Aber Raoul folgte der Aufforderung nicht, so verlockend es für ihn war,

seine müden Füße ausruhen zu können; die hochmütige Art verdroß ihn. So

verneigte er sich nur mit dem feinen, zierlichen Anstand, den er der

Erziehung seiner Mutter verdankte, und sagte höflich: »Ich danke sehr,

gnädige Frau, aber ich kann noch gehen!« Und ohne Besinnen nahm er

wieder sein Bündel über die Schulter und trabte die Landstraße entlang.

Die Augen der alten Frau blitzten. Wie ein Wetterleuchten zog es über

das alte, herbe Gesicht, und ohne sich noch weiter um den Knaben zu

kümmern, rief sie: »Fahr er zu, rasch, laß er die Pferde laufen!«

Heinrich folgte dem Befehl, und eine Minute später rollte das Gefährt

an Raoul vorbei. Eine Staubwolke umhüllte den Jungen, der noch einmal

stehen blieb und wartete, bis der Wagen einen weiten Vorsprung hatte,

dann schritt er weiter, nicht schnell, denn das Wandern fiel ihm

schwer, es war ihm ungewohnt, und ein Fuß war schon wund gelaufen. --

Raoul von Steinberg war glücklich mit Meister Koch nach Halle gekommen

und von da in tagelanger Postfahrt über Berlin bis nach Thorn. Von

hier aus war das Vorwärtskommen beschwerlicher gewesen. Er selbst

wußte nicht die rechte Richtung, die Posten gingen seltener und waren

besetzt, auch war seine Barschaft sehr zusammengeschmolzen. Meister

Käsmodel hatte selbst noch nie eine so weite Reise gemacht und hatte

gemeint, gar gut und reichlich für seinen Schützling gesorgt zu haben,

und es wäre ihm selbst wohl bitter leid gewesen, wenn er gewußt hätte,

wie mühselig dessen Reise war. Aber Raoul hatte sich schon in seiner

Jugend in mancherlei Widerwärtigkeiten schicken müssen, er kam durch,

lebte einfach, schlief in Scheunen und sah sich endlich dem Ziel seiner

Reise nahe. Etlichemal hatten Bauern ihn ein Stück des Weges für einen

freundlichen Dank mitgenommen, und er war gern gefahren; die stattliche

Dame aber in dem wohlhäbigen Wagen hatte ihm das Mitfahren doch zu sehr

als ein Almosen angeboten, und eine solche Behandlung wollte er sich

nicht gefallen lassen.

»Ich komme schon hin,« dachte der Knabe mutig und schritt weiter, »lang

kann's nicht sein!« Und wieder wie in all den vergangenen Reisetagen

suchte er sich seine neue Heimat vorzustellen, und wie man ihn wohl

empfangen würde, und ob der Oheim dem Vater ähnlich sah.

Endlich sah er das Gutshaus am Ende einer langen, schattigen

Lindenallee auftauchen: ein schlichtes, zweistöckiges, aber

umfangreiches Gebäude, an das sich links der Gutshof mit Scheunen und

Stallungen anschloß, rechts dehnte sich weit, von einer niedrigen

Lehmmauer umgeben, ein großer Park aus. An der Haustüre standen

der Freiherr von Steinberg, neben ihm seine Frau Maria, und beide

umdrängten die drei blonden Bäslein, die seit der Begegnung auf der

Landstraße es vor Neugier einfach nicht mehr aushielten, sich den neuen

Vetter näher anzuschauen. Joachim, der noch nicht ganz fünfzehnjährige

Sohn des Hauses, stand etwas zurück in dem weiten Hausflur. Er

wollte es nicht zeigen, daß auch ihn der unbekannte Vetter lebhaft

beschäftigte, denn er hatte es den beiden Schwestern und der Base mehr

als einmal gesagt, daß es ihm lieber wäre, wenn der Halbfranzose gar

nicht käme; eine rechte Sache würde das doch nicht mit ihm.

»Die Großmutter tat recht, daß sie ihn auf der Landstraße stehen

ließ,« hatte er erklärt, als die Mädels sehr lebhaft ihre Begegnung

schilderten.

