Die Blumen weinten in der Maiennacht
Um des geschiednen Tages süße Wonne.
Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht!
Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.
Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut,
Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken,
Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut,
Sind welk die Blumen alle hingesunken.
„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb
die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und
wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.
Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:
„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und
verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich
nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde,
und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse
begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem
allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker
entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende
Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben.
Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem
zahlreichen Besuche entgegen.
Jakob Weindl, Theaterdirektor.
Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen,
unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen
Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe,
dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet,
durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer
wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater
unbefriedigt verlassen.