Zwei Grad legte man bei dem geschwinden Lauf dieser Thiere in vier und

zwanzig Stunden zurück, wobei man ihnen achte zur Ruhe gönnte, sie fütterte

und ein Pelzzelt über sie aufschlug. Auch vergaß man nicht einen kleinen

Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur für sie durch die eigne zottige

Haut gesorgt.

Aus Hundert Schlitten bestand etwa die Karavane. Es versteht sich, daß die

Reisenden schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch Schnee, Mondschein,

Nordlichte oder Laternen machten, daß man die dauernde Nacht keineswegs

hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen Schauspiele vieles

Wohlbehagen der Neuheit genoß.

Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. Unfälle störten nicht. Acht Tage

noch, seit jenem Dörfchen der Verwiesenen, und der Polarstern schwebte über

Guidos Zenith.

Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des Erdballs zu stehen, wo der

gleichmäßige Sternentanz uns umkreist, und der Vollmond (der unsern

Wanderern eben schien) nicht untergeht! Welche Fülle neu angeregter Ideen!

Guido umfing den Lehrer mit flammenden Dank, daß er ihm diese Entzückung

bereitet habe. Der Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von

sibirischen Mäusen, Eidervögeln und Zobeln gehüllt, auch das Antlitz mit

einer guten Larve versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten

entfernen, wogegen der muntere Guido Stundenlang umherschweifte, bis die

Erstarrung ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn.

Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere Pilger vor, die aus Grönland

und Samojeden dem nämlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige

Unterstützung linderte die Beschwerden, gab den Untersuchungen mancher Art,

welche die Naturkundigen -- dies waren sie meistens -- anstellten, erhöhtes

Leben.

Einer darunter hatte eine erzene Bildsäule Newtons mitgebracht, sie hier

aufzustellen. Alle zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen sie,

gebührt dem Manne gerade hier ein Denkmal, der schon vor vierhundert Jahren

der Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkündigen wußte.

Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton noch nicht. Die zackigen

Spitzen erhoben sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im Strahl des

Mondes, oder vom röthlichen Nordlichte erhellt.

Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schönheitzauber, der gerne lieblich

oder erhaben gestaltenden Natur, war an Guidos Blicken vorübergegangen,

allein diese diamantnen Kolossen auf dem unübersehbaren, ebnen, reinen,

weißen Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute, Niebewunderte.

Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in ihrer Mitte. Es schien ein

Vulkan, die Lava am Rande ließ es vermuthen. Wichtiger stellte sich ein

dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe steigend, und hoch in der Luft nach

allen Seiten zerfließend. An diesem Dampf und seiner Vermengung mit dem

ganzen Luftkreis der Sphäroide hing die lebendige Simpathie des Magneten,

deren Geheimniß aber nicht in diesem Traum der Zukunft aufgedeckt werden

kann, um nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. Die Neigung der

Nadel hatte mit den inneren Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf

das größere oder geringere Sinken der Dampfsäule wirkten, Verwandschaft.

Die Naturkundigen meinten, ein Herabsteigen in den räthselhaften Krater

werde noch einst viel wesentlichere Aufschlüsse geben, endlich wohl gar die

Anziehekraft der Erde erklären lehren.

Während die Versammlung mit Instrumenten mancher Art forschte, die

Beobachtungen in Schlitten niederschrieb, mit älteren verglich, sich neuer

Ausbeute freute, (worüber eine Zeit der halbjährigen Nacht hinfloh, die

nach dem gewöhnlichen Maaß, vierzehn Tage enthält) waren die Männer welche

die Schlitten führten, beschäftigt, Kristallblöcke zu brechen, und auf die,

zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen unbeladenen Schlitten, zu

laden. Sie hatten diesmal vorzüglich geeignete Werkzeuge mitgebracht und

bemächtigten sich auch mancher Stücke von schöner Seltenheit. Guido nahm

eins darunter, von ansehnlicher Höhe und Klarheit in Beschlag, er wollte es

für Ini kaufen und ihr Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, da

dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz überträfe, und dem Diamanten,

er mögte natürlich oder kunstverfertigt sein, gar wenigen Vorzug ließ, so

müßte dies das herrlichste Standbild auf dem ganzen Erdball werden. Und

seine Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste Schönheit auch die

gediegenste Verewigung! Doch ein furchtbar schauderhaft Mißgeschick brach

über Guido herein. Dort so hinaus gewagt aus den Kreisen der Menschen, fand

der Pilger auch einen mächtigeren, schwerer zu bekämpfenden Zufall.

Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten sich schon entfernt, Guidos

Karavane machte sich fertig, den Rückweg zu nehmen. Da will der alte

Gelino, dem die Umgebung des Pols ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum

aus dem erwärmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen auch noch ein wenig

besehn. Sein Zögling schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt, in das

Freie, geht weiter. Durch die Verschiedenheit der Wirkungen ergötzt, will

er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, dringt mehr vor, verirrt sich

zuletzt in dem Labirinth. Er wählt eine falsche Richtung, wieder zu den

Seinen zu gelangen, wo man unglücklicher Weise seine Abwesenheit spät

bemerkt.

Nach einigen Stunden kömmt Guido, dessen kräftige Natur sich schon gewöhnt

hatte, lange im Freien auszuharren; eben will man abfahren, die Bären sind

angespannt. Er findet den Alten nicht, ruft, sucht in der Nähe. Umsonst!

Bange um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste was es wolle, den Greis

auszuspähn.

Darüber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft sucht nun beide, doch mit

Vorsicht, und den Kompaß zur Hand. Gelino wird bald gefunden, doch -- starr

am kalten Boden. Man bringt ihn zu den Schlitten, erwärmt ihn, wendet

Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der Greis ist dahin, erlag dem

Angriff tödtlicher Kälte.

Die Erschrockenen beben nun für den Jüngling, denn so lange schon ist er

von der Wärme fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. Ein hohes

Feuer lassen sie empor lodern, Schüsse sollen dem Verirrten seinen Weg

deuten, seine Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht gefunden.

Endlich kann Niemand mehr an sein Leben glauben, die Sorge für eigne

Rettung mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorräthe sind berechnet. Man läßt

jedoch, auf den undenkbaren Fall, einen kleinen Schlitten zurück, den Bären

davor, Speise, Getränke und Feuerung. Den mag er nehmen und nacheilen, wenn

er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschließt sich, zu weilen.

Guido hat unterdessen auch fruchtlos den Rückweg gesucht, seine Angst um

den Alten ihn zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schüsse hat er nicht

mehr vernommen, kein Feuer erblickt. Endlich, nach vielen bangen Stunden,

fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgesträubt durch die eigne Noth, da

er kaum noch ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, auf den Polarstern

blickend und durch schnellen Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach dem

Platze zu kommen, wo die Karavane stand. Er sieht einen Schlitten, und

athmet wieder Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft er sich hinein,

die wärmere Luft ist das dringendste. Vielleicht kam Gelino selbst, denkt

er, und entschlummert auf die schwere Ermüdung plötzlich.

Beim Erwachen, das vermuthlich spät erfolgt, ist die Betäubung, welche

vorhin über ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. Warm und regsam

wieder, peinigt ihn auch die Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er

zurückkehrte? Hinaus zu fragen!

Er meidet den Schlitten, wird aber keinen anderen inne. Keine Antwort auf

sein Rufen. Was heißt das?

Wer nennt jedoch des Armen grausenden Schrecken, da er, kaum im Mondlicht

lesbar, die Worte an den Schlitten geheftet fand:

»Unglücklicher! lebst du noch, so folge eilig. Der Bär ist der schnellste,

wird uns einholen. Nothwendigkeiten ließen wir dir. Feuer sollen von Zeit

zu Zeit brennen, daß du so weniger vom Pfade irrst.«

Guido wußte nicht, ob er träume. Ihm schauderte in der gräßlichen

Einsamkeit. Wo ist mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum davon nichts? O

Himmel! nein, der hätte mich nicht zurückgelassen! Und doch was soll ich

thun? Ich muß nachfliegen!

Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine Flamme winkte in der Ferne. Sein

Kompaß, wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan!

Nun dachte er die Zügel des Bären zu ergreifen. Entsetzen! grausames

Entsetzen! Der Bär lag erfroren.

Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen Stunden müsse diesem Augenblick

gefolgt sein, denn als er wieder klar denken konnte, sah er von jener

fernen Flamme nichts mehr.

Fünftes Büchlein.

Guidos Einsamkeit.

So war er denn verlassen, am Eispol verlassen, in tiefer, grimmiger Nacht;

um ihn die Oede der kalten Wüstenei, nichts ihm winkend, als Tod. Grausame

Gefährten!

Ach! rief er aus, noch hab' ich selten mit dem Schicksal gekämpft. Mein

Leben lächelte froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit edlem Ruhm zu

schmücken, die Liebe erhob mich über das Leben; doch nun, nun schlagen die

Gewitter desto zorniger über mich zusammen. Hier retten nicht Muth noch

Kraft, hier muß ich enden! o Ini, Ini!

Doch sollte abermal ein Dolch in das gequälte Herz sinken. Indem er seine

Klagen laut hinausweinte in die starre Luft, um den Schlitten irrend die

Hände blutig rang, sah er in einiger Entfernung einen dunkeln Strich auf

dem lichten Schnee, er nahte, es war eine menschliche Gestalt er kam hinan

-- es war Gelinos Leichnam!

Er sank daran nieder in wildem Ungestüm, über den neuen Schmerz den alten

Jammer vergessend, küßte das kalte Antlitz mit heißen Thränen, dann riß er

den Körper auf, lud ihn auf die Schulter, trug ihn an den Ofen des

Schlittens, hoffte noch Leben in ihm zu wecken.

Wie man denken mag, war dies Streben eitel, auch kein Sturm der Klagen

rüttelte den Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung glücklich für

Guido sein, die regsame Mühe gab seinem doppelt schreckenerstarrten Blute

wieder Umlauf und zerstreute den Blick auf sein Elend, auch sah er zu dem

Feuer im Ofen, das er vielleicht sonst hätte erlöschen lassen.

Mit einem Schlummer aus Entkräftung mußte dies Treiben zu Ende gehn. Neben

dem Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter den nämlichen Fellen

womit jener bedeckt war, schlief Guido fest ein.

Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren Welt vorüber. Ini, noch von

höherer Schönheit umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, trat aus

einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine Hand und lispelte mit himmelvollem

Laut: »Den Starken prüfe schweres Leid. Weise forsche er in der reichen

Kraft, sie birgt Hülfe. Wir sehn uns wieder!« Hier trat sie in die Wolke

zurück, die sie dicht umhüllte und nach dem fernen Horizont zog, sich weit

als eine lichte Morgenröthe verbreitend. Ueber diese Morgenröthe ging dann

die Sonne auf, die Schneegefilde wichen ihr plötzlich, und ein lieblicher

Frühling blühte. Von dem duftendsten Baume sang eine Nachtigall in dem

Idiom der Melodie: »Wir sehn uns wieder,« und Guido erwachte.

Ihm war, als ob er die Berührung der leisen Geisterhand noch fühle, als ob

sie neues Leben durch alle seine Adern gegossen hätte. Er sprang auf, eilte

hinaus. »Wir sehn uns wieder,« umtönte es noch den getäuschten Sinn

überall, von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein Echo es zu wiederholen.

Ja! rief er fröhlich, ich will mich kämpfend ermannen gegen mein Elend, du,

heilige Göttin! giebst mir Stärke.

Er sann nach. Nicht unmöglich war es ja, daß andere Reisende noch ankämen,

und ihn zu den Wohnungen der Menschen brächten, er mußte sich erhalten, daß

in diesem Fall sie ihn lebend fänden.

Der Schlitten ward untersucht, nachdem des Greises Hülle hinausgetragen

war. Lebensmittel? Ja, dürftig, auf die Zeit eines Monats etwa. Auch

Feuerung. Langte bis dahin ein Retter an, war das Leben zu fristen. Also

muthig.

Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, als es nur sein konnte, gab sich

wechselnd Bewegung im Freien, und erwärmte die Glieder. Der Gedanke an

seinen Traum war ein Balsam. Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die

dieser Balsam vor Zerstörung bewahrte.

Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen worden, der traurige Monat

schwand bald hin, noch mangelte ihm aber nichts, so kärglich hatte er

gewaltet. Aber auch kein Wanderer nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung

aufgeben? »Wir sehn uns wieder,« hatte das Traumgesicht verkündet.

Noch ein Monat floh hin, nun war keine Speise mehr vorhanden. Nun glaubte

er das Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir nicht mehr sterben, sagte

er sich, dort seh ich Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbären am

Schlitten. Daran hatte er noch nicht gedacht. Die Kälte hatte ihn

vollkommen erhalten. Freudige Ueberraschung!

Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon traf Anstalt es zu braten.

Herrliche Kost in der Noth! Das Thier war groß. Wirklich konnte er Monate

lang davon zehren.

Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur auf wenige Tage noch, nach dem

Maaße von dort, wo Tag und Nacht gewöhnlich wechseln, gab es Stoff die

kleine Flamme zu unterhalten. Wohlan, Ergebung!

Da wachte Guido einst von einem starken Getöse auf. Was ist das? Er sieht

hinaus. Eine hohe Feuersäule. Der nahe Vulkan speit Schlacken-Hagel um ihn,

Lava schlängelt sich in Bächen an den Gletscherkuppen, und versinket im

geschmolzenen Schnee.

Fürchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend dem, der allein vom

Feuer Rettung hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von der Flammensäule,

glühende Schlacken genug, sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln,

und den ganzen Ueberrest des Bären daran genießbar zu machen, der dann

weiter weggetragen wird, wo der Schnee nicht mehr an den Gluten zergeht.

Eben dies muß mit dem Schlitten, der schon tief einsank, mühevoll

geschehen.

Der Vulkan ruht, speit wieder, hört auf. Die Erfahrung belehrt Guido, daß

die Schlacken lange fortglühn, im Krater sieht er ungeheuern Vorrath davon.

Er darf nichts mehr für sich vom Frost fürchten, doch ach! die Hoffnung auf

Reisende kann er nicht länger nähren, schon ist es im März, wer wird sich

noch hieher wagen? Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer zum Pol

dringen können, durch das Treibeis auf dem Meer und überschwemmten Lande

abgehalten Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten Ortschaften, man

fürchtete den Mangel an Lebensnothwendigkeit.

Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, dachte Guido, die Phantasie

immer noch mit seinem Traum gefüllt.

Jetzt umschimmerte ihn ein röthlich Licht, das nicht mehr, wie sonst der

Nordschein, wich, sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm allein hier

den Gang der Zeit sagte, ließ ihn nicht zweifeln, das röthliche Licht sei

die Dämmerung des halbjährigen Tages, der über dem Rande der Sphäroide

anbrechen wollte, denn die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings war da.

Immer mehr Helle, ein glühenderer Schein, der in vier und zwanzig Stunden

um den sichtbaren Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm.

»Gewiß, gewiß die Morgenhelle. Ich werde die Sonne noch einmal sehn, und

dann sterben.«

Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe aus dem fernen Rand emporstieg,

wo Aetherblau und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang voller, endlich

ganz heraus getreten, um nun sechs Monat zu weilen! Guido vergaß in der

Trunkenheit des Entzückens, in die Zukunft zu schaun, der Anblick der

Gegenwart riß ihn allein hin. Je höher die Sonne stieg, je reitzender wurde

auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten Kuppen, die nun ihren Glanz

viel heller und in mannichfacheren Farben zurückgaben.

Noch konnte Föbos den Schnee nicht schmelzen, aber die Kälte ließ merklich

an Grimm nach. Bald ward aber der Boden feuchter und feuchter, die

Gletscher traten mehr hervor. Guido suchte einen breiten Felszacken, den

Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu retten, denn er befürchtete

strömende Flut.