Darüber waren die Schwestern tief entrüstet gewesen, denn sie empfanden

inniges Mitleid mit dem blassen Knaben. »Die Großmutter hätte ihn doch

mitnehmen sollen, ihm sagen, wer wir waren,« grollte Gottliebe. Sie

ahnte nicht, daß der alten Frau selbst schon ihr rasches Davonfahren

leid tat.

»Wäre er doch endlich da, der arme Junge!« sagte die Hausfrau gerade

leise, als Raoul am Anfang der Allee auftauchte.

»Dort kommt er,« riefen die Mädels, und als sie sahen, daß Vater und

Mutter schnell dem Ankommenden entgegengingen, taten sie es ihnen nach,

und so sah sich Raoul auf einmal von den neuen Verwandten umringt: man

hatte ihn erwartet, wußte von seinem Kommen. Er sah die Bäschen an

und errötete heiß, denn er erkannte sie gleich wieder, und zugleich

wußte er auch, ohne daß es ihm jemand sagte, daß die alte Dame seine

Großmutter gewesen war. Seines Vater Mutter! Er senkte stumm den Kopf,

und in die tiefe Freude, die ihn erfüllt hatte, als er endlich das

Heimatshaus seines Vaters erblickte, endlich am Ziel war, fiel der

erste bittere Tropfen.

»Willkommen, mein Junge!« sagte der Oheim herzlich und hob das Gesicht

des Knaben zu sich empor. Ernst, traurig sah dieser ihn an, und das

gleiche Gefühl der Reue, das ihn ergriffen hatte, als Meister Käsmodels

Brief eingetroffen war, bewegte wieder des Freiherrn Herz. Er zog den

Knaben an seine Brust und sagte warm: »Gott segne deinen Eingang.«

Frau Maria empfing den Neffen mit gleicher Herzlichkeit. Auch die

blonden Bäslein grüßten ihn froh, und schon wollte ein Gefühl der

Befreiung über Raoul kommen, als Joachim hinzutrat. Dieser, der ihn ein

beträchtliches Stück überragte, sah hochmütig, ja fast verächtlich auf

den in abgetragenen, verstaubten Kleidern steckenden Vetter herab. Wie

ein Betteljunge sieht er aus, dachte er, und dieser Gedanke stand so

deutlich auf seinem Gesicht, daß Raoul rasch die schon ausgestreckte

Hand sinken ließ. Vor ihm tauchte das derbe, gutmütige Gesicht seines

Freundes Gottlieb Käsmodel auf, und eine heiße Sehnsucht nach dem

Bäckerhaus wallte in ihm empor.

»Nun, da ist ja der Wanderbursch, der das Fußlaufen angenehmer findet

als das Wagenfahren,« rief die Kammerherrin durch den Flur. Vor innerer

Bewegung klang die Stimme der alten Frau härter und herber als sonst;

sie mußte an sich halten, um das Kind ihres Sohnes, dieses Sohnes, um

den sie zahllose Tränen geweint und tausend Schmerzen gelitten hatte,

nicht weinend an ihr Herz zu ziehen. Raoul hörte nur die Härte, die

Herbheit heraus; er dachte nur daran, daß es die Großmutter gewesen

war, die ihn auf der Landstraße hatte stehen lassen. Unwillkürlich

raffte er sich zusammen und verbeugte sich dann höflich und küßte die

Hand der alten Frau, aber seine Lippen blieben fest geschlossen, und in

seine sonnenverbrannte Stirn zog sich eine tiefe, senkrechte Falte, die

seinem Gesicht etwas unendlich Hochmütiges, Trotziges gab.

Genau so hatte sein Vater einst die Stirn gezogen, und in diesem

Augenblick glich er trotz den dunklen Augen und den dunklen Locken dem

Vater so auffallend, daß die Kammerherrin diesen zu sehen vermeinte.

Fast entsetzt starrte sie den Enkelsohn an, dann wandte sie sich stumm

ab und verließ wortlos, nicht so aufrecht als sonst die Halle, -- die

alten Wunden waren von neuem aufgebrochen.

