Guido seufzte bei dieser Erzählung, freute sich aber desto inniger über das

nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden

Orangenhaine, die Weingärten, alle übrigen, welche er je gesehn, an

Schönheit hinter sich lassend.

Madrit, sagte Gelino, wird dich entzücken. Ehedem soll es eine winklige,

ohne Geschmack aufgeführte, und über alle Beschreibung unreinliche Stadt

gewesen sein, späterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und

das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen.

Guido fand die Bestätigung dieser Worte.

Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Früchte erzogen, die

man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch glückliches

Streben und bei reicherem Segen der Naturkräfte, manche Erzeugnisse von

Afrika zu sich verpflanzt. Die Gärten um Madrit sahen die edelsten

Feigengattungen reifen, der Pisang blühte lustig, die Dattelpalme, der

Kokosbaum breiteten ihre dichten Laubgewölbe in langen Blättern aus, die

Brodfrucht gedieh auf kräftigen Stämmen und erhöhte den Reichthum an

Lebensnahrung. Gewürzstauden mancher Art, sonst ein Eigenthum indischer

Eilande, wurden auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die Lüfte mit den

angenehmsten Aromen. Madrit hatte sehr breite Straßen, in welche, zur

erfrischenden Kühlung, Kanäle geleitet waren. Man wachte über ihre

Sauberkeit mit fleißiger Sorge, spiegelhell wogten sie langsam zwischen den

marmornen Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten prangten Baumgänge, und die

Straßen hatten ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, Granatäpfel,

die stattliche Benta von Senegal, der nützliche Kapok, die schattige

Pflaumenpalme u. s. w. waren, welche dort in gleichförmigen Reihen standen.

In Herbst- und Winternächten hüllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben

waren Frostableiter angebracht. Vor den Häusern sah man auch in graden

Abtheilungen Blumenbeete, und von den platten, mit Geländern versehenen,

Dächern, winkten allerhand liebliche Stauden in Vasen, wie sie auch, von

guten Steinwölbungen unterstützt, eine Erdlage für Lustpflanzen trugen. Die

Einwohner brachten schöne Morgen und Abende oben zu, verrichteten hier

mancherlei Geschäfte. Oft klang die kastilianische Guitarre, noch, wiewohl

sehr veredelt, im Gebrauch, in süßen Melodien herab, begleitet vom Sopran

liebeathmender Mädchen, oder der alte Fandango drehte sich auf den

Blumenmatten der Höhe.

Von den vielen Plätzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmärkten

dienten, entweder mit Lustwäldchen von Cedern oder üppigen südlichen

Fruchtbäumen bepflanzt, oder in anmuthige Wiesenplane umgeschaffen, oder

mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu

Freudenfahrten einluden.

So glich Madrit einem großen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin,

Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer Aufenthalt

erträumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewölben von seltner Höhe, unten mit

Meisterwerken der Bildhauerei geschmückt, und die Andacht darin hatte einen

feierlichen Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der schönen Natur zu

genießen, hatte auch mancher Bühne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben.

Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele unter dem freien Himmelsbogen,

oft noch ein Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer, die die

romantisch empfindenden Einwohner nicht vergessen hatten.

Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehöhlt

worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir u. s. w. in

Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der

Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften.

Nur Buenretiro und Aranjuez entzückten Guido noch mehr, als das liebliche

Madrit, und er hätte es beweinen mögen, nicht mit Ini in diesen Elisäen

wandeln zu können. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich

verbunden, die Gärten dort, mit Allem, was Phantasie und Herz glühend

füllen kann, verschwenderisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, ließ

ihn die noch überall grünende Wonne nicht ahnen.

Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem

die üppigen Vergnügungen von London und Paris langweilten, im Streben nach

Unterricht, mehr ankettet, weil die Natur höheren Theil daran hat, freut es

mich, doch deinem Zweck darf sie dich auch nicht entführen. In tieferer

Wissenschaft kannst du hier nichts Beträchtliches erlernen, dies Volk hat

noch manchen Schritt zu thun, die alte Säumniß einzuholen, um neben den

Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir wollen nach Lissabon, doch auch

da nur kurze Frist weilen.

Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung genug, um zu wollen, was

er sollte.

Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in

Europa. Dort befand sich unter andern eine berühmte Vorkehrung gegen

Erdbeben. Weshalb Lissabon so große Summen zu diesem Zweck aufgewendet

hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt würde einem Bürger des achtzehnten

oder neunzehnten Jahrhunderts so großes Staunen aufgedrungen haben, wenn

ihm ein prophetischer Geist davon hätte Meldung thun können, wie Jedermann

im zehnten gefühlt hätte, wenn damals die Rede von Feuerröhren und

Blitzableitern gewesen wäre.

Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo möglich, noch

mehr. Da er nämlich am Ausfluß des Tago umherging, kam etwas über die See,

keinem Schiffe gleichend. Das Herannahen des Phänomens setzte ihn in nur

heißere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem

Umfange auf den Wogen schwimmen könne. Endlich sah er klar, daß es eine

Insel sei, und halb Lissabon strömte hinaus, sie anzustaunen.

Sie kam noch näher. Fernröhre hatten die Versammlung Neugieriger schon

überzeugt, daß sich viele Menschen darauf befänden, welche theils auf dem

Rasen und in den kleinen Gebüschen sich ergingen, theils in einem

Wohnhause, das man auf dem Eilande erblickte, allerhand Zeitvertreib

hielten. Wer konnte aber das alles erklären? War ein Stück Land irgendwo

durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen worden, und schwamm es nun

zufällig gerade auf Lissabon her? Niemand wußte, was er denken sollte.

