Endlich kam aber doch der Tag, an dem Raoul seine ersten zwei Taler

nach Hause tragen konnte. Aber gerade an diesem Abend hielt ihn

Neumann mit allerlei Aufträgen zurück, und Minute auf Minute verrann.

Raoul zitterte vor Ungeduld heimzukommen, und er atmete erlöst auf,

als der Advokat selbst kam und noch einmal seinen ersten Schreiber

sprechen wollte. Da entwischte Raoul, obwohl er wußte, daß er es

morgen doppelt schwer haben würde. Wie der Wind jagte er die steilen

Treppen hinunter, die Burgstraße entlang, durch die Gäßchen über den

Marktplatz. Er jagte so, die beiden Taler krampfhaft in der Hand, daß

er den dicken Metzgermeister Mayer, der just zu einem Abendschöpplein

gehen wollte, beinahe über den Haufen rannte. Bums! stieß er an dessen

Bauch, es dröhnte ordentlich, und wütend holte der Meister zu einer

gewaltigen Ohrfeige aus, aber hui, ging die in die Luft, denn Raoul

war schon fort, die dunklen Laubengänge des Rathauses verbargen ihn

den zornigen Blicken des Meisters. Atemlos kam er oben an. Die letzten

Stufen der steilen Treppe hastete er so empor, daß er beinahe wieder

hinuntergefallen wäre, und dann stand er vor seiner Mutter und hielt

ihr stumm, glückstrahlend die beiden Taler hin.

Frau von Steinberg nahm sie wortlos, und wortlos umschlang sie

ihr Kind, und Raoul fühlte, wie heiße Tropfen auf seine Stirne

niederrannen. »Mama,« flehte er bang, »Mama, freue dich doch!«

»Ich freue mich, mein lieber, tapferer Junge du,« hauchte die Frau,

kaum fähig, sich noch aufrecht zu halten. Ein Schwindel überfiel sie,

und der Knabe mußte sie stützen und auf ihren Stuhl zurückleiten. »Bist

du wieder krank?« forschte er angstvoll, »soll ich die Frau Meisterin

heraufholen?«

»Nein, nein, ich bin gesund, ganz gesund, nur die Freude war es --

allein die Freude,« murmelte die Mutter und strich liebkosend über

ihres Kindes braunes Gelock. »Gott segne dich, mein Sohn, du mein

Glück!«

Viel später dachte Raoul noch oft an diese Stunde zurück, an diesem

Abend ließ die Freude, daß der erste Monat vorbei war, die ersten zwei

Taler errungen waren, keine trüben Gedanken in ihm aufkommen. Er war

sehr vergnügt, vergaß alle Quälereien des langen Schreibers und brachte

mit seiner Heiterkeit zuletzt auch die Mutter zum Lachen. --

Weil es Frau von Steinberg jetzt so schwer fiel, die Treppen zu

steigen, kam nach dem Abendbrot noch oft die Meisterin hinauf,

mit einem Eimerchen glühender Holzkohlen beladen. »Weil es unten

sonst unnütz verbrennt,« sagte sie jedesmal entschuldigend, damit

die Hausgenossin nur ja nicht merken sollte, daß sie immer darnach

trachtete, ihr eine warme Stube zu verschaffen. Auch Gottlieb folgte

der Mutter an diesem Abend, und nach einem Weilchen tappte selbst

Meister Käsmodel die Stiege herauf, und alle drei bewunderten ehrlich

und herzlich den verdienten Reichtum.

»Aus dem wird allweil noch mal was,« sagte der Meister schmunzelnd zu

Frau von Steinberg, »das ist gute Art.«

Dankbar sah die Mutter zu dem biederen Manne auf; die Freude über ihren

Sohn, die feste Zuversicht, daß er eines tüchtigen Vaters Ebenbild

werden würde, ließ sie an diesem Abend heiterer in die Zukunft sehen.

