wenig er auch den langen Gesellen leiden konnte, so erzählte er ihm
doch alles, was er wissen wollte. Er nannte den Namen seines Oheims
und sagte, daß dieser am Hofe des Kaisers zu Paris eine hohe Stellung
inne hätte. Als er später Karl Wagner sein Gespräch mitteilte, lachte
der und sagte: »Nun wirst du wenigstens nicht gequält werden. Vor einem
französischen Adelsnamen hat er Respekt; jetzt sieht er dich mit ganz
andern Augen an.«
Da lächelte auch Raoul zum erstenmal wieder ein wenig und erzählte
seinem Freund Gottlieb die Geschichte. »Feiger Kriecher,« rief er
verächtlich, »er muß doch noch mal Dresche haben!«
Weiter sprachen die Knaben nicht darüber, sie ahnten nicht, welchem
Plan der lange Schreiber nachhing.
Jedesmal, wenn Raoul von seiner Arbeit zurückkehrte, zuckte es ihm in
den Füßen, in die Mansarde hinaufzusteigen. Dann stand er ein paar
Minuten still an der Treppe, und immer wieder überkam ihn von neuem
heiß die Sehnsucht nach der Mutter, und manche Nacht, wenn Gottlieb
schon schlief, lag er wach und weinte heiße Tränen. Er wurde immer
stiller und bleicher, und die Meisterin Käsmodel sagte manchmal
seufzend: »Der paßt nicht zu einem Schreiber, ganz sicher nicht.«
»Allweil das tut er auch nicht,« rief Meister Käsmodel, »und wenn sich
die Verwandtschaft nicht bald rappelt, dann geh' ich aufs Gericht und
verlang' den Raoul für uns. Nachher mag er die leidige Schreiberei an
den Nagel hängen!«
Doch dazu kam's nicht. An einem Spätsommertag erhielt Meister
Käsmodel einen dicken Brief von Herrn Wolf-Friedrich von Steinberg
auf Hohensteinberg. Der Freiherr schrieb selbst, und er schrieb so
herzlich, daß die Meisterin Käsmodel vor Rührung in eine Tränenflut
ausbrach und der Meister einmal über das andere schrie: »Allweil ein
nobler, guter Mann muß das sein, aber allweil die Knochen möcht' man
den Postleuten einschlagen, daß sie just so einen Brief verloren gehen
ließen.«
Der Freiherr schrieb, er hätte den Brief seiner Schwägerin nie
bekommen. Auf seine schon vor Jahren, eingezogene Erkundigung nach dem
Tode seines Bruders habe er die Auskunft erhalten, seine Schwägerin
sei mit ihrem Kinde nach Frankreich gezogen. Er bedaure es tief, daß
er der armen Frau keine Stütze hätte sein können, ihr Sohn aber solle
in seinem Hause eine Heimat finden. Wenn es möglich sei, möchte der
Meister den Knaben jemand übergeben, der die Reise bis Berlin mache,
von dort würde ein Freund ihn in wenigen Wochen mit nach Hohensteinberg
bringen.
»Na, dann ist's bald zu Ende mit dem Musjeh und uns,« brummelte der
Meister, »in drei Wochen muß er reisen.«
»Ich wollte, ich könnte ihn behalten,« sagte die Meisterin leise, »aber
freilich, für ihn mag's besser sein. Wenn er doch bald heimkäme und die
Sache erführe!«
Dieser Wunsch ging früher in Erfüllung, als sie ahnte, denn noch war
sie dabei, mit ihrem Manne die Sache zu bereden, als plötzlich Raoul
aufgeregt in die Ladenstube stürmte und schrie: »Frau Meisterin, mein
Onkel hat geschrieben, ich soll nach Paris kommen!«
»Ja, biste allweil übergeschnappt? Nach Paris sollst du doch nicht
kommen, Junge; Junge, wo haste deine Gedanken?« fuhr ihn der Meister an.
»Doch nach Paris und gleich!«
»Aber Raoul, nach Hohensteinberg, das liegt da oben bei Rußland herum,«
rief die Meisterin nun auch.
