Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam
das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho
wieder. Desmal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia
der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei
der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner
rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und
deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.
„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren
von wegen dem Rasiermesser.
Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die
Angst gönn, sag i:
„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr
Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“
Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.
Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:
„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein
schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern,
der vor lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die
stolze Trophäe, die ich halte“...
„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt
Di gar schö, i muaß niaßen.“
Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt
an Stuhl um und naus beim Tempel.
„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö
war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.
„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz
verwundert an.
„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen,
damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst
kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag
koan Spaß mehr.“
„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is,
nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein
Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa Klub- und
zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert
seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit
geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“
Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing
jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein,
wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.
Ich auch.
[Illustration]
[Illustration: Das Fest]
„Seppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast
as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh
schmeißt, na geht’s los.“
„Hamm ma’s? Firti!“
Pum! Pum! Pum!
Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der
Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im
Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und
tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an.
Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein
verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die
Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der
Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im
Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut
nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern
schon eingeholt.
Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau
ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder
hinzruck, und so weiter, bis der ~C~-Trompeter erklärt, jetzt sei
ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit.
So bricht der große Festtag in Kraglfing an!
Allgemach wird es sieben Uhr.
Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet
auf die einheimischen und auswärtigen Vereine.
Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig
wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann.
„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim
Lamplwirt warten dö Veterana auf mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr.
D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf;
bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö
ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö
Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö
liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“
Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein
paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem
Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter.
„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö
Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i
wollt, i lieget dahoam im Bett.“
„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an,
„moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen,
nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“
„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel.
„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom
Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh
jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst.
Pfüat Di!“
Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom
Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen
Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben.
„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta
Pfeiferlverein?“
Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus
der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die
Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt
stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An--trötten! Schtüll
schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“
Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und
Tritt zum Gemeindehaus.
Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon
haalt! Front!“
Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den
Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.)
„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr
werd a glei do sei.“
Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der
Hutkrempen.
„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er.
„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern
wer’n aa nimmer lang aus sei.“
„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über
den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung.
Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen
läßt; drei Chargierte, der Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten
vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden
dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen
Diskurs anfangen.
Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen
tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben.
Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die
Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben
daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim
Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der
Hofbauer setzt sich in Positur:
„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“
Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie
der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als
tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen.
Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist.
Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger
Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger
Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger,
Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren,
die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die
Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und
zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn
mehrere haben eine alte und eine neue gehabt.
Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum
Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche
Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte.
Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut
in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt,
nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her.
Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte.
An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub
hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die
Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter
Ordnung.
Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt.
Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren
frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern
Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue
Fahne gestiftet hatte.
So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen.
Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten
Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine
Blicke waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des
Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen
ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er
den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs
auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war
so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten
und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der
Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten.
Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt
kommen würde. Und lang kam gar nichts.
Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den
Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man
auch ein paar Brocken.
„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“
„I ko net.“
„Du muaßt.“
„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red
verschlag’n. Mir is alles gleich.“
„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di.
Was moanst denn, daß de sagen tat?“
„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“
„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“
„In Gott’s Nam!“
Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen
herauskommt, steigt der Bader auf das Podium.
Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred
halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal.
„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt
haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es
ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes Fest, es ist ein großes
Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in
Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah,
wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“
Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt
steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft
wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank
eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker
niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing
und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen
daheim erzählen werden!...
Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der
Hofbauer.
„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden!
Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho
gesagt, daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er
a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und
dös, was er sagen hat +wollen+. Und drum der Rauchklub soll leben;
füfat hooch! hooch! hooch!“
Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte
noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen.
Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi
enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die
Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat.
Noch gleichet eier kleiner Kreis
Dem leicht bewegten schwachen Reis,
Doch wird er wachsen immerdar
Und größer werden Jahr für Jahr,
Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit,
Nur pfleget die Geselligkeit,
Drum, daß ihr immer tut desgleichen,
Des sei die neue Fahn ein Zeichen,
Weil Freindschaft steht auf dem Panür,
Drum leb der +Rauchklub+ für und für.
Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es
schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie
legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte,
daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf
und ab, als tät sie G’sott schneiden.
Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch
besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben
hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte,
damit jeder an seine Krankheit glauben möcht.
Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar.
Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den
Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur
Kirche hinunter.
Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu
beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den
Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist.
Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein
Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen
an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die
Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und
der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht
angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische,
alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt.
In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten
Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten
kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt.
Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst.
Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach
Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit
Sauerkraut.
„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man
schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen.
Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor.
„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den
großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch,
pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller
fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“...
Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln
auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt
ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue
Scharen drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll.
Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen
voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im
Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine
Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles
in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß
gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen
Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird.
In diese Idylle hinein blast auf einmal der ~C~-Trompeter das
bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange
Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei
Reden losschießen will.
„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden
Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl,
sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln und Gelächter.) Aber indem
unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld
daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die
Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!)
Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit,
indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht
vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch
bringen werden. (Bravo!)
Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate)
ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen,
daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir
überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar
nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!)
Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit
gedämpfter Schtümme hooch!“
Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem
Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht,
daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie
müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und
deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute
Red so viele Junge.
Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der
~C~-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei,
dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf
und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor
Tellerklappern und Messerklirren überhört worden.
Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und
feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von
Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von
Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter,
bis alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren.
Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl
seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand
dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen
Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher
zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und
den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen,
probierte schon hie und da einer seine Singstimme.
Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die
Fliegen langsam im Zigarrenrauch.
Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl
nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce
und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen
zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß
finden sollte. Die Jungen waren rasch verschwunden, mit Ausnahme der
Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten,
weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit
ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim
Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen,
das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren
Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim
vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache
seines Leidens.
„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß
nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so
a.. Oes versteht’s mi scho..“
„Jawohl,“ sagt der Hofbauer.
„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r
i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden
Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es
hat mei ganze Geisteskraft dazu g’hört, daß i überhaupts red’n hab
kinna, an anderer war umg’fallen...“
„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing,
„aba jetzt is da wieda bessa?“
„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“
„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt
jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei
Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder
aufg’richt.“
„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt
der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko
oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern
Leut krank, aba +mei+ Red’...“
Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch
schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen.
Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut
haben schon vom Mahl her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind
leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen.
Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also
ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt
unten und oben gleichmäßig weiter.
Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die
Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden
aufgefrischt im Bierdusel.
„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“
fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si
Dei Schlechtigkeit ausweisen.“
„Wos hob i?“
„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir
advikatisch.“
„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt
ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe.
Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her.
„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“
„Bst! Staat! D’Musik spielt.“
Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn
in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln
und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist
völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne
fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der
Hand drauf schlagt.
Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede
sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam
schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und
vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer
schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus
muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er kann.
Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar,
unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür
kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil
ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das
andermal sagt er:
„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl!
Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom
Jägersmann:“
Es wollte ein Jägerlein jagen
Dreiviertel Stunden vor Tag,
Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa!
Wohl in dem grünen Wald!
Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei
dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden.
Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie
den Anfang:
Kein Kränzigen darfst du nicht tragen
Auf deinen goldenen Haar,
Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben
Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa!
Wie andere Jägersfraun.
„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“
Da Leberknödel und da Fastenknödel
Hamm sie mit anand z’trag’n,
Da hat da Leberknödel an Fastenknödel
Uebern Tisch obi g’schlag’n.
Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea,
Zoag mar an Weg an d’Mühl oi,
Kost net irr gea, kost net fei gea,
Wat no mitt’n an Boch oi.
„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an
allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller
werden die Maßkrüge leer.
Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff
geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum
und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen
stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf
den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.