube nicht

so überwältigend, aber Gottliebe schaute sich einmal wieder in hellem

Entzücken in dem Raume um, sie wurde auch von der Besitzerin mit sehr

viel Freude begrüßt. »Ne--in, trautstes Mariellchen, Demoisellchen,

ist das ein Freudchen!« rief Jungfer Mahdissen, die vielleicht um

der eigenen Kleinheit willen die Gewohnheit hatte, allen Wörtern ein

»chen« anzuhängen. So brachte sie denn Wollchen, Zwirnchen, Nadelchen,

Stoffchen und allerlei herbei, pries wortreich die Güte ihrer Ware,

nannte Raoul ein allerbastes Junkerchen, weil der Liebe an die Äpfel

erinnerte, die die Mutter der Jungfer schickte.

»Nein, so ein Freudchen! Nun ist mir's ganze Tagchen lieb!« schrie

die kleine Jungfer und warf vor lauter Freude erst ihr Ellenmaßchen,

dann ihr Scherchen und zuletzt das ganze Bandchen unter das Tischchen.

Nachher öffnete sie noch auf Gottliebes Bitten allerlei Kästen, zeigte

Perlen und Bänder, angefangene spinnwebfeine Stickereien und behauptete

kühn, »in ganz Parischen gäbe es nicht solche Sachchen,« was Liebe

glaubte, aber Raoul etwas bezweifelte.

»Und so wundervolle Hauben kann Jungfer Mahdissen nähen,« rühmte Liebe

deren Kunst dem Freund.

Eine tiefe Glut färbte jäh das Gesicht des Knaben, dann strömte das

Blut schnell zurück, und Raoul sah noch bleicher und ernster aus als

sonst. Die Erinnerung an die Mutter war ihm gekommen, wie sie -- krank

-- Haube um Haube zierlich fein genäht und gefältelt hatte. Hastig bat

er: »Wir sollten noch zum Posthalter gehen. Liebe, komm!«

Jungfer Mahdissen hätte die beiden gewiß nicht fortgelassen, wenn nicht

eine Magd gekommen wäre, um für einen Groschen Zwirn zu kaufen; da

nahm sie wortreich, mit sehr vielen »chens« Abschied von den Kindern.

Draußen fragte Liebe: »Gefiel's dir nicht bei der Jungfer Mahdissen?«

»Doch!« sagte Raoul, und während sie beide den Weg aus dem schmalen

Gäßlein, das den wunderlichen Namen »Katzenwinkel« trug, nach dem

Marktplatz antraten, erzählte Raoul, wie fein und fleißig seine Mutter

Hauben genäht hatte.

»Oh, du,« rief Gottliebe in ihrer warmherzigen Art, »wie gut, wie

schrecklich gut muß deine Mutter gewesen sein! Weißt du, ich habe sie

lieb. Ach, lebte sie doch noch, könnte ich sie einmal sehen!«

Raoul blieb stehen und sah das Bäslein dankbar an: »Du bist auch gut,

Gottliebe, du und Pfarrer Buschmann, ihr seid gut zu mir.«

»Doch auch die Eltern, die doch auch!«

»Ja,« sagte Raoul mit leisem Zögern, »aber -- dein Vater mag mich nicht

leiden und die Großmutter auch nicht; von Joachim und Lobe sag ich erst

gar nichts, und weißt du, es wäre viel, viel besser, ich ginge wieder

fort.«

»Aber Raoul,« rief Liebe entsetzt. So hatte der Vetter ihr noch

nie gezeigt, wie tief er litt, und ihr Herz floß über von innigem

Mitleiden. Sie faßte Raouls Hand und gelobte, während ihr die hellen

Tränen über die Wangen liefen: »Ich behalte dich immer, immer lieb,

Raoul, du bist mein Bruder, und paß auf, die andern gewinnen dich auch

lieb. Der Herr Pfarrer sagt es auch. Aber du darfst nie weggehen, nie!