Ein heller Glanz kam in ihre Augen, ihr Lachen mischte sich leise und

froh in das der anderen, und die Meisterin sagte nachher zu ihrem Mann:

»Vielleicht irrt der Doktor sich doch, und Frau von Steinberg wird

gesund.«

Daß nach einem frohen Abend nicht immer ein heiterer Morgen folgt,

merkte Raoul am andern Tag. Als er ging, schien ihm die Mutter wieder

schwächer und matter als sonst zu sein, und als er das Schreibzimmer

betrat, kam es ihm auch noch düsterer und dumpfiger vor als sonst,

denn draußen braute ein dicker Nebel, und nur karges Licht fiel in

das Gemach. Grau wie der Nebel draußen war auch Herrn Paul Neumanns

Laune: er war an diesem Morgen entschieden mit dem linken Fuß zuerst

aufgestanden. Die Magd, zu deren Tugenden die Ordnung nicht gehörte,

hatte vor der Türe einen Wischlappen liegen lassen, über den stolperte

der lange Schreiber in das Zimmer hinein, und bei dem Versuch, sich

an einem Stuhl festzuhalten, plumpste er mit samt dem Stuhl um und

rutschte, so lang er war, in das Zimmer hinein.

Diesem bösen Anfang folgte eine Flut von Schimpfworten, die alle Raoul

galten. »He, er spitznasiger, eingebildeter Zierbengel er, warum ist

er gestern abend weggelaufen, he? Er hat wohl die Faulkrankheit, was?

Denkt wohl, so ein Sündengeld verdient man mit Herumvagabondieren?«

Raoul sagte kein Wort, er wußte genau, daß eine Widerrede oder der

leiseste Versuch, sich zu verteidigen, nur die Sache verschlimmern

würde.

»Laß ihn sich austoben,« hatte einmal Karl Wagner geraten, aber an

diesem Morgen dauerte das Toben recht lange. Zum Unglück war der Herr

Advokat selbst nicht da, so konnte der lange Schreiber schimpfen und

schreien nach Herzenslust, und Raoul bekam so viele Schelte, so viele

harte Worte zu hören, daß es ihm war, als prassele ein Hagelwetter auf

ihn herab.

Endlich, endlich, nachdem er dies hatte tun müssen und jenes holen,

konnte er sich an seinen Arbeitsplatz setzen. Eben setzte er an,

um zierlich und fein geschnörkelt einen Satz zu beginnen, als Paul

Neumann ihn unsanft an den Arm stieß. Ein Schrei, und über den großen

Aktenbogen rann eine dunkle Tintenflut.

»Was hat er da wieder angerichtet, er Dummerjan?« schrie der Schreiber

wütend, aber da klang plötzlich ganz ruhig in das Schreien hinein Karl

Wagners Stimme: »Du hast ihn gestoßen, er kann nichts dafür!«

Der kleine Verwachsene hatte zwar schon oft die Erfahrung gemacht, daß

seine Verteidigung dem armen Schreiberlein wenig nützte, er brachte es

aber nicht fertig, zu dieser Ungerechtigkeit zu schweigen, und just

wollte er noch etwas sagen, als eine mächtige Ohrfeige auf Raouls Wange

herniedersauste. »Will doch sehen, ob der nicht Strafe bekommt, der sie

verdient,« rief der Lange zornig.

Mit einem Schrei war Raoul emporgefahren, Tränen der Wut und Scham

entstürzten seinen Augen. »Ich lasse mich nicht schlagen,« schrie

er, »ein Steinberg läßt sich nicht schlagen!« In leidenschaftlichem

Zorn wollte er sich auf seinen Peiniger stürzen, aber da fühlte er

sich von hinten festgehalten, und Karl Wagners ernste, graue Augen

sahen ihn mahnend, liebevoll an. »Sei ruhig!« und ganz leise, nur ihm

verständlich, klang es an sein Ohr: »Denk an deine Mutter!«

Stumm senkte Raoul den Kopf. Die Mutter, ihre Freude gestern, sein

Stolz, seine Hoffnung, ihr immer mehr eine Stütze werden zu können, --

alles fiel ihm ein. Er mußte still sein, aushalten, sein Amt durfte er

nicht verlieren.

»Die Madame läßt sagen, das wär'n Lärm wie auf der Messe und nicht wie

in 'ne anständige Schreibstube, und sie würd's dem Herrn berichten,«

kreischte mit einemmal die Magd in das Zimmer hinein, und schwapp

krachte sie die Türe mit solcher Gewalt wieder zu, daß leise der Kalk

von den Wänden herabrieselte.

