Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren
grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton
sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von
Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und
wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich
unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten
dem Frühling entgegen.
Wo aus, du junger Schlossergeselle?
Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und
bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.
Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte
er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin
das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.
Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr,
und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich
schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.
Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter,
zeigte sich lieblich zu ihm.
Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die
Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über
knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.
Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu
einem andern in mondhellen Nächten.
Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!
Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu
so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.
Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen
entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem
Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem
Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im
Liebesgarten umher.
Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit
allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie
verwelkt war.
Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.
Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige
Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares
hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten
vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den
Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war
er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.
Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen
Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ?
Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm
Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins
Freie schweifte.
Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen
ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber
roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?
Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß
unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.
Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in
seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter
dessen Zweigen er glücklich gewesen war.
Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und
darauf stand mit silbernen Buchstaben:
Lebensweisheit in Versen.
Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt
war.