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[Illustration: Ex libris]
Die Steinbergs
[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 4.)]
Die Steinbergs
Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege
von
Josephine Siebe
Mit sechs farbigen Vollbildern von Wilhelm Roegge
[Illustration: Dekoration]
Stuttgart
Verlag von Levy & Müller
Nachdruck verboten.
=Alle Rechte=, insbesondere das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.
Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
Inhalt
Seite
Erstes Kapitel. Gute Hausgenossen 1
Zweites Kapitel. Das Schreiberlein des Herrn Advokaten
Schnabel 18
Drittes Kapitel. Abschiedsstunden 37
Viertes Kapitel. Auf Hohensteinberg 55
Fünftes Kapitel. Als Fremdling in des Vaters Heimat 66
Sechstes Kapitel. Der Tugendbund wird gegründet 81
Siebentes Kapitel. Der Tugendbund nimmt ein jähes
Ende 101
Achtes Kapitel. Einem traurigen Morgen folgen
schwere Tage 115
Neuntes Kapitel. Auf weiten Wegen ins alte Nest
zurück 126
Zehntes Kapitel. Nach langer Not zum heiligen Krieg 141
Elftes Kapitel. Fürs Vaterland was es auch 161
Zwölftes Kapitel. Ausklang 175
[Illustration: Dekoration Blatt]
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Ansicht, Titel 1. Kapitel]
Erstes Kapitel.
Gute Hausgenossen.
»Richtig ist das nicht mit dem Bengel,« schalt der dicke Bäckermeister
Käsmodel und schlurrte aufgeregt in dem kleinen Laden auf und ab, der
ein Schiebefenster nach dem Hausflur hin hatte, durch das die Backware
verkauft wurde. »Allweil, wenn ich'n brauche, hat er zu lernen, immer
zu lernen. Das Gymnasium, scheint's mir, hat ihm den Kopf verdreht.«
»Aber Christian,« beschwichtigte die Frau Bäckermeisterin, die gerade
dabei war, Backware in die Körbe zu zählen, »hast es ja selbst gewollt,
daß Gottlieb auf die hohe Schule kommt!«
»Na, ja,« murrte der Bäckermeister, »hast allweil recht. Wenn man von
drei Jungen nur einen übrig behält, will man an den auch was wenden.
Aber mein Herr Vater selig hätte mir schön heimgeleuchtet, wenn ich
beim Austragen und Helfen nicht gleich wie der Blitz zur Hand gewesen
wäre. Aber unserer, daß Gott erbarm!«
»Mann, Mann, er tut doch nichts Schlimmes,« mahnte die Frau freundlich,
»und zum Austragen ist ja Raoul immer bereit.«
»Na freilich,« spottete der Bäcker, »'s ist gut, einen Boten bezahlen
bei den schlechten Zeiten, nur weil der Musjeh Sohn nicht mag. Und
warum mag er nicht? Weil er sich schämt, Laufjunge für seinen Vater zu
sein, seit er auf der Lateinschule mit den feinen Herrchens verkehrt.
Solche Alfanzereien hätte mir mein Vater selig kräftig mit dem
Stock -- --«
»So ist's nicht, Vater, das müssen Sie nicht denken!« -- Aus einem
dunklen Winkel des Lädchens, hinter Mehlsäcken schaute in diesem
Augenblick zur grenzenlosen Überraschung seiner Eltern ein keckes,
rundes Bubengesicht hervor.
»Daß dich das Mäuschen beißt!« schrie der dicke Bäckermeister wütend,
ergriff im Eifer einen langen Holzlöffel, der ihm gerade zur Hand lag,
und wollte damit seinem Sohne etwas unsanft um die Ohren fahren.
»Christian,« bat die Frau etwas ängstlich und hielt ihren Mann am
weißen Kittel fest, »hör' doch den Jungen erst an!«
Der war furchtlos aus seinem Versteck hervorgekrochen; er sah weiß und
bemehlt aus, wie ein rechter Bäckerbub, selbst die Wimpern, die die
trotzigen, ehrlichen Blauaugen überschatteten, schimmerten weiß.
»Ich will's dem Herrn Vater bekennen, warum ich nicht Austräger sein
mag,« rief der kräftige, stämmige Bursche unerschrocken, »es ist wegen
dem Raoul, nicht wegen der feinen Mitschüler, wie's der Herr Vater
denkt. Der Raoul ist über jeden Groschen glücklich, den er seiner
Mutter bringen kann; schenken läßt er sich nichts, aber verdienen ist
was anders, und darum --«
»Siehst du, Christian,« sagte die Bäckermeisterin, und ein
Freudenschein lag auf ihrem Gesicht, »unser Junge meint's gut.«
»Na freilich, der reine Engel ist's, nur schade, daß man's so selten
merkt, ist aus seines Vaters Tasche heraus großmütig, faulenzt aus
lauter Freundschaft,« brummelte Meister Käsmodel, der es nicht zeigen
wollte, wie weich es ihm eigentlich ums Herz war.
Gottlieb aber kannte seinen Vater und wußte schon, daß der Zorn
verraucht war, und so rief er vergnügt: »Ich denke, den Herrn Vater
machen die paar Groschen nicht zum armen Mann, und er gönnt Raoul schon
den kleinen Verdienst.«
»Na ja, na ja, meinetwegen. Ein Jammer ist's ja, so eine feine,
vornehme Frau, der's wahrhaftig anders an der Wiege gesungen wurde, und
muß sich so kümmerlich durchs Leben bringen. Na ja, ja, meinetwegen,
lauf, Gottlieb, und hol' deinen Freund. Nee nee, 's soll keiner vom
Meister Käsmodel sagen, daß er nicht gern hilft, wenn er kann!«
Gottlieb war schon, ehe der Vater noch recht seine Rede beendet hatte,
durch die Tür aus den Hausflur geschlüpft, und mit einer Schnelligkeit,
die wohl niemand seiner kurzen, gedrungenen Gestalt zugetraut hätte,
stürmte er die Treppen in dem alten, himmelhohen Haus empor. Oben gab
es zuletzt nur eine Leitertreppe, auch sie kletterte er mit Windeseile
hinan. Vor einer niedrigen Türe blieb er aber dann einige Sekunden
pustend stehen und klopfte nun leise und vorsichtig. Doppelstimmig
klang es von drinnen »herein«, und als Gottlieb rasch eintrat, scholl
es ihm entgegen. »Gottlieb ist's, ich dachte es mir schon!«
Ein schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe, der den Bäckerssohn um
einen Kopf überragte und in seiner ärmlichen, abgetragenen Kleidung
fast wie ein verwunschener Prinz aussah, kam eilig herbei, und in
seinen dunklen Augen blitzte es wie Hoffnung auf: »Soll ich kommen?«
Gottlieb nickte und sagte, verlegen sich durch seinen Strubbelkopf
fahrend: »Es ist schon nötig, bist nicht böse drüber, nein?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging Gottlieb Käsmodel rasch durch
das Zimmer und verbeugte sich, so gut er es zuwege brachte, und so
tief, daß sein dichter, blonder Haarschopf beinahe den Boden fegte,
vor einer Dame, die an einem der beiden kleinen Fenster saß und das
verdämmernde Licht des kurzen Wintertages noch emsig zu ihrer Näharbeit
ausnützte.
