Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.
„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.
„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt
gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe
doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und
auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.
Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es
denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der
Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar
weit spritzen damit.
Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und
meine Mutter ist auch mitgegangen.
Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf
unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine
Augen auf mich gerollt.
Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen
ist so klug!“
Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum
studiert hat!“
„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt
es, daß sie so werden.“
Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube,
daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster
offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch,
und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein
bißchen naß.
Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal
nicht gewesen.
Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht
schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.
Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt,
und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben.
Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“
Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch
furchtbar angeschaut.
Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver
losgeht.
Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt,
weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so
schnell die Suppe gerührt hat.
Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht
verderben lassen.
Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst
bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier
in den Tod treibt.
„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“
Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.
Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so
feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre
Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.
Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen
gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich
gesehen.
Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie
alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa ist,
und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.
Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will
nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.
Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war,
hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom
Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher
Mensch?“
„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie
gesagt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und
ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.
Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der
Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.
„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit
dem linken Auge.“
„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine
schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn
kennt, weil er so tüchtig ist.“
Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen
Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht,
daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.
Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen
geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei
diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist
furchtbar schwer.
Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein
gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.
Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf
geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.
Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.
„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.
„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr
leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe
es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen
Koffer getragen.“
Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell
gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die
Tante, daß sie höflich ist.
Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß
sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und
sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch
nicht viel mehr wie ein Expeditor.
Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon
aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon
auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die
Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.
Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt:
„Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“
Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie
hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger
ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.
Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich
gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie
kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich
Ihnen schon erzählt habe.“
Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn
angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.
Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante
kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat
gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird,
gefallt es ihr gewiß.
Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut
hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.
Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat
gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß
Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil
sie kränklich ist.
Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat
gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das
gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die
ganze Arbeit im Haus.“
Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir
uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.
Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt,
sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension
hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war,
und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob er
den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er
kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch
so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren
in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß
er die Beamten kennt.
Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt
gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat
erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht
gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert
haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen
hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht
hinaus.
Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind
etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die
Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund
ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat;
da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig
war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine
Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.
Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will
nachschauen, ob der Herd noch raucht.
Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt,
er ist immer so aufmerksam.
Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr
geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.
Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante
gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und
seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.
Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und
der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht
helfen kann.
Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn
der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die
Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.
Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie
weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension
keinen Bohnenkaffee kaufen.
Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das
Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.
Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat,
und er hat gesagt, ja.
Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil
die Studenten doch so gern Bier trinken.
Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat,
weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.
Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.
„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch
viele Studenten, die kein Bier nicht trinken, und der Herr Amtsrichter
hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“
„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt.
„Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß
niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der
Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal
recht lustig.“
Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber
Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß,
und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht
lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“
Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und
hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist
einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.
Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat
meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung
gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: „Sei
recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“
Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen
sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir!
Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“
Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee
hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der
Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort,
wie sonst.
Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat
noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich
wundern, wo das herkommt.
Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin
geschwind hinaus.
In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe
ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft
sprengen muß.
Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur
hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe
alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf
Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.
Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei
ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat
gepfaucht wie eine Katze.
Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand
kommt, es ist aber ganz still gewesen.
Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die
Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf
der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat
Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem
andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist
der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat
hinuntergeschaut, warum es raucht.
Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber
wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und
bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.
Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die
Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht
gemerkt, daß ich fort war.
Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer
Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern,
wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern
sie sich nicht mehr um die Schwestern.
Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat
um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda
nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.
Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat
geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man
es seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“
„Pfff--uum!“
Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich
furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür
aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang
ist voll Rauch gewesen.
Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.
Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.
„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.
„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.
Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus
der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie
geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.
„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist
ihr schwach geworden, daß sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe
gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.
Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei
ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“
Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:
„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches
Ding!“
„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.
„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt,
es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.
„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist
es nicht so arg.“
„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen
mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du
bist der ruchlose Mörder!“
„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz
unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“
Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld
gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch
gar nicht, was geschehen ist.
„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat
es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter
auf die Knie bittet!“
„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat
meine Mutter gesagt.
Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon
beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach
verbrannte Federn.
Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war
nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind
verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander gestanden. Der
Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von
einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut.
Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.
„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund
werden.“
„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem
abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich
gehe heute noch fort!“
Und sie ist aber auch fortgegangen.
[Illustration]
[Illustration: Die Indianerin]