Versprich mir das, bitte, bitte!«

»Nein,« sagte Raoul leise, aber fest, »das kann ich dir nicht

versprechen,« und sehnsüchtig sahen seine Augen die schmale Straße

entlang, durch die sie schritten. Könnte er sie doch hinab gehen, zur

Stadt hinaus, immer westwärts, Leipzig zu! Er schwieg aber davon, sagte

jedoch tröstend: »Liebe, ich bin ja noch da, aber wenn du weinst, reiße

ich gleich aus!«

Husch kam gleich das Lachen, wie Sonnenschein flog es über Gottliebes

bewegliches Gesichtchen. Sie ergriff die Hand des Vetters und eilte

lachend mit ihm schnell die Straße hinab über den Marktplatz hin.

Postmeisters Minettchen sah die beiden vom Fenster aus kommen. »Frau

Mutter,« rief sie, »Gottliebe von Steinberg kommt, und sie lacht

wieder, daß ich's beinahe höre!«

»Ei, sieh da, und der Französische ist auch dabei,« sagte der Herr

Rentmeister Meldeling, der gerade bei Postmeisters einen Besuch

abstattete.

In der Stadt war dieser kleine, immer lächelnde Mann nicht sehr

beliebt; niemand hatte rechtes Zutrauen zu ihm, da er allgemein

als Franzosenfreund galt. Er kniff die Augen zusammen und lächelte

höhnisch: »Ja, ja, die vornehmen Herrschaften sind alle Tage lustig,

Sorgen kennen die nicht!«

»Da ist Er schief gewickelt, -- Er -- --« Grasaffe -- -- wollte die

Frau Postmeisterin sagen, sie schluckte aber das letzte Wort noch

rechtzeitig herunter. »Die Steinberger Herrschaften leben nicht lustig,

wenn es andern Leuten schlecht geht; sie haben ein Herz für die armen

Leute, und -- gut deutsch sind sie auch gesinnt.«

Das Wort klang dem Rentmeister übel in den Ohren, denn er war auch

einer von denen, die sich der deutschen Art schämten. Er verabschiedete

sich darum sehr eilig, aber an der Türe traf er doch noch mit den

jungen Steinbergs zusammen. Er grüßte Gottliebe übertrieben höflich und

schaute Raoul forschend und prüfend an.

»Der Mensch ist mir doch in der Seele zuwider,« rief die Frau

Postmeisterin, nachdem sie die Eintretenden begrüßt hatte, »rein

schlimm kann mir von seinem dummen Lächeln werden. Immer fragt er nach

tausend Dingen, die ihn den Kuckuck was angehen. Mein Mann traut ihm

auch nicht über den Weg, er sagt, er hält es mit den Franzosen. Und das

ist einmal wahr: im schlimmen Jahr, als die Franzosen hier in Haufen

durchzogen, da katzbuckelte er nur immer um sie herum und bonjourierte

und dienerte in einem fort. Der stiftet noch mal ein Unheil an, das

sage ich und --,« da brach die redselige Frau jäh ab, denn ihr fiel

ein, daß ihr Mann sie immer ermahnte, nicht alles zu sagen, was sie

dachte.

»Man könnte sich ordentlich fürchten,« sagte Gottliebe nachdenklich:

»Mein Vater sagte erst neulich, der Rentmeister habe einen besonderen

Haß auf ihn; ob das wahr ist, Frau Postmeisterin?«

»Hassen, das ist schon möglich, aber was kann das schaden?« meinte

die Postmeisterin. »Dem gnädigen Herrn von Steinberg kann der falsche

Mensch ja doch nichts anhaben; auf Hohensteinberg geschieht nichts, was

nicht jeder wissen kann.«

Sekundenlang sahen sich Vetter und Base an, beide dachten bei diesen

Worten: der »Tugendbund,« und beide durchrieselte eine leichte Angst.

War es doch vielleicht mehr als eine Torheit?

Da kam der Postmeister in das Zimmer und brachte einige Postsachen.