Trotzdem auch sie schlicht, ja ärmlich gekleidet war, würde jeder in
dieser schlanken Frau die vornehme Dame erkannt haben. Sie, der Knabe
und ein paar von blitzenden Goldrahmen umfaßte Ölbilder nahmen sich
ganz fremd in der Stube mit den schiefen Wänden, den kleinen Fenstern
und dem ärmlichen Hausrat aus.
»Darf Raoul kommen?« fragte Gottlieb, der ganz unwillkürlich hier immer
etwas seine laute Stimme dämpfte.
Über das sehr blasse Gesicht der Frau, auf dem Kummer und Sorge noch
nicht die einstige strahlende Schönheit verwischt hatten, glitt ein
wehes Lächeln. »Gewiß gern, lieber Gottlieb,« sagte sie unendlich
sanft, »und grüße die Eltern!«
Gottlieb Käsmodel verneigte sich noch einmal so tief, daß er nun
beinahe nicht wieder in die Höhe gekommen wäre, Raoul von Steinberg
küßte seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand, und dann eilten die Knaben
hinaus, leise und gemessen durch das Zimmer, die Treppen aber polterten
sie gar geschwind hinab.
»Wenn du fertig bist, kommst du in meine Kammer,« bat Gottlieb, »ich
warte mit den Aufgaben.«
Raoul nickte nur und schlüpfte eilfertig durch den Hausflur in das
Lädchen. Dort hatte die Bäckermeisterin zwei große Körbe mit Backwaren
gefüllt, und Raoul bekam die Weisung, dahin und dorthin dies und das zu
tragen. »Ein Bäckerjunge muß aber zeigen, daß die Ware gut ist, und was
essen,« sagte die Frau gutmütig und steckte dem schlanken Knaben ein
paar recht große Wecken zu. Einer hätte wohl genügt, um einen gesunden
Bubenappetit zu stillen, aber die Meisterin wußte, daß der andere
hinauf wanderte in das Dachzimmer und dort eine Mahlzeit der Frau von
Steinberg bildete. Raoul teilte immer mit der Mutter, mochten die
Bissen noch so klein und der Hunger noch so groß sein.
Während Raoul von Steinberg an diesem etwas trüben Januartag des Jahres
1811 durch die engen Straßen der alten Stadt Leipzig lief und die
bestellte Ware Meister Käsmodels Kunden zutrug, vollendete seine Mutter
eine vielfach gefältelte Frauenhaube. So mühsam die Arbeit war, sie
ließ ihr doch Zeit genug, mit ihren Gedanken in die Vergangenheit zu
eilen. Die Gegenwart war so trübe, und die Zukunft lag so schwer und
hoffnungslos vor der Frau, daß ihr die glückliche Vergangenheit wie ein
blumenreiches Gärtlein war, in dem sie nach des Tages Last und Mühe
still einherging.
Frau Madeleine von Steinberg war eine Französin von Geburt. Sie
entstammte einer sehr vornehmen Emigrantenfamilie, die sich vor den
Schrecken der Revolution erst in eine kleine rheinische Stadt, dann
nach Dresden geflüchtet hatte. In dieser schönen, heiteren Stadt
verlebte Madeleine ihre Mädchenjahre. Ihr Vater hatte wenigstens einen
Teil seines Vermögens gerettet, und zwar so viel, daß die Familie
ohne Sorgen leben konnte. Ein Vetter der Gräfin hatte ein hohes Amt
am sächsischen Hofe inne. In seinem Hause und durch seine Vermittlung
wurde Madeleine in die Gesellschaft eingeführt, und auf einem Balle
lernte sie auch ihren nachherigen Gatten, Georg Wilhelm von Steinberg,
kennen. Dieser, Ostpreuße von Geburt, hielt sich nur kurze Zeit in
Dresden auf; als er ging, bat er Madeleines Vater um die Hand seiner
Tochter. Doch der wies ihn ab, er sagte, er wolle keinen Preußen zum
Schwiegersohn. Die Mutter, der das feste, ehrenhafte Wesen dieses
preußischen Junkers gut gefiel, tröstete: »Abwarten! Die Zeit mildert
wohl des Vaters Sinn!« Aber ehe dies geschah, starb der Graf, gerade
als sich sein Sohn nach Frankreich begeben hatte, um dort zu versuchen,
die reichen Güter der Familie zurückzugewinnen, denn der wilde Brand
der Revolution war im Erlöschen. Die Gräfin, eine zarte, schwächliche
Frau, war müde von allem Leid, sie wollte ihre junge Tochter in gutem
Schutz wissen, und so durfte diese dem abgewiesenen Freier schreiben,
daß einer Heirat nichts mehr im Wege stand. Nach wenigen Wochen schon
wurde Madeleine Georg Wilhelm von Steinbergs Gattin, und wieder nach
wenigen Wochen stand sie am Sarge der Mutter.
Das junge Ehepaar siedelte nach Berlin über; Herr von Steinberg war
preußischer Offizier und stand in der Hauptstadt. Madeleine hatte
nicht geahnt, daß gleich ihrem Vater auch die Familie ihres Mannes die
Heirat ungern gesehen hatte. In diese alte preußische Familie passe
keine Französin hinein, hatte die Mutter ihres Mannes geschrieben.
Diese, eine stolze, durch ein schweres Leben herb und verschlossen
gewordene Frau, hatte den herzlichen, um Liebe bittenden Brief
der Schwiegertochter nur kühl erwidert. Vielleicht wäre es Frau
Madeleine gelungen, nach und nach die Liebe und das Vertrauen der
neuen Verwandten zu erringen, sie war aber scheu, und ein hartes Wort
schreckte sie gleich zurück. Ihr Gatte zürnte den Verwandten, er bat
auch nicht weiter, ja die Vorwürfe der Mutter verletzten ihn so, daß er
zuletzt gar nicht mehr schrieb, und zu einer Fahrt in die Heimat kam es
auch nicht. Doch auch Madeleines eigener Bruder zürnte ihr: er wieder
haßte den Preußen, und sein Haß ging so weit, daß er der Schwester das
Erbteil entzog.
Mit Sorge und Leid begann die junge Ehe, und doch war sie unendlich
glücklich; die Jahre, die Madeleine an der Seite ihres Mannes verlebt
hatte, waren für sie der reiche, köstliche Blumengarten, in den ihre
Seele immer wieder zurückkehrte. Dann kam der Krieg von 1806/1807. Bei
Saalfeld wurde Rittmeister von Steinberg schwer verwundet. Einem Freund
von ihm gelang es, den Verwundeten zu retten und ihn nach Leipzig zu
schaffen. Dort fand Frau Madeleine den Gatten, dort pflegte sie ihn die
letzten schweren Monate seines Lebens, dort starb er, und nach seinem
Tode blieb die Witwe mit ihrem einzigen Kinde, einem Knaben, in der
Stadt.