»Nach Hohensteinberg? Aber es steht doch in dem Briefe nach Paris, ich
hab' doch gelesen!«
»Daß dich das Mäuschen beißt,« schrie der Meister verdutzt, »wie kann
er denn den Brief gelesen haben, wenn er ihn doch gar nicht gesehen
hat? Das ist allweil eine kuriose Sache!«
»Aber, aber der Herr Advokat hat doch den Brief bekommen, von dem
französischen Gesandten in Dresden und --«
»Nun schlägt's dreizehn!« Der dicke Bäckermeister fiel fast mit seinem
Stuhl um, so heftig setzte er sich nieder, und die Frau Meisterin sank
stöhnend auf einen Mehlsack. »Junge, Junge, was redest du da? Woher ist
der Brief?«
Und Raoul erzählte. Von dem Bruder seiner Mutter war eine Anfrage nach
ihm gekommen. Der Onkel wollte ihn zu sich nehmen und ihn als seinen
Sohn erziehen lassen; morgen schon sollte ein Begleiter aus Dresden
eintreffen, der ihn nach Paris geleiten würde.
»So,« murrte Meister Käsmodel, »na, da hat ja der Musjeh die Auswahl,
ob er in Deutschland bleiben will oder nach Frankreich gehen und
vielleicht um den Bonaparte herumscharwenzeln.« Dabei warf er dem
Knaben den Brief höchst unwirsch zu. Der las erstaunt. Eine tiefe Glut
überzog dabei langsam sein Gesicht. Da stand er am Scheidewege: des
Vaters und der Mutter Heimat, sie standen ihm beide offen, und größerer
Reichtum, höherer Rang, sie lockten aus Paris, denn Graf Turaillon
besaß keine Kinder, er hatte sich bereit erklärt, den Neffen als seinen
Erben zu erziehen.
Aber gab es denn noch ein Besinnen da, wo die Mutter ihm selbst
den Weg gewiesen hatte? Raoul richtete sich auf, und seine dunklen
Augen blitzten. »Nein, Herr Meister, ich werde nie um den Bonaparte
herumscharwenzeln. Mein Vater fiel im Kampf gegen ihn, das vergesse ich
nicht: ich bin ein Steinberg und will ein Steinberg bleiben.«
»Warte, warte, Bonaparte,« summte Gottlieb und schob sich in die Türe
herein, gerade als Raoul seine Antwort gab. Heisa, was war das? Er
drängte sich vor und schrie: »Soll's losgehen?«
»Verflixter Bengel, muß er denn seine Nase allweil in alles stecken?«
schnauzte ihn der Vater an. Er sah aber nicht böse aus; sein finstres
Gesicht hatte sich aufgehellt, und er streckte Raoul froh die Hand
hin. »So ist's recht! Deine Frau Mutter selig hätte nicht anders
entschieden. Da heißt's nun freilich, sich zur Reise rüsten, hm,
allweil -- da hilft nichts.«
Ein Besinnen kam Raoul. Der Brief, den ihm der Advokat vorgelesen
hatte, fiel ihm ein: morgen schon sollte der Begleiter kommen, der ihn
nach Frankreich bringen wollte, und hastig sprach er es aus. »Was wird
er sagen, wenn ich nicht mitgehen will?«
»Na, wer nicht will, der will nicht,« entschied Gottlieb kaltblütig und
reckte kühn seine freche, kleine Stubsnase hoch.
Dem Meister schien die Sache aber doch nicht so einfach zu sein, er
machte ein bedenkliches Gesicht und murmelte: »Dresden ist nahe, und
wenn der Herr Graf dort gute Freunde hat, dann könnte es sein, daß sie
den Raoul nach Frankreich schaffen, ob er allweil will oder nicht.«
»Dann reiße ich lieber aus,« rief der Knabe empört, »mit Gewalt lasse
ich mich nicht nach Frankreich schaffen, nein, nein, nie!«
»Ich reiß' mit aus, hurra, das --« klatsch fuhr die väterliche Hand
Gottlieb etwas unsanft auf den Mund, und der Schluß seiner Rede blieb
ungesagt. Da ihn die Mutter auch noch vorwurfsvoll ansah und leise
fragte: »Ja, hast du denn einen Grund zum Ausreißen?« zog sich der Bube
lieber etwas in den Hintergrund der Ladenstube zurück, die Sache mit
dem Ausreißen konnte er sich ja noch überlegen.
