rief sie schluchzend, »ach ja, ich will ja ganz gewiß ein leibhaftiger
Friedensengel werden, wenn's nur nicht so gräßlich schwer wäre. Hops!
habe ich immer alles vergessen, und ich glaube, ich platze, wenn ich
nicht sage, was ich denke.«
Pfarrer Buschmann lächelte linde, der kleine, zukünftige Friedensengel
hatte doch noch recht viel zu lernen für sein Amt. »Mir scheint,
Mariellchen,« sagte er, »du platzt recht oft, mal vor Wut, mal vor
Neugier, mal vor Ungeduld, und schließlich werden wir doch einmal zu
Meister Schramm nach Langenstein fahren müssen und dir einen Reifen
umlegen lassen, oder die Flickmareike muß dich zusammennähen. Nimm dich
nur in acht, sonst sehen wir alle nie etwas von dem Friedensengel.«
Halb lachend, halb weinend gelobte Gottliebe Besserung. »Ich geh
nachher gleich zu Achim und bitte ihn, er soll gut sein,« sagte sie,
»denn wenn er brummt, kann ich ihn doch nicht versöhnen, und zu Raoul
will ich schrecklich nett sein.«
Nach ihrer Heimkehr fing Gottliebe gleich mit der Nettigkeit an, sie
raste in Joachims Zimmer und fand dort die Berkows. Das kümmerte
sie wenig. Mit einem lauten Schrei fiel sie dem Bruder um den Hals
und bettelte: »Sei wieder gut, ich hab's ja nicht böse gemeint, und
natürlich bist du viel, viel besser als alle andern.«
Joachim wollte zwar brummen, es tat ihm aber doch sehr wohl, daß
ihn die Schwester in Gegenwart der Freunde so leidenschaftlich
um Verzeihung bat. Er vergaß rasch, daß er eigentlich den Zank
hervorgerufen hatte und die Hauptschuld trug, und sagte gnädig: »Na,
laß nur, Liebe, es ist schon alles wieder gut. Aber nun geh, wir haben
etwas zu besprechen. Vielleicht bekommt ihr Mariellen es auch bald zu
erfahren, es ist etwas sehr Schönes, sehr Hohes, sehr Wichtiges. Erst
müssen wir Männer es aber allein bereden.«
Beinahe wäre Gottliebe nun vor Lachen über die »Männer« geplatzt, aber
sie bezwang sich, dachte an Pfarrer Buschmanns Mahnung und schlüpfte,
die Schürze vor dem Gesicht haltend, hinaus. Draußen kicherte sie
vergnügt hinter der Schürze und raste die Treppe hinab, dabei rannte
sie beinahe Jungfer Rosalie um. Die Jungfer war eine wichtige Person
in Hohensteinberg; sie waltete neben der Hausfrau in Haus und Hof und
nichts entging leicht ihren scharfen Blicken, keine Unordnung, keine
Nachlässigkeit blieb ungerügt.
»Hui,« brummte diese, »verdreht!« Die ältere, sehr hagere Person
richtete sich nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist
Gold, und schien eine wahre Abneigung gegen Silber zu haben. Wenn sie
einmal mehr als zehn Worte hintereinander sagte, staunte das ganze
Haus. Trotzdem führte sie in der Küche ein scharfes Regiment, und wenn
sie ein Wort sagte, so war das oft so gut wie eine lange Strafpredigt.
Auch Gottliebe entfloh ihr heute eilig, die Jungfer hatte so grimmig
dreingesehen, daß es wohl besser war, nicht in ihre Nähe zu kommen.
Doch kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, da fiel ihr ein, Jungfer
Rosalie könnte ihr doch einen Apfel geben. Diesen Apfel könnte sie
Raoul bringen, und Raoul würde sich darüber freuen, und dann würden sie
zusammen plaudern. Sie lief also hinter der Jungfer her, faßte sie am
Rockzipfel und bettelte: »Schenk mir einen Apfel!«
»Jetzt?« Die Jungfer sah Gottliebe nur an, und hinter dem »Jetzt«
meinte diese zu hören: »Jetzt ist es gar keine Zeit, Äpfel zu fordern.
