Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch
heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg
einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch,
die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu
zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche
wohnen.
Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die
Toilette.
Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen
der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich
eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.
Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr
feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in
herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald
den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er
sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von
zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken.
Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das
Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der
Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der
Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.
Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten
Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier
aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach
einer ritterlichen Verbeugung die Hand.
„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der
heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir
nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den
Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und
in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung
der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem
erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“
Hier mußte Graf Sacken Atem holen...
In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es
hervor mit ungestümem Jauchzen.
„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.
Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die
Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange.
-- --
[Illustration]
Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.
Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf
die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.
Von dorther sollten die Husaren kommen.
Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt
wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die
reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so
abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten
sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten,
daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen,
wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.
Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den
Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte
mit den Füßchen.
Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!
Was das nur ist, so ein Husar?
Und wie sie aussehen werden?
Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt,
der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund
schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer
Schnurrbart.
Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!
Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste
herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt
den Steinen.
In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige
Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen,
hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch
schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen,
Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der
Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte
zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen
auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der
letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der
starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein
Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein
Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen
Schenkel.
Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da
tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend.
Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in
den Herzen der beiden.
Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich
stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen
kamen leise, leise die Worte:
„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“
[Illustration]
An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.
Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.
Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch
nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt
lag.
Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein,
wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen
Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die
feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor
sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der
Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.
Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der
Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?
Wer weiß es?!...
Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren
Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre
Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl
deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar
frischer, roter Lippen dachten. -- -- --
Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen
Bratenschüsseln herbei.
Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den
Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:
„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger
bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen
Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann
fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.
Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren
Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät
Hussarren geziemt.