»Da sieht er's, was er angerichtet hat,« knurrte Neumann, dem es sehr

unangenehm war, daß man drinnen in der Wohnung des Advokaten den Lärm

gehört hatte. Herr Schnabel pflegte in solchen Fällen nicht ihn allein

nach dem Grund zu fragen, und daß Karl Wagner nicht auf seiner Seite

stand, fühlte er. Darum hielt er es für besser zu schweigen, der Blick

aber, den er Raoul zuwarf, verhieß nichts Gutes für die Zukunft.

Als der arme, kleine Schreiber zu Mittag heimeilen wollte, -- die

Schreibstube war trotz des Langen Zorn zu rechter Zeit geschlossen

worden, -- hielt Karl Wagner ihn fest. »Komm mit mir,« sagte er

freundlich. »Hast du ein paar Minuten Zeit?«

Raoul nickte nur, er konnte nicht sprechen, die gewaltsam unterdrückten

Tränen erstickten ihn fast, und der Gedanke, so niedergeschlagen und

gedemütigt vor seine Mutter treten zu müssen, lastete schwer auf ihm.

Er war zum erstenmal froh, daß der Heimweg hinausgeschoben wurde, und

willig folgte er Karl Wagner in die nahe Thomaskirche, die dieser durch

eine Seitenpforte betrat.

Die Kirche war völlig leer. Das trübe Licht des Nebeltages fiel nur

matt durch die bunten Fenster in den gewölbten Raum, den ein schönes,

sanftes Klingen durchrauschte. Jemand spielte die Orgel, der Kantor

von Sankt Thomas, Herr Müller, war es, wie Karl Wagner leise seinem

Schützling zuflüsterte. Vorsichtig, den Schall der Schritte dämpfend,

gingen die beiden bis in das Mittelschiff und setzten sich dort nieder.

Raoul war noch nie in einer leeren Kirche gewesen, er hatte auch noch

nie ein so wundervolles Orgelspiel gehört.

»Den Anfang, Mitt' und Ende, ach Herr, zum besten wende,« sang Karl

Wagner ganz leise die Worte des Liedes nach, das oben der Kantor

spielte.

Immer rauschender und voller, wie Bittgesang und Dankesjauchzen

tönte es durch die Kirche, und ganz wundersam feierlich wurde es dem

armen, geplagten Schreiberlein ums Herz. Sein Kopf sank leise an die

Schulter des Verwachsenen, und die schmerzlichen Tränen, die er vorher

krampfhaft herabgeschluckt hatte, rannen und rannen, und als sie

endlich versiegt waren, da konnte er den Kopf wieder heben und wieder

frei und mutig um sich schauen. Er dachte an seine Mutter, an ihre

Freude gestern abend, und auf einmal schien ihm alles nicht mehr so

schwer zu sein. Ich ertrag's schon, dachte er mutig, es muß gehen, Mama

darf nichts merken!

Ein Weilchen saßen die beiden Schreibgenossen noch still zusammen, bis

die letzten Töne verhallt waren und ein Klappen und Schließen oben

anzeigte, daß auch der fromme Spieler heimging. »Vielen Dank,« sagte

Raoul draußen und schüttelte herzhaft Karl Wagner die Hand, »es war

schön!«

»Kannst du nun zur Mutter gehen?« fragte der Schreiber freundlich.

Raoul nickte froh. »Sie soll nichts merken, bestimmt nicht. Ich

schluck's hinunter!«

»So ist's recht, immer tapfer voran! Nach bösen Stunden kommen auch

gute. Nun Gott befohlen! Am Nachmittag sind wir allein, da wollen wir

zusammen fleißig sein und nachholen, was wir am bösen Morgen versäumt

haben,« sagte Karl Wagner und wandte sich rasch dem kleinen Haus im

Winkel des Thomaskirchhofes zu, in dem er wohnte.

Einen Herzschlag lang sah Raoul ihm noch dankbar nach, dann lief er

eilig den vertrauten Weg entlang. Er flog fast, so geschwind ging es,

und die frische Luft kühlte ihm die heißen Wangen und Augen. Er kam

sehr vergnügt bei seiner Mutter an, und diese merkte nicht, wie schwer

der Morgen gewesen war. Nur Gottlieb erfuhr am Abend den Auftritt

in der Schreiberstube, und er geriet darüber in einen solchen Zorn,

daß er seine lateinische Grammatik aus den Boden warf. »Man muß ihn

verdreschen, aber feste,« schrie er.

