»Eilboten flogen nach Portugall. Da warst du nicht mehr. Ein Schiff konnte

die schneller bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia anlangte,

hatte dich edle Neugierde zum Pol geführt. Man säumte nicht, dir

nachzusenden. Ueberall kamen die Boten zu spät, und erfuhren von der

rückkehrenden Karavane dein Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. Mit

dem höchsten Schmerz vernahm es der Kaiser. Ihm schien unendlich viel an

den jungen Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der sonst so

gleichmüthige Mann beinahe dem Kummer erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht

nannte. Es blieb am Ende nur der traurige Trost übrig, deinen Leichnam zu

suchen, und ihn nach dem Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte

es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war es unmöglich den Nordpol zu

erreichen, kaum aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen mußte, um

jeden Preis deine Hülle zu erspähn. O welch Glück wurde mir! seine Freude

wird so die Schranken überfliegen, als jener Gram, von dem immer noch sein

zerstörtes Herz sich nicht ermannen konnte.«

Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt mich der Kaiser! Was soll ich

thun, dieser Liebe würdig zu sein!

»Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien nahm das Heer ein. Auf der

mittelländischen See traf sie jene gefürchtete aus Neu-Karthago. Eine neue

Erfindung, welche der Ruhm dir zuschrieb, machte, daß der Sieg sich zu uns

neigte. Das Heer konnte in Afrika ans Land steigen. Doch hier wandte sich

das Glück. Die Unsrigen, mit großer Uebermacht im Kampfe, verloren eine

Hauptschlacht. Der Feldherr, dem man einige Schuld gab, sank. Nachdem der

Tapferen eine große Zahl gefallen war, mußten sie zurück auf die Schiffe.

Diese, nicht mehr gehörig bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel ein,

während die Feinde Sizilien besetzten, wo die rohen Negerhorden der

Afrikaner wilde Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, die Insel

ihnen wieder zu entreißen.«

Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst du weilen? Wie trüben diese

Nachrichten meine Wonne!

»Ein neues Heer steht jedoch in Italien. Eile, den Feldherrnstab zu

nehmen!«

Fort, fort! schrie Guido, keine Minute länger. Noch einen bethränten Blick

warf er auf des Lehrers Grab, unter dem Lavahügel.

Die Karavane brach sogleich zum Rückwege auf. Was ihn nur beschleunigen

konnte, wandte man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido schon wieder

in Philadelphia. Dort stand noch sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf

das schwimmende Eiland, zur Reise über den Atlantus gedungen, die sogleich

angetreten wurde.

Er mied während dieser Zeit das Zimmer nicht, einen Plan zu dem Feldzuge

auszuarbeiten, selbst staunend über die vielen genievollen, kühnen,

niegekannten Hülfsmittel, die sich ihm aufdrangen, die hellen, gediegenen

Resultate von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in einen Fokus

zusammenstrahlend. Nicht hatte er diesen üppigen Reichthum an Einfall in

sich geahnt, und schwelgende Gefühle erfinderischer Wollust rötheten sein

Antlitz flammender.

In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg sogleich mit dem Vertrauten

des Kaisers in eine Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den Posten von

Alikante, Palma, Cagliari sah er, so viel es nur sein konnte, zu der

Anstalten Eil, und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende, zu Rom

ein.

Noch hatte er die Hauptstadt von Europa nicht gesehn, doch würdigte sein

Drang sich dem Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, den mit Gold

gedeckten Tempel der Unsterblichkeit, den Bühnen, Termen, keines Blickes.

Kaum legte er ein ander Gewand an in der Herberge.

Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem Kaiser sein Glück zu melden.

Dieser breitete die Hände dankend gen Himmel aus, schloß Guido, der gleich

folgte, bebend in seine Arme, und führte ihn stumm ins Strategion, das

grade eine Versammlung hielt.

Die Räthe bewillkommten ihren Gebieter mit Ehrfurcht, zugleich überrascht

bei der seltenen Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht gleich konnte er

noch zu Worte kommen, dann sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals

führend, und sprach:

Ihr Väter, ich stelle euch meinen Sohn vor!

Der Jüngling starrte.

Entzücken loderte auf jeder Wange. Niemand vermogte zu reden.

Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug ließ ich ihn fern von mir

erziehen. Urtheilt, was mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frühem Ruhm

sein jugendlich Haupt bedeckte. Von meinem Schmerz bei jener bangen Kunde

wart ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine Brust zerriß, nicht sagte

ich es euch, denn immer noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung. Sie

hat Wort gehalten!

