Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von
ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil
er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er
viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte,
und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.
Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze
Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante
Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne
nicht sieht.
Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn
sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat
gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.
Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und
wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof
machen.
Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin
und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber
gelacht, weil meine Mutter seufzte.
Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich
es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen
und Tiger schießen.
Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut
überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.
Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben
herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven
fressen, die daneben herlaufen.
Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich
mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.
Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein
Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer,
daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel
Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte
ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch
ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.
Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich
viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.
Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind
oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle
Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren
haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der
Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil
die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die
Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht
leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn
Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich
einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist
eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er
gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal
auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal
beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen.
Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt,
und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.
Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie
stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze.
Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß
er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir
weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist
der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir
geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut.
Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die
junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat
er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und
wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist,
der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand
gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir
Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.
Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht
habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe
Handschuhe.
Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange
nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und
meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist
hinein, und ich bin auch hinein.
Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die
Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns
die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut,
aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der
Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele
Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es
traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich
die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann
hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen
naß geworden sind.
Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele
Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als
wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr
Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht
jetzt aufs Land.
Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt
aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft
führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr
Provisor ist.
Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er
gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich
gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein
kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf
den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder
auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das
Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen
nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.
Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.
Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.
Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?
Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.
Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant,
daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein
großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.
Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist,
denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein
sehr gebildetes Mädchen ist.
Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er
hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist,
und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die
Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden
öfter auf den Keller geht.
Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft,
daß ich bald einen Bärenzucker hole.
Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der
Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht
gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat
und sie so weit heraushängen läßt.
Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der
Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.
Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.
Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und
Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat
den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt,
er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante
Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich
trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat
gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man
schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.
Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug,
und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint,
es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie
hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante
eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die
Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß,
weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre
Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber
Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres
eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die
Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt,
sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.
Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine
Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer
Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die
Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den
Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen
gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann
haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf
geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder
den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem
Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante
Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt.
Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes
Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt
von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat
noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt,
sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil
sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich
der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet
ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat
die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte,
und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle
Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht
und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann
er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden
und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht
fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf
genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann
hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“
Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat
sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine
Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat
gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig
sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht
gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante
Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich
in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht
alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot
geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes
Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.
Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß
sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher
ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den
Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav
sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav
ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine
famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die
Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr
gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch
fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so
benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine
Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen
furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist
köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne
gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich
köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das
Indianerkind ist eben eine Perle.“
„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch
beleidigt?“
„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat
furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel
gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie
benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“
„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.
Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und
hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren
Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es
vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee,
den er daheim kriegt?
Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu
viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.
Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum
alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und
jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn
man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine
Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch
gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den
ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen,
aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der
ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr,
aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.
Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert
hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren
benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber
nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein
Korsett nicht an.
Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß
wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun
der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer
gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne.
Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die
Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen
Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz
angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich
gar nicht erklären kann.
Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun
gestanden, daß man es erklärt.
Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am
Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub
lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt,
„der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt,
aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich
angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat,
und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt.
Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine
Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld
bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine
Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“
„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß
ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“
„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“
hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir
haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat
die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch
bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die
Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz
Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.
Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und
sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie
bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt,
und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist
abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.
„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz
erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes
willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob
sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora
ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie
sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora
hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter
gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat
gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles
sagen, aber man schweigt lieber.“
Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine
Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.
Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie
hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.
Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt.
Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie
ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn
er bloß die Rosa sieht.
[Illustration]
[Illustration: Mucki]