Dies traf auch nach einem Monate ein, wo er denn sehr peinlich auf dem Fels

weilen mußte, doch verlief sich das Wasser, und breite Thäler entdeckten

sich Guidos Blicken, von brausenden Gießbächen durchwogt.

Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, den noch übrigen Vorrath nicht

vergessend. Nicht ohne Gefahr, und manche Mühseligkeit duldend, konnte es

geschehn. Doch sah er auch, wie die immer scheinende Sonne nun aus der Höhe

mit wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. Kaum waren niedrige erdige

Hügel von der Winterdecke befreit, als auch Gras und Kräuter schnell sie

deckten, und zu Guidos froher Befremdung Geflügel ohne Zahl sich einfand.

Besonders sah er Heere von Eisvögeln, die sich ins hohe Gras bargen, und

ihn hoffen ließen, er würde an ihren Eiern neue Nahrung finden, woran es

ihm nun entschieden gebrach.

Die Hoffnung betrog den kühnen Ausdaurer nicht. Nest bei Nest ward

gefunden, die Eier waren schmackhaft und nährend.

Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der stand auf dem Gletscher, der

hoch über ihn ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen Kälte zu

schirmen, sondern gegen flammende Hitze, die um so drückender war, als der

leuchtende Körper, von dem sie niederbrannte, nicht mehr unterging. Guido

empfand sogar Krankheitanfälle von dem ungewohnten Wechsel, doch waren auch

Klüfte in den Thälern vorhanden, wohin er sich bergen konnte, und er säumte

auch nicht, sie dicht mit Gras zu überdachen. Zudem badete er oft in den

kalten Gießbächen, oder flüchtete hinter Gletscher, über welche auch der

anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. Uebrigens hielt die Witterung den

gleichmäßigsten Schritt. Stürme gab es an der Achse nicht, weil nur der

Umschwung des Erdballs sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach dem

Frühling mehr nieder, klar blieb der Aether.

Nun entwarf Guido einen Plan für die Folge. Ohne Zweifel, sagte er sich,

langen im nächsten Winter Reisende an, gelingt es mir, mich bis dahin zu

erhalten, bin ich nicht verloren; also, neuen Muth!

Er suchte von den Vogeleiern eine beträchtliche Menge zusammen, und trug

sie an jenen Gletscher hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. In

Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, meinte er, würden sie dauern.

Späterhin fand er junge Vögel in eben solcher Zahl, tödtete sie und grub

sie in den Schnee tiefer Hölen, der nicht zerging. Manche wohlschmeckende

Kräuter und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt er fleißig ab,

breitete es auf den Boden. Gedörrt sollte es ihm einst zur Feuerung dienen.

Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt, daß er mit Zuversicht in den

nächsten Winter blicken konnte. Betrügt mich dann meine Hoffnung nicht,

sagte er zu sich, darf ich es nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel

eines halbjährigen Tags, der Erste von den Sterblichen, gesehn zu haben.

Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen Untersuchungen hin,

entdeckte viel, wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wußte, schrieb das

Hauptsächliche seiner Bemerkungen, so gut es gehn wollte, auf der

Innenseite eines Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete

sehnlich das Spätjahr, da die Sonne schon merklich sank.

Nach grade fielen die aufgestiegenen Dünste in Regen, dann in Reifgestalt

nieder; die Zugvögel hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde die

Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die Kälte nahm merklich überhand, indem

die rötheren Sonnenstrahlen immer schwächer die Luft durchwärmten, und ehe

sie noch ganz untergegangen waren, verhüllte schon der dichte Schneeflor in

den Lüften ihren Anblick. Oede war der langen Nacht trauriger Anbruch.

Guido trug seine Vorräthe immer höher; nach jeden Schlummer bemerkte er,

wie der weiße Teppich angewachsen war, auch durch den zunehmenden Frost

gehärtet. Das Verlangen nach Schlitten und Ofen wurde groß, meistens wärmte

er sich nur durch die angestrengte Arbeit, seine Nothwendigkeiten von

Zacken zu Zacken des Gletschers tragend, in dem Maaße, als die

Schneegebirge die Thäler mehr füllten. Dann zündete er mit seinem Feuerrohr

dürres Gras an, und schlummerte.