»Ein Brief für den Herrn Vater ist dabei,« sagte er, »aus Frankreich

kommt er, es steht aber dabei, daß er nur dem Herrn Vater selbst

ausgeliefert werden darf. Da will ich heute selbst noch hinauskommen;

es muß alles seine Richtigkeit haben, alles hübsch nach der Ordnung!«

»Aber mein Vater ist in Königsberg, er kommt wohl erst morgen zurück,«

rief Gottliebe und schaute neugierig auf den Brief. »Aus Frankreich?

Ach, Herr Postmeister, ich graule mich.«

Der dicke Postmeister lachte: »Ich glaube gar, das gnädige

Demoisellchen denkt, der Brief kommt von Napoleon selbst. Es sind ja

viele gute Deutsche drüben, warum soll's davon nicht einem einfallen,

an den Herrn Vater zu schreiben? Spekuliere, gar so wichtig wird die

Sache nicht sein. Aber vielleicht sagen Sie daheim nichts, die Frau

Mutter könnte sonst auch gleich Gespenster sehen. Weiberleut haben das

so an sich.«

»Mann,« rief die Postmeisterin empört, »wie kannst du nur so

despektierlich von der gnädigen Frau von Steinberg reden!«

»Na, na,« brummelte ihr Mann ein wenig verlegen, »eigentlich meinte

ich ja dich. Du witterst ja überall eine Verschwörung und denkst, der

Napoleon steckt hinter jeder Türe. Aber halt, da ist auch ein Brief für

den Junker, aus Leipzig kommt er.«

Ein Brief aus Leipzig! Raouls Augen blitzten, und verlangend streckte

er die Hand nach dem dicken Schreiben aus. Die Adresse da hatte Karl

Wagner geschrieben, die klare, feste Schrift kannte er gut. Und wie

er den Brief in der Hand hielt, kam die Sehnsucht wieder über ihn

nach denen, die ihn lieb hatten, die ihn verstanden. Er konnte es

kaum erwarten, den Brief zu lesen, aber trotzdem riß er ihn zu Liebes

grenzenlosem Erstaunen nicht gleich auf; er behielt ihn in der Hand,

auch als sie beide draußen wieder im Schlitten saßen und im ersten

matten Abenddämmern Hohensteinberg entgegenfuhren. »Warum liest du

den Brief nicht?« tuschelte Gottliebe dem Vetter zu. »Ich wäre schon

geplatzt vor Neugier.«

»Erst versprich mir etwas, Liebe, gute Liebe,« bat Raoul, den Brief

noch immer uneröffnet in der Hand haltend. »Erzähl' es niemand, daß

ich einen Brief bekommen habe -- sonst lachen sie wieder über meine

Freunde, über den drolligen Namen, über --« Er zögerte und bat noch

einmal: »Sag's niemand!«

»Ich bin stumm wie ein Fisch,« gelobte Gottliebe. »Es ist so fein,

daß wir auch ein Geheimnis haben!« Und vor lauter Freude hopste und

zappelte sie auf dem harten Sitz des schwerfälligen Schlittens hin und

her, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie hinausgefallen. »Aber

nun lies nur, lies, und dann, -- bitte, bitte, mir sagst du doch, was

drin steht?«

Raoul erbrach den Brief und las, während ein tiefrotes Glühen, der

Widerschein der sinkenden Sonne, auf den Schneefeldern lag. Karl

Wagner hatte geschrieben, einen klugen, herzlichen Brief, daß es nun

ganz anders in der Schreibstube sei, der lange Neumann sei auf und

davon gezogen. Er schrieb auch, er habe das Grab von Raouls Mutter

manchmal aufgesucht und zuletzt Tannenzweige aus dem Universitätswald

hingetragen; daneben sei ein frisches Grab: das kleine Lottchen von

Meister Käsmodels sei gestorben, und die Eltern seien gar traurig um

den Verlust des lieben Kindes. Der Schluß lautete: »Dein Brief klang

nicht froh, Raoul, er klang nach Heimweh und Einsamkeit. Verzage nicht,

wenn Dir die Heimat Deines Vaters nicht gleich Heimat wird, sondern

Dir noch eine Weile fremd bleibt, eine Heimat gewinnt man nicht im

Sturm. In Deiner Mutter Heimatland wärest Du vielleicht noch weniger

glücklich gewesen, und der äußere Glanz hätte Dich auch nicht beglückt.