Die Krankheit, der Krieg und eigenes schweres Leiden raubten der Witwe
das geringe Vermögen, und zwei Jahre nach dem Tode ihres Mannes befand
sie sich in den ärmlichsten Verhältnissen. Sie wandte sich mit der
Bitte um Hilfe an ihren Bruder, der inzwischen in Napoleons Dienst
getreten war und alle seine Güter zurückerhalten hatte. Ein hartes
Nein war die Antwort. »Ich will dir nur helfen, wenn du hier in dein
Vaterland zurückkehrst und deinen Sohn als Franzosen erziehst,«
schrieb er, doch Frau Madeleine hatte dem Gatten gelobt, den Sohn in
der Heimat zu erziehen, und sie hielt ihr Wort.
Die Verwandten ihres Mannes um Hilfe zu bitten, wagte sie nach dieser
harten Abweisung des einzigen Bruders gar nicht mehr, dazu war sie zu
scheu und zaghaft, so nahm sie tapfer allein den Kampf mit dem Leben
auf. Sie blieb in Leipzig, bezog mit ihrem Sohne eine Mansardenstube
im Hause des Bäckermeisters Käsmodel und versuchte sich mit feinen
Putzarbeiten zu ernähren. Es wäre ihr wohl auch ganz gut gegangen, denn
sie war geschickt und erwarb sich bald einige Kunden, doch die Zeiten
waren schlecht, und dazu kamen wochenlange Krankheiten, die sie oft
arbeitsunfähig machten. Das wenige Geld, das sie besaß, mußte nach und
nach verbraucht werden, und mit heißer Angst dachte sie manchmal an
die Zukunft. Was sollte aus ihrem Sohn werden? Sie erzog den Knaben,
dem Wort getreu, das sie ihrem sterbenden Manne gegeben hatte, im
Sinne seines Vaters. Sie selbst besaß nur noch eine blasse Erinnerung
an ihr schönes Heimatland, an das Schloß ihres Vaters an den Ufern
der Loire und das Palais in Paris. Die neue Herrschaft in Frankreich,
Napoleons Eroberungszüge erfüllten ihre sanfte Seele mit Schrecken.
Ihr Mann war im Kampf gegen den unersättlichen Eroberer gefallen,
sie sah, welch namenloses Leid dieser gewissenlose Emporkömmling
über die Länder brachte, und ihr Herz blutete vor Mitgefühl mit den
gepeinigten, zertretenen Völkern. Napoleon war für sie nicht der Kaiser
von Frankreich, dieses schönen, anmutigen Landes, das ihr wie ein
Märchenland in der Erinnerung lebte, er war ihr ein böser Dämon, der
Not, namenloses Leiden über die Menschen brachte. In dieser Anschauung
wuchs Raoul auf; ein tiefer Haß gegen den Völkervernichter, ein heißes
Mitleid mit denen, die unter seiner Tyrannei litten, wurde groß in dem
Herzen des Knaben. --
Die Dämmerung hatte nach und nach das Mansardenzimmer Frau von
Steinbergs in Dunkel gehüllt, nur am Fenster hing noch ein matter
Lichtschein, zu schwach aber, um bei ihm weiter arbeiten zu können.
Erschöpft ließ die Frau die Arbeit sinken; Brust und Rücken taten ihr
weh, und fröstelnd zog sie das dünne Tuch um ihre Schultern. Es war
kalt im Zimmer, in dem Öfchen war das Feuer ausgegangen, und draußen
wehte ein scharfer, harter Nordwind. Doch Brennholz kostete Geld,
Nahrung, Kleidung, alles kostete Geld, und der Verdienst war gering.
Ein paar Goldstücke lagen freilich noch in dem Kasten, in dem Frau
Madeleine den Trauring ihres Mannes, sein Bild, eine Haarlocke von ihm
und ähnliche Erinnerungen aufbewahrte, aber dieser Notgroschen sollte,
mußte für Raoul bleiben. »Wenn ich nicht mehr lebe,« dachte die Frau
müde.
Draußen polterte wieder jemand die Stiegen herauf, es klopfte, und
einen Augenblick später trat breit und behaglich, ein bammelndes
Laternchen in der Hand, die Bäckermeisterin Käsmodel in das Zimmer.
»Nichts für ungut, wenn ich störe,« sagte sie freundlich, »ich wollte
nur sagen, daß es in unserer Backstube kuchenwarm ist, und daß es
eigentlich jammerschade ist, daß Feuer und Licht nicht genug ausgenutzt
werden. Na, und dann, Frau von Steinberg wissen, wie himmelgern ich so
'n kleinen Tratsch mache. 'n bißchen was von Dresden hören, darüber
geht nur nichts. Wär's gar so unbescheiden, wenn ich bitten tät, auf
ein Stündchen herunterzukommen?«
Madeleine von Steinberg sah die Bäckermeisterin dankbar an, die im
Lichtschein ihres Laternchens an der Türe stand und die blasse
Frau anschaute, just als möchte sie sagen: Komm, du armes, krankes
Menschenkind, laß dich lieb haben von mir und dir was Gutes tun!
Diese Szene wiederholte sich allabendlich: immer wenn es dunkel und
kalt in der Kammer wurde, holte die Meisterin ihre Hausgenossin in die
warme Stube hinab, in der es so kräftig nach Mehl und nach frischem
Brot roch. Dann saßen die Frauen bis zum Nachtmahl zusammen, wohl
noch darüber hinaus, denn oft baten die Bäckersleute, es sei doch
gerade so gemütlich, da könnte Frau von Steinberg doch ein Häppchen
mitessen, es sei ihnen dies eine besondere Ehre. Anfangs hatte sich
die Frau gegen diese stille, versteckte Wohltätigkeit gewehrt, hatte
nichts, auch gar nichts annehmen wollen, aber jetzt war sie so müde und
niedergeschlagen; die Einsamkeit lastete so schwer auf ihr, daß sie
aufatmete, wenn die Meisterin Käsmodel mit ihrem Laternchen erschien.
Auch heute raffte Madeleine von Steinberg hastig ihre Näherei zusammen
und folgte der freundlichen Hausgenossin die steilen Treppen hinab
in das durch das Ofenfeuer und eine Unschlittkerze traulich erhellte
Stübchen. Die Meisterin strickte und bewunderte dazwischen höchlichst
die Fältchen, Tollen und Schleifen, die unter Frau von Steinbergs
geschickten Händen entstanden. »'s ist wirklich zum Anbeißen adrett,
was Sie da nähen, aber freilich, die Lust vergeht einem schon an
solchen Dingen, eine gar so böse Zeit ist's.« Die Bäckermeisterin
seufzte tief. »Wohin man hört, gibt's Kummer. Draußen auf den
Landstraßen soll man seines Lebens nicht mehr sicher sein.«
Am Schiebefensterchen nach dem Hausflur hin bimmelte die Klingel, und
ein von der Luft gerötetes Mädchengesicht erschien daran. Ein Brot
wurde verlangt, die Meisterin reichte es hinaus und erkundigte sich
dabei gleich, ob die Madame Preußer wieder wohlauf sei.