Guido umfaßte seine Knie, Tausend jubelnde Glückwünsche, nicht von

Schmeichelei, sondern von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im Saale

laut. Die Nahverwandten brachen in süße Freudenthränen aus.

Nun führe er das Heer, rief der Kaiser. Mit Schmerz entlasse ich ihn

wieder, doch des Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der Held, durch

einmüthige Wahl gerufen.

Er führe es! rief alles.

Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben und kehre nicht wieder,

als meiner Geburt und deiner Milde werth, stammelte Guido, in heiliger

Rührung.

Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem ersten Siege prüfe ihn der

Völkerrath, und erkläre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn ich will

fortan des hohen Alters Sorge mit ihm theilen, sprach er.

Neuer freudiger Zuruf! Doch -- wenn Guidos Augen das Entzücken so vieler

neuerwachten Gefühle verkündeten, so überzog ein Dunkel seine Stirn, das

Jedermann wahrnahm, allein Niemand zu erklären wußte.

Auch der Kaiser fand dies plötzliche Versinken in nachdenkenden Ernst

räthselhaft. Schnell aber fing er an: Ich errathe ihn. Er ließ den edlen

Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr. So lange vertrat mich der Greis

beim Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. Der Staat verdankt ihm die

Bildung seines künftigen Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies Verdienst.

Sucht den Leichnam, baut ihm ein Grab, das die Nachwelt ehre!

O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. Die Natur baute ihm selbst einen

Obelisk. Doch sein Standbild last uns daneben erhöhn, wo Newtons Denkmal

steht.

Gewährt, mein Sohn! rief der Kaiser, und was du sonst bitten willst, deine

Liebe vertraue mir.

Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig und heiter, nach meiner ersten

Schlacht, ergreif ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend.

Wohlan, sprach der Kaiser.

Man verließ das Strategion. Guido empfing die Feldherrnumgebung, hing noch

mit dem schönen Ungestüm neuempfundener Kindesliebe, an der Brust des

klagenden Vaters, und riß sich dann männlich weg, der Stimme des Ruhmes zu

folgen.

Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mußte er bekämpfen, bei allem Glück der

Hoheit, das ihn überrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs, den

Feind überwinde ich wohl, doch mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den

ich unglückselig fürchte.

Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem Beifallgetöse auf. O hätte

uns Guido in Afrika geführt, rief alles, wir feierten Triumphe wo wir

gebeugte Ueberwundene seufzen!

Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. Freudig nahm man die neuen

Anordnungen auf, ihre Weisheit bewundernd. Guido ließ keinen Augenblick

ohne Thätigkeit entfliehn. Jedem alten Gebrechen ward abgeholfen.

Begeisterung strömte in jede Brust.

Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert hatte und gab Befehl die

Truppen einzuschiffen. Nicht weit von Palermos Vorland traf man auf den

Feind, der mit neuer Ueberlegenheit heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens

Gestade zu betreten.

Der große Kampf begann. Reiche Ernten hielt der Tod an beiden Seiten. Mit

Götterkraft leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene Vorrichtung,

noch jetzt vervollkommnet, brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem

feindlichen Schiffe nahen konnte. Und das geschah oft, denn trotz dem

Flammenregen von Oben, trotz der Taucher Heimtücke in den Wogen, trotz dem

todbringenden Donner der Batterien, gegen welche die Kunst sich mit weiser

Besonnenheit vertheidigte, drang man desto kühner an, nachdem Guidos

Fahrzeug das erste leuchtende Beispiel gegeben hatte.

Viele Galleonen der Afrikaner lagen im Meere, ihre Linie war durchbrochen,

die hartnäckige Abwehr auf den Flügeln überwältigt, der feindliche Feldherr

den Heldentod gestorben. Der Nachfolger jedoch gab über das eindringende

Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest retten und ließ die

Signale zum Rückzug wehen.

Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft zwischen Tod und Sieg

wählen wollte, nicht. Desto mehr Vortheil für die Europäer in jener

Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen und mußten, da dennoch kein Ausgang

zu finden war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern in die Wogen versenkt

sahen, sich ergeben.

Guido ließ sie nach Neapel bringen, sandte eine Abtheilung gegen Sizilien,

das Eiland vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anführer mit heißklopfendem

Herzen auf, von Athania und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn.

Dann folgte er den Flüchtigen eilig. Manche davon fanden ihr Verderben noch

vor der Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und stellten sich in festen

Verschanzungen auf, eine Landung abzuschlagen.