Du tatest nach dem Willen Deiner Mutter: der Gedanke muß Dich trösten

und aufrichten. Kopf hoch und mutig voran!«

»Wie gut er schreibt, dein Freund!« flüsterte Liebe. »Aber was meint er

damit, von der Heimat deiner Mutter und dem äußeren Glanz?«

»Ich erzähle es dir später einmal,« sagte Raoul und schob den Brief

in seine Tasche. Es war noch einer darin, und er ahnte, daß der von

Gottlieb kam, und eine ihn wieder ergreifende Scheu hielt ihn ab, auch

diesen Brief der neuen Freundin zu zeigen.

»Na, wenn ich nicht platze, so voll von Geheimnissen wie ich bin!«

sagte Liebe nachdenklich, als der Schlitten sich wieder dem Schlosse

näherte. »Es ist wirklich schwer. Bitte, Raoul, knuffe mich immer,

wenn ich den Mund auftue, weißt du, sonst fährt mal was raus, ich weiß

hinterher nicht wie!«

Der Knabe versprach das Knuffen gern, er hatte es aber nicht nötig:

Gottliebe hielt an diesem Abend ihren Mund ängstlich geschlossen, sie

war so schweigsam, daß es selbst der Großmutter auffiel; nicht einmal

eine begeisterte Schilderung von Jungfer Mahdissens wundervollem Laden

erfolgte. Und da auch Raoul schwieg, selbst mit Liebe nicht sprach,

erklärte Joachim nachher den beiden anderen Mädchen mit grimmiger

Freude: »Sie haben sich miteinander gezankt.«

Raoul aber las am Abend in der Stille seiner Kammer Gottliebs Brief,

der nun nicht gerade ein Muster von Orthographie und Schönschrift war.

»Lieber Raoul,« schrieb der Freund, »es ist fürchderliche Lankeweile

seidtem daß Du fohrt bist und auch trauhrich denn unser Lottchen ist

gestorben und wir sind alle trauhrich. Ich heuhle auch Mannichmal und

habe keine Luhst mehr Lateinisch zu lernen, ich pleibe auch sihtzen.

Raoul, komme doch nur wieder dann geht es allmahl besser. Vater sagt

daß auch, reiße nur aus wenn sie Dich schlecht behanteln, den Weg weist

Du ja schon und ich schicke Dir einen Thaler damit Du essen kannst.

Reiße aus, reiße aus. Der lange Neumann ist fohrt und kann nicht mehr

die Trepe rauf fallen. Reiße aus und alle grühsen Dich fielemahl.

Dein gantz getreuer liehber Freund Gottlieb.

Ich habe auch immer lauder Viehren und sie sagen ich bin am faulsten,

aber es ist nicht war, Berger ist fiel fauhler und schreibt noch

schlechter und macht noch mer Pfehler, wenn du komst geht es gewiehs

besser.«

Raoul atmete tief auf und verbarg den Brief in seiner Tasche.

Ausreißen, -- vielleicht wäre es am besten!

[Illustration: Dekoration Ende 6. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 7. Kapitel]

Siebentes Kapitel.

Der Tugendbund nimmt ein jähes Ende.

Am nächsten Tag wurde der Hausherr zurückerwartet, und da man die

Stunde seiner Ankunft nicht genau bestimmen konnte, entlief immer mal

eines der Kinder der Stunde bei dem Pfarrer, und der ließ sie laufen

und den Weg entlang spähen, ob der Vater noch immer nicht kam.

