Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den
verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen
Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter
welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich
vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet
hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner,
von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung
um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch
übernommen hatte.
Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin
der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus
kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch
andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte,
vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder
brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat
irgend etwas anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den
ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.
Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch
seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er
schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß
die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der
butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.
Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine
Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die
Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines
so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer
zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald
darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein
ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles
Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preissuche
eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es
momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem
Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen.
Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu
erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die
Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch
ätzender Lauge übergoß.
Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen
Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen,
weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah
ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die
allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste
des Apothekerprovisors Elfinger.
Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale,
und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden
fallen.
Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne
zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus
Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford
und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen
großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin
schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in
Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden
Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine
vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen.
Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das
war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen
ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors,
Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als
Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die
übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem
Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die
Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des
Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein,
und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen
Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur
Saaltüre.
„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig
auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.
„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen
vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er
der Närrin solide Absichten vor, -- noch besser.“
Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten?
Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien
vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.
Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen
waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die
ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in
diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.
„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands -- ich verwerfe Dich
-- ein deutscher Jüngling!“
Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände,
daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.
„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.
„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter
Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für
ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse
Instinkte.“
„Aber als klassisches Stück?“
„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch.
Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die
Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt,
als der Hofmarschall auftrat?“
Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges
für seine Kritik zu verwenden.
Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock
reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die
schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und
deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war
gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem
Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine
dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen,
als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.
Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte,
wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die
Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr
umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie
auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von
liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese
Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des
Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes
unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!
Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder
zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein
finsteres Schicksal über die braven Leute kam.
Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne,
wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen
war, und alle anderen schwiegen erschüttert.
Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit
nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und
brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein
höchst frivoles Lachen anzuheben.
Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein,
der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen
abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich
jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen
konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer,
welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten,
mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der
schuftige Sekretär diktierte.
Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände
ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual
auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und
arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche
Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.
Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte
mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der
immer mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz
in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat
an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du
genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte!
Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn
im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“
Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und
bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein
Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme,
daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!
Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem
dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus
dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts
dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre
Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute
geschenkt hatte.
Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford
hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges
Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den
Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen
Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde,
rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte
zu Herrn Elfinger hinüber.
Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.
Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den
Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes
malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit
zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten
Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie
schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal.
Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.
Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät,
wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten
und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.
Der Vorhang fiel.
Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber
Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte
mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes
und ging als der Letzte hinaus.
Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo
sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die
Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.
Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln
Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer
Babette folgte und in eine Nebengasse bog.
Er schlich ihnen nach.
Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die
Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.
„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die
Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um
Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke
Ausfälligkeiten darin.“
„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“
„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den
Herzog spielen läßt.“
„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“
„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie
sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“
„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht
geben.“
„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“
Trollmann sperrte seine Haustüre auf.
„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“
„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“
Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der
Einleitung zu verwerten waren.
Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die
Befürchtungen Trollmanns bestätigte.
Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig
heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter
Küssen das Unerlaubte versprochen hat.
Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und
forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen,
wenn er es fertig bringe.
Da tönte ein Halt.
Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und
legte seine Finger um den Adamsapfel.
Wie sie zittert, die Memme!
Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?
Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge
Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in
Unordnung.
„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will
es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die
Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild
Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.
Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige
Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.
[Illustration]
[Illustration: Die Fahnenweihe]