Frau Maria tat der arme, blasse Knabe leid. Sie zog ihn mütterlich

liebevoll an sich und sagte herzlich: »Nun komm aber erst in deine

Kammer, mein Kind, du wirst müde und hungrig sein. Heute sollst du Ruhe

haben, morgen erzählst du uns dann von deiner Reise und siehst dich in

deiner neuen Heimat um!«

»Morgen soll er erst erzählen?« rief Gottliebe namenlos enttäuscht, die

schon immer vor Ungeduld von einem Bein auf das andere getreten war,

»ich platze ja vor Neugier!«

»Dann wirst du wieder zusammengenäht, Mariell,« tröstete der Vater,

und das heitere Lachen, in das alle einstimmten, fand nun selbst

auf Raouls Gesicht einen schwachen Widerschein. Zum Erzählen war er

aber doch zu müde, und er war froh, als er im Bett lag und schlafen

durfte. Er schaute sich auch kaum noch in der freundlichen Stube um,

in die ihn Frau Maria führte, und deren sanfte Stimme sowie Gottliebes

zwitscherndes Lachen draußen aus dem Flur waren das letzte, was er noch

mit wachen Sinnen hörte, dann schlief er ein. Tief und fest schlief er

einem neuen Tage, einem neuen Leben entgegen.

[Illustration: Dekoration Ende 4. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 5. Kapitel]

Fünftes Kapitel.

Als Fremdling in des Vaters Heimat.

Als Raoul am nächsten Morgen spät erwachte, schien die Sonne hell in

sein Stübchen; in allen Winkeln lag das goldene Licht, und von seinem

Bett aus konnte der Knabe noch in die Krone einer dicken Kastanie

hineinsehen. Er lag ein Weilchen blinzelnd still, er mußte es sich

erst überlegen, daß er nun wirklich in Hohensteinberg, der Heimat

seines Vaters war. Dann aber sprang er eilig aus dem Bett, zog sich

den Sonntagsanzug an, den ihm Meister Käsmodel noch gekauft hatte, und

eilte die Treppe hinab. Er hatte es sich nicht recht gemerkt, wo das

Wohnzimmer lag, und als er Stimmen hörte, ging er dem Schall nach und

stand unversehens vor einer offenen Tür. In dem Gemach, das ganz wie

sein Stübchen von Sonnenlicht durchflutet war, saßen die Kinder des

Hauses beisammen mit ein paar jungen Gästen, die eben eingetroffen

waren: Arnold und Fritz von Berkow, deren Vater der nächste Nachbar

von Hohensteinberg war. Am Fenster saß die Großmutter, und neben ihr

stand ein großer überschlanker Mann, Pfarrer Josua Buschmann. Dieser

lebte auch auf dem Schlosse und versah zugleich neben seinem Pfarramt

das eines Lehrers der Steinbergschen Kinder. Das Pfarrhaus im Dorf

war 1807 in dem trübseligen, schweren Kriegswinter abgebrannt, und des

Pfarrers Weib war wenige Wochen später gestorben. Da war der einsame

Mann ins Schloß gezogen, um der Gemeinde nicht die Last aufzubürden,

ein neues Pfarrhaus bauen zu müssen. Er war mit den Berkows zusammen

gekommen, da er am Tage vorher über Land gewesen war.

Niemand hatte Raoul kommen hören, und einige Sekunden stand er zögernd

und verlegen an der Türe, unschlüssig, was er tun sollte, als die

Stimme Arnolds von Berkow sich laut aus den andern hervorhob: »Sagt,

was ihr wollt, seine Mutter war doch eine Französin. Also ein halber

Franzose ist euer Vetter doch und kein Verlaß auf ihn!«

Ein Schrei entrang sich Raouls Lippen, und plötzlich stand er mitten

im Zimmer, stand vor dem langen Jungen, der ihn um einen halben Kopf

überragte, und streckte ihm die drohend geballte Faust entgegen. »Meine

Mutter, meine Mutter« -- er konnte vor Empörung nicht sprechen, nur

seine Augen blitzten in wildem Zorn.

Josua Buschmann sprang hinzu und zog den leidenschaftlich erregten

Knaben fort, die Großmutter gebot scharf: »Geht hinaus, ihr Buben!« und

einige Augenblicke später war Raoul allein mit der Großmutter, seiner

Tante und dem Pfarrer. Die Buben und die Bäslein hatten alle zusammen

das Zimmer verlassen.