Äpfel sind Leckerbissen in dieser Zeit, und es ist sehr viel verlangt
und sehr unbescheiden, so mitten am Tage einen Leckerbissen zu
verlangen.«
»Ach Jungfer Rosalie, zuckersüße Jungfer Rosalie,« flehte Gottliebe,
»es ist ja für Raoul, weißt du. Der arme Raoul ist traurig; Achim
war so garstig zu ihm, und ich glaube, der arme, arme Raoul ist sehr
unglücklich bei uns, und Herr Pfarrer Buschmann hat gesagt, ich möchte
doch ein Friedensengel sein.«
»Schnapp!« knurrte die Jungfer, der die Rede viel zu lang war, aber
dann nahm sie ihr Schlüsselbund und suchte sehr nachdrücklich einen
Schlüssel, in dem Gottliebe sofort den zur Apfelkammer erkannte. Sie
lief, selbst erstaunt über ihren schnellen Erfolg, vergnügt hinter der
Jungfer her und erhielt auch wirklich den gewünschten Apfel, sogar
einen besonders schönen roten. Sie ahnte nicht, daß Jungfer Rosalie ein
tiefes Mitleid für den blassen Fremdling im Herzen trug. Sie bewohnte
nämlich die Kammer neben Raouls Stube, und schon manche Nacht war das
heiße, sehnsüchtige Schluchzen des Knaben an ihr Ohr gedrungen. Man muß
ihm gut tun, dachte sie, und sie war froh, daß Gottliebe den gleichen
Wunsch hegte. Sie drehte sich daher an der Tür noch einmal um und
sagte: »Recht, daß d' gut bist!«
Zur selben Stunde sprach auch Josua Buschmann der Kammerherrin davon,
daß man Raoul gut tun müsse. Die alte Dame hörte ihn schweigsam an,
aber der herbe Ausdruck ihres Gesichts milderte sich nicht. Endlich
sagte sie kühl: »Ich glaube, Sie irren sich, lieber Buschmann. Der
Junge ist von anderer Art; er mag im Herzen doch mehr der Nation seiner
Mutter angehören und fühlt sich darum fremd hier. Das macht ihn still
und verschlossen.«
Der Pfarrer schüttelte den Kopf und erzählte wieder, was Raoul
ausgerufen hatte. »Da klang ein tiefes Leid heraus. Ich weiß es nicht,
aber mir ist es schon manchmal seltsam vorgekommen, daß Raoul damals so
schnell kam, sich gar nicht nach der Anordnung seines Oheims gerichtet
hat. Vielleicht hatte er einen Grund.«
Ein feines, kühles Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. »Lieber
Buschmann, Sie sind ein Idealist und sehen mehr in dem Jungen, als in
ihm steckt. Er ist ein Trotzkopf, das habe ich schon damals auf der
Landstraße gemerkt. Darin gleicht er seinem Vater, aber freilich,« sie
seufzte tief, »der war ehrlich und offen, und Raoul ist hinterhältig
und verstockt. Vielleicht hat die Umgebung, in der er gelebt hat,
auch einen schlechten Einfluß auf ihn gehabt, obgleich dieser Meister
Käsmodel in Leipzig brav und ehrlich nach seinen Briefen schien.
Ich will aber an Ihre Worte denken und mich meines Enkelsohnes mehr
annehmen. Vielleicht gelingt es doch, ihn mehr zu einem Steinberg zu
erziehen, zu einem echten deutschen Mann.«
Der Pfarrer neigte still das Haupt. »Solche brauchen wir in dieser
Zeit, und vielleicht steckt in manchem ein Held, der stille seines
Weges geht, und die Zeit enthüllt wohl das Gute, das verborgen ist.«
[Illustration: Dekoration Ende 5. Kapitel]
[Illustration: Dekoration Titel 6. Kapitel]
Sechstes Kapitel.
Der Tugendbund wird gegründet.
Weihnachten kam und ging vorbei. Es war ein stilles Fest in diesem
Jahr, an dem die Sorgen nicht schwiegen. Teuerung im Lande und der
Krieg in Aussicht. Was sollte da erst werden, wenn die französische
Armee nach Rußland zog, wenn all die Tausende den Weg durch Deutschland
nahmen? Immer lauter klang die Frage, immer fühlbarer wurde allen die
Schmach, immer drückender empfand man das Joch der Fremdherrschaft.
