Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München

Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von

ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil

er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er

viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte,

und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.

Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze

Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante

Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne

nicht sieht.

Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn

sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat

gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.

Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und

wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof

machen.

Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin

und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber

gelacht, weil meine Mutter seufzte.

Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich

es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen

und Tiger schießen.

Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut

überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.

Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben

herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven

fressen, die daneben herlaufen.

Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich

mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.

Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein

Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer,

daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel

Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte

ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch

ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.

Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich

viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.

Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind

oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle

Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren

haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der

Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil

die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die

Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht

leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn

Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich

einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist

eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er

gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal

auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal

beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen.

Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt,

und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.

Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie

stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze.

Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß

er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir

weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist

der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir

geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut.

Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die

junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat

er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und

wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist,

der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand

gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir

Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.

Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht

habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe

Handschuhe.

Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange

nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und

meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist

hinein, und ich bin auch hinein.

Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die

Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns

die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut,

aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der

Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele

Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es

traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich

die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann

hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen

naß geworden sind.

Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele

Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als

wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr

Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht

jetzt aufs Land.

Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt

aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft

führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr

Provisor ist.

Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er

gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich

gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein

kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf

den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder

auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das

Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen

nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.

Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.

Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.

Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?

Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.

Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant,

daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein

großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.

Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist,

denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein

sehr gebildetes Mädchen ist.

Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er

hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist,

und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die

Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden

öfter auf den Keller geht.

Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft,

daß ich bald einen Bärenzucker hole.

Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der

Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht

gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat

und sie so weit heraushängen läßt.

Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der

Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.

Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.

Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und

Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat

den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt,

er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante

Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich

trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat

gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man

schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.

Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug,

und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint,

es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie

hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante

eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die

Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß,

weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre

Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber

Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres

eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die

Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt,

sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.

Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine

Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer

Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die

Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den

Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen

gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann

haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf

geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder

den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem

Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante

Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt.

Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes

Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt

von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat

noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt,

sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil

sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich

der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet

ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat

die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte,

und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle

Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht

und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann

er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden

und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht

fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf

genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann

hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“

Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat

sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine

Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat

gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig

sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht

gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante

Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich

in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht

alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot

geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes

Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.

Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß

sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher

ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den

Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav

sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav

ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine

famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die

Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr

gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch

fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so

benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine

Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen

furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist

köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne

gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich

köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das

Indianerkind ist eben eine Perle.“

„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch

beleidigt?“

„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat

furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel

gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie

benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“

„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.

Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und

hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren

Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es

vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee,

den er daheim kriegt?

Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu

viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.

Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum

alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und

jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn

man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine

Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch

gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den

ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen,

aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der

ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr,

aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.

Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert

hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren

benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber

nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein

Korsett nicht an.

Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß

wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun

der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer

gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne.

Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die

Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen

Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz

angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich

gar nicht erklären kann.

Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun

gestanden, daß man es erklärt.

Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am

Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub

lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt,

„der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt,

aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich

angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat,

und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt.

Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine

Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld

bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine

Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“

„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß

ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“

„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“

hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir

haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat

die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch

bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die

Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz

Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.

Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und

sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie

bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt,

und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist

abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.

„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz

erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes

willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob

sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora

ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie

sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora

hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter

gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat

gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles

sagen, aber man schweigt lieber.“

Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine

Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.

Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie

hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.

Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt.

Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie

ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn

er bloß die Rosa sieht.

[Illustration]

[Illustration: Mucki]

Krawall: Lustige Geschichten · 第 41 / 52 题