Frau Maria sprach freundlich zu ihm, auch die Großmutter sagte ein paar

Worte, aber Raoul war es doch, als hätte sich der helle Sommermorgen

auf einmal in einen grauen, trüben Regentag verwandelt, und nur mühsam

gab er auf alle Fragen Antwort. --

Raoul war mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Liebe hergekommen, und

auf der langen, beschwerlichen Reise hatte er sich die heitersten

Bilder ausgemalt. Er hatte eine tiefe Dankbarkeit empfunden, daß er

kommen durfte, und dabei hatte er auch wieder mit ein bißchen Stolz

gedacht, daß die Verwandten sich gewiß recht freuen würden, daß er

Hohensteinberg gewählt hatte und nicht nach Paris gezogen war. Ein

grenzenloses Vertrauen zu der Mutter, dem Bruder seines Vaters war

in ihm aufgeblüht; alles wollte er ihnen sagen, sein ganzes Leben

schildern, und nun war es plötzlich, als habe sich da in seinem

Herzen eine Türe geschlossen. Wie zugeschüttet war alles durch das

eine unbedachte Wort. Er hatte es in seinem jungen Leben gelernt sich

zu beherrschen, und so gab er sich auch alle Mühe, niemand merken

zu lassen, wie es in seinem Herzen aussah. Kein Wort kam über seine

Lippen, wenn er nicht gefragt wurde, und wenn er antwortete, tat er es

so knapp und kurz, daß seine Verwandten wenig genug von seinem Leben

erfuhren. Warum er eigentlich so rasch von Leipzig abgereist war, ahnte

niemand in Hohensteinberg, niemand, wie tapfer Raoul für seine Mutter

gearbeitet hatte, und wie lieb ihm die Bäckerfamilie war.

Nach ein paar Tagen hatten sich alle im Hause daran gewöhnt, daß

Raoul da war, daß er schweigsam am Tisch saß, und daß er arbeitete

und lernte. Kam er, merkte man es kaum, ging er, vermißte ihn

niemand. »Er ist langweilig,« sagten die Basen; Joachim nannte ihn

»verstockt, falsch, einen Franzosenfreund«, denn er grollte ihm, daß

um seinetwillen sein Freund Arnold eine derbe Rüge empfangen hatte. Er

ist wohl nur scheu, dachte Frau Maria, aber ihr Mann und seine Mutter

empfanden es bitter, daß der Knabe so anders war als sein Vater; sie

beide hätten so gern gut gemacht, was sie an Unversöhnlichkeit und

Härte an seinen Eltern verschuldet hatten. Er ist von anderer Art,

dachte die Großmutter schmerzvoll und verschloß auch ihr Herz vor ihm,

wenn ihr gegenüber der Enkelsohn immer stumm blieb, ja ihr sichtlich

aus dem Wege ging.

Nur der Pfarrer Josua Buschmann ahnte etwas von dem stillen Leiden des

blassen Knaben. Er hatte ihn auf den Wunsch seines Onkels hin geprüft,

und er war erstaunt gewesen, wie viel Raoul wußte, obgleich er doch,

wie er selbst sagte, nie auf einer Schule gewesen war. Von dem Lernen

mit dem Bäckerbuben zusammen erzählte Raoul nie. In den ersten Tagen

nur hatte er einmal geantwortet: »Gottlieb hat mir das gesagt.«

Man hatte im Garten zusammengesessen, und Gottliebe rief verwundert:

»Gottlieb, mein Namensvetter, wer ist das?«

»Mein Freund,« gab Raoul kurz zur Antwort.

»Wie heißt er denn weiter?« forschte Gottliebe neugierig, »erzähl doch!«

»Er heißt Käsmodel, sein Vater ist Bäcker,« sagte Raoul mit leisem

Zögern. Er hätte gern noch mehr gesagt, denn auf einmal sah er deutlich

Gottliebs gutes, treues Gesicht vor sich, und die Sehnsucht, von ihm

sprechen zu können, erwachte jäh.

»Käsmodel,« schrie aber Karoline, »Käsmodel, nein, so ein Name! Und

mit einem Bäckersohn hast du verkehrt?« Sie war ein etwas hochmütiges

Jüngferlein und schnell und unbedacht in ihrer Rede; der Name erschien

ihr auch so lächerlich, daß sie kichernd ihre kleine Nase hinter einem

Buch verbarg. Auch Lobe lachte laut: »Käsmodel, nein, Käsmodel! Wie

drollig!«-- »Käsmodel!« rief auch Joachim spöttisch, »und von dem hast

du was gelernt, von dem stammt deine Weisheit?«

»Er ist mein Freund,« erwiderte Raoul herb, und wieder grub sich auf

seiner Stirn die senkrechte Falte ein, die ihn seinem Vater so ähnlich

machte.