Meister Käsmodel saß in tiefes Nachdenken versunken da. Vielleicht war
es am besten, er ging zu Herrn Schnabel und fragte den um Rat; aber
freilich, der Advokat war auch einer von denen, die sich ängstlich
hüteten, es mit einem Franzosen zu verderben. Und ein Zögern erschien
ihm, je mehr er die Sache überdachte, immer gefährlicher.
»Ich setze mich in die Post und fahre geschwind fort,« drängte Raoul;
»ich will nicht nach Frankreich.«
»Die Post nach Berlin fährt morgen früh, und erfährt es der Herr, dann
kann man dich im Preußischen allweil aufgreifen,« sagte der Meister
nachdenklich. Doch plötzlich fuhr er auf: »Potzwetter, jetzt fällt mir
etwas ein: Nachbar Koch fährt heute mittag nach Halle mit seinem Wagen,
der nimmt dich schon mit, und von Halle aus fährst du mit der Post
weiter, da merkt man's hier nicht; na, und nachher weiß ich ja nicht,
wo du gerade bist. Flink, Frau, tummle dich, rüste die Sachen, in einer
Stunde muß der Junge aus dem Hause sein.«
»So schnell, du meine Güte, so schnell?« rief die Meisterin
erschrocken, und da kam es Raoul erst recht zum Bewußtsein, daß er
scheiden mußte von den Menschen, die ihm doch auf der weiten Welt am
liebsten waren. Die Verwandten, zu denen er reisen sollte, waren ihm ja
so fremd wie die Gegend, in der sie wohnten. Es war gut, daß alles so
schnell gehen mußte, da gab es keine Zeit zu Abschiedsgedanken; und daß
es recht war, wie es der Meister vorgeschlagen hatte, bestätigte Karl
Wagner, der kurz vor seines jungen Freundes Abreise in das Bäckerhaus
kam. Herr Schnabel hielt es für Raoul für ein großes Glück, daß sein
Onkel ihn zu sich nehmen wollte; er würde gewiß eine schnelle Abreise
verhindert haben, hätte man ihn darum gefragt.
»Allweil, jetzt möcht' ich nur wissen, woher der gräfliche Onkel in
Paris auf einmal darauf kommt, um den Jungen zu schreiben,« fragte der
Meister.
Karl Wagner lächelte ein wenig: »Neumann hat nach Paris geschrieben. Er
hat Raoul den Freundschaftsdienst erwiesen, weil er meint, es sei für
jeden Menschen am besten, ein Franzose zu sein.«
»O, jetzt verstehe ich's,« rief Raoul, »er hat mich so genau um alles
gefragt, und darum war er gewiß auch so freundlich in der letzten Zeit.
Gestern sagte er auf einmal, er wolle mein Freund sein.«
»Der muß noch mal Dresche haben,« knurrte Gottlieb wütend, »der ist so
falsch wie -- wie --«
»Deine Rechenexempel, die stimmen auch nie,« sagte Meister Käsmodel
lachend. »Na, ich gönn' dem Musjeh die Enttäuschung. Aber nun los,
sonst fährt Nachbar Koch ab. Geschwind, zum Abschied ist allweil keine
Zeit mehr, kommt auch nichts dabei raus. Zieh mit Gott, Junge, und
vergiß nicht, was du deiner Frau Mutter selig gelobt hast, und vergiß
auch nicht, daß die Käsmodels dir allweil gute Freunde sind und bleiben
werden. Hier findest du immer einen Platz, eine Heimat, wenn du mal
nicht aus noch ein wissen solltest.«
Draußen knallte eine Peitsche, ein langgezogenes Hoiho ertönte, Nachbar
Koch wartete vor seinem Hause. Da mußte nun wirklich eins, zwei, drei
Abschied genommen werden. Niemand kam mit vor das Haus, der Meister
meinte, es sei besser, nicht erst die Neugier der Nachbarschaft zu
erregen. Still huschte Raoul mit seinem Bündel hinaus, kletterte auf
den Wagen, und fort ging es durch die in mittäglicher Glut und Stille
liegenden Straßen. Noch einmal sah sich der Knabe um: da oben, da
waren die Mansardenfenster, da hatte die Mutter so oft gesessen. Ein
Schluchzen stieg in ihm auf, ein heißer, würgender Schmerz preßte ihm
das Herz zusammen, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er vom
Wagen herabspringen und zurückeilen in das alte Haus, das ihm bis
dahin eine Heimat gewesen war. Aber er bezwang sich und schluckte
tapfer die Tränen hinab. Mama würde sich freuen, dachte er, sie hat
es sich so gewünscht. Er versuchte an die neuen Verwandten zu denken,
aber er konnte sich kein rechtes Bild von ihnen machen; seine Gedanken
wirrten durcheinander und kehrten immer, immer wieder in das verlassene
Bäckerhaus zurück.