»Den langen Neumann?« Raoul mußte doch lachen; sein kleiner, stämmiger

Freund und der lange dünne Schreiber schienen ihm auch ein zu

ungleiches Paar zu sein. »Wie wolltest du das anfangen?«

»Ach was, das krieg' ich schon fertig,« brummte Gottlieb, »David ist

mit dem Goliath auch fertig geworden. Freilich, merken dürft' er's

nicht, von wem die Dresche stammt, sonst geht dir's schlecht. Vater

sagt, Lehrjahre sind nicht Herrenjahre, und Ohrfeigen gehören dazu, die

müssen sein!«

»Wenn's aber ungerecht ist,« rief Raoul finster, »nur aus Niedertracht,

dann« -- er seufzte, »ich muß doch still halten, um der Mutter willen!«

»Ja freilich,« stimmte Gottlieb kleinlaut zu, »aber -- seine Dresche

kriegt er noch. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagte unser Geselle

immer, wenn er nicht alles auf einmal essen konnte. Er kriegt sie noch,

aber feste!«

Mit dieser düsteren Prophezeiung trennte sich Gottlieb Käsmodel von

seinem bewunderten Freund. Wer dem was tat, dem war er gram, der sollte

sich vor ihm in acht nehmen.

[Illustration: Dekoration Ende 2. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 3. Kapitel]

Drittes Kapitel.

Abschiedsstunden.

Leicht hatte es Raoul von Steinberg wirklich nicht als Schreiberlein

mit zwei Talern Monatsgehalt im Dienst des Advokaten Schnabel. Es gab

Arbeit in Hülle und Fülle und Plackerei und Quälerei Tag für Tag. Der

lange Neumann suchte alles heraus, womit er den Knaben peinigen konnte,

und es kamen immer und immer wieder Stunden, in denen Raouls Mut zu

sinken drohte. Dann redete ihm Karl Wagner gut zu, und daheim tröstete

die Mutter zart und lind, denn es gelang dem Knaben doch nicht, ihr

all seine Kümmernisse zu verbergen. Mutteraugen sehen zu tief und

scharf, und Frau von Steinberg hatte lange gemerkt, ehe es ihr der

Sohn gestand, daß er kein leichtes Amt übernommen hatte. Ihr einziger

Trost war, daß es nur eine kurze Zeit dauern würde; sie meinte, die

Verwandten würden und müßten ihr doch antworten, ihr ihre Bitte

erfüllen.

Doch die Tage wurden länger, der Frühlingssturm raste über das Land,

und schon hingen zarte, grüne Schleier über Busch und Baum, und so

sehnsüchtig Frau von Steinberg auch hoffte und harrte, kein Brief,

keine Antwort kam. Als der Sommer ins Land ging, erstarb endlich die

Hoffnung. »Man will meinem Kinde nicht helfen,« dachte sie bitter. In

dieser Zeit sprach sie einmal mit Meister Käsmodel, und nach dieser

Unterredung wurde sie ruhiger; der treue Mann hatte ihr das Versprechen

gegeben, nie ihren Sohn zu verlassen, wenn sich die Verwandten seiner

nicht annahmen. --

Es war an einem milden, warmen Sommertag, als Raoul von Steinberg

noch schwereren Herzens als sonst die Treppe hinabstieg, um nach

der Schreibstube zu wandern. Die Mutter war heute so seltsam bleich

gewesen, und so trat er, ehe er ging, noch an das Schiebefensterchen

und bat die Frau Meisterin, doch recht bald einmal nach ihr zu sehen.

Dabei huschte Gottlieb aus der Ladenstube heraus und schloß sich ihm

an. »Ich begleite dich,« sagte er kurz.

»Hast du denn heute keine Schule?« fragte Raoul.