Guido kannte den Werth der Minute. Jene hatten sich noch nicht entwickeln

können, da sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an die Küsten und

stürmte ihre Wälle. Die Minire wühlten erst Gräber, als die schnelle

Kühnheit schon über sie hinaus gedrungen war. Bald waren auch Guidos Reuter

auf dem Boden und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen den Preis

über ihre Gegner davon, weil sie sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen

Geschosses bedienten, das jene noch nicht kannten. Bald war die Verwirrung

unter den Afrikanern allgemein, sie mußten eine andere Stellung suchen, und

das europäische Heer ward vollend ausgeschifft.

Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, ordnete eine zweite Schlacht,

die mit Anbruch des folgenden Tages begann. Die Afrikaner hetzten

angelehrte Tiger und Löwen in die Reihen, Guidos Schützen erlegten sie

lachend. Tausende von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf ihren Rücken

kleine Kastelle, donnerten daher über den Boden. Sie waren dem Heere aus

Neu-Karthago zu Hülfe gesandt. Guidos Batterien standen so vortheilhaft,

seine großen Röhre wurden so gut bedient, daß die Ungeheuer bald den Sand

mit ihren Kadavern deckten. Leichte Schützen bedienten sich ihrer als

Wälle, und trafen, mittelst der von Guido erfundenen Gläser, ungesehen

ihren Feind. Dichte Negerschaaren, wuthtrunken durch Opium und ein mit

vorüberfliehender Tollheit füllendes Kraut, drangen gleich schwarzen

Hagelwolken daher und überzogen den Boden der hellen Gefilde mit Nacht.

Bald schwieg ihr Mordruf und Blutströme rannen zwischen den dunkeln

Leichnamen hin.

Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Höhe den Streit zu überblicken.

Zeichen lenkten den Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist überwogen hier, dort

die Zahl, die Tapferkeit drückte mit gleicher Schwere auf die Waage. Doch

entschied der Genius endlich, die Afrikaner flohen.

Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, nachdrücklicher Verfolgung, und

besah den Graus der Wahlstäte. Nicht, wie vordem einst, durchglühten ihn

die Sieggefühle mit Entzücken, schwermüthig sann er über die verderblichen

Leidenschaften, welche Völker anreitzen, sich zu erschlagen. O, wann wird

das enden! rief er, wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen Hainen und

Auen, Brudersinn die Zwietracht ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am

Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Täuschung, hatte sein Gemüth noch

mehr in Einklang mit der besseren Weltmoral gebracht, die Inis reine Brust

athmete. Ging er auch noch mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank nun

dennoch eine Thräne auf seinen Lorbeer, und alle Triumphjubel, alle

Glückwünsche konnten ihn nicht erheitern. Er ordnete übrigens den Krieg wie

zuvor, und sandte abermal nach Rom Meldung; denn schon nach dem Siege auf

den Fluten war es geschehen.

Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. Das Eiland war genommen, die

meisten Truppen der Gegner dort gefangen, doch die Frage, welche sein Herz

so nahe anging, blieb ohne Auskunft. Man hatte von Athania seit länger als

einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen.

O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit verstrich, ohne daß ein Brief mich

gesucht hätte. Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes theilen, und

den Jüngling vergessen wollen, der, ein Europäer, Afrika bekriegen muß?

Dies wäre grausam, grausam!

Aber wenn auch deine Liebe noch fortglüht, wenn sie höher als das Leben der

Phantasie emporflammt, was wird aus dem Kaisersohn werden? Die Schlacht ist

gewonnen, aber darf er auch mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein

frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? Wird er nicht zürnen, daß in

des Helden Brust eine andere Leidenschaft, als die für den Ruhm glühte?

Wird er nicht fordern, daß ich eine Gattin aus den hohen Geschlechtern

erkiese? Doch muß ich ihm das Herz offenbaren.

Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann Freiheit, Neu-Karthago, die

stolze Wetteifrerin mit jener Stadt im tiefen Alterthum, der sie Namen und

Standpunkt abborgte, zu belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend

entfernt, den Weg zu einer anderen großen Hauptstadt im Innern von Afrika

genommen. Diese lag an den Quellen des Senegal, war aber noch weit von der

Vollendung entfernt, welche man ihr zu geben dachte.

Es wird hier nöthig, die Geschichte dieses Erdtheils in den letzten

Jahrhunderten nachzuholen.

Gegen das Ende des neunzehnten waren es endlich die Europäer müde, Hohn und

Schmach von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. Ein Heer setzte nach

Algier über, nahm diese Stadt ein, zertrümmerte die Regierungen von Tunis,

Tripoli, und breitete sich nach und nach von einer Seite bis Egipten, von

der anderen bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden von Afrika eine

europäische Kolonie, wohin große Auswanderungen geschahen. Die Kultur

blühte auf, Neu-Karthago wurde gegründet. Man untersuchte das immer noch

unbekannt gebliebene Innere. Doch vermochten die neckenden Streifereien der

Sultane von Darfur und Borun, die Anfälle der schwarzen Nazionen von Gago,

Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit der südlichsten Wohnplätze, immerfort

Krieg zu führen, und vertheidigend eroberte die bessere Kunst. Nach Hundert

Jahren gehorsamte halb Afrika.