Mit finsterem Blick hatte Gottlieb den Freund scheiden sehen. Er zog
die Stirn ganz kraus und schob die Unterlippe trotzig vor, damit nur
niemand merken sollte, daß ihm der Abschied bitter schwer wurde. Dann,
als der Wagen nicht mehr auf der Straße zu hören war, entschlüpfte
er und eilte in die Burgstraße; dort in des Advokaten Schnabel Haus
stellte er sich wieder in den dunklen Flurwinkel und wartete, bis Paul
Neumann kam.
»Schockschwerebrett!« schimpfte der, als er mit einem lauten Plumps
wieder die Treppe hinauffiel. Oben in der Schreibstube zeterte er sich
seine Wut vom Herzen herunter: »Ich möchte nur wissen, was das für ein
infamer Bengel ist, der mir im Hausflur immer ein Bein stellt. Na wehe,
wenn ich den erwische! Übrigens, wer weiß, wie lange es noch dauert,
dann bin ich die Sache los. Der Graf Turaillon wird mir schon Dank
wissen. Vielleicht, vielleicht reise ich auch nach Paris, dort werde
ich mehr werden als ein simpler Schreiber!«
Während Paul Neumann so von seinem Ärger und seinen Luftschlössern
redete, schlenderte Gottlieb pfeifend und gemütsruhig über den
Marktplatz nach Hause. Er spürte gar keine Reue über seine Tat, leid
tat ihm nur, daß er Raoul nicht mehr den wohlgelungenen Streich
erzählen konnte. Brummig saß er dann lange in seinem Winkel, der Freund
fehlte ihm überall, und zuletzt spielte er sogar in der Verzweiflung
seines Herzens mit den beiden kleinen Schwestern, etwas, was er sonst
sehr unter seiner Würde hielt. Als aber das vierjährige Lottchen
fragte: »Kommt Raoul bald?« da warf er unsanft die Puppe hinweg und
stürzte davon. Er verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Mehlkammer,
und dort heulte er so lange, bis der Schmerz von Hunger und Müdigkeit
abgelöst wurde und er einschlief.
Am nächsten Tag, so um die dritte Nachmittagsstunde herum, sah
Gottlieb endlich, er lag schon lange auf der Lauer, einen feinen
Herrn das Haus betreten. Der ist's, dachte er, und schlüpfte eilig in
seinen Horcherwinkel hinterm Ofen. Es war auch wirklich der erwartete
Begleiter, ein eleganter, geschniegelter Herr. Mit unsäglichem Hochmut
schaute er sich in der Ladenstube um, und ein Mehlstäubchen, das auf
seinen Rock gekommen war, tupfte er hinweg, als hätte ein giftiges
Insekt da Platz genommen. Breitbeinig und fest stand Meister Käsmodel
vor dem jungen Mann und erzählte, Raoul sei als Wanderbursch nach
Ostpreußen gezogen; von dem Umweg über Halle sagte er freilich nichts.