»Nee, noch nicht, unser Lateiner ist krank, da fallen ein paar Stunden

aus,« gab Gottlieb sehr vergnügt zur Antwort. »Du, ich muß dir aber ein

Rätsel ausgeben: Wer ist der frechste Pferdedieb von Berlin?«

Raoul sah etwas verdutzt drein, und Gottlieb prustete vor Lachen, dann

neigte er sich an das Ohr des Freundes und flüsterte: »Napoleon.«

»Aber Gottlieb!«

»Ja, det stimmt, sagt unser neuer Geselle, der ein Berliner ist, er hat

mir's gestern erzählt; sie nennen ihn so, weil er die Siegesgöttin samt

ihrem Wagen vom Brandenburger Tor weggemaust hat. Fein, was?«

»Sehr fein,« lobte Raoul anerkennend, »den Gesellen muß ich sehen!«

»Komm nur heute abend, der schimpft ordentlich auf den Pferdedieb.«

Gottlieb quiekte vor Lachen. »Wenn ich Pferdedieb sage, weiß keiner,

wen ich meine.«

»Tu's lieber nicht,« riet Raoul. »Karl Wagner sagt, es sei

vernünftiger, seinen Mund zu halten, die Zeit sei noch nicht da.«

»Ist auch gut,« brummte Gottlieb und reckte seine Gestalt, »ich will

erst so weit sein, um mal mitgehen zu können, denn wenn sie erst mal

den Pferdedieb verhauen, dann lauf' ich nach Preußen rüber, wenn es

hier stille bleibt.«

Da waren sie beide am Haus in der Burgstraße angelangt, und Raoul lief

nach kurzem Abschied hastig hinauf, denn die Zeit war knapp, und wehe

ihm, wenn er noch nicht ausgeräumt hatte, wenn der lange Neumann kam.

Gottlieb blieb vor dem Hause stehen. Er steckte die Hände in die

Hosentaschen und summte leise, ganz leise den Anfang eines Verses vor

sich hin, den ihm sein neuer Freund, der Berliner Geselle, beigebracht

hatte: »Warte, warte, Bonaparte!« Eigentlich meinte er just aber nicht

den Kaiser der Franzosen mit seinem: »Warte, warte!« sondern vielmehr

den langen Schreiber, seines Freundes Quälgeist. Als er den die Straße

entlang kommen sah, verschwand er geschwind im dunklen Hausflur,

drückte sich fest in eine Nische an der Haustüre und schob gerade in

dem Augenblick, in dem Paul Neumann die Stufen überschreiten wollte,

einen Stock vor. Der Lange stolpert, rutschte aus und fiel die Treppe

mit ziemlichem Gekrach hinauf.

»Das bedeutet Glück,« schrie Gottlieb unten und entwischte so eilig,

daß der lange Schreiber nicht einmal mehr sehen konnte, wer ihn zu

Fall gebracht hatte. Der Bäckerbube ging sehr befriedigt zur Schule.

Strafe muß sein, dachte er, und mußte dann seufzend diese Erfahrung

an sich selbst machen, denn seinem Lehrer rutschte an diesem Tage beim

zweiundzwanzigsten Fehler die Hand einmal ordentlich aus und klatschte

derb auf Gottliebs Wange nieder. Das war bös und trübte beträchtlich

die Morgenfreude.

Gottlieb Käsmodel ahnte nicht, daß er seinem Freund einen schlechten

Streich gespielt hatte, denn der Fall auf der Treppe hatte Neumann

ordentlich in Wut gebracht, und diese Wut mußte das jüngste

Schreiberlein büßen. Beim Eintritt schalt er gleich, es sei nicht

ordentlich aufgeräumt worden, dies sei nicht recht und das. Raoul mußte

noch einmal kehren, dann mußte er auf alle Aktenschränke klettern und

Staub wischen, und er atmete auf, als nebenan der Advokat eintrat.

Da wurde es stiller, und er konnte sich endlich an das Pult setzen

und schreiben. Er hatte ein endloses Aktenstück zu kopieren: zwei

Nachbarn hatten sich um einen Apfelbaum gezankt, von dem jeder glaubte,

er sei sein Eigentum. Nun waren die Männer alt und grau geworden,

wußten aber immer noch nicht, wem der Apfelbaum gehörte. Der Knabe

fand die ganze Sache herzlich langweilig, und trotz aller Mühe, die

er sich gab, machten seine Gedanken allerhand Kreuz- und Quersprünge.

Gottliebs Erzählung und seine Tat, denn er hatte schnell erraten,

daß der Missetäter unten im Hausflur sein Freund gewesen war, hatten

seine Gedanken abgelenkt; nun kehrten sie zur Mutter zurück, und eine

bange Angst quälte ihn. Es war ihm so seltsam unruhig zumute, daß er

unwillkürlich auf seinem Sessel hin und her rutschte.