Auch seine Frau und seine Mutter sahen öfters hinaus, Frau Maria in

doppelter Sorge: sie besaß einen Bruder, der um einiger Schriften

willen das Land hatte verlassen müssen. Er war nach England gegangen,

um dort zu warten, bis es Zeit war, in sein Vaterland zurückzukehren.

Von diesem Bruder sollte auf dem Seewege nach Königsberg eine Nachricht

kommen. Seit vielen Wochen hatten die Verwandten nichts von ihm gehört,

und nun hoffte Frau Maria, ihr Mann werde einen Brief mitbringen.

Auch Joachim dachte an diesen Onkel Wolfgang, den er sehr bewunderte,

und mitten in der Stunde -- er war mit Raoul und Arnold von Berkow

allein beim Pfarrer -- sagte er plötzlich: »Ist's nicht eine Schande,

daß der Oheim außer Landes gehen mußte?«

Pfarrer Josua Buschmann nickte trübe: »Das ist's, mein Sohn. Er war

aber auch recht unvorsichtig in seinem Tun!«

»Pah,« rief Joachim, »soll ein Preuße nicht sagen dürfen, was er

denkt? Was hat denn der Oheim getan? Dem Tugendbund hat er angehört

und nachher nur seine Meinung gesagt, daß es ein Unrecht sei, den Bund

aufzulösen.«

Raoul horchte auf. Das hatte er noch nicht gewußt; von dem Bruder

Frau Marias war selten gesprochen worden. Hatte Joachim vielleicht in

Gedanken an den Oheim den Tugendbund gegründet? Und wenn dieser hatte

fliehen müssen, war die heimliche Sache nicht doch gefährlich? Recht

lebhaft war Raoul dem Gespräche gefolgt, und als Pfarrer Buschmann

antwortete, horchte er so aufmerksam zu, daß er nicht bemerkte, wie

Joachim ihn beobachtete. In dem stieg die Wut heiß empor, und plötzlich

sprang er auf. Seine blauen Augen waren fast schwarz vor Zorn, und

den Stuhl heftig zurückschiebend, schrie er: »Wie er horcht, der

Schleicher, der -- der -- Franzose -- wie --«

»Achim!« Schwer fiel des Pfarrers Hand auf des unbändigen Schülers

Arm, und die milden Augen des alten Mannes schauten mit einem so

unaussprechlich leidvollen Ausdruck in das erregte Gesicht, daß

Joachim sein Haupt senkte. Er fühlte, wieder hatte er sich von seinem

ungerechten Zorn übermannen lassen, aber wieder hatte er nicht die

Kraft, seine Schuld einzugestehen, und bissig grollte er: »Ich kann ihn

nicht leiden!«

»Ich ihn auch nicht,« murmelte Arnold von Berkow leise nach, aber Raoul

hatte auch das Wort gehört. Seine Brust hob und senkte sich, einen

Augenblick war es, als wollte er sich auf die beiden Knaben stürzen,

doch des Pfarrers Gegenwart bannte ihn. Er drehte sich um, verließ

hastig das Zimmer und rannte den Flur entlang seiner Stube zu. Unten

hörte er lautes Rufen, Hundegebell, -- der Oheim war angekommen, Freude

war im Haus.

Und über dieser Freude merkte es niemand recht, daß Joachim beim

Mittagessen still war. Arnold von Berkow gab sich Mühe, laut und

lustig zu antworten, wenn er gefragt wurde, er vermied es aber, Raoul

anzusehen. Pfarrer Buschmann hatte von den Knaben gefordert, sie

sollten dem gekränkten Kameraden Abbitte leisten. Noch nie hatte der

gütige Mann so hart, so streng mit seinen Schülern gesprochen, noch

nie ihnen so das Unedle, Niedrige ihrer Handlungsweise klar gemacht.