Hohensteinberg lag im Winterschlaf, und im Hause ging alles seinen
stillen Gang weiter. Raoul war noch immer ein Fremdling im Hause,
nur mit Gottliebe sprach er manchmal vertraulicher. Ihr hatte er von
Gottlieb erzählt und von der Mutter. Da hatte Gottliebe plötzlich ihre
Arme um seinen Hals geschlungen und gerufen: »Wie lieb muß die gewesen
sein!« Seitdem war Raoul dem Bäslein im innersten Herzen zugetan, und
wenn er es auch noch nicht fertig brachte, ihr von allem zu erzählen,
so gab es doch manche heimliche Plauderstunde zwischen beiden, und
Raoul empfand Gottliebes Freundschaft als besonderes Glück, und seitdem
ertrug er die offene Feindschaft Joachims etwas leichter. Auch zu
seiner Tante Maria und zu dem Pfarrer trug er eine stille Zuneigung im
Herzen, aber immer wieder verschloß ihm eine unerklärliche Scheu den
Mund, und die Großmutter sagte manchmal zürnend, wenn sie es in ihrer
herben Art wieder versucht hatte, Raouls Vertrauen zu gewinnen: »Der
ist doch von anderer Art.« Dann war sie so schroff und abweisend gegen
den Knaben, konnte ihn so hart anlassen, daß sie wieder zerstörte,
was Frau Marias Milde, Gottliebes zärtliche Freundschaft und Pfarrer
Buschmanns klare Güte nach und nach aufgeweckt hatten. Und wie die
Mutter dachte der Sohn; auch er wurde kühler und kühler gegen den
Neffen, auch er sagte oft. »Er ist von anderer Art.«
Von Leipzig hatte Raoul noch keine Nachricht wieder. Er hatte
einmal an Gottlieb und Karl Wagner geschrieben, sein Brief hatte
traurig geklungen, und er hatte ihn lange liegen lassen, ehe er ihn
absandte. Als er dann fort war, dachte er freilich oft: Wenn sie doch
antworteten, mir erzählten, wie dort alles ist! Aber die Zeit verrann,
der Brief kam noch immer nicht.
An einem Januartag war die Großmutter mit ihren Enkelinnen wieder
einmal in Langenstein gewesen, und sie kehrten von der Fahrt zurück,
als das erste leise Dämmern begann. Der Gutsherr kam eilig herbei,
um seiner Mutter ritterlich beim Aussteigen zu helfen. An seinem Arm
führte er sie in das Haus. Es waren Gäste gekommen, und die Erwachsenen
saßen in dem Staatszimmer des Hauses.
In der Halle kam Joachim seinen Schwestern entgegen. »Kommt nach oben,«
sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihnen und Karoline, »ich habe mit
euch zu reden.« Ein mißtrauischer Blick streifte dabei Raoul, der
gerade dazukam.
Hurtig sprangen die drei Mädchen die breite Holztreppe hinauf, die in
das erste Stockwerk führte, und langsam folgte ihnen Joachim.
Raoul starrte ihnen nach. Immer blieb er doch ausgeschlossen, immer
allein. Jetzt hatten die andern wieder ein Geheimnis vor ihm, er merkte
es an ihrem Flüstern und Tuscheln, an ihren verlegenen Mienen, wenn er
plötzlich zu ihnen trat. Und wieder dachte er, wie er so verlassen in
der Halle stand: Ich könnte weit weggehen, weit weg, und niemand würde
mich vermissen.
Während sich Raoul in seinem Zimmer in ein Buch vertiefte, saßen in
Joachims Kammer die andern Kinder mit den drei Berkows zusammen,
denn auch Helene von Berkow, ein kräftiges, frohes Mädel von
dreizehn Jahren, war mitgekommen. Die vier Mädchen hockten eng
aneinandergeschmiegt wie drei Spätzlein auf dem Dachfirst auf einer
großen, buntbemalten Truhe; Joachim selbst hatte seinen Platz aus dem
einzigen Stuhl, der sich in dem Zimmer befand, während seine Freunde
auf dem Bett saßen.