»Was?« schrie der Fremde, »der Neffe des Grafen Turaillon ist als
Wanderbursch davongezogen? Das ist ja empörend! Wie konnten Sie
das dulden? Sie werden es büßen müssen! Graf Turaillon wird sich
beschweren, daß man seinen Enkelsohn entführt hat. Sie sind ein Räuber,
ein Betrüger, ein -- --«
»Allweil jetzt halten Sie den Mund,« sagte der Bäcker gelassen, aber
seine Augen blitzten drohend, und der schlanke, feine, junge Herr
wich unwillkürlich zurück. »Ich hab' der Frau von Steinberg mein Wort
gegeben, für ihren Sohn zu sorgen nach ihrem Willen, das hab' ich
gehalten, und von Ihrem Herrn Grafen ist nie die Rede gewesen. Was ich
getan habe, kann ich verantworten, und nun wär's nur recht, wenn Sie
sich mal mein Haus von draußen ansehen möchten, es nimmt sich ganz
stattlich aus. Ich muß in die Backstube, und allweil muß erst die
Arbeit kommen und dann das Vergnügen.«
»Sie werden noch daran denken müssen,« schrie der junge Mann wütend und
verließ das Haus, aber Meister Käsmodel sah ihm ruhig nach. »Ich habe
allweil nur meine Pflicht getan, mag kommen, was kommen will!«
Es kam aber nichts danach, nur ein paar Verhöre auf dem Rathaus,
bei denen Meister Käsmodel klipp und klar seine Tat verantwortete,
und ehe ein neuer Befehl aus Paris eintraf, war Raoul von Steinberg
längst in der Heimat seines Vaters angelangt. Paul Neumann aber saß in
grimmigster Laune an seinem Schreibpult, -- die schöne Hoffnung, nach
Paris zu kommen, war zerflossen wie eine Schneeflocke im Frühling.
[Illustration: Dekoration Ende 3. Kapitel]
[Illustration: Dekoration Titel 4. Kapitel]
Viertes Kapitel.
Auf Hohensteinberg.
Der Sommer rüstete sich bereits zum Abschiednehmen, weil er schon
überall an Hecken und Hängen, im Garten, auf den Feldern und im Walde
den Boten seines Bruders Herbst begegnete. Und weil die Sonne in
Freundschaft von dem ihr so lieben Sommer scheiden wollte und auch
dem Herbst einen guten Willkomm zu bereiten trachtete, strahlte sie
in allerbester Laune auf die Erde herab, und es gab warme, schöne
Tage. Am späten Nachmittag eines solchen sonnenhellen Tages rasselte
über den Marktplatz der kleinen ostpreußischen Stadt Langenstein eine
herrschaftliche Kutsche. Ein paar Kinder, die auf der Straße spielten,
starrten mit offenem Munde dem Wagen nach, und die Postmeisterin
Lebrecht schob neugierig das Schiebefensterchen in ihrer Wohnstube hoch
und sah hinaus.
»Minettchen, sieh nur, die Frau Kammerherrin ist's wahrhaftig, die da
gefahren kommt. Rasch, Mariell, sieh nach, ob meine Haube sitzt, ich
muß dero doch meine Reverenz machen!«
Die kleine, rundliche Frau eilte aus dem Zimmer, noch ehe Minettchen,
das blonde Postmeistertöchterlein, Zeit gefunden hatte, ihr Urteil
über den Sitz der mütterlichen Haube abzugeben. Draußen hielt auch
schon das Gefährt, neben seiner Gattin erschien der Herr Postmeister,
und ehrerbietig verneigte sich das Ehepaar vor den Insassen des
Wagens. Drinnen im Zimmer drückte Minettchen ihr Stumpfnäschen an
die Fensterscheiben und blickte voll Bewunderung auf die gnädigen
Fräuleins, die mit der Kammerherrin von Steinberg fuhren. Diese
selbst, eine große, stattliche Frau, saß kerzengrade aufrecht auf
dem Vordersitze des Wagens; ihr braunes Taftkleid, das, entgegen der
herrschenden Mode, noch von recht beträchtlicher Weite war, bedeckte
den ganzen Sitz. Der Großmutter gegenüber saßen schlank und jung,
eng aneinander geschmiegt, ihre drei Enkelinnen. Es wäre gegen alle
Schicklichkeit gewesen, hätte eines der jungen Mädchen neben der
Großmutter auf dem Vordersitz gesessen. Die Schwestern Gottliebe und
Gottlobe von Steinberg hatten ihre Base Karoline von Prillwitz zärtlich
in die Mitte genommen, denn das Bäslein war Gast und genoß alle
Vorteile eines gern gesehenen Besuches.
»Hat er Postsachen für mich?« fragte die Kammerherrin den Postmeister
mit herablassender Freundlichkeit, der sich von der alten Dame noch das
»Er« gefallen ließ, das er so leicht keinem andern verziehen hätte.