Es hatte Joachim tief getroffen, und tief bohrte und nagte die Scham

über sein Tun in dem Knaben. Arnold nahm es leichter; er wäre auch eher

bereit gewesen, das Versprechen der Abbitte zu geben, aber Joachim

hatte es nicht getan, und so hatte der Pfarrer seine Zöglinge entlassen

mit den Worten, er würde ihren Eltern Mitteilung machen und eine

Trennung bewirken, wenn sie seinen Willen nicht erfüllten.

Nach Tisch sprach Josua Buschmann auch mit Raoul, aber es schien,

als hätte sich die Seele des Knaben, die sich dem Lehrer schon

etwas geöffnet hatte, wieder geschlossen. Still, blaß, mit fest

zusammengepreßten Lippen hörte er die gütigen Worte an. Er klagte

nicht, er sprach den Namen seiner Gegner gar nicht aus, nur als der

Pfarrer ihn entließ, drehte sich Raoul plötzlich auf der Schwelle

wieder um, kehrte zurück und küßte rasch, wie bittend, die Hand des

alten Mannes, und ein paar Sekunden sahen die beiden sich an. »Mein

Junge, mein armer Junge!« rief der Pfarrer tief bewegt und zog Raoul

an sich, denn ein so wilder Schmerz hatte ihm aus den dunklen Augen

entgegengeblickt, daß er fühlte, hier war ein Leid, das über den Kummer

eines Kindes hinausging. Es darf nicht so weiter gehen, dachte er,

sonst geht an kindischem Trotz, an unvernünftiger Torheit eine junge

Seele zugrunde. --

Gottliebe merkte nichts von der neuen Kränkung, die dem Freunde

widerfahren war, sie hatte sich für den Nachmittag etwas ausgesonnen,

was sie ganz allein ausführen wollte. Niemand im Hause ahnte etwas

von dem Tugendbund, der allwöchentlich zweimal in einem kleinen

Freundschaftstempel am Parkende tagte. Pfarrer Buschmann pflegte um

die Nachmittagszeit in das Dorf zu wandern, und den andern fiel es

nicht auf, daß die Kinder in den Freundschaftstempel gingen. Die beiden

Berkows und Oswald Hippel, der Sohn des Marienfelder Amtmannes, der

auch in den Bund eingetreten war, kamen auf heimlichen Waldwegen und

fanden dies heimliche Kommen ungemein romantisch.

Seit ihrem stürmischen Austritt hatte Gottliebe kein Wort mehr über den

Tugendbund von den Geschwistern gehört; sie war zu stolz und trotzig,

um darnach zu fragen, aber sie war die einzige, die die heimlichen

Zusammenkünfte merkte. Deshalb war sie auch brennend neugierig, einmal

dabei zu sein, und so beschloß sie, es heimlich zu tun. Und dieser

Nachmittag erschien ihr wundervoll geeignet, ihren Plan auszuführen.

Im Schatten hochstämmiger Ulmen lag am Ende des Gartens der

Freundschaftstempel. Er war von einem Urgroßvater der Kinder erbaut,

und manch heiteres Fest war einst darin gefeiert worden. Die Wände

des Tempels waren mit Malereien bedeckt. Da wandelten zierliche

Schäferinnen in Reifrock und hoher gepuderter Frisur einher und führten

weiße Lämmchen an rosenfarbenen Bändern. Wohl waren die Malereien zum

Teil zerstört, aber die Kinder betrachteten immer wieder die anmutigen

Bilder mit neuem Entzücken. Über dem Eingang standen, ein wenig

verwischt zwar, aber noch leserlich, die Worte:

Freundschaft hege,

Freundschaft pflege,

Freundschaft ist ein Himmelslicht,

Wehe dem, der Freundschaft bricht.

Gartengeräte und allerlei altes Gerümpel wurden in dem Tempelchen

aufbewahrt, das von den Erwachsenen nur selten noch betreten wurde,

denn die ernste Gegenwart hatte keine Zeit mehr für die lustigen

Gartengesellschaften vergangener Tage.

