Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat
eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die
Augen zu und macht seinen Mund spitzig.
Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr
Kindlein.“
Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.
Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne
Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser
Klaßprofessor.
Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir
hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem
Kopf.
Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit
ihm auf die Jagd gehen durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut
leiden und läßt es sich bloß nicht merken.
Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut
habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren,
ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:
„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’
kalt.“
Er heißt Gruber.
Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.
Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da
haben alle gelacht, und er hat gefragt:
„Warum lacht Ihr, Kindlein?“
Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und
hat gesagt:
„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge
verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“
Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß
ich es war.
Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf
mich hergegangen.
Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor
mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.
Dann hat er gesagt:
„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein
räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“
Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt.
Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht
der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß
ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber
der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter
schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm
die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.
Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal
in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir
verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte
auf den rechten Weg führen.“
Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich
nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat
getan, als wenn er mich nicht sieht.
Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund
ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal
deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein
etwas antun.
Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den
Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.
Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat
sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der
Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.
Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.
Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne
Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der
Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.
Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben
Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll
Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er
nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.
Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht
ausgelassen.
Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf
den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:
„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch.
Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte
Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das
Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch
hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch
stärken.“
Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem
Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich
freuen muß.
Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt
anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.
Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern
gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.
Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß
wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht
gönnt, daß wir frei haben.
Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen
umschmeißt.
Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung
gestanden ist.
Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine
Zigarre.
Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi
wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden
hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.
Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist
von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn
nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang
gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz
hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als
wenn er viel gekostet hat.
Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir
haben auch geschimpft über den Kindlein.
Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt
worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der
Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind die Professoren
gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.
Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf
herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde
haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat
geschrien:
„Jetzt bringen sie ihn.“
Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.
Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von
Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat
gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein
geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume
darauf sind.
Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was
ihm sein Herr anschafft.
Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der
Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.
Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter
tun wollen.
Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der
Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war
der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht
gekannt.
Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.
Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige
aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung
war.
Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster,
weil dort das Postament war und Blumen herum.
Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl
dabei.
Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil
er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.
„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.
„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich
gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden,
weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.
Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt:
„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“
Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete,
bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir
den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein
hineinschmeißen.
Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte,
daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.
Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet,
denn wenn es aufkommt, ist alles hin.
Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch
nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir
dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.
Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an
der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die
dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.
Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh,
daß mir niemand begegnet ist.
Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel
war.
Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte
gehört.
Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.
Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das
Wochenblatt.
Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er
schon weit weg war.
Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist
kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.
Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.
Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.
Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.
Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an
die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch
schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt
ihn schon einer.“
„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat
stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen
haben.
Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns
versteckt und haben gehorcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz
sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns
niemand gehen sieht.“
Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir
stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem
Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still
die Stiege hinaufgegangen.
Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist
daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir
so schwitzten.
Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.
Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der
Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er
lernt.
Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen
schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die
dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den
Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.
Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so
geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er
lernt die dritte Konjugation.
Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der
Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es
grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.
Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und
die Feier für den Aloysius.
Aber sie ist nicht gewesen.
Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute
sind herumgestanden.
Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben
gestanden und der Falkenberg auch.
Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da
waren zwei Löcher darin.
Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.
„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.
„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.
„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.
Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der
Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst
gehört hat.
Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell
hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie
sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen,
und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und
der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat
man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt,
wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.