»Hiermit haben wir also heute den Tugendbund gegründet,« sagte Joachim
und schlug kräftig auf ein kleines, grünes Buch, das vor ihm auf dem
Tische lag. Auf der ersten Seite des Buches stand: »Gut preußisch
alleweg,« darunter: »Heute wurde allhier der Tugendbund gegründet.
Hohensteinberg, am 17. Januar 1812.« Auf der nächsten Seite stand: »Wir
geloben alles, was in unserer Kraft steht, zum Wohle des Vaterlandes zu
tun.« Arnold von Berkow hatte noch trotz des allgemeinen Widerspruchs
darunter geschrieben: »Fluch Bonaparte, und Verderben allen Feinden des
Vaterlandes!« Zuletzt kamen die Namen, und wohlgefällig besahen sich
nun alle das Buch.
»Und es ist doch unrecht, daß wir Raoul nicht mit dazu nehmen,« sagte
Gottliebe plötzlich, nachdem sie eine Weile schweigsam dagesessen hatte.
»Es geht nicht,« rief Joachim heftig, »er ist doch ein halber Franzose
und ein Schleicher und Heimlichtuer dazu! Der gehört nicht in unsere
Gesellschaft.«
Gottliebe stieß mit ihren Füßchen, die in schwarzen Kreuzbänderschuhen
und weißen Zwickelstrümpfen steckten, nachdrücklich an die Truhenwand.
»Er ist ein Steinberg wie wir, und ein Schleicher ist er nicht, und es
ist abscheulich, daß wir ihn nicht in den Tugendbund aufgenommen haben.
Wir behandeln ihn alle schlecht, und du bist am allerschlechtesten zu
ihm.«
»Aber Liebe!« sagte die sanftere Gottlobe erschrocken, und Joachim warf
der Schwester einen strafenden Blick zu.
»Frauenzimmer haben zu schweigen, wenn Männer reden,« rief Arnold von
Berkow mit dem ganzen Stolz seiner fünfzehn Jahre. Gottliebe lachte
hell auf. »Zwei Jahre bist du älter und redest wie ein Uralter; dabei
sagt der Herr Pfarrer, deine Exerzitien wären voller Fehler,« spottete
sie. Das Lachen steckte an, Karoline hielt sich kichernd ihre schwarze
Taftschürze vor das Gesicht, und Gottlobe quiekte vor Vergnügen.
»Siehst du, Joachim,« rief Arnold erbost, »ich habe es immer gesagt:
die Mariellen stören unsern ganzen Bund.«
»Sei doch nicht so ungalant,« sagte Karoline schmollend und verzog
ihr hübsches Gesicht. Gottliebe aber sprang lachend auf. Schlank und
feingliedrig stand sie da, wie goldene Fäden schimmerten ihre blonden
Haare, ihre blauen Augen blitzten übermütig, und mit einem tiefen
Knicks verneigte sie sich schelmisch vor Arnold von Berkow und sagte
neckend: »Ich, ein Frauenzimmer, bitte um Verzeihung, daß ich hier bin
und Luft schnappe, happ, happ!« machte sie dazu.
Arnold sah sie halb lachend, halb ärgerlich an, aber Joachim rief
drohend: »Du bist ein Irrwisch, Liebe. Wenn du nicht still bist, wirst
du hinausgesteckt!«
»Pah, du Brummbär!« sagte Gottliebe leichthin.
»Geh lieber hinaus -- geh doch zu Raoul!« schrie der Bruder heftig.
Blitzschnell verschwand bei diesen Worten der Ausdruck heiterer
Schelmerei aus Gottliebes Gesicht; mit zornsprühenden Augen maß sie den
Bruder, und wie sie beide so nebeneinander standen, da glichen sie sich
Zug um Zug, beider Augen schimmerten fast schwarz vor Zorn.
»Liebe, aber Liebe, Joachim, zankt euch doch nicht!« rief Gottlobe
ängstlich. Sie wußte schon, wenn Bruder und Schwester aneinander
gerieten, gab es, trotz aller Liebe, heftige Worte. Doch Gottliebe warf
den Kopf zurück und sagte trotzig: »Ich gehe. Gründet ihr alleine euren
Tugendbund. Es ist doch Kinderei -- ihr wißt ja gar nicht, was ihr
wollt!«
»Ja geh, geh nur schnell, geh zu Raoul, du -- du Franzosenfreundin du!«
rief Joachim empört.
