Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und
Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver
so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.
Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten
Unruhe gewesen.
Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die
Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen
wären.
Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird
die großen Besorgnisse leicht begreifen.
Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas
Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in
Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder
daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten
Cervelatwurst anfing.
Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre
es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich
bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem
Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den
Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet,
und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine
große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der
Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute,
sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.
Und davon will ich jetzt erzählen.
Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der
Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik
geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den
Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung
geführt haben.
Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein,
im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.
„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“
Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier
gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.
„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren!
A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an
Riß kriegt hat.“
„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster.
„Na, der Schacherl.“
„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend
über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“
„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer.
„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit
konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht
oft ihre eigenen Wege.“
„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner,
„d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“
„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden
is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das
Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere
befinden.
Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends
einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“
„Oho! Was is denn los?“
„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer
krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze
Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter
natürli mitten drin. Einen solchenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich
kein anständiger Mensch nicht hat halten können.
Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der
hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die
Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr
gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé
is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“
Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben,
denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der
Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.
Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in
der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier
Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.
Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter
hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe
von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend,
brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.
„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“
„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter
daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“
„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“
„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“
„Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an,
Es lebe der Reservemann!
Der treu gedient hat seine Zei-a-eit,
Ihm sei ein volles Glas geweiht!“
„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr,
Herr Dokta?“
„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader;
„die heutige Jugend...“
Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.
„Da drob’n auf da Höh
Schteht die bayrisch Armee.
Soldaten sollen leben!
Schöne Mädigen daneben!
Tapfre Bayern sein’s mir,
Tapfre Bayern sein’s mir!“
„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg!
Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“
Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin,
schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen
noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste
Tanzerei im Gang.
Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon
deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht
sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet
zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank
hineinschiebt.
„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“
„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo
kommt’s denn her?“
„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf
Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma
auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt.
Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken.
Und nacha san mar auf Huglfing.“
„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat
verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“
„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm
a’gefangt.“
„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“
„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört.
Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß
de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da
schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog net, Cenzl! Dos kunnt’st net
damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab
i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“
„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man
schon eine solchene Roheit g’sehen?“
„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an
g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“
„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“
Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig
und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden
Rundgesang anstimmten.
„Mir Bayern hamm Muat,
Mir fürchten’s kein Bluat,
Mir haben’s Kuraschi,
Wenn das Blut fließt auf der Straße,
Tapfere Bayern sein’s mir,
Tapfere Bayern sein’s mir.“
Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und
gellende Pfiffe.
An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.
Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der
Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.
„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese
Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen,
ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie
werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a
Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der
Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er
auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.
„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil
größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta,
net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“
Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den
johlenden Burschen vorbei.
„Hat’s Di, Bodawaschl?
Host koan Kreizer Geld im Taschl,
Bodawaschl!“
Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als
wir schon im Freien angelangt waren.
„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag
Ihnen au -- auf Ehr und Gwi -- Gwissen. Ha -- hat er Boda -- -- Bo
-- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“
„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“
„N -- n -- nein! In die -- -- dieser Beziehung, hupp! ist es vo -- --
von grr -- -- größter Be -- -- Bedeitung. Es hängt vie -- -- viel vo
-- -- von Ihrer Au -- -- Au -- -- Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no
-- -- nochmals, ha -- -- hat er Bo -- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“
„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“
„So? Hupp! Jetzt ko -- -- kost’s z -- -- z -- zwoa Mark..“
Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle
Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten.
Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß
der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.
Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter
meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.
Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen,
und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied
deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und
Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte
noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann
wurde es allmählich ruhig.
Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich
trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden
starken Abbruch getan hatten.
Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser
erfreulichen Tatsache.
Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de
schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer
nicht verlesen wurde. Hier ist er:
Lieber Freind,
wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm
keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf
hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er
gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.
es grist eich eier werder Freind
Josef Reischl, Gidler.
[Illustration]
[Illustration: Der Kindlein]