»An was denkt er denn? Kann er nicht ruhig sitzen?« schrie Paul Neumann

ihn plötzlich an. »So'n Trantiegel, so'n Tagedieb! Er schreibt ja, als

wär' er 'ne Schnecke. Zeige er mal her, gewiß hat er hundert Fehler

gemacht, und ich hab' nachher den Ärger.«

Paul Neumann schrie absichtlich laut, damit es der Advokat nebenan

hören sollte, welchen Ärger ihm der Schreibbursche bereitete. Und

da er wirklich in der Abschrift einen Fehler entdeckte, brüllte er,

am liebsten möchte er die Arbeit dem Jungen um die Ohren schlagen;

zur Strafe müsse er über Mittag dableiben und die Sache noch einmal

abschreiben.

Raoul zuckte zusammen. Heute, gerade heute, wo die Mutter so gebeten

hatte: »Komm schnell heim!« Er warf einen hilfesuchenden Blick auf

Karl Wagner, und der nickte ihm ermunternd zu. Wieder wie damals

in der Kirche, und seitdem oft in den Wochen, die vorübergegangen

waren, fühlte sich Raoul durch den ernsten, stillen Blick des kleinen

Verwachsenen getröstet. Der war ihm längst ein guter Freund geworden,

dem er all seine Sorgen anvertraute. Etlichemal war Karl Wagner auch

Sonntags bei Frau von Steinberg gewesen, und er, der einst ein Arzt

hatte werden wollen, aber um seiner Armut willen das Studium hatte

aufgeben müssen, wußte bald, daß seines kleinen Freundes Mutter kränker

war, als alle ahnten. Er fragte darum besorgt, als der Lange nach einem

Weilchen in das Zimmer des Advokaten gerufen wurde: »Was ist heute?«

»Mama geht es nicht gut, sie bat so sehr, ich möchte heimkommen,«

flüsterte Raoul zurück.

»Es wird schon gehen,« tröstete der Freund, und dann stand er auf, als

Neumann zurückkehrte, und klopfte an die Tür des Advokaten.

»Was soll's?« schrie der Lange, »was will er drinnen?«

Er erhielt keine Antwort auf seine grobe Frage. Still schloß sich

die Tür hinter Karl Wagner, und nach einigen Minuten kam er heraus

und sagte sanft: »Du sollst heimgehen, Raoul, hast heute frei, Herr

Schnabel hat es erlaubt.«

»Da hört doch alles auf!« schrie Neumann empört. »Der faule Strick,

der Trantiegel soll frei haben? Nein, das leid' ich nicht!« Er

sprang wütend auf, aber Raoul hatte schon seine Sachen genommen

und war blitzschnell, mit einem dankbaren Gruß für seinen Helfer,

hinausgeflitzt. Er ahnte nicht, daß der kleine Schreiber es übernommen

hatte, auch noch seine Arbeit auszuführen, und ihm seine knappen

Freistunden opferte.

Raoul überlegte überhaupt nicht viel an diesem Vormittag. Eine

unerklärliche Unruhe trieb ihn vorwärts, und auf seinem kurzen Weg, den

er wie immer im Trab zurücklegte, hatte er nur den einen Gedanken: Wie

froh wird Mutter sein, daß ich komme!

Einen raschen Blick warf er unten durch das Schiebefensterchen in die

Ladenstube. Niemand war drin, und eilig hastete er die Treppe hinauf.

Oben wollte er stürmisch die Türe aufreißen mit dem Freudenruf: »Ich

bin da!« aber dann öffnete er sie doch ganz zaghaft und leise; wieder

war jene unerklärliche Angst über ihn gekommen.

Als er eintrat, sah er die Meisterin am Bett sitzen. Die wandte sich

um, und nun sah er die Mutter.

Mit einem Schrei stürzte der Knabe vorwärts, so bleich, so verändert

sah die Mutter aus. »Mama, o Gott, Mama,« flehte er, »was fehlt dir?«

»Mein Junge!« Weit öffneten sich die Augen der bleichen Frau, und ein

Blick unendlicher Liebe, unendlichen Schmerzes traf den Knaben, der

an ihrem Bett niedergesunken war. »Du kommst -- gottlob!« Zitternd

tastete die Hand der Mutter nach ihres Kindes Haupt, schwer und kühl

sank sie darauf nieder: »Werde wie dein Vater! Gott -- segne dich!«

Die letzten Worte klangen nur noch wie ein Hauch, aber Raoul hatte sie

doch verstanden. Angstvoll umschlang er die Mutter und flehte jammernd:

