Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als
wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte:
„Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen
arretiert werden.“
Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück
geschehen, und es war gar nichts.
Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen
Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es
nicht tun, meine Herren.“
Das hat mich gefreut, und ich sagte:
„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir
die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht
mehr hinaus.“
Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte
nein, weil er keine so starken nicht raucht.
Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt
und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute
haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich
muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf
hauen.“
Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns
wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz
schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich
habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser
wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann
das Rauchen nicht vertragen.
Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut
genommen.
Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind
aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große
Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen
man die Anarchisten macht.“
Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.
Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren
rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß
nicht mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn
es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in
der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich
hineingebrochen habe.
Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden
ist.
Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein
Gewohnheitsraucher.
Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.
Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die
Lüge.
Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun
wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.
Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie
hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.
Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum
Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das
Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der
Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien:
„Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das
für ein Saustall?“
Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo
das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen
und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“
Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den
Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“
„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.
„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen,
daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“
„Was bin ich?“ fragte der große Herr.
„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es
nicht erlaubt.“
„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit
Ruhe abmachen.“
Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche
Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann.
Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der
Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man
arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst
kriegt.
Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber,
daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet
eine Mark.
Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum
Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.
In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station
gekommen.
Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.
Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so
Kopfweh gehabt.
Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat,
wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich
gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast
Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich
in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin,
wenn ich einen Kamillentee kriege.
Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und
der Tisch war aufgedeckt.
Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen
hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das
kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“
Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll
mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.
Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich
abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es
ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt
hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch
viel braver werden.
Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir
eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen,
es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt
anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel
lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz
sind.
Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar
schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“
Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und
sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank
war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird
es schon halten und mir viele Freude machen.“ Da habe ich weinen
müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod
solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat
geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern
Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht
mehr aufgehört hat.
Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin
gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet
und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange
aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.
[Illustration]
[Illustration: Tante Frieda]