Einen Augenblick starrte Gottliebe den Bruder an, als wollte sie
auf ihn losspringen, dann warf sie die blonden Locken in den Nacken
und verließ lachend das Zimmer. Draußen aber stürzten ihr jäh die
Tränen aus den Augen, und ein paar Sekunden lehnte sie fassungslos
an der Wand. Dann eilte sie in das obere Stockwerk; dort gab es ein
Kämmerchen, das nur zum Aufbewahren getrockneter Kräuter gebraucht
wurde. Gottliebe hatte hier schon manchen Kummer verweint, und das
dämmrige Kräuterkämmerchen war ein rechter Schmoll- und Trostwinkel
für sie geworden. Sie weinte sich auch an diesem Tage die Last vom
Herzen, und als sie genug geweint hatte, schüttelte sie sich wie
ein ins Wasser gefallenes Kätzchen und sagte, überzeugt, daß bald
alles wieder gut sein werde, ein paarmal in die kräuterduftende
Stille hinein: »Der dumme Tugendbund ist an allem schuld, der dumme
Tugendbund!«
»Wir wollen Gottliebes Namen ausstreichen,« sagte Joachim bedrückt, als
die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Er ergriff den Gänsekiel und
strich den Namen aus, und dabei klangen in ihm die Worte nach: »Es ist
ja Kinderei!« Hatte die Schwester vielleicht recht?
Joachim hatte viel durch einen Oheim von dem Königsberger Tugendbund
gehört, dessen Auslösung König Friedrich Wilhelm _III._, dem
französischen Drucke nachgebend, im Dezember 1809 verfügt hatte. Alle
echten Vaterlandsfreunde waren durch diese Auflösung schmerzlich
betroffen worden, auch in Hohensteinberg hatte man bitter darüber
geklagt. Joachim sah auch die Not des Vaterlandes. Fest wurzelten in
seiner Erinnerung noch die Schrecken des Kriegswinters von 1806/07,
und in seinem jungen, feurigen Herzen reifte so der Plan, etwas zur
Befreiung des Vaterlandes zu tun, irgend eine stolze, mutige Tat
auszuführen. In den beiden Berkows fand er Gesinnungsgenossen. Alle
drei schmiedeten schon lange abenteuerliche Pläne und gründeten endlich
zusammen einen Bund, den sie mit einem gewissen Trotz den »Tugendbund«
nannten, und für den sie eine glänzende Zukunft träumten. Weil Fritz
von Berkow gemeint hatte, ein Bund müßte viele Mitglieder haben, und
es auf den umliegenden Gütern wenig Altersgenossen gab, hatten die
Brüder mit viel gnädiger Herablassung die Schwestern zum Beitritt
aufgefordert, obgleich Helene von Berkow gleich sagte, die Sache wäre
doch ein wenig unheimlich und vielleicht auch unrecht.
»Was sollen wir nun eigentlich tun?« fragte Karoline plötzlich
gelangweilt; sie fand, Joachim brauche recht viel Zeit, Gottliebes
Namen auszustreichen.
»Warten, bis die Zeit kommt. Ihr Frauenzimmer seid auch immer
ungeduldig!« rief Arnold von Berkow ärgerlich.
»Ja, wir wollen etwas tun,« rief Fritz, dem die lange Pause auch
nicht gefiel. »Joachim, mache einen Vorschlag, was wollen wir zuerst
beginnen? Auch ein Freikorps bilden wie der Schill? Heisa, das sollte
ein Kämpfen werden!«
Joachim klappte langsam das Buch zu und starrte den Freund an. Das
war ein schmalbrüstiger, überlanger Junge, dessen wasserblaue Augen
nicht gerade geistreich dreinsahen. Der ein zweiter Schill! Er hätte
lachen mögen, so töricht kam ihm auf einmal die Sache vor, und dabei
rötete sich doch seine Stirn vor Scham und Ärger. Hastig warf er das
Buch in seine Truhe und rief ungeduldig: »Für heute ist's genug, ich
schließe die Versammlung! Am Mittwoch treffen wir uns des Nachmittags
im Freundschaftstempel, da sind wir ungestört.«
Die andern stimmten Joachims Vorschlag zu, Gottlobe und Karoline zwar
etwas verstimmt über Gottliebes Austritt, sie wagten aber nicht recht,
ihre Partei zu nehmen, und so verließen sie alle die Stube -- die erste
Sitzung des Tugendbundes hatte ihr Ende erreicht.
