Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Hinauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer

verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und

Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.

Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen

hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten

Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich

für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.

Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze,

sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche

Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen,

Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser Beschäftigung so

merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.

Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein

kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch

schnallen konnte.

Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch

und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren

und wurde den Dürnbuchern unheimlich.

Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett

wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war,

erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.

So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen

Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser

Ungerechtigkeit Haß gesogen.

Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein

Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als

durch die Mißachtung der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit

erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte

bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch

er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.

Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen

ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen

Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der

Zweifelhaftigkeit hegt.

Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus

Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den

Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.

Dann kam aber ein aufregender Vorfall.

Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete,

merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.

Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen,

oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch

ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für

schuldig hielt.

Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht

anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise

einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.

Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen

Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der

Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang

überfallen und windelweich geschlagen.

Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die

öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.

Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen

war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.

Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben

durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten,

daß ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder

ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.

* * * * *

Die Tage vergingen.

Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen

des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche

Nachrichten über das Meer.

Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten,

und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in

China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?

Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches,

denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und

freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis

nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und

von dort kam es zu lesen, daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein

müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den

Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.

Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das

Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich

in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich

vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die

Gedanken, welche darüber anzustellen sind.

Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel

geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer

Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er

stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten

mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden,

die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris

und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur

schrieb, es sei genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den

Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die

Einladung zu einem Preiskegelschieben.

Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht

weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen

merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.

Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein

großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam,

Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.

Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht

und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn

verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden,

dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem

Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam

für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches

ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.

Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es

hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden.

„Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen,

daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter

den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den

telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das

Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...

Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten

mußten.

Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber

der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die

Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern,

daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.

Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung

und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister

einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.

Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken

Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte

sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen

habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz

neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen

rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.

Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen

Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war

falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines

Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten

mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen

waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die

tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet.

Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß

der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten gehalten habe. Nur der

Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben

wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse,

könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.

Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten

Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen,

und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug

herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm

des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener

Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher

die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war,

als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im

Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und

daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.

Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben

und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine

geheiligte Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das

geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern

dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die

Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen

Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner

Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von

Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz

und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war

ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität

begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen

müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte

zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so

hieß: Jugend hat keine Tugend.

Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen,

und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres

Sohnes Anerkennung und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher

Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er

einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit

mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte.

Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.

* * * * *

Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal

einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und

Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an

der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden

betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke

Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen

Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der

es mit Freude begrüßen mußte, nach so vielen Jubiläen endlich

wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte

einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden

waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu

gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus

Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der

stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert

waren.

Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und

marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang

genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und

eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße

heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten

Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch,

die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.

„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen

kletterte der Sieger von Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser

merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von

Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn

Sebald machte soldatischen Lärm.

„Achtung! Still--gestanden! Augen rechts! Präsentiert das -- Gewehr!“

Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde

Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.

„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie,

indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest

für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen

Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren

wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres

obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck,

indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern

Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“

Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm

die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An

seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten,

und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.

„In Sektionen links schwenkt -- marsch!“

Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen

Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach

Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.

Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute

das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der

merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er

für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht

gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein

Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte

der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der Kirchgasse her mit Brausen

und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von

ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst

kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark

darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...

Silentium!

Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar

Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts,

und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen

Bürgermeister, welcher nun sprach:

„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari~

sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort

verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben.

~Nil admirari~, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte

Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen

Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen

sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vorsehung

unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen

Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen,

in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener

Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht,

daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken?

Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im

bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner

fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein

tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.

Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari!~ Welch ein

Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund

und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche

Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch

uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen

gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und

haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen! Denn nicht

ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es

war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern,

welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher

den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte,

diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns

nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind

unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser

Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene

patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und

Nord, hochverehrte Festversammlung, -- daß jene patriotischen Gefühle

auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates

und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten

Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust

schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die

Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem

engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können

diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir

rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und

Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“

Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur

mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der

Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit

einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister.

Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten

Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen

können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den

Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben

glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin

feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede

erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich auf die Schulter schlug und

ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er

hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten

saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er

sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter

ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine

Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück,

fünf harte Taler und...

Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will

sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und

verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen

rechtskundigen Bürgermeister. ~Nil admirari!~

* * * * *

Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er

seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß.

Als vaterländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit

Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer

neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit

überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als

täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte

seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger

Anerkennung sicher zu sein.

Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in

hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige

Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft

begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und

ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen

führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das

sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden

mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche

Erscheinung und bald eine ärgerliche Erscheinung. Unterweilen

versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm

das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der

Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein

idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die

Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als

gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher

herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling

der drei Monarchen.

So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im

dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende

Gefühle.

Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und

nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene

Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen,

welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs

gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen

Bierzeichen im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der

historischen Größe.

Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in

gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein

Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin

den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand

gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken.

Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu

die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er

hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die

stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den

schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.

[Illustration]

[Illustration: Kabale und Liebe]

Krawall: Lustige Geschichten · 第 26 / 52 题