In ein dickes, graues Tuch gehüllt, huschte Gottliebe an diesem

Nachmittag durch den Gartenausgang des Schlosses hinaus und eilte nach

dem Tempelchen. So sehr war das lebhafte Jüngferlein von ihrem Vorhaben

erfüllt, daß sie nicht merkte, wie Raoul den Versuch machte, mit ihr zu

sprechen. Er hatte an der Haustüre auf sie gewartet, nun sie so rasch

davonlief, kehrte er still und traurig in das Haus zurück. Sie purzelte

fast hin vor Eile, und im Tempelchen angekommen, versteckte sie sich

eilig hinter einer im Winkel stehenden mächtigen Wassertonne und

kicherte übermütig vor sich hin, als nach einer Weile die Geschwister

mit den Freunden den Raum betraten. Gottliebe lauschte gespannt, aber

irgend etwas Neues, etwas Besonderes hörte sie nicht. Die Berkows,

besonders Fritz, hielten wilde Reden gegen den Feind, und Karoline und

Gottlobe, die auf einer umgestürzten Schiebkarre saßen, quietschten

manchmal laut auf, wenn einer der Knaben gar zu heftige Worte sagte.

Joachim saß schweigend und finster da, er schien kaum zuzuhören.

Gottliebe konnte gerade sein Gesicht sehen, und sie dachte: Ihm ist

die Geschichte nicht recht. Doch sie hatte die Gedanken des Bruders nur

halb erraten: der Auftritt des Morgens, des Pfarrers Worte hallten in

ihm nach, und noch törichter, kindischer als sonst fand er der Freunde

Reden. »Es ist langweilig, albern!« sagte er plötzlich hart.

In diesem Augenblick hörte Gottliebe neben sich ein Knistern, sie sah

auf und erblickte auf dem Deckel der Wassertonne -- eine Ratte, die

dort vergnügt auf und ab spazierte. Vor Ratten und Mäusen aber hatte

Gottliebe eine schreckliche Furcht, und voller Grauen sah sie auf das

Tierchen, dem es ganz behaglich zu sein schien.

Ich darf nicht schreien, dachte sie und preßte ihr Tuch fest vor den

Mund; ach, wäre ich doch nur erst draußen! Die Ratte lief hin und her,

dann versuchte sie an der Außenwand der Tonne herunterzuklettern.

»Sie kommt, sie kommt!« Gottliebe kroch immer mehr auf ihrem Platz

zusammen. »Der dumme Tugendbund,« schalt sie wütend, »wäre ich nur

nicht hierher gekommen!« Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und

sie bebte vor Furcht: das wildeste Raubtier der Wüste hätte ihr keinen

größeren Schrecken einjagen können. »Wenn sie mir ins Gesicht springt,

sich in meine Haare verwickelt, wenn -- wenn --« Tausend Fährnisse

fielen ihr ein, und ihre Augen ruhten immer starrer, immer entsetzter

auf dem Tiere, das sein Dasein ganz behaglich zu finden schien. Das

lief nach rechts, nach links, und auf einmal schien es sich nach

Abwechslung zu sehnen. Plumps, sprang es von der Tonne herunter, und

Gottlobe und Karoline kreischten. »Hier sind Mäuse!«

»Nein, Ratten!« brüllte Gottliebe, der plötzlich die Ratte auf den

Schoß hopste. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und stieß an

die Wassertonne, die ins Wanken geriet, und es rasselte und polterte

laut. An den erschrockenen Tugendbundgenossen vorbei raste Gottliebe

und stürmte in den Garten hinaus. Draußen stieß sie unversehens an eine

dunkle Gestalt an; ein unterdrückter Aufschrei wurde laut, und kollernd

wälzte sich ein Mann auf dem Rasen.

Verdutzt blieb Gottliebe einige Sekunden stehen, der Mann richtete sich

auf, und das Mädchen erkannte in ihm einen ehemaligen Gärtner, den

der Hofverwalter vor einiger Zeit wegen Untreue entlassen hatte. »Ach

gnädigstes Fräulein,« stammelte der Mann, »ich wollte -- ich dachte --!«

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 6 / 12 段