Endlich nahm die Schneedecke jene alte Höhe wieder ein, Guido war zu seinem

Schlitten gekommen, und hatte auch diesen flüchten können, indem er ihn nur

immer etwas aus dem letzten Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit

Vögeln, Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath davon in eine Höhlung des

Gletschers, nahe an seiner Spitze, gebracht. Das dürre Gras stand in einer

hohen Piramide.

Gelinos Körper fand er nicht mehr. Den Platz auf einer flachen Steppe,

wohin ihn der Jüngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit Schlacken und

Lava überdeckt, ohne Zweifel ihn so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der

That! Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht so bereiten.

Nach und nach hörte das Schneien auf, grimmiger bleibender Frost folgte.

Mond, Sternenlicht, Meteore, brachten die Erscheinungen des vorigen Jahres

abermal hervor. Guido, wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen

widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten ging die gute Erwärmung nicht ab,

er hatte nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte auch damit wechseln.

So harrte seine Sehnsucht der Mitte des Winters entgegen, und wankte die

freundliche Hoffnung, richtete ihn die Weissagung des Traumes, an die er

schwärmend glaubte, wieder auf.

Sechstes Büchlein.

Schluß.

Nicht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte erging er sich einst zur

Bewegung, da vernahm sein Ohr fremde Laute. Er horcht, höher wallt und wogt

es in der Brust, er wendet das Auge nach dem Ton hin -- ein heller Fleck am

Horizont!

Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee Dämmerung. Desto deutlicher die

Flamme dort sichtbar, wie sie sich vergrößerte. Der antreibende Zuruf

fahrender Männer zu unterscheiden, oft ein Geheul von Bären.

Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher Gott, dem ich hier

oft den Geist empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den Menschen

bringen. Dank, dank, wenn du auf mich siehst!

Der Schlittenzug kam näher, hielt jedoch seitwärts von der Stelle wo Guido

sich aufhielt. Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb aber verwundert

stehn, als er seinen Namen vielfach nennen hörte. Wie wissen diese

Reisenden von mir? fragte er sich.

Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen Jahre. Ein ansehnlicher Mann

war ausgestiegen, und rief: Ich muß Guidos Leichnam finden, sonst -- ich

muß seinen Leichnam finden, sonst kehre ich nicht nach Rom zurück,

wiederholte der Mann ängstlich.

Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin Guido.

Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles auf ihn. Niemand schien zu

glauben, zu begreifen. Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen an, im

vorigen Jahre die Reise theilend. Wir harrten lange auf dich, suchten,

gaben Zeichen. Da wir den Leichnam des Alten fanden, mußte Jedermann auch

auf deinen Tod schließen. Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung, doch

blieb noch ein Fuhrwerk da --

Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, es gelang, mich zu erhalten,

daß ich froh der Rettung entgegen athme, mögt ihr denken.

Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun jener angesehene Mann aus, dem

zeither Befremdung den Mund versiegelt hatte. Und kaum hoffte ich die

theuren Reste noch zu entdecken, hielt es unmöglich --

Und wer bist du? fragte Guido, heiße Verwunderung in der Stimme.

»Lelio ist mein Name.«

Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers?

»Der nämliche! Um die Zeit, wo du von Lissabon dich nach Amerika gewandt

hattest, brachen die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst waren alle

Bemühungen den Frieden zu erhalten. Das Heer, in Eilzügen aus Moskau nach

Kalabrien rückend, sollte einen Feldherrn wählen. Die einmüthige Stimme

nannte dich!«

Mich, mich! rief Guido mit entzücktem Staunen.

»Dich! Vom Strategion wurde zur hohen Freude des Kaisers die Wahl

bekräftigt. Daß sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht sich.«

O wie viel Milde, wie viel Güte ließ mir dieser Großmonarch schon

angedeihn. Ich Unglücklicher, der so selten ihn sah, noch nie ihm danken

konnte!

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 14 / 16 段