»Er ist gewiß sehr nett,« sagte Gottliebe schnell, der der Vetter leid

tat, und auch Pfarrer Buschmann fragte freundlich nach dem Freunde

und warf den Spöttern einen mahnenden, zürnenden Blick zu. Später

fragte auch Frau Maria, und selbst der Oheim erkundigte sich nach den

Bäckersleuten, aber Raoul gab immer nur kurze, ausweichende Antworten.

Sie spotten doch nur über meine Freunde, dachte er bitter.

Er war durch diese Erfahrung noch scheuer geworden und fühlte sich bei

den Verwandten durch Worte verletzt, die er früher kaum beachtet hätte.

Meister Käsmodel hatte oft herzhaft über die Franzosenwirtschaft

geschimpft, und nie hatten Raoul und seine Mutter sich gekränkt

gefühlt; jetzt auf einmal spürte der Knabe überall eine Feindseligkeit

heraus.

Es wurde auf Hohensteinberg, als der Winter näher kam, viel von dem

kommenden Krieg zwischen Rußland und Frankreich gesprochen, der drohte,

und vor dem die Länder zitterten. An seinem Geburtstag, den 15. August,

hatte Napoleon dem russischen Gesandten so scharfe Worte gesagt, daß

alle den Krieg ahnten. Für Preußen war es durch die Mißernte des Jahres

ohnehin eine harte Zeit, wie würde es werden, wenn der Zug Napoleons

nach Rußland zur Wahrheit würde! Da ballte sich manche Faust heimlich

in der Tasche, und mancher tapfere Mann hätte lieber dreingeschlagen

als von einem Bündnis mit dem Eroberer gesprochen. Der König von

Preußen Napoleons Verbündeter! Wie ein Hohn erschien das vielen, und zu

denen, die des Landes Schmach mitfühlten, gehörte auch der Freiherr

von Steinberg.

In der Wohnstube von Hohensteinberg wurde manches freie, kühne

Wort gesprochen, wenn die Berkows da waren und _Dr._ Martinsen aus

Langenstein, des Hauses alter Freund. Die Jugend des Hauses durfte

zuhören. »Sie müssen die Not unserer Zeit erkennen lernen, sie müssen

aufwachsen in der Sehnsucht nach Freiheit,« pflegte der Freiherr zu

sagen.

Da war es Raoul aber manchmal, als stocke die Rede, wenn er dabei war;

und wenn ihm zuweilen in heißem Mitgefühl das Blut in die Wangen stieg

und er an seinen für das Vaterland gefallenen Vater dachte, da fühlte

er, wie die Großmutter oder der Oheim ihn prüfend ansahen. Warum wurde

er rot? Kränkten ihn die freien Worte?

Und warum schweigt er immer? dachte Joachim und sagte es dann zu seinen

Freunden.

»Er ist für die Franzosen, natürlich!« spottete Arnold.

Den drei Knaben wäre es am liebsten gewesen, sie hätten gleich in den

Kampf ziehen können. Was die Väter sprachen, erschien ihnen zu kühl und

besonnen, und die Schwestern waren auf ihrer Seite. Die hatten auch die

Köpfe voller Kriegsgedanken, am meisten Gottliebe, die war ungeduldiger

und feuriger beinahe als die Buben.

Gottliebe war Joachims Lieblingsschwester, sie genoß sein volles

Vertrauen, und die beiden hingen wie die Kletten zusammen. Die

sanftere, ein Jahr jüngere Gottlobe pflegte eine zärtliche,

schwärmerische Freundschaft mit Helene von Berkow, und seit Karoline

auf Hohensteinberg weilte, auch mit dieser.

