Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München

Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat

eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die

Augen zu und macht seinen Mund spitzig.

Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr

Kindlein.“

Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.

Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne

Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser

Klaßprofessor.

Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir

hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem

Kopf.

Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit

ihm auf die Jagd gehen durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut

leiden und läßt es sich bloß nicht merken.

Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut

habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren,

ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:

„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’

kalt.“

Er heißt Gruber.

Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.

Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da

haben alle gelacht, und er hat gefragt:

„Warum lacht Ihr, Kindlein?“

Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und

hat gesagt:

„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge

verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“

Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß

ich es war.

Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf

mich hergegangen.

Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor

mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.

Dann hat er gesagt:

„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein

räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“

Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt.

Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht

der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß

ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber

der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter

schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm

die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.

Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal

in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir

verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte

auf den rechten Weg führen.“

Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich

nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat

getan, als wenn er mich nicht sieht.

Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund

ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal

deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein

etwas antun.

Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den

Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.

Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat

sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der

Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.

Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.

Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne

Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der

Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.

Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben

Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll

Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er

nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.

Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht

ausgelassen.

Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf

den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:

„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch.

Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte

Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das

Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch

hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch

stärken.“

Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem

Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich

freuen muß.

Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt

anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.

Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern

gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.

Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß

wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht

gönnt, daß wir frei haben.

Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen

umschmeißt.

Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung

gestanden ist.

Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine

Zigarre.

Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi

wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden

hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.

Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist

von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn

nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang

gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz

hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als

wenn er viel gekostet hat.

Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir

haben auch geschimpft über den Kindlein.

Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt

worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der

Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind die Professoren

gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.

Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf

herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde

haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat

geschrien:

„Jetzt bringen sie ihn.“

Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.

Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von

Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat

gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein

geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume

darauf sind.

Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was

ihm sein Herr anschafft.

Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der

Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.

Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter

tun wollen.

Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der

Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war

der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht

gekannt.

Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.

Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige

aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung

war.

Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster,

weil dort das Postament war und Blumen herum.

Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl

dabei.

Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil

er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.

„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.

„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich

gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden,

weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.

Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt:

„Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“

Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete,

bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir

den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein

hineinschmeißen.

Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte,

daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.

Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet,

denn wenn es aufkommt, ist alles hin.

Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch

nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir

dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.

Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an

der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die

dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.

Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh,

daß mir niemand begegnet ist.

Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel

war.

Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte

gehört.

Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.

Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das

Wochenblatt.

Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er

schon weit weg war.

Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist

kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.

Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.

Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.

Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.

Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an

die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch

schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt

ihn schon einer.“

„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat

stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen

haben.

Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns

versteckt und haben gehorcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz

sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns

niemand gehen sieht.“

Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir

stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem

Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still

die Stiege hinaufgegangen.

Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist

daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir

so schwitzten.

Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.

Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der

Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er

lernt.

Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen

schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die

dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den

Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.

Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so

geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er

lernt die dritte Konjugation.

Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der

Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es

grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.

Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und

die Feier für den Aloysius.

Aber sie ist nicht gewesen.

Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute

sind herumgestanden.

Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben

gestanden und der Falkenberg auch.

Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da

waren zwei Löcher darin.

Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.

„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.

„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.

„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.

Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der

Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst

gehört hat.

Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell

hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie

sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen,

und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und

der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat

man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt,

wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.

Krawall: Lustige Geschichten · 第 35 / 52 题