Die Schwierigkeit, das große Ganze zu überblicken, machte, daß glückliche

Heerführer Königreiche empfingen, wiewohl abhängig vom Mutterstaat. Mancher

Zwist unter ihnen selbst, der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte

Lage, brachten sie aber zuletzt auf den Entschluß, ihr Verhältniß von dem

europäischen zu trennen, und selbst einen Kaiser zu wählen. Vergebens

kriegte Europa, sie behaupteten ihre neue und allerdings kluge Verfassung,

um so mehr, als die aufgeklärteren Männer unter ihren Gegnern ihr selbst

Beifall gaben. In dem folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft

der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen das Ende des ein und

zwanzigsten Jahrhunderts, gehörte, bis zum Vorland der guten Hoffnung,

alles unter die Obergewalt des Kaisers.

Er fiel in einer Schlacht gegen die Völker von Monomotopa, und seine

Gemahlin, reich an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter

Minderjährigkeit die Staatgeschäfte weislich, und suchte die noch wilden

Sitten der farbigen Nazionen in Einklang mit jenen der Ankömmlinge zu

bringen, was auch, obwohl langsam, gelang.

Doch Europa forderte Entschädigungen, welche man versagte, politische

Besorgnisse, das neue Reich könne zu furchtbar werden, traten hinzu, und

jener Krieg, von welchem oben die Rede war, entspann sich. Hegte schon

diese andere Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der Kaiser von Europa

moralisch genug, die blutige Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht

alles gütlich ausgleichen lassen, man mußte die Waffen um Entscheidung

anrufen. --

Zu Guido zurück. Er belagerte Neu-Karthago mit aller schrecklichen Kunst.

Die Vertheidigung stellte sich jedoch eben so gewaltig entgegen, und manche

Woche verstrich, ehe ein Theil die Meinung schöpfen konnte, er habe

Vortheile über den andern errungen.

Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg ließe sich vielleicht, ohne

weitere, die Menschheit entehrende, Gräuel enden. Sie hatte eine Tochter,

Ottona genannt, schön, liebenswürdig, und in herrlicher Bildung erzogen,

theils durch fremde, kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer

holden Eigenthümlichkeit, die sich an den Künsten himmlisch entfaltete. Sie

sprach zu Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn -- er führte jetzt

den Namen Guido nicht mehr -- wird gepriesen, wir fühlen die Gewalt seiner

Talente. Die Erziehung fern vom Throne, hat auch bei ihm sich bewährt. Wenn

ich ein Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine Tochter, knüpfen

könnte, wäre der Menschheit vielleicht geholfen.

Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. Befiel dich plötzlich Krankheit?

fragte jene bebend, und rief um Hülfe. Nach einiger Zeit erholte sich die

Tochter aber, und hörte ergeben zu, da die Kaiserin fortfuhr:

Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um unsere Kaiserkrone kann einst

Unheil bringen. Europa hat Asien zu fürchten, auch Afrika; denn Asien

enthält eine Menschenzahl, wie diese beiden Erdtheile, nachdem jüngsthin

China und Japan überwältigt wurden.

Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, wenn _ein_ Völkergericht über

beide monarchische Republiken waltet, und beider Heere _eine_ Obergewalt

lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht gegen Asien da, nur Unklugheit

könnte dann noch je Krieg führen wollen. Amerika hat lange schon auf jeden

Angriff verzichtet, und bündet die beiden Halbeilande nur zum Widerstand.

Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der Dinge von selbst eingeladen,

auch seine Boten zu dem großen Tribunal senden, und ein ewiger Friede, der

Weisen alter, heiliger, noch nie erfüllter Wunsch, kann seine Palme erhöhn.

Ottona barg ihre Thränen -- wußte nichts zu entgegnen.

Entzückt dich etwa das frohe Bild einer solchen Zukunft, der Stolz deiner

erhabenen Bestimmung so, daß Freude auf deine Wangen thaut? fragte die

Mutter.

Ini bat stammelnd um Zeit -- Ruhe, Fassung zu gewinnen, und ward entlassen.

Aus der Schönheit ihres Gemüthes erklärte die Kaiserin ihr Betragen, und

eilte, einen Brief an ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu senden.

