Dies Sistem gab in seiner Darstellung die Zeichen an, nach welchen der

Einklang zwischen Geist und Gemüth, die Achtung für die Gesellschaft, die

Uebereinstimmung mit den Aufgaben der Tugend, die Fertigkeit im richtigen

Empfinden des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen; die dem inneren

Menschen entweder mangelten, oder ihn adelten, am äußeren erkennbar wären.

Dann folgte eine Theorie der Moral. Sie wollte, daß jedem Jüngling, jedem

Mädchen in der Republik, gegen die Zeit der blühenden Entwicklung höherer

Kräfte, ein Ideal nach seiner Anlage gefertigt würde. Ein Vorbild der

Schönheit, vom Maler, die möglichst hohe innere Schönheit des Individuums

berechnend, nach den klaren Grundsätzen der Lehre, sichtbar gefertigt. Dies

müßte herrlicher wirken, als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die

Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme in den Bürgerkreis, die

Bekleidung mit einem Amt, immer an einen Vergleich des Ideals mit der

Wirklichkeit hingen, behauptete Guidos Denkschrift. Denn nun könne die

innere Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, die Abwesenheit des

Strebens zum Ziel der Schönheit, würde sich in mißgestalteten Zügen

strafend verkündigen, und in gelungener Annäherung die Lohnwürdigkeit sich

offenbaren. Je bekannter, je verbreiteter das Sistem wäre, je weniger müsse

die Gesellschaft, ohnehin schon bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs

gereinigt, noch davon zu fürchten haben.

Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: Ist dein Sistem richtig, so hast

du der Menschheit ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten

nicht empfing, wie kein Religionstifter es zu geben vermochte.

So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend.

Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehört zu haben, sondern fuhr fort:

Wohl, erhabener Jüngling, gebührt dir, eine Schönheitmoral zu predigen,

denn noch keinen Jüngling, von so bezaubernden Formen, erblickten wir.

Wir alle nicht! tönte der einmüthige Ausruf.

Guido senkte die Augen nieder.

Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur geringen Antheil genommen hatte,

nun an, dich _auch_ nach einem Ideal gebildet?

Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging im Kreise umher. Entzückt hingen die

Blicke wechselnd an dem schönen Gemälde und an dem schönen Jüngling. Eine

Thräne freudiger Bewunderung sank von der Wange des Kaisers nieder, denn

wohl dachte er der Gestalt des Sohnes vor drei Jahren, und faßte kaum die

so hoch gereifte Liebenswürdigkeit.

Indem aber die Künstler vergleichend fortfuhren, das todte Muster und seine

lebende Nachahmung zu prüfen, behaupteten sie: Nicht ganz, nur beinahe ward

das Ideal erreicht. Noch irgend ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen

vermögen, irgend ein vollendender Zug fehlt noch.

Dieser Meinung traten alle bei, auch der Kaiser. Letzterer fragte: Welcher

Maler entwarf dein Urbild?

Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein Mädchen, unendlich schöner noch

durch eigenen Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der Preis meines

Ringens, soll er mir grausam entzogen werden?

Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde sprach nur noch, sprach zu den

Greisen im Rath, Fürworte erbittend, als der Monarch ernst und düster

schwieg.

Diese fanden des Jünglings Wunsch gerecht. Lohn der Liebe, meinten sie,

müsse das große Geschenk für die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten.

Guido hatte auch die Schönheit seiner Geliebten gepriesen. Wer konnte sie

auch bezweifeln? Von diesem sich entsprechenden Paar, hoffte man eine edle

Nachkommenschaft der Cäsare. Man drang in den Alten.

Er entgegnete strenge: Hier waltet mein Vaterrecht, nicht der Staat!

Keineswegs mein Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle räumen den

fehlenden Zug ein. Der Preis gebührt dir also nicht. Doch entsage, entsage

dem Preis, und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel füllen.

Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von Unwillen ward auf jedem

Angesicht kund.

Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. Glaube mein Sohn, auch mir hat es

einen schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe zu versagen. Doch ich

weiche mit blutendem Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann durch

dich über die Menschheit aufblühn.

Bei den Worten _ewiger Friede_ flammten der Väter Wangen. Guido starrte

noch zum Boden nieder.

Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter vermählen. Lies alles auf

diesem Blatte, und juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch Ottona ist

schön, wahrlich nimmer sah ich so verklärte Anmuth, blicke auf dies Bild,

von der Mutter dir gesandt.

Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten enthalten, machte, daß

Guido sein Auge verächtlich von dem Gemälde lenkte. Es fiel auf die feurige

Inschrift am Hochaltar: _Unsterblichkeit_.

Er stand auf, mied stolz die Versammlung, und rief die Worte zurück: Kommt

nach drei Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um der Menschheit willen

ohne Ini leben kann.

Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen konnte. Allein schweifte er

umher auf den Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale der alten

Zeit, herrlich die Erinnerung mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben,

nicht die Liebe auf, armer Szävola der der Tugend nur eine Hand darbrachte,

strenger Luzius Junius Brutus, eine Ini hättest du nicht hingegeben!

Er kehrt nicht in den Pallast zurück, lief hinaus in die Gefilde, achtete

nicht auf das wilde Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, aber

dennoch nicht tobte, wie die Stürme in seiner Brust. Endlich um Mitternacht

langte er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen Gänge, ähnlich

der Farbe seines Jammers. Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den Boden

hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem Tod, mit ewigen Tod zu

umfangen. Der Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwünschungen gegen ihn,

gegen seine unglücklich hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater, gegen

das Traumbild am Nordpol aus, das ihm lügend Wiedersehn zusagte und zu

leben bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte er.

Zuletzt hatten sich die Kräfte entspannt, ein tiefer Schlaf rettete den

Dulder vor längerer Qual der Selbstkämpfe. In diesem Schlaf wähnte die noch

thätige Einbildung, Gelino, den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen

strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand. Dieser Blick prägte

sich tief in des Jünglings Gemüth, er sah ihn immer, noch am Morgen

erwacht, und auf den Gefilden ohne Zweck wandelnd. Eine marternde Angst

jagte ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor und glaubte immer das

Traumgesicht in den Wolken wieder zu finden, von jedem Hügel sah er Rom und

den sich erhebenden Tempel der Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein

Strafgericht über ihn verhing. So trieb er es. --

Der Kaiser ließ ihn besorgt suchen, man fand ihn nicht. So ging es am

zweiten, am dritten Tag, die Versammlung harrte bereits unruhig, gespannt,

Schlimmes fürchtend.

Da trat Guido in den Tempel. Bleich, überwacht, verstört, doch eine

unbeschreibliche Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, einen Zauber

in der Gestalt, die man jüngst nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden

mit der Ueberzeugung durchdrang -- nun sei das Ideal erreicht!

Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel von allen Lippen und

Händen, von denen des Tempels eherne Mauern und Denkmale tönend

wiederhallten, priesen in voraus.

Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, umsonst, nur spät konnte er

vernehmlich fragen: Dein Kampf siegte, du wählst Ottona?

Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer Beifall, Beschluß des Rathes,

ihn zum Thronerben, zum Mitkaiser würdig zu erklären.

Guido hörte das betäubt, war sehr gleichgültig, als eine Kaiserkrone, mit

einem grünen Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, ein Purpur

an seinen Schultern hing, und das alle Straßen überfüllende Volk, da er im

Prachtzug nach der Cäsarenwohnung kehrte, dem neuen Monarchen, dem Sieger

in Afrika, dem Sieger über sich, dem Friedengeber der Menschheit, Glück

zurief! --

Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen wurden eilig nach Karthago zurück

gesandt, die europäischen Truppen nach Italien gerufen.

Guido schickte heimlich einen Eilboten an Ottona, ließ ihr entbieten: den

Thränen der flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr nächstens seine

Hand, doch -- ein Herz habe er nicht mehr zu vergeben. --

Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu seiner Reise nach Karthago. Sie

sollte mit der höchsten Pracht vollzogen werden, der Vater wollte den Sohn

begleiten.

Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote zurück. Er schwärmte in dem

Bilde, das er von Ottona entwarf. Guido gebot, darüber hinzugehn. Jener

berichtete: Die Kaisertochter habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie

könne nur Fügung in das Schicksal, doch keine Liebe verheißen. Wohl mir,

seufzte Guido.

Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin der afrikanische Hof zurückgekehrt

war, standen alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten Trophäen, im Hafen

wehten die Flaggen der Schiffe, die er jüngst den Afrikanern genommen. Er

staunte. Die Männer aus dem Strategion dort, ihm entgegen gekommen, sagten:

Dein Vater hat dir in Rom keinen Triumph über Afrika bereitet, so will es

die Kaiserin selbst thun.

Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen seiner Siege gingen voran

im glänzendsten Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, nun dem

_ewigen Frieden_ geweiht. Hier am Hochaltar erwartete die Kaiserin den

Eidam, neben sich Ottona in einen Schleier gehüllt und sichtbar bebend. Die

Vornehmen, durch Guidos Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in

Huldigung.

Eben an diesem Tage begann das zwei und zwanzigste Jahrhundert.

Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe Mutter trat ihm entgegen,

Freudenthränen auf der Wange. Hier, sprach sie, junger Cäsar, Oberherr von

Europa und Afrika, empfange meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas

Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte nicht aufzusehn. Nur der Ruf

einer wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine Betäubung!

Er sah auf die Braut -- -- O Himmel!

Ottona war Ini -- verklärt gestaltet wie ihr Ideal. -- Bei Athania hatte

die weise Fürstin sie erziehen lassen.

_Ende_.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 16 / 16 段