Seit Raoul gekommen war, gab es aber manchmal Streit zwischen Bruder

und Schwester. Gottliebe tat der Vetter oft leid, sie konnte keine

traurigen Menschen sehen. Weil sie wie der ferne Freund hieß, ruhten

Raouls schöne, dunkle Augen oft, ihm selbst unbewußt, voll Traurigkeit

gerade auf ihr, und Gottliebe fühlte, daß er litt, fühlte es wie

Pfarrer Buschmann, und sie versuchte es auch wie der Geistliche immer

wieder, des Vetters Vertrauen zu gewinnen. Sie suchte ihm kleine

Gefälligkeiten zu erweisen; gab er eine gute Antwort in den Stunden,

die sie gemeinsam hatten, dann rief sie wohl bewundernd: »Aber Raoul

ist klug!«

Das verdroß Joachim. Der war begabt, aber er liebte es, mehr in Wald

und Feld herumzustreifen oder mit den Berkows kühne Luftschlösser zu

bauen, als eifrig zu lernen. Da mußte er dann sehen, daß der jüngere

Vetter ihn, trotzdem er viel weniger Unterricht in seinem Leben

empfangen hatte, manchmal überflügelte. »Natürlich, er ist ein Streber

und Heimlichtuer,« sagte er, aber daß die Schwester den Verhaßten

bewunderte, kränkte ihn tief, und manches scharfe Wort fiel darum

zwischen den Geschwistern. Es gab Streit und Tränen, und die schöne

Einigkeit war gestört.

Pfarrer Buschmann hörte das Streiten. Er sah, wie die Geschwister

auseinanderkamen und Raoul doch einsam blieb, und versuchte zu

versöhnen, aber Joachim besaß einen echten Steinbergschen Trotzkopf,

der nicht so leicht zu brechen war. Je mehr der Pfarrer zum Guten

sprach, desto mehr fühlte sich Joachim auch von dem so geliebten

Lehrer zurückgesetzt und wurde auch gegen diesen mißtrauisch, sah mit

Eifersucht auf Raouls rasches Vorwärtskommen und zeigte dem immer

unverhohlener seine Abneigung.

So gärte und brodelte es im engen Kreise wie draußen in der weiten

Welt, und darüber gingen die Tage dahin, und der Winter kam mit leisen

Schritten gegangen. Er kam hier in Ostpreußen früher als in Sachsen,

und er war schöner auf dem weiten, flachen Lande als drinnen in der

engen Stadt. Der Schnee fiel schmeichelnd weich, weiß und still. Er

lag bald in dicken Polstern auf den Dächern und Mauern, die Bäume

neigten ihre Äste unter der weißen Last, und bald mußten die Wege zu

den Scheunen und Stallungen und ins Dorf hinein geschaufelt werden.

In dieser Zeit wuchs aber auch die Not im Lande. Auf Hohensteinberg

freilich brauchte niemand Hunger zu leiden, und auch für die

Dorfbewohner sorgten der Gutsherr und seine Frau, so gut sie es nur

konnten. Doch der Klang der Not tönte auch von fern kommend in diese

friedsame Stille hinein, und Raoul dachte in dieser Zeit oft daran, wie

noch vor einem Jahr die Mutter gebangt und gesorgt hatte. Gar manchmal

mußten in dieser Zeit die Töchter des Hauses in das Dorf gehen und

den Kranken und Armen Speise aus der Schloßküche hintragen. An einem

Dezembertag rüstete sich Gottliebe zu einem solchen Gang. Sie tat es

gern, und die Dorfleute sahen sie gern kommen, denn wie ein lachender

Sonnenschein kam sie in die niedrigen Stuben. Als Gottliebe durch den

Hausflur ging, sah sie Raoul, und rasch bat sie: »Komm mit ins Dorf.«

»Mit dir allein?«

»Herr Pfarrer geht mit,« sagte Gottliebe und stellte ihren Korb an die

Haustüre, »er kommt gleich, wir müssen nur ein Weilchen warten. Kommst

du?«

Raoul nickte und trat neben die Base, und diese, die nicht gerade zu

den Schweigsamen gehörte, erzählte ihm gleich: »Mutter schickt den

alten, kranken Jakobsleuten Essen. Dort hinten im letzten Haus beinahe

wohnen sie.« Da Raoul stumm blieb, fuhr sie lebhaft fort: »Ach, es muß

schrecklich sein, arm zu sein, Hunger zu haben!«

»Sehr schrecklich ist's,« sagte Raoul, und die Falte grub sich in seine

Stirn.