»Die Madame ist wieder beisammen,« erzählte die Magd, »aber der Herr,
der Herr! Gestern hab' ich ihn sagen hören, an nichts hätt' er mehr
Freude, seit die Franzosenbagasch« --
»Halt Sie das Maul,« fuhr die sonst so sanftmütige Meisterin Käsmodel
die Magd heftig an, »so was hört mer nicht, und wenn mer's hört, sagt
mersch nicht! Verstanden?«
Die Magd riß ihre großen wasserblauen Augen weit auf vor Schreck, und
ganz kleinlaut versicherte sie: »Ich sag nischte mehr, nie nich.«
»Das ist auch am besten,« brummte die Bäckermeisterin und wandte sich
einer neuen Kundin zu, einem schmächtigen, verhutzelten Weiblein, das
ganz scheu in eine Ecke gedrückt im dunklen Flur stand und kaum an das
Schiebefensterchen zu treten wagte. »Na, was gibt's, Schmidten, soll's
ein Brot sein?«
Die Frau wartete erst, bis die stattliche Magd gegangen war, dann trat
sie vor und flüsterte mit heiserer, ängstlicher Stimme: »Wenn Se mer's
borgen täten, Frau Meistern, nich en Groschen hab' ich im Haus!«
Die Bäckerin seufzte, und ihr Blick überflog die auf den Ständern
aufgereihten Brote. Wie manches ging davon weg ohne Bezahlung.
Ihr Mann schalt oft, sie sei zu weichherzig, bringe sie alle noch
an den Bettelstab, aber was sollte sie tun? Die Frau dort am
Schiebefensterchen hatte fünf Kinder daheim. Wo ihr Mann geblieben war,
wußte niemand; er war in die Fremde gezogen, um einen Verdienst zu
finden, als die harten Zeiten anfingen, und dort war er verschollen,
vielleicht gestorben.
»Da, Schmidten, Gott segne es ihr und den Kindern,« sagte die Meisterin
und legte rasch eins der Brote in die verlangend ausgestreckte Hand der
Frau. Dann schloß sie, da keine Kunden mehr draußen standen, geschwind
das Schiebefensterchen und kehrte zu ihrem Gast zurück.
Die beiden Frauen waren nach Stand und Bildung sehr verschieden
voneinander, denn als Madeleine von Steinberg noch in Dresden die
glänzenden Feste der Hofgesellschaft mitgemacht hatte, war Frau
Käsmodel eine flinke, fröhliche Magd im Pfarrhause an der Kirche von
St. Thomä gewesen, aber trotzdem verstanden sie sich gut mitsammen.
Frau von Steinberg kannte Not und Entbehrung aus Erfahrung. Die
Bäckermeisterin hatte zwar noch nie um ihr tägliches Brot gebangt,
aber sie sah, wie ringsum die Armut wuchs, wie die Zeiten schlechter
und schlechter wurden. Sie hatte auch tiefes Mutterleid erfahren:
zwei Kinder waren ihr gestorben, und so wußten sich die beiden Frauen
mancherlei zu sagen. Der Meisterin Käsmodel konnte die zarte, langsam
dahinsiechende Bewohnerin aus der Mansarde auch von ihrer Sorge um
ihres einzigen Kindes Zukunft sprechen.
Während die Mütter mal wieder über ihre Kinder sprachen, -- die
Bäckersleute besaßen noch zwei dralle runde Mädels von drei und
vier Jahren, -- saßen die beiden Buben zusammen auf einem Bänkchen
im Backofenwinkel und lernten, daß ihnen die Köpfe rauchten. Seit
einem Jahre besuchte Gottlieb das Gymnasium. Meister Käsmodel wollte
seinem Buben eine gute Bildung geben lassen, er pflegte zu sagen: »Du
mußt ebenso gescheit werden wie drei!« Zu dieser großen Gescheitheit
verspürte Gottlieb nun freilich keine allzu große Lust, und er wäre
vielleicht etwas schwer über die Anfänge der lateinischen Sprache
hinweggekommen, wenn Raoul nicht gewesen wäre. Frau von Steinberg, die
selbst eine sehr gute Bildung genossen hatte, unterrichtete ihren Sohn
selbst; es war ihr unmöglich, ihn auf eine höhere Schule zu schicken.
Als der Sohn heranwuchs, sah sie freilich, daß es zu wenig war, was
sie den glänzend begabten Knaben lehren konnte, allein Raoul war so
lerneifrig, daß er selbst voll Eifer aus den wenigen Büchern, die er
besaß, lernte, was er vermochte. »Ich wollte, du könntest statt meiner
dies alberne Latein lernen!« murrte Gottlieb einmal, als er seufzend
und stöhnend die ersten Gymnasiumstage hinter sich hatte.
»Ich will mit dir lernen,« sagte Raoul dienstwillig, »vielleicht wird
es dir dann leichter!«
Gottlieb hatte das Anerbieten gern angenommen, und seitdem arbeiteten
die Knaben zusammen und merkten bald, daß sie beide Vorteil davon
hatten. Was der Bäckerssohn in der Schule gelernt hatte, teilte er dem
Freunde mit. Dabei wurde ihm selbst manchmal erst klar, was er nicht
verstanden hatte; er paßte auch besser auf, um sich seiner Dummheit
nicht schämen zu müssen, und wußte er einmal gar nicht weiter, dann
fand sicher Raoul aus den Büchern den richtigen Weg, und so umschifften
beide gemeinsam manche Klippe der lateinischen Grammatik und der andern
Lehrbücher. Raoul sagte oft sehr vergnügt zu seiner Mutter: »Es ist
beinahe so gut, als ob ich selbst auf das Gymnasium ginge.«
An diesem Abend hatten sich die Buben beide in die Geheimnisse der
römischen Geschichte vertieft. Gottlieb ein wenig unlustig, er sah
nämlich nicht ein, warum ein zukünftiger ehrsamer Bäckermeister die
römischen Könige, Volkstribunen und Kaiser mit Namen kennen mußte, und
daß er einmal Vater Käsmodels Beruf ergreifen würde, stand bei ihm
fest. »Du,« brummte er und stieß den Kameraden an, »die kaufen doch mal
keine Brote und Wecken bei mir, warum soll ich sie nun alle kennen?«
Raoul sah mit seinen ernsten Augen nachdenklich auf den Freund und
sagte träumerisch: »Ich wollte, ich wär' ein Römer!«
»Nee,« rief Gottlieb verdutzt, »das hab' ich mir noch nie gewünscht,
aber weißte, Soldat möchte ich werden und dem Napoljong feste de Jacke
verhauen; dazu brauch' ich doch aber nicht alle diese eklichen Namen zu
wissen.«
Das stimmte nun freilich, und der sonst so lerneifrige Raoul ließ
auch für ein Weilchen das Buch sinken, denn jetzt waren die Knaben
wieder mal bei dem allerbeliebtesten Gespräch angelangt: Napoleon
und seine Kriege. Im Hause Meister Käsmodels war man alleweg gut
deutsch gesinnt. Das Kriechen und Katzbuckeln vor Frankreich, das
Verherrlichen des gewissenlosen Eroberers, das auch in Leipzig leider
in manchen guten Bürgersfamilien geübt wurde, war dem ehrlichen,
aufrichtigen Bäckermeister in der Seele zuwider. Er war zwar ein
schlichter, ungelehrter Mann, aber er hatte einen hellen, klaren
Verstand, und voll Schmerz sah er, wie tief der deutsche Stolz, das
deutsche Vaterlandsgefühl am Boden lag; nach den Reden mancher Bürger
hätte man meinen müssen, Sachsen gehöre von Gottes und Rechts wegen
zu Frankreich. In widerlich schmeichelnden Lobeshymnen sang man
Bonapartes Lob, und man hatte ganz vergessen, daß es Deutsche waren,
Stammesgenossen, die von Napoleon geknechtet wurden. Der Kaiserhaß, der
Abscheu vor dem französischen Übermut hinderte dabei die Bäckersleute
nicht, ihrer Hausgenossin, der Französin, in Treue hilfreich
beizustehen. »Denn,« pflegte der Meister Käsmodel zu sagen, »der
einzelne Mensch, der meine Hilfe braucht, ist alleweil mein Nächster,
und wenn man über ein Volk auch gerade vor Wut bersten möchte, kommt
uns einer davon in die Quere, so ist es eben Christenpflicht zu helfen,
wenn man kann. Na, und so'n armes Weiberseelchen hat in der lieben
Gotteswelt noch keinem ein Unrecht getan. Pfui Teufel, wäre das ruppig,
der nicht beizustehen!«
In diesem Geist wuchsen die Kinder auf, und sie vertrugen sich so
gut zusammen, daß nie ein Streit die Freundschaft trübte. Gottlieb
bewunderte Raoul restlos. Der war ein Idealist, ein Feuerkopf, der von
hohen Taten träumte, und manchmal staunte der praktische, ein bißchen
schwerfällige Bäckerssohn über des Freundes kühne, hochfliegende
Zukunftspläne.
