Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München

[Illustration: Vorbereitung]

Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der

Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön

der Reihe nach.

Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim

Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du

sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“

„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do

koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er,

„dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer,

daß er einspannt.“

Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und

dem Hofbauern zum Dorf hinauf, daß die Stein geflogen und alle Hunde

rebellisch geworden sind.

„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte

die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes

Mitleid.

Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing

und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.

Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.

„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer.

„Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins

Höft, daß mir das gleich segn.“

„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So

lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö

Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch

her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös

kimmt net vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt.

Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“

„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel.

Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin;

deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß

mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“

So geschah es.

Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer

Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.

Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub,

und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.

Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.

Sie war sehr schön, und -- wie am darauffolgenden Samstag das

Distriktsblatt meldete: „von blendendem Glanze, geschmackvoller

Symbolik und kunstreichster Ausführung“.

In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über

denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.

Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub

Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.

Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit

Strahlen angebracht.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine

Generalversammlung abgehalten.

In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.

Sämtliche Stimmen -- auch seine eigene -- erhielt der Hofbauer Nazi,

welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das

Fest verzögert hätte.

Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe

kaufen sollte, begegnete er den größten Schwierigkeiten, da alle

Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer

existiere leider noch nicht.

Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten

Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die

Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.

Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die

vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.

Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem

Nutzen, wie wir später sehen werden.

Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem

Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das

Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.

Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten

mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier

sparen. Ich will nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht

entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden

sollte.

Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet,

darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der

Streitfrage beteiligten.

Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer,

wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.

„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum

soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter

Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach

ma die Sach kurz und gengan zu an +jeden+. An Vorabend halt ma

bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den

Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein

Sach.“

Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich

verhältnismäßig leicht.

Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit

jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.

Und sie wurde gut benützt.

Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu

beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um

sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an

Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.

Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle

miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß

warum.

Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches

Getu.

Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die

Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den

Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt

und die Andacht gestört ist.

Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die

Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann

bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken,

und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.

Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich

sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor

der Kirchweih, dann langt es schon.

Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war

wie -- der Bader.

Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.

Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte

die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand

dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten

Wege ausgesucht.

Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz

fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut

an die Wand hinredete.

Mein Freund, der Förster erzählte mir -- und dann ist es gewiß wahr --,

daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader

untergekommen sei.

„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er,

„sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige

Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber

net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was

Besonderes beobachten müßt.“

Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie

sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.

Krawall: Lustige Geschichten · 第 30 / 52 题