Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch

heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg

einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch,

die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu

zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche

wohnen.

Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die

Toilette.

Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen

der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich

eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.

Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr

feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in

herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald

den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er

sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von

zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken.

Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das

Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der

Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der

Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.

Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten

Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier

aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach

einer ritterlichen Verbeugung die Hand.

„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der

heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir

nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den

Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und

in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung

der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem

erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“

Hier mußte Graf Sacken Atem holen...

In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es

hervor mit ungestümem Jauchzen.

„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.

Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die

Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange.

-- --

[Illustration]

Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.

Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf

die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.

Von dorther sollten die Husaren kommen.

Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt

wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die

reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so

abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten

sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten,

daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen,

wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.

Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den

Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte

mit den Füßchen.

Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!

Was das nur ist, so ein Husar?

Und wie sie aussehen werden?

Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt,

der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund

schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer

Schnurrbart.

Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!

Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste

herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt

den Steinen.

In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige

Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen,

hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch

schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen,

Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der

Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte

zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen

auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der

letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der

starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein

Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein

Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen

Schenkel.

Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da

tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend.

Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in

den Herzen der beiden.

Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich

stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen

kamen leise, leise die Worte:

„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“

[Illustration]

An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.

Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.

Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch

nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt

lag.

Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein,

wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen

Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die

feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor

sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der

Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.

Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der

Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?

Wer weiß es?!...

Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren

Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre

Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl

deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar

frischer, roter Lippen dachten. -- -- --

Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen

Bratenschüsseln herbei.

Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den

Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:

„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger

bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen

Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann

fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.

Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren

Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät

Hussarren geziemt.

Krawall: Lustige Geschichten · 第 42 / 52 题