»Warum ist man nur noch so jung!« schrie Raoul plötzlich in
hellflammender Tatensehnsucht auf.
»Allweil nu möcht ich wissen, warum der Musjeh zu jung ist?« fragte
Meister Käsmodel, der gerade wieder eintrat. »Jugend ist alleweil der
einzige Fehler, von dem man jeden Tag 'n Linschen ablegt.«
»Ich möchte groß sein, Soldat sein und in den Kampf gegen Napoleon
ziehen können!« rief Raoul.
»Jetzt ist Frieden,« brummte der Meister, »Frieden, ihr Bengels,
aber merkt's: alleweil ist's mit dem Frieden jetzt so wie mit meiner
Backofenglut. Wenn ich nicht backe, decke ich Asche drauf, viel Asche,
und nachher, wenn ich wieder Feuer brauche, stöbere ich die Asche weg,
ein paar Scheite drauf, und heissa, das Feuer brennt!«
»Das Feuer brennt!« schrieen die Knaben unwillkürlich mit, die Frauen
aber schraken zusammen, und die Bäckermeisterin bat ängstlich: »Mann,
Käsmodel, setz den Jungens doch nicht solche Gedanken in'n Kopf, man
weiß heute nie, was draus wird.« Sie sah sich scheu um. »Man muß
vorsichtig sein.«
»Ih was,« knurrte der Meister, »Glut muß bleiben -- bis die Zeit zum
Backen kommt! Hab' ich nicht recht, Frau Nachbarin?«
Frau von Steinberg schloß sekundenlang die Augen; sie sah sich wieder
am Sterbebett ihres Mannes stehen und hörte ihn mit versagender Stimme
rufen: »Die Schmach muß ausgewetzt werden, vergiß es nicht, vergiß es
nie!« -- und ganz leise sagte sie: »Sie haben recht, Meister, die Glut
muß bleiben -- bis die Zeit kommt.«
Dann legte sie ihre Arbeit zusammen und nahm Abschied von ihren
freundlichen Wirtsleuten, es war Zeit zur Nachtruhe. Raoul folgte
bereitwillig der Mutter. Er hoffte noch auf ein Plauderstündchen, um
ihr von allem zu erzählen, was er auf seinem Botengange gesehen und was
er mit Gottlieb gelernt hatte, aber oben sagte die Mutter sanft, und
ihre Stimme klang unendlich müde: »Erzähl mir morgen alles, Raoul, ich
brauche heute Ruhe.«
Es dauerte nicht lange, und der Bube lag im Bett und schlief auf dem
harten Strohsack fest wie ein Murmeltier. Seine Mutter aber fand keinen
Schlaf. Brust und Rücken schmerzten, sie fror, und quälender noch als
Schmerzen und Kälte peinigte sie der Gedanke an die Zukunft. Wieder wie
so oft in den langen Wochen, da sie fühlte, daß ihre Kräfte mehr und
mehr abnahmen, dachte sie an die Verwandten ihres Mannes, an seinen
Bruder auf Hohensteinberg und -- an seine Mutter. Sie hatte, seit sie
selbst Mutter war, oft gedacht, daß sie und ihr Mann damals wohl zu
rasch das Werben um die Verzeihung der alten Frau aufgegeben. Die hatte
sie ja nicht gekannt, nichts von ihr gewußt, fremd war sie ihr, -- wie
durfte sie da gleich Liebe fordern! Vielleicht hätte die Mutter ihr
gern geholfen, sie verstanden. Und wieder rang sie mit ihrem Stolz und
nahm sich vor, an die Mutter, den Schwager zu schreiben und um Hilfe
zu bitten, nicht mehr für sich, aber für ihren Sohn, damit er nicht
verlassen und schutzlos war, wenn sie von ihm gehen mußte -- vielleicht
würde das bald sein, sehr bald.
Ein tiefes Stöhnen entrang sich der schmerzenden Brust der armen Frau,
und Raoul, der im Winkel unter dem schrägen Dach schlief, wachte auf.
»Riefst du mich, Mama?« Doch alles blieb still, vom Bett der Mutter kam
keine Antwort, und so huschelte sich Raoul beruhigt wieder in seine
Decke ein und schlief seinen festen, gesunden Jugendschlaf weiter.
Die Frau preßte die Lippen fest zusammen, damit kein Klagelaut wieder
den Schlaf ihres Kindes stören sollte, über ihr Gesicht aber rannen
Tränen, bittere, schwere Tränen. Draußen hatte sich der Wind erhoben,
er sauste und brauste um die hohen, spitzgiebligen Häuser herum, drehte
knarrend die Wetterfahne auf dem Dach und klapperte an der Dachrinne.
Die Frau hörte das wilde Lied und dachte an den Sturm, der ihr Glück
vernichtet hatte. Jetzt schwieg er, Friede herrschte, aber wie lange
noch? Erst gegen Morgen, als sich auch draußen der Sturm legte, schloß
der Schlaf für wenige Stunden die müden Augen, und ein heiterer Traum
entführte ihre Seele für kurze Zeit der trüben, schweren Gegenwart.
[Illustration: Dekoration Ende 1. Kapitel]
[Illustration: Dekoration Titel 2. Kapitel]
Zweites Kapitel.
Das Schreiberlein des Herrn Advokaten Schnabel.
»Mit der Frau von Steinberg steht's nicht gut, Mann,« sagte die
Meisterin ein paar Tage später, als ihre Hausgenossin gerade von einem
Ausgang zurückkehrte und langsam, die schlanke Gestalt vornübergeneigt,
den dämmrigen, schmalen Flur durchschritt.
