Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“

„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.

„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die

Bauern sind über uns.“

„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine

Antwort mehr.

Der Simon hält Kriegsrat.

„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu

ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“

Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant.

„Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen,

denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln

die Köpfe nicht einschlagen.“

„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an

den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt

hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“

Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß

unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei

der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.

Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des

Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich

voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.

Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen;

aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und

sein Feldwebel war bei ihm.

Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und

blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.

Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre

wahrscheinlich ein Unglück passiert.

Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn

ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später

so gekommen.

Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein

fuchsteufelswildes Gesicht.

Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an:

„Wer sind Sie?“

„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“

„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen

Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“

„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit

meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“

„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an

und den Trompeter und den Pionier.

„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf

unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.

„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von

ihm.“

„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“

„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.

Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine

Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir

rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“

Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß

man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.

Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel,

denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.

Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die

Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen

dann johlend auseinander.

Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das

Bier aus.

Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe

Umschau halten.

„Was ist los, Batz?“

„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere,

und sie schreien immer noch.“

„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“

„Nein, da sieht man gar nichts.“

„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse

müssen sie kommen.“

„Nein. Man sieht nichts.“

„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau

hin!“

„Man sieht keinen Menschen nicht.“

„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel

Burschen auf dem Platz?“

„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“

„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“

„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.

„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß,

schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und

Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt

das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“

Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören,

packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.

Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher

die Polizei heimgenommen.

„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt

schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“

Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau

gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben

sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem

Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und

Aktendeckeln.

Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen

worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo

zugerufen.

Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit

dem Säbel gedankt.

„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt

noch.“

Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.

„Was willst?“

„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“

„Was für einen Major?“ fragt der Simon.

Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den

Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.

„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.

„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“

Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht

die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem

Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor

lauter Angst, wer denn kommt.

„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon

was anderes geglaubt.“

Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut

seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch

gefallen ist und sozusagen betäubt war.

Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich

Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.

Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer

sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in

Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen

auch nicht das schönste Leben gehabt.

Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar

jetzt anderweitig geschützt sind.

Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später

doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat

es ausdrücklich so gewünscht.

[Illustration]

[Illustration: Kaspar Asam]

Krawall: Lustige Geschichten · 第 25 / 52 题