»Mama, Mama, ach, was fehlt dir?«

»Mußt nicht so schreien, mein armer Junge,« sagte die brave Meisterin,

der dicke, dicke Tränen über die Wangen liefen, »sei tapfer und mach's

deiner Mutter nicht so schwer!«

Raoul verstand nicht, was die Meisterin meinte, er hörte nur die

Mahnung, tapfer zu sein um seiner Mutter willen, da bezwang er sich

und streichelte nur zärtlich die weißen Hände. Unter diesem Streicheln

schlief die Mutter sanft ein, um nicht mehr zu erwachen, sie war

tot. -- -- --

Im dumpfen Schmerz der ersten Tage dachte Raoul gar nicht darüber nach,

wie einsam und verlassen er nun auf der Welt war. Er saß unten im

Bäckerstübchen. Gottlieb suchte ihn in seiner rauhen Art zu trösten,

die Meisterin war gut zu ihm wie eine rechte Mutter, und dem Meister

Käsmodel konnte es jeder, der ihn kannte, ansehen, daß er nur so

ein grimmiges Gesicht machte, um nicht zu zeigen, wie leid ihm sein

kleiner Hausgenosse tat. Er sorgte väterlich für den Knaben, ging

selbst zu Herrn Schnabel und sprach mit diesem, und die beiden Männer

kamen überein, es sei wohl am besten, wenn Raoul vorläufig weiter als

Schreiber arbeitete, bis von den Verwandten eine Antwort gekommen sei.

»Ich schreib' selbst, schreib' ihnen aber mal richtig, wie sich die

arme Frau gequält hat,« sagte der brave Meister. Er grollte dem Herrn

von Steinberg von Herzen, weil er den Brief unbeantwortet gelassen,

den ihm seine Schwägerin in ihrer Not geschrieben hatte.

Nach dem Begräbnis sprach Meister Käsmodel mit Raoul über seine

Zukunft. »Du bleibst bei uns, bis eine Antwort von deinem Oheim kommt,

und kommt keine, na, dann bleibst du alleweil erst recht, bleibst immer

bei uns. Ich habe deiner Frau Mutter selig versprochen, dich nie zu

verlassen, aber erst noch einmal an deinen Oheim zu schreiben. Sein

Versprechen muß man halten, sonst hätte ich wahrhaftig kein Wort an die

hochmütige Verwandtschaft da oben, wo sich die Füchse Gutenacht sagen,

geschrieben. So, und nun beiß die Zähne zusammen, zeige, daß du ein

Mann werden willst, so einer, wie dein Vater selig einer gewesen ist.«

Da biß Raoul wirklich die Zähne zusammen und half am nächsten Tage

selbst die liebe, freundliche Mansardenstube räumen. Andere Mieter

sollten hinaufziehen, er kam zu Gottlieb in die Kammer. Die Bilder und

die wenigen Andenken an die Mutter verwahrte der Meister getreulich mit

dem Rest des Geldes für seinen Pflegling. Der stieg am nächsten Morgen

mit schwerem Herzen wieder zu der Schreibstube empor. Nun ihn nicht

mehr der Gedanke bewegte, er könnte mit dem verdienten Gelde seiner

Mutter die Sorgen erleichtern, erschien es ihm fast unerträglich,

weiter in dieser düsteren Schreibstube seine Tage zu verbringen. An

diesem ersten Morgen erlebte er aber eine große Überraschung: Paul

Neumann war kriechend freundlich gegen ihn, er tat, als wären sie

zusammen stets die allerbesten Freunde gewesen.

Was hat er? dachte Karl Wagner, der erstaunt den Gefährten beobachtete,

Mitleid ist das nicht bei ihm!

Daß es nicht Mitleid war, erfuhr er bald genug. Der lange Schreiber

hatte nun erfahren, woher Raouls Mutter gestammt hatte, und auf einmal

erschien ihm der bisher so verächtlich behandelte Knabe ein anderer

zu sein. Vielleicht lohnte es sich, dessen Vertrauen zu gewinnen,

vielleicht hatte er noch einflußreiche Verwandte in Frankreich, und

klug forschte und fragte er, wenn Karl Wagner nicht da war, nach den

französischen Verwandten.

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 2 / 12 段