Der Kaiser von Europa empfing ihn um die nämliche Zeit, als auch ein

Schreiben seines Sohnes angelangt war. Es lautete:

Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte hören, nach meiner ersten

siegenden Schlacht. Dreimal hab' ich deinen Feind überwunden, auch wird

bald seine Hauptstadt fallen. Wohl möchte es bereits geschehen sein, wenn

ich dem Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, nachgegeben hätte.

Doch ich erwarte Uebergabe auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor

verheert werden, und ich jenes Wüthen der Neger in Sizilien, mit

europäischer Großmuth vergelten mag. Aber die Bitte, mir gestattet von

hoher Vatermilde, ich nenne sie kühn deinem Herzen. Viel habe ich gerungen

mit dem Vorsatz, allein ich bekenne, daß hier meine Kraft am Ende war.

Vater, was ich bin, was deine Güte schon an mir lobte, da noch das große

Geheimniß mir nicht enthüllt war, ist -- Schöpfung der Liebe. Ein Mädchen,

von einer unbekannten Herkunft, doch hochgestellt über alle Weiber an

Schönheit in Gemüth und Form, erzog mich. Ohne sie würde ich die Tirannei

eines siedenden Blutes nicht zu Boden gekämpft haben, ohne sie blieb mein

Wissen, mein Empfinden arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie, ohne

sie schlug ich den stolzen Afrikaner nicht, dem es dann vielleicht in

seiner Uebermacht gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwüsten. Gestatte

mir, Vater, die Göttliche zu suchen, die in Afrika, ach, vielleicht in der

Stadt lebt, welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich fühlend kannst

du dem Geständniß nicht zürnen, wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn

ich auch Ini damit schmücke, wie alle meine Kraft, sonst vielleicht

geeignet der Völker Zügel sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt.

Verzeihe -- ich mußte flehn!

Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht den Eilboten entgegen, die jeden

Tag, in den Höhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit nach, Antwort auf

sein Schreiben anlangen konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl,

sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile an den Kaiserhof zu

kommen. Er sollte das Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem Feinde

überall Waffenruhe gönnen.

Das letzte schien, nach den Umständen, nicht weise, mächtige Verstärkungen

konnten aus dem Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn gehorsamte.

Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, da er nun die Luftgondel

bestieg, über das Meer nach Rom zu eilen.

Dort angelangt, fand er den Völkerrath versammelt, den der Kaiser

beschieden hatte. Er mußte gleich dort erscheinen. Der Vater sprach ihn

nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem Gefolge den Tempel der

Unsterblichkeit, in welchen jene Männer sich eingefunden hatten. Denn hier

sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, der junge Cäsar seine Prüfung

bestehn.

Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. Nicht aus Granit, nicht aus Marmor

bestand der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber zu wenig

dauerhaft. Eherne Quadern, durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke

Mauer, die weit gesprengte Wölbung der ungeheuren Rotunde, noch von

Erzsäulen aus _einem_ Guß getragen. Mosaik von edlen Steingattungen, für

die Ewigkeit dargestellt, Thaten meldende Inschriften, Namen, die in

flammenden Buchstaben glänzten, prangten da; groß war aber der noch leere

Raum. In die gleichfalls ehernen Kellergewölbe hinab, leiteten Stufen.

Unten befanden sich die Gräber mit Aschenkrügen.

Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den Kaisersohn zu sich.

Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen. Heldenthum bewährte schon

den würdigen Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die Völker zu lenken?

Guido hätte, einen Augenblick früher, in den trüben Besorgnissen um seine

Liebe, durch des Vaters Schweigen über ihn gebracht, wanken dürfen an der

großen Frage -- ach, ohne Ini flog sein Genius keine Sonnenbahnen -- doch,

ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher geworfen, ermannte ihn zur

feurigen, selbstvertrauenden Antwort.

Er fand Bewunderung, die weiteren gewöhnlichen Fragen lösend, und übergab

auch noch Denkschriften, die mögliche Verbesserung der Jugendpflege, des

Bürgervereins, in scharfsinnigen Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen,

und ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt.

Noch mehr rühmende Anerkennung fand der Entwurf, das Schauspiel mit dem

Kultus zu gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht an den

Blicken der Menge vorüber, und jeder Religionsfeier voran, gehn.

Am meisten jedoch ein Sistem der Schönheitmoral, bei deren befremdenden

Sätzen und einer ganz neuen Formenlehre, die Väter nicht nur den ganzen Tag

hindurch prüfend weilten, sondern auch die ersten Künstler und denkendsten

Köpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu pflegen.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 15 / 16 段