Nach einem Streit hatten sich sonst die Geschwister wohl noch
ein bißchen angeknurrt oder waren ein paar Stunden um einander
herumgegangen wie Muja, die Hauskatze, um ihre Suppenschüssel, wenn
ihr der Dampf zu heiß ins Näschen stieg, aber dann hatte Liebe ein
wenig geblinzelt, Joachim hatte irgend etwas Unverständliches geknurrt,
und auf einmal hatten dann beide gelacht, herzlich befreiend, und die
Schwester war wohl dem Bruder um den Hals gefallen, oder der hatte
lachend die blonden Locken gezaust.
Diesmal war es anders, und die Versöhnung kam nicht mit solcher
Windeseile, wie Gottliebe es gemeint hatte. Tage kamen, Tage gingen,
und immer wich Joachim in stummem Trotz der Schwester aus. Er tat
es, weil er sich schämte, und dieses Gefühl verbarg er hinter einer
beleidigten Miene.
Er hatte rasch alle Lust an dem Tugendbund verloren, aber er wagte es
nicht einzugestehen, daß er sich selbst mit seinen Ideen auf einmal
sehr kindisch und unreif vorkam. Als das nächste Mal die Verbündeten
zusammenkamen, hielt er dann die wildesten, blutdürstigsten Reden,
sprach von Freischaren, und daß man, wenn die Franzosen nach Rußland
ziehen würden, diese angreifen müßte; er betäubte die mahnende Stimme
in seinem Herzen selbst durch seine wilden Worte.
Ich bitt' ihn nicht, wenn er nicht will, dachte Gottliebe, wenn
ihr stummes Werben, ihr versöhnliches Entgegenkommen immer wieder
zurückgewiesen wurde. Sie litt aber schwer unter dem Zwist mit dem
Bruder. Sie wurde darüber still und nachdenklich, und nicht mehr wie
sonst schallte ihre Stimme unter denen der Geschwister in hellster
Fröhlichkeit heraus. Und weil sie selbst litt, begann sie immer besser
zu verstehen, wie einsam und verlassen sich Raoul fühlen mußte. Sie
suchte darum immer mehr, dem Vetter Freundlichkeiten zu erweisen, und
ließ diesen nicht mehr so allein seines Weges gehen.
Pfarrer Buschmann, der viel in der Welt seiner Bücher lebte, freute
sich darüber. Der sanfte, stille Mann ahnte nichts von dem unter den
Geschwistern ausgebrochenen Streit, er dachte, nun würde Joachim
bald dem Beispiel seiner Schwester folgen. Er lächelte darum auch
nachsichtig und milde, als Gottliebe an einem sonnenhellen Nachmittag
ziemlich ungestüm in die Bücherstube eindrang mit dem Ruf: »Kommst du
mit nach Langenstein, Raoul?«
»Warum willst du denn so eilig dorthin, Liebe?« fragte Josua Buschmann
und sah das errötende Mädel freundlich an.
