Meine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und
da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und
von meinem Talent redet.
Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es
schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den
Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.
„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.
„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt
doch immer ganz von selber.“
„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.
„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt
denken, daß sie die Schwester von Deinem verstorbenen Papa ist. Und
überhaupt bist Du zu jung.“
„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn
sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie
freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“
Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du
frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die
Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe
in die Welt und nehme eine Stellung.“
Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber
Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in
Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“
Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind
alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt:
„Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute
Verdruß.“
Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat
geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich
freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“
Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der
Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch
ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles
herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der
Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir
schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen
trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat
sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe,
ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß
Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht
vertragen.“
Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist
vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante
hat gesagt: „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die
Kinder werden schon fertig damit.“
Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war.
Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er
hat den Koffer genommen.
Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht,
daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so
schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart
war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner
Mutter.
„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und
der Arzt findet nichts mehr.“
„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben
sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem
nicht sagen.“
Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert:
„Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“
„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte,
finde ich schon etwas, daß sie geht.“
Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer
unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie
gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“
Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen
Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er
nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was
man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“
Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke
ich Dir zwei Mark.“
„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark
geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine
Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.
Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell
gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.
Im Hauseingang hat die Tante gesagt:
„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei
Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“
Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß
sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.
„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt
schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“
Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen
hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem
Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon
gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat
ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat
den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht
und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.
Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder
eine Torte geschenkt hätte.
Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so
herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie
er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.
Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich
herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du
Lausbube!“
Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt
und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“
Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und
hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er
schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.
Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das
Wohnzimmer gegangen.
Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz
schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen
Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei
ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn
gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln
geschlagen hat.
Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante
etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen
geht.
Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig
Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn
sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts
gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und
in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat
sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel
gebraucht haben.
Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel
gebraucht hat.
„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft
erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem
Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem
jungen Baron Stunde gegeben.“
„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein
großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.
Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den
Haaren fester gesteckt und hat gesagt:
„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit
geredet.“
Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und
sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn
er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele
Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern
haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was
mitkriegte.“
„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.
„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum
Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt
Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas
dagewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor
gekriegt.“
„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter
gesagt.
„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich
gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere
Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“
Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so
redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das
Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen
spanischen Nebel spritze.
Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist,
und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.
Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.
Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er
Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große
Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn
zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein
Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat
wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele
Geld gebraucht hat!“
Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die
Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat
es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe
gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser
Amtsrichter?“
Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor
Steinberger.
Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr
gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark
und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den
Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll
gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den
Ohren.
Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie.
Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie
auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.
Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen
sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer
hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe
gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.
Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand
gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber
sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.
Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich
nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.
Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn
hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein
unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.
Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht,
wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich
tun, was man sich vornimmt.
Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser
Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts
kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die
Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer
gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange
gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser
voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß
es von seinen Flügeln getropft hat.
Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn
ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“
Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch
genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich
gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist
schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“
Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem
Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“
Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es
anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen
sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.
Das bin ich.
Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich
hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.