»Ei gewiß, Ihro Gnaden, aus Leipzig ist ein Päckchen gekommen,
spekuliere, es wird ein Buch sein,« gab der Postmeister zur Antwort und
begab sich eilfertig in die Schreibstube, das Gewünschte zu holen.
Bei dem Wort »aus Leipzig« schauten die drei Mädels neugierig auf, und
über das Gesicht der alten Dame lief ein Schatten. Ihre Hände, die auf
dem Schoß gefaltet lagen, zitterten leise, aber sie beherrschte sich,
und die Postmeisterin bekam eine gnädige Nachfrage, wie es ihr gehe,
und ob ihr der Tee, den sie jüngst vom Gute geholt, auch gegen den
Brustkrampf geholfen habe.
Die Auskunft lautete befriedigend, die dicke Frau Postmeisterin sah
auch blühend und gesund aus, trotzdem seufzte sie herzbrechend, als die
Kammerherrin sie fragte, wie es sonst noch gehe.
»Unsereins kann ja nicht klagen,« sagte sie mit ehrlicher Betrübnis,
»bisher hat's immer noch in unserem Hause zugelangt, aber bei den armen
Leuten und draußen auf dem Lande, wie es da im Winter werden soll, das
weiß unser lieber Herrgott!«
Ihr Mann, der wieder aus dem Hause trat, hatte die letzten Worte
gehört, und sein sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. »Der
gnädigen Frau Kammerherrin braucht man nichts zu klagen, sie weiß, wie
groß die Not im Lande ist,« sagte er bitter, »und ehe wir nicht die
Franzosenwirtschaft los werden, gibt's keine Besserung.«
»Mann,« schrie seine Frau erschrocken, »du redest dich noch um Kopf und
Amt.«
Frau von Steinberg aber reichte dem Postmeister die Hand. »Wie er,
denkt heute jeder ehrliche deutsche Mann, ob er es sagt oder bei sich
behält.«
Das Schelmenlächeln auf den Gesichtern der drei Basen, die mit dem
Minettchen Blicke getauscht hatten, erstarb jäh bei diesem ernsten
Gespräch, und alle drei schauten den Postmeister ehrfürchtig an: ein
Lob aus Großmutters Munde, das bedeutete noch etwas.
Der Postmeister hatte die Blicke der jungen Mädchen bemerkt; er
räusperte sich ein wenig verlegen und reichte mit einer abermaligen
Verbeugung das vielfach versiegelte Päckchen in den Wagen hinein.
»Vielleicht ist es ein Almanach, der etliche neue Modekupfer bringt,
an denen die gnädigen Demoiselles die neuen Moden, die man jetzo
trägt, adorieren können,« sagte er mit verschnörkelter, altmodischer
Höflichkeit. Er meinte, diese Art sei gar fein den vornehmen Damen
gegenüber, aber grob schnitt ihm die Kammerherrin die Rede ab: »Halt
er den Mund! Red er doch Deutsch, wie sein Schnabel gewachsen ist, und
setz' er den drei Gänsen, meinen Enkeltöchtern, nicht Flausen in die
Köpfe; sie sind schon eitel genug und denken mehr an Putz und Tand, als
es sich für die heutige Zeit gebührt. Und sie, Frau Postmeisterin, lebe
sie wohl; wenn sie Wurstgewürze braucht, dann kann sie sich welches
holen lassen. Schick' sie mir ihr Minettchen, sie soll sich aber ja
nicht wieder so aufputzen wie das vorige Mal; sie sah aus, als ginge
sie zum Erntekranz. Putz und Tanz sind unserer Zeit unwürdig. Und nun
Gott befohlen!«
Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte davon; etwas verdutzt
sahen die Eheleute ihm nach. »Ja, ja, so ist sie einmal, immer rasch
und streng; aber gut ist sie doch dabei, und in der Not kann man sich
immer an die Steinbergs wenden, das ist was wert. Das Minettchen aber
soll mir nicht mehr mit den vielen Firlefanzbändern herumlaufen,
ich leid's nicht,« brummte der Herr Postmeister und ging wieder in
seine Schreibstube. Seine Frau kehrte in das Wohnzimmer zurück, und
das ahnungslose Minettchen bekam dort brühwarm die Schelte der Frau
Kammerherrin zu hören. Sehr beschämt beugte es sich über seine
Näharbeit und schickte dem verbotenen Putz manch heimlichen Seufzer
nach.