»Ach, Unsinn! Weiberleut müssen sich allweil ängstigen,« knurrte der
behäbige Bäcker, aber auch er sah der bleichen Frau ernst nach. Stufe
auf Stufe stieg diese die Treppe empor. So himmelhoch und endlos wie
heut waren sie ihr noch nie erschienen. Sie hatte an diesem Tage selbst
eine Haube forttragen müssen zu einer wohlhabenden Kaufmannsfrau, die
verlangt hatte, sie solle ihr das Kunstwerk gleich einmal aufsetzen.
Der Weg bei dem rauhen, unwirtlichen Wetter war Madeleine von Steinberg
sehr schwer geworden, und als sie auf der zweiten Treppe angelangt war,
mußte sie sich einen Augenblick an die Wand lehnen; fast unmöglich
erschien es ihr, hinaufzukommen, noch so viele Stufen, noch die mühsame
Leiter gab es zu erklimmen.
»Mama, was fehlt dir?« Raoul von Steinberg fuhr ein paar Minuten später
erschrocken auf und ließ das Buch, in dem er gelernt hatte, zu Boden
fallen. »Um Gotteswillen, Mama, Mutter!«
»Ich -- es ist nichts, mein Junge, mein -- armer Junge!« Die Frau
taumelte und wäre zu Boden gefallen, wenn nicht des Knaben starke junge
Arme sie gehalten hätten.
Ein Hilferuf gellte durch das Haus, ein weher, verzweifelter Angstruf.
Er drang auch hinunter in das warme Bäckerlädchen, schreckte die
Meisterin auf und trieb Gottlieb aus seinem Ofenwinkel heraus. Der
Meister kam auch, die Magd mit den beiden Kleinen lief herzu, oben
im Hause, in dem ein Warenlager untergebracht war, wurden Türen
geschlagen, man hörte rufen, und dann stand von allen Hausgenossen
doch die rundliche Bäckermeisterin zuerst oben im Mansardenstübchen,
hinter ihr tauchte Gottlieb auf, und beide sahen Frau von Steinberg
wachsbleich, mit blutbeflecktem Kleid in Raouls Armen liegen.
»Die Mutter stirbt,« schrie der Knabe verzweifelt, und seine heißen
Tränen mischten sich mit dem roten Blut der Mutter, das tropfenweise
dem blassen Munde entströmte.
Die Meisterin griff herzhaft zu, und als nach wenigen Minuten auch
die andern Hausgenossen im Zimmer erschienen, trieb sie alle hinaus,
nur die Magd durfte bleiben und die Kranke in ihr Bett legen helfen.
Gottlieb rannte zu einem Arzt, der in der nahen Nikolaistraße wohnte,
und Raoul saß im Winkel und sah mit heißer Angst zu, wie die Meisterin
die Mutter bettete, sie rieb und mit warmen Tüchern umwickelte. Auf
seinem Herzen lag dumpf und schwer die Ahnung kommenden Leides.
Bange Tage folgten, lange Wochen des Leidens kamen, Frau von Steinberg
siechte langsam dahin. Wohl stand sie nach etlichen Tagen wieder
auf und machte den Versuch, wenigstens die bestellten Arbeiten zu
vollenden, aber es war nur ein mühsames Ringen mit versagenden Kräften.
Immer wieder entsank die Nadel ihren müden Händen, immer wieder mußte
sie stundenlang still auf ihrem Lager ruhen, unfähig, auch nur etwas zu
tun.
Raoul pflegte, von der Meisterin Käsmodel tatkräftig unterstützt,
seine Mutter, so gut er nur konnte. »Du mußt ihr eine Stütze sein,
darfst selbst nicht klagen und nicht trübselig dreinschauen,« hatte
die Meisterin zu ihm am ersten Tage der Krankheit gesagt, und danach
richtete sich der Knabe, wenn es ihm auch noch so schwer fiel. Er nahm
seiner Mutter alle Arbeit in der kleinen Wirtschaft ab, er kehrte,
wusch und kochte wie eine Dienstmagd, und dann rannte er draußen noch
stundenlang herum und tat Botengänge für kargen Lohn. Die Geschäfte
gingen schlecht, die Not der Zeit drückte alles nieder, jeder sparte,
wo er konnte, und recht gering war das, was da ein halbwüchsiger Junge
verdienen konnte. Er brachte jeden Pfennig mit strahlendem Gesicht
heim, noch ahnte er ja nicht, wie schwer die Sorge auf der Mutter
lag. Aber dann, an einem hellen, sonnigen Februartag war es, der wie
ein erster heiterer Frühlingsgruß über die Erde ging, mußte Frau von
Steinberg doch das erste Goldstück ihres heimlichen kleinen Schatzes
nehmen. Sie konnte ihren Sohn nicht hungern lassen, sie wollte aber
auch nicht von den gutherzig gegebenen Gaben der Bäckersleute leben,
dazu war sie zu stolz.
»Zahl' unten die Miete und das Brotgeld! Käsmodels wollen es nicht,
ich will aber nichts schuldig bleiben, Raoul,« sagte sie leise, und
eine Träne fiel brennend auf die ausgestreckte Hand des Sohnes.
Tief erschrocken sah der Knabe aus, und in diesem Augenblick verstand
er voll die Sorge der Mutter. In wild ausbrechendem Schmerz schlang
er seine Arme um sie und flehte: »Weine nicht, ach, weine nicht! Im
Frühling wird alles gut, du wirst gesund, und ich finde schon einen
Verdienst.«
»Im Frühling -- ja,« flüsterte die Mutter und küßte zärtlich ihr Kind,
»du hast recht, dann wird alles gut.«
Ach, sie fühlte es ja gerade an diesem sonnigen Tage, der von dem
kommenden Lenz zu erzählen wußte, daß ihre Stunden auf der Erde gezählt
waren, und daß sie nicht mehr lange über ihrem Kinde wachen konnte. Und
als Raoul gegangen war, überwand sie endlich ihren Stolz und schrieb an
den Bruder ihres Mannes, an den Freiherrn Wolf-Friedrich von Steinberg
auf Hohensteinberg, schilderte ihm ihre Lage und bat ihn, sich ihres
Kindes anzunehmen, wenn sie tot sei. Sie schloß auch ein Brieflein für
die Mutter mit ein. Für sich bat sie um nichts, nur Hilfe für den Sohn
wollte sie. Den Brief trug die Meisterin Käsmodel selbst auf die Post,
zahlte das Porto und sandte dem Schreiben ihre guten Wünsche nach, denn
sie billigte im innersten Herzen den Schritt, den ihre Mieterin getan
hatte. Sie ahnte nicht, daß ein böses Geschick den Brief tief im Grunde
eines Postsackes festhielt, viele, viele Wochen lang.