Gottliebe hatte nicht gewußt, daß der Pfarrer anwesend war, und sie
erzählte etwas verlegen: »Großmutter möchte von Jungfer Mahdissen
allerlei haben, und weil Heinrich gerade nach Langenstein fährt, soll
ich selbst mitfahren und alles holen.«
Jungfer Mahdissen war ein kleines, ältliches Persönchen. Sie besaß ein
Lädchen, in dem es Zwirn, Nadeln, Wolle, auch allerlei Stoffe, Bänder
und Perlen gab. Zu ihr gingen die Steinbergschen Mädchen himmelgern,
der Laden -- es war eine kleine Stube mit einer Türe nach dem Flur,
an der ein Glöckchen bimmelte, wenn jemand kam -- barg so viele
Herrlichkeiten, alles darin erschien den jungen Dingern wundervoll, und
Liebe in ihrer stürmischen Art hatte schon oft gewünscht: »Ich möchte
einen Laden haben wie Jungfer Mahdissen!«
Seit Karoline von Prillwitz einmal die Kostbarkeiten des Lädchens ein
wenig naserümpfend betrachtet hatte, meinte auch Gottlobe, es sei nicht
mehr so reizvoll, zu Jungfer Mahdissen zu gehen, und so hatte sich
Gottliebe allein erboten, für die Großmutter einzukaufen. Nachher hatte
es den andern freilich leid getan, und sie wären gern mitgefahren,
obgleich nur der alte Kastenschlitten benutzt wurde, aber Liebe,
ärgerlich über Karolines Putenhaftigkeit, wie sie das Urteil der Base
nannte, erklärte schnippisch: »Großmutter hat mir den Auftrag gegeben,
nicht euch!«
»Ist auch besser,« spottete Line, »wir haben wichtigere Dinge vor.«
Sie meinte damit eine Sitzung des Tugendbundes, die am Nachmittag
stattfinden sollte, und Liebe, die sie wohl verstand, wurde blutrot
und lief wütend hinaus. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie an den
Tugendbund dachte, und daß sie nicht dabei sein durfte, und vor lauter
Schmerz und Ärger, und weil sie sich ganz verlassen fühlte, rannte sie,
um Raoul zu holen.
»Also zu Jungfer Mahdissen,« sagte der Pfarrer schelmisch, »da fahre
nur mit, Raoul, und sieh dir das Zauberreich an. So etwas Schönes hast
du gewiß noch nie gesehen. Vergiß nur das Wiederkommen nicht, Liebe,
und grüß mir die Jungfer auch.«
Liebe dankte und knickste und lief dann mit Raoul hinaus. Der
Kastenschlitten stand schon zur Abfahrt bereit, und Heinrich brummelte
bereits über die »Nölerei«. Geschwind stiegen die beiden hinein,
wickelten sich in ein paar dicke Wolldecken, und fort ging es auf
glatter, schimmernder Schneebahn dem Städtchen zu.
Joachim hatte die beiden fahren sehen, auch Lobe und Line, und alle
drei fanden es empörend von der Schwester und Base, daß sie Raoul ihnen
so vorzog, und alle drei gestanden sich die eigene Schuld nicht ein.
Auch die Kammerherrin hatte von ihrem Fenster aus die Abfahrt
beobachtet, aber sie hatte sich darüber ein wenig gefreut, es war schon
besser, die Kinder vertrugen sich zusammen.
»Wer ist denn Jungfer Mahdissen?« fragte Raoul das Bäslein.
[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 91.)]
Etwas Besseres, um ein Gespräch in Gang zu bringen, hätte Raoul nicht
fragen können. Liebes Zünglein kläpperte förmlich, und mit bewundernder
Begeisterung schilderte sie den kleinen Laden; dazwischen sagte sie
immer wieder: »Wirst schon sehen!«
»Wie bei Käsmodels,« sagte Raoul sinnend, als Liebe sogar die bimmelnde
Ladentür erwähnte, und auf der Base Gegenfrage erzählte er wieder von
dem Bäckerhaus. Darüber verging den beiden die Zeit fast zu schnell,
sie hatten beide kaum einen Blick für die weiße, im Sonnenglanz so
schöne Landschaft. Wie eine tiefblaue Wand begrenzte fern der Nadelwald
den Horizont. Sie waren der Stadt schon nahe gekommen, als über ihnen
ein Krähenzug mit lautem Gekrächz hinwegzog, dem fernen Walde zu.
»Wohin geht es dort?« fragte Raoul, dessen Blicke den schwarzen Vögeln
folgten.
»In einem weg nach Rußland, ein gut Stück bis hin ist's freilich noch,«
sagte Kutscher Heinrich, der die Frage gehört hatte; er drehte sich um
und wies mit dem Peitschenstiel nach Osten: »Dorthin will der Bonaparte
ziehen, sagen jetzt alle. Einen weiten Weg hat er, wird manchem jungen
Kerl das Leben kosten.«
Liebe schauerte zusammen und schmiegte sich unwillkürlich fester an den
Vetter an. »Wenn die Franzosen nach Rußland ziehen, dann -- dann --«
sie stockte und sah in hilfloser Angst zu dem Knecht auf.