Der Wagen rollte unterdessen auf dem Landwege dahin, der das Rittergut
Hohensteinberg mit dem Städtchen Langenstein verband. Hell strahlte
die Sonne auf kahle Felder herab, und der links an der Straße sich
hinziehende Laubwald schillerte in lichtem Goldgelb.
In dem Wagen herrschte Schweigen, und die Großmutter sah düster auf
die Stoppelfelder am Wegrand; ach, sie hatten nur spärliche Frucht
in diesem Jahre getragen, so spärlich, daß das Gespenst des Hungers
schon vor vielen Türen stand, um sich mit dem Winter zugleich
einzuschleichen. Die drei Enkelinnen aber kämpften noch mit ihrem Ärger
über die großmütterlichen »Gänse«.
Karoline von Prillwitz, deren Eltern in Königsberg lebten, --
ihre Mutter war die einzige Tochter der Kammerherrin, -- verstand
weniger die Gedanken, die die Großmutter bewegten, als Gottliebe und
Gottlobe, die tagtäglich all das bittere Klagen um den ausgebliebenen
Erntesegen angehört hatten. Sie fand darum das tiefe Schweigen auch
recht langweilig. Sie seufzte einigemal, nicht zu sehr, damit es die
Großmutter nicht hörte, und spähte eifrig die Straße entlang. Kam
denn nichts und niemand des Weges daher? Als ein Bauer ankam und
ehrfurchtsvoll grüßte, schaute sich die neugierige kleine Städterin
so lange nach ihm um, als sie seine Gestalt noch verfolgen konnte:
dabei übersah sie fast einen schlanken, blassen Jungen, der an einer
Wegbiegung stand und träumend in die Weite blickte.
»Heda,« rief der Kutscher, »aus dem Wege!«
Der Knabe sprang zur Seite, er grüßte höflich, und in dem Blick seiner
Augen lag eine Frage: es war, als wollte er vortreten und sprechen.
Die alte Frau von Steinberg war durch den Zuruf des Kutschers aus ihren
Gedanken aufgeschreckt. Auch sie sah nun den Knaben und verstand seine
stumme Frage. Da sie auch fast jedes Gesicht in der Gegend kannte,
fiel ihr ein Fremder sofort aus. Sie rief dem Kutscher ein Halt zu und
winkte gebieterisch den Knaben zu sich heran.
Der folgte der Aufforderung. Unerschrocken sah er zu der alten Dame
auf, die ihn fragte: »Wohin will er?«
»Nach Hohensteinberg.«
Ein scharfer, prüfender Blick ans den hellen, klugen Augen überflog
das Gesicht des Knaben, und eine leise Unruhe trat in die Züge der
Kammerherrin. Etwas zögernd fast fragte sie weiter: »Zu wem will er da?«
»Zu dem Freiherrn von Steinberg.«
Sechs Mädchenaugen schauten neugierig, erwartungsvoll den kleinen
Fremdling an, und Gottliebes Lippen öffneten sich; aber das vorschnelle
Wort blieb ungesprochen, denn die Großmutter sprach wieder, und ihre
sonst so herbe Stimme schwankte ein wenig: »Wie heißt er?«
Der Knabe wurde rot. Diesmal kam seine Antwort nicht so rasch, er
zögerte, aber dann sagte er doch so freimütig wie vorher: »Ich heiße
Raoul von Steinberg!«
Ein dreifacher Aufschrei erfolgte, die blonden Mädels hopsten auf ihrem
schmalen Sitz hoch, und der Kutscher vergaß allen sonstigen Respekt vor
seiner Herrin. Er drehte sich um und rief mit breitem Grinsen: »Ne--in,
is doch nich meechlich, das Jungchen will --«
[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 60.)]
»Halt er den Mund,« wies ihn die Kammerherrin zurecht, und zu dem
Knaben gewandt, sagte sie: »Steig er ein, er kann mitfahren. Rückt
zusammen, Mariellen, er hat noch Platz zwischen euch. Das Bündel nimmt
Heinrich auf den Bock.«