Ein paar Tage später stürmte Raoul am Nachmittag hastig und aufgeregt
in das Zimmer. »Mama,« rief er, »Herzensmama, denke doch, ach denke
doch, welch ein Glück mir widerfahren ist!« Er umschlang stürmisch
die bleiche Mutter, und an ihr vorbeisehend, damit sie ihm nicht in
die Augen blicken konnte, denn die sahen gar nicht glücklich aus,
erzählte er hastig: »Der Meister war mit mir beim Advokaten Schnabel
in der Burgstraße; dem ist sein junger Schreiber davongelaufen, und
der Meister meinte, schreiben könnte ich so gut wie er backen. Wir
sind also hingegangen, und der Herr Advokat hat uns vorgelassen. Der
hat gleich geschrieen: >Das ist ein Kind, der ist zu jung, zu jung, zu
jung, 's ist nichts damit!<«
Bei der Erinnerung an diese Szene kam in Raouls Augen nun doch das
Lachen. Er blickte seine Mutter froh an, als er fortfuhr: »Meister
Käsmodel hat sich einfach auf einen Stuhl gesetzt, und allemal, wenn
der Herr Advokat schrie: >Zu jung, zu jung,< hat er genickt, und
endlich hat er gesagt: >Alleweil jetzt, Herr Advokat, ist der Junge
schon etwas älter geworden, und Jugend hat noch nie jemanden geärgert,
höchstens das Altwerden.< Erst machte der Herr Advokat ein ganz
bitterböses Gesicht, dann fing er an zu lachen. Ich mußte schreiben,
das gefiel ihm, und nun, Mama, bin ich angestellter Schreiber und
bekomme -- zwei Taler vorläufig auf den Monat. Ist das nicht schön?
freust du dich auch?«
»Sehr schön,« flüsterte Frau von Steinberg, »ich freue mich sehr,
mein guter Junge du.« Sie kämpfte krampfhaft die aufsteigenden Tränen
zurück, und Mutter und Sohn hielten sich lange umschlungen. Sie sahen
sich nicht in die Augen, denn jedes fürchtete den heimlich getragenen
Schmerz sehen zu lassen. Ein Freiherr von Steinberg, Enkel des Grafen
Turaillon, eines der vornehmsten Würdenträger am Hofe Ludwigs _XVI._,
ein Schreiberlein mit zwei Talern Monatsgeld. Der Mutter zog sich
das Herz zusammen, wenn sie daran dachte, und sie sah sich im Geist
mit dem geliebten Gatten an der Wiege ihres Kindes sitzen und hörte
wieder die so früh verklungene Stimme: »Mein Sohn soll einmal dem
Namen Steinberg Ehre machen,« und nun mußte dieser Sohn als armes
Schreiberlein ein kümmerliches Brot verdienen.
Raoul sollte am nächsten Morgen bereits seine Stellung antreten. Die
Meisterin hatte ihm versprochen, sie wollte für seine Mutter sorgen,
aber er stand doch noch früher als sonst auf und fegte erst die Stube
aus, kochte fürsorglich die Morgensuppe für die Mutter und sich, und
dann eilte er rasch nach kurzem Abschied davon. Er hatte es nicht weit,
und geschwind lief er über den Marktplatz, bog in ein schmales Gäßchen
ein und langte bald in der Burggasse an. Dort kletterte er eilfertig
in einem uralten Hause zwei enge Treppen empor und zog die Klingel an
Advokat Schnabels Wohnung. Eine Magd öffnete und brummte unwirsch:
»Jemineh, der neue Schreibbursche! Nee, so'n Dreikäsehoch aber auch! Da
hast'n Besen, nun kehre mal flink die Schreibstube aus. Rasch, rasch,
tummle dich, sieh nicht erst 'n Loch in die Türe!«
Raoul stieg das Blut in das Gesicht. Er war ein stolzer, kleiner
Bursche, und es demütigte ihn tief, daß er solche Dienste verrichten
sollte und sich von der Magd so grob anfahren lassen mußte. Am liebsten
wäre er gleich umgekehrt, aber er preßte die Lippen fest aufeinander,
um nicht eine patzige Antwort zu geben. Das Zimmer, das er betrat,
lag nach dem Hof hinaus, die graue Rückwand eines Hauses nahm jede
Aussicht, nur wer sich weit aus dem Fenster bog, der konnte den Turm
der nahen Thomaskirche aufragen sehen. Einen Augenblick blieb Raoul
unschlüssig an der Türe stehen und überschaute den Raum, der ihm
fortan tagaus, tagein Aufenthaltsort sein sollte. Bis zur Decke hinauf
krochen die Ständer, angefüllt mit dicken Aktenbündeln, ein paar von
Tintenflecken übersäte Tische standen dicht an den Fenstern, deren
Scheiben gewiß lange nicht geputzt waren. Seufzend begann Raoul mit dem
Auskehren, er dachte dabei immer nur: Zwei Taler, zwei Taler, wie wird
sich die Mutter freuen!
Er war noch nicht mit seiner Arbeit fertig, denn Staub und Schmutz
lagen dick in allen Winkeln, als die Türe mit einem lauten Krach
geöffnet wurde und zwei noch junge Männer hereinkamen. Der eine war
lang und dünn, sein Gesicht, seine Hände, sein Anzug sahen grau,
ungewaschen und ungebürstet aus; der andere war klein, verwachsen, er
hatte etwas Zartes, Sanftes in seiner ganzen Erscheinung. Der Lange
schaute Raoul von oben bis unten an; er kniff dabei die Augen zusammen,
und der Knabe erschrak vor dem unangenehmen Ausdruck des Gesichtes.
»He, ist er der Neue, wie heißt er denn?«
Raoul sagte ruhig seinen Namen, ohne den Adel, den er auf Wunsch des
Advokaten selbst nicht nannte, und sah dabei mit seinen schönen,
dunklen Augen offen zu dem langen Schreiber empor. Der grinste und
schrie dem Verwachsenen zu: »Ein halber Franzos! Du Napoleonfresser,
das ist was für dich, hihihi! Da, junger Dachs, nehm er meinen Rock,
mein Schreibkittel hängt dort im Schrank. Flink, er weiß wohl gar
nicht, was sich gehört?«
Der Verwachsene war still an den Schrank getreten, hatte einen
abgeschabten, zerflederten Rock herausgenommen, der so schmutzig
war, daß Raoul sich ekelte, ihn anzugreifen. Den reichte er dem
Knaben, damit er ihn dem Langen brächte, er selbst zog sich ein paar
Schreibärmel über, und da gleichzeitig im Nebenzimmer Schritte laut
wurden, eilten die Schreiber an ihre Plätze. Der Lange, der Paul
Neumann hieß, wies Raoul grob einen Platz neben sich an, aber kaum
saß der Knabe und hatte begonnen, mit dem Gänsekiel ein Aktenstück
zu kopieren, als ihn sein Nachbar anfuhr: »Trag das hinüber, flink,
marsch! Er schläft wohl?«
Da schrak Raoul so zusammen, daß ein dicker Klecks auf sein Papier
tropfte, und ein Hagel von Scheltworten brauste auf ihn herab. Er hörte
Worte, die er noch gar nicht kannte, die roh und gemein in seinen Ohren
gellten. Er war froh, als ein paar Leute kamen und der lange Schreiber
in das Nebenzimmer gerufen wurde. Den ganzen Vormittag ging das so
fort: einer nach dem andern kam, und Paul Neumann lief wichtig hin und
her, er war einmal von unterwürfiger Höflichkeit zu den Klienten seines
Herrn, das andere Mal grob und hochfahrend, dann wieder vertraulich,
machte alberne Späße, je nach Rang und Stellung der Kommenden.