Gottliebe, der es plötzlich einfiel, daß Raoul und seine Mutter ja arm

gewesen waren, sagte schnell, aus tiefstem Herzen heraus: »Armer Raoul!«

Das klang so kindlich lieb und herzlich, daß zum erstenmal wieder seit

langer Zeit über Raoul der Wunsch kam, von der Mutter, von Leipzig und

seinem Leben dort zu erzählen, aber es war, als wären ihm die Worte im

Munde eingefroren: er, der sonst so lustig hatte plaudern können, wußte

jetzt kaum noch etwas zu sagen. Doch Gottliebe schien seinen Wunsch zu

ahnen, und herzlich bat sie: »Sag mir doch was von deinem Gottlieb! War

er lustig?«

»Sehr,« gab Raoul zur Antwort, »und gut und tapfer.« Da kam ihm aus

einmal das Erinnern an Gottliebs Zorn über den langen Schreiber, und er

lächelte in den Gedanken daran ein wenig.

»Du lachst,« schrie Gottliebe erfreut, »dir ist was Vergnügtes

eingefallen. Ach, und so was höre ich doch furchtbar gern. Bitte, los,

erzähle, ich glaube, dein Gottlieb würde mir gefallen!«

»Natürlich, Gottlieb und Gottliebe, der Bäckerssohn paßt gut zu dir,«

ertönte hinter den beiden auf einmal spöttisch Joachims Stimme, er war

lautlos im Schnee am Hause entlang gekommen.

Ein heftiges Wort kam Raoul auf die Lippen, aber noch ehe er es

ausgesprochen hatte, rief Gottliebe schon empört: »Pfui, wie du bist,

Achim, wie hochmütig! Der Bäckerjunge, der ist gewiß sehr nett,

vielleicht viel, viel netter und besser als du! Ja gewiß, er ist

besser,« trumpfte Gottliebe noch auf, der im Zorn auch leicht Worte

entfuhren, die ihr nachher selbst bitter leid taten.

Wortlos, blaß vor Wut drehte sich Joachim um und ließ die beiden

stehen, und als er gegangen war, kam Gottliebe die Besinnung, daß sie

mit ihrer Heftigkeit alles noch schlimmer gemacht hatte. »Ich bin zu

dumm!« klagte sie. »Nun ist Achim fuchswild, und dabei will er immer

recht sanft sein und alles gut machen und Frieden stiften und -- --«

»Der Mund geht uns immer durch,« sagte Pfarrer Buschmann, der den

letzten Ausruf gehört hatte, »was hat's denn gegeben?«

Treuherzig schilderte Gottliebe den Vorgang und stellte sich dabei

noch einmal das Zeugnis aus, daß sie sehr dumm sei. »Manchmal stimmt

es, aber nicht immer,« sagte der Pfarrer lächelnd und strich über die

glühenden Wangen des Mädchens, und dann ging sein Blick von dieser

hinweg zu Raoul, der finster in das weiße Land hinausstarrte. »Mußt es

nicht zu schwer nehmen, mein Junge. Joachim ist ein Sprudelkopf, aber

er kommt schon noch zur Besinnung.«

»Wär' ich doch nie hergekommen!« rief Raoul. »Es wäre schon besser

gewesen, ich wäre nach .....« Er stockte, die Tränen stiegen ihm heiß in

die Augen; in diesem Augenblick fühlte er tiefer noch als sonst seine

Verlassenheit, und hastig drehte er sich um und eilte hinweg.

Traurig sah ihm der Pfarrer nach. »Armer Junge!« sagte er, dann nahm

er Gottliebes Hand und schritt mit ihr dem Dorfe zu, und unterwegs

sprach er mit dieser von Raoul, und daß der so einsam sei. »Du willst

immer eine große Tat vollbringen, Gottliebe,« sagte er milde, »nun

sieh einmal, hier könntest du es vielleicht, du könntest mit Geduld

und Liebe Raouls Vertrauen zu gewinnen suchen und ihn mit deinen

Geschwistern, mit den Berkows versöhnen. Da mußt du freilich dich

selbst erst recht beherrschen lernen und darfst nicht verzagen, wenn es

nicht gleich geht. Willst du das?«

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 4 / 12 段