Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen

Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn

selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter

den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich

will die Geschichte der Reihe nach erzählen.

Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß

auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns

gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die

privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und

der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg

gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder

Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche

ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der

Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied

Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den

Säbel schleifen lassen.

Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von

der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet,

wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf

der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten

Frauen einschreiben lassen.

Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat

man geglaubt, es ist schon so weit.

Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal

hintereinander. -- --

Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still,

eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die

Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die

Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber

es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.

Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er

die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft

vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die

Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.

Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind,

denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen.

Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war;

später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.

Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch.

Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch

spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die

Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele

Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.

Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar

Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt,

lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so

hinaufgezogen.

„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn

ich es aber wissen täte!“

Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein

paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der

Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher

haben damals keinen Spaß verstanden.

Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied

Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch

geschlagen hat.

Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen

die Preußen zusammen.

Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es

war die erste Kontrollversammlung angesagt.

Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.

In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine

andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den

Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische

Soldaten werden müssen.

In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme

zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben

noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht

mehr altbayrisch sein soll.

„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt.

„Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen

Glauben!“

Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche

gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren

voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon

ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.

Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den

Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.

Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.

In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren

ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die

Karten und klopft ihm auf die Schulter.

„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß

auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“

„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen

Sie?“

„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein

Flegel bin.“

„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist

die Polizei?“

„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig,

„vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.

Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den

König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten

von den Stockacher Bauern.“

Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was

sie denken sollen. Der Bezirksamtmann -- Alois Reich hat er geheißen,

und er war aus der Rheinpfalz -- hat die Karten hingelegt und ist

wütend auf den Marktplatz hinaus.

Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von

Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine

Auskunft geben können oder wollen.

„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.

„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt,

„hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir

Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“

„Aha! Pfeift der Wind aus +dem+ Loch? Ich will Ihnen was sagen.

Innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern

beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen

Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid,

dann sollen Sie mich kennen lernen.“

„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger

die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch

werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein.

Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste

dagegen.“

Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und

offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es

nur keine Konsequenzen gehabt hätte.

Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung,

oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.

Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen

eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es

eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat,

und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.

Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen

die Bauernburschen in die Stadt gekommen.

Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in

der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.

Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich

noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen

und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie

Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die

Fenster gezittert haben.

Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die

Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.

Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer

aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt,

sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander

geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.

Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich

die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich

angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die

Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.

Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein

allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:

„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“

Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie

nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist

auf den Boden gelaufen.

Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den

andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben

sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.

Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der

Jüngste Tag ist gekommen.

Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein

paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf,

ein Wort gröber wie das andere.

„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir

schlecht!“

Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm

auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.

Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in

den Haufen hinein ist.

Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht

sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß

und schreit:

„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang

wir noch bayrisch bleiben.“

„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine

solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten

ist.“

„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß

herunter.

Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.

Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:

„Schenkt’s mir amal was boarisch ein!

Boarisch woll’n wir lustig sein,

Schenkt’s mir amal was boarisch ein,

Boarisch woll’n wir sein!“

Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich

schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der

Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang

in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.

„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn

er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“

Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen,

denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für

kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen;

aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl

über das Rathaus her.

Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben

geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.

Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein

gesagt in der ganzen Gegend.

Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den

Gemeindeschreiber bei der Gurgel.

„Wo sind die Preußen?“

„Heraus damit!“

„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“

„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“

Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen

ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die

Fenster, johlen und brüllen.

Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.

Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz

gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in

die Kirchgasse gelaufen.

Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl

geschehen.

„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke.

Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn

selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der

Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.

Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde

gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern

stürmen das Rathaus!“

„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes

willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die

Magistratsrät?“

„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“

„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“

Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.

„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die

Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst

und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“

Und das war auch richtig.

Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß

Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt,

und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie

so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.

Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:

„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich

alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am

Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“

„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“

Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:

„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“

„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch

ins Unglück.“

Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.

Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.

Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm

blasen.

Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die

Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.

Aber kein Mensch kommt heraus.

Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt,

schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.

Jetzt rasselt auch eine Trommel.

Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm

erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!

Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich

keiner blicken.

Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.

Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider

sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.

Krawall: Lustige Geschichten · 第 24 / 52 题