Der kleine Verwachsene, Karl Wagner genannt, blieb immer ruhig an
seinem Tisch sitzen und schrieb emsig. Raoul, der die Arbeit des andern
übersehen konnte, staunte, wie schnell sich in schöner, klarer Schrift
Wort an Wort reihte. Der Verwachsene sprach nichts, nur ein paarmal
warf er seinem jungen Genossen einen guten, freundlichen Blick zu,
einen, der zu trösten und aufzumuntern schien. Aber dennoch war es dem
Knaben, als schlichen an diesem Tage die Stunden unendlich langsam
dahin, und er atmete erleichert auf, als mit tiefem Dröhnen der Schall
der Mittagsglocke in die Schreibstube hineintönte.
Raoul hatte gemeint, er würde nun eilig davonlaufen können und mit
der Mutter die karge Freistunde genießen; das gab es aber nicht. Erst
mußte er noch für Paul Neumann einen Gang tun, und es waren schon zehn
Minuten seiner Freizeit verronnen, ehe er heimwärts laufen konnte.
Dann rannte er freilich wie der Wind, und heiß und atemlos kam er oben
im Mansardenstübchen an. Kaum sah er der Mutter in das liebe, sanfte
Gesicht, da wurde es ihm auch wieder leicht ums Herz, und ganz heiter
erzählte er von seinem ersten Vormittag als Schreiberlein. Ja, nun er
nicht mehr in der Schreibstube saß, erschien ihm alles, was er gesehen
und erlebt hatte, recht lustig und abwechslungsvoll zu sein, und er
schwatzte so munter drauf los, daß ein Lächeln das Gesicht der Mutter
verklärte.
Aber waren die Vormittagsstunden wie Schnecken dahingeschlichen, so
raste die Freistunde vorbei wie ein wild gewordenes Pferd. Es hieß
wieder scheiden, und Raoul nahm zärtlich Abschied. Er rannte zurück,
und als er das graue Haus in der Burgstraße wieder betrat, war es ihm,
als sinke eine schwere, schwere Last auf ihn herab.
Mit der Arbeit schien es am Nachmittag, solange der Advokat selbst
nicht in seinem Zimmer war, gar nicht eilig zu sein. Karl Wagner
schrieb zwar still und unverdrossen weiter, aber der lange Neumann
hatte die Feder hinters Ohr gesteckt und redete laut von allerlei,
und Raoul mußte ihm zuhören und antworten. Der Schreiber gehörte zu
jenen, die in kriechender Schmeichelei Napoleon huldigten; er hatte
sogar ein Gedicht angefangen, in dem er seinen Helden verherrlichte,
zu seiner großen Betrübnis wollte ihm aber das Dichten nicht gelingen.
»Kannst von Glück sagen, Bursche,« meinte er an diesem Nachmittag mit
herablassendem Grinsen, »daß du einen französischen Vornamen hast. Ist
doch was Feines! Aber ich, wenn ich auch nur einen elenden deutschen
Namen führe, habe doch einmal den Kaiser gesehen, habe ihn gegrüßt und
er hat mir gedankt! He, was sagt er zu der Ehre, Musjeh? Bewunderst ihn
auch, gelt?«
»Ich? Nein,« schrie Raoul. Er war jung und unbesonnen und wollte gerade
rasch und heiß seine Verachtung aussprechen, als ihn Karl Wagner ganz
scharf anrief: »Reich mir dort den Aktenstoß her! Schnell, scheinst mir
ein rechter Faulpelz zu sein!«
Erschrocken sprang Raoul auf, von dem sanften Genossen hatte er einen
so groben Anruf nicht erwartet, und holte hastig das Gewünschte herbei.
In diesem Augenblick ertönte nebenan eine Stimme, und der Advokat rief:
»Neumann, die Akten Müller gegen Hohmann!«
Der Lange raffte geschwind ein Aktenbündel zusammen und entschwand
im Nebenzimmer, Karl Wagner aber zog Raouls Kopf zu sich herab und
flüsterte: »Halt deinen Mund, Junge, und hüte dich vor dem Neumann,
sag' nichts gegen Napoleon!«
»Aber ich hasse ihn doch, er ist ein Tyrann, er --« Raouls Augen
flammten; er war es nicht gewöhnt, seine Gedanken und Gefühle zu
verschweigen. Daheim und bei Meister Käsmodel durfte man schon ein
freies Wort sagen. Aber der Verwachsene legte ihm rasch die Hand auf
den Mund: »Schweig, mein Kind, wir müssen stille sein und warten, bis
die Zeit kommt. Und sie kommt,« fügte er hinzu; seine graublauen Augen
leuchteten begeistert, das blasse kümmerliche Gesicht erstrahlte und
schien dem Knaben auf einmal seltsam schön und anziehend zu sein. Er
hätte gern noch mehr mit Karl Wagner gesprochen, aber der lauschte eine
Sekunde nach dem Nebenzimmer hin und sagte dann leise: »Geh an deine
Arbeit.«
Als kurze Zeit darauf der lange Neumann in das Zimmer trat, herrschte
tiefe Stille. Die beiden schrieben eifrig, und Karl Wagner schien seine
mißtrauischen Blicke nicht zu merken. Da der Advokat nebenan blieb und
die Türe offen stand, konnte das Gespräch nicht fortgesetzt werden,
denn Paul Neumann war immer dann fleißig, wenn es sein Herr sah, war
der nicht daheim, rührte er keine Feder.
Wieder schlichen die Stunden langsam, träge dahin, und Raoul sehnte den
Abend herbei. Dieser erste Arbeitstag war ihm bitterschwer geworden,
aber dennoch trat er auch am Abend heiter bei der Mutter ein. Er
schwatzte ein bißchen lauter und aufgeregter als sonst und ahnte
nicht, daß die Mutteraugen tief in sein Herz hineinsahen und hinter
aller erzwungenen Fröhlichkeit doch die Last sahen, die auf den jungen
Schultern ihres Kindes ruhte.
Raoul dachte jetzt oft: Sind die Tage lang, und sind die Sonntage und
Abende kurz! Wenn er bei der Mutter saß und die fiebrige Röte aus
den eingefallenen Wangen kindlich für ein Zeichen wiederkehrender
Gesundheit nahm, oder wenn er mit Gottlieb lernte und sie sich
gegenseitig ihre Erlebnisse erzählten, dann war er glücklich und vergaß
die düstere Schreibstube und seines langen Genossen Quälereien.
Paul Neumann hatte es, trotzdem Raoul schwieg, doch bald
herausbekommen, daß der Bube kein Kaiserbewunderer war. Seitdem quälte
und peinigte er ihn noch mehr, als er es sonst getan hätte. Der lange
Schreiber war wohl unendlich demütig zu denen, die über ihm standen,
aber er ließ gleich alle seine Roheit aus an denen, über die er Gewalt
hatte, denen er befehlen durfte. Er war in der Schreibstube der Erste,
und es half Karl Wagner nicht viel, wenn er Raoul in Schutz nahm;
nur ganz heimlich durfte er dem Knaben helfen. Sah Paul Neumann das
Einverständnis, dann rächte er sich und jagte Raoul hin und her,
namentlich in der Mittagsstunde, und es kam oft genug vor, daß dem
Knaben nicht einmal so viel Zeit blieb, zur Mutter zu laufen und sein
Mittagbrot zu essen.