Freundlich grüßten aber von der Insel Kanonenschüsse, und die dankende

Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen.

Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, daß sie unfern

der Küste ihren Lauf enden konnte.

Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von ungeheurer Größe, deren Köpfe

und Rücken auch vorher, obwohl nicht deutlich, über der Fluth bemerkt

worden waren, das Eiland gezogen hatten. Die Männer, mit ihrer Lenkung bis

dahin beschäftigt, spannten sie jetzt von den unerhört dicken Geschirren,

warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau.

Wallfische gezähmt, zum Dienst des Menschen angelehrt? rief Alles; in wem

erwachte zuerst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm

Wirklichkeit zu geben?

Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Männer ans Land, fast erdrückt

von Portugiesen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte,

nannten ihn den Besitzer des unerhörten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun

um Auskunft an, er mußte einen Balkon besteigen, zu der immer mehr

angewachsenen Menge zu reden.

Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein Geburtsort, hub er an. Schon

mein Vater kam in früher Jugend auf die Vermuthung, es werde möglich sein,

sich Fischen mit seinem Willen verständlich zu machen, und ihre geringe

Denkkraft, mit der vielumfangenden menschlichen, in Beziehung zu setzen.

Denn, dachte er, geht dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der Grund, es

werde hier nothwendig mißlingen? Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die

den verlacht haben würden, der behauptet hätte, man könne Roß oder Stier

zum dienenden Knecht machen. Genug, mein Vater begann sein Werk mit

unsäglicher Mühe. Kleine Flußfische in Becken waren es, womit er den Anfang

machte. Die Nachbarn fragten, wozu denn das je nützen solle? Dies mochte

mein Vater auch noch nicht recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und

nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen Aal zeigen, welche auf seinen

Wink allerlei kleine Künste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man herzu,

sah es an, zuckte hernach aber die Achsel ob der eiteln Mühe. Doch mein

Vater fuhr fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, sehr jung

eingefangen, kamen an die Reihe. Er fand bei diesen Thieren größere

Gelehrigkeit, mit gebändigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht

verbunden, das er zog. Mit dem dritten ging es noch weiter. In einem großen

Teich, den Meerwasser füllte, hatte der Vater eine Menge Kabliaue und Haie,

ruderte sich auf demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen auf seinen Ruf,

empfingen Speise, entfernten sich wenn er es haben wollte, ließen sich

ergreifen, sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten ihrem Herrn,

indem sie aber zu bitten schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen.

Mein Vater genoß keinen Vortheil davon, als daß er von denen, welche die

seltsamen Künste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld

erlegen ließ, wodurch er aber dennoch eine artige Summe gewann.

Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zufällig an dem Stricke hangen, womit

mein Vater den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen,

indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststück geben,

dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug für zwei Haie an. Erst thaten

die Thiere unbändig, eine Last hinter sich empfindend, und einen Zügel im

Mund, sie wollten ihre Bande zerreißen, schossen gegen den Grund, was den

Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte Liebkosung, Fütterung, wie sie

sie gern empfingen, und nach Jahr und Tag, gab mein Vater seinen Haien ein

Zeichen mit einer im Wasser bewegten Glocke, sie kamen, ließen sich Zaum

und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man wollte. Gegen das Ende seines

Lebens fuhr der Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, holte von einem

Küstenorte zum andern allerhand Waaren.

Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe

so fortbringen könnte? Man dürfte des entgegenwehenden Windes oft spotten,

hätte nicht nöthig zu kreutzen, würde mehr Herr der Zeit, bedürfte der

kostspieligen Ruder nicht, und käme vielleicht schneller als mit ihnen

davon. Aber da bedürfte es größerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum

Gehorsam zu bringen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein?

Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir

dort einen kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. Seine Enge vorn

ließ ich mit einem Damm versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden

konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am einsamen Strand, machte Niemand zum

Zeugen meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich vor der Zeit nicht

davon geredet wissen, und von keinen Neugierigen überlaufen sein wollte.

Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische

habhaft zu werden, wobei mir Taucherhütten und dazu eingerichtete Fangwerke

dienten.

Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war mühevoll. Doch jung, kräftig,

ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefaßt, ließ ich mich

nicht ermüden. Daß ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben

funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch

belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von

wohleingefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch

ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer noch mehr leisten könne. Da fertigte

ich einen großen Floß, aus aneinander gefügtem Treibholz, bewarf ihn mit

durchsiebter fruchtbaren Erde und pflanzte allerhand Gras und Kräuter

darauf. Einige erhöhte Hügel konnten Katalpen und Akazien, andere

Fruchtbäume tragen. Ein gemächlich Wohnhaus und Speicher zu Waaren folgten.

So entstand das künstliche Eiland welches ihr seht. Manches Jahr übte ich

erst die Fahrt in meiner Bai, dann ließ ich den Damm mit Pulver

wegsprengen, die Insel zum Ozean bringen zu können, und langte damit

wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia an. Die Einwohner staunten wie

ihr. Man überzeugte sich aber bald von der Festigkeit und Sicherheit meiner

Fahrt und gab mir reiche Ladung nach Europa, die ich verlangte. Auch einige

Passagiere fanden sich, andere wagten es noch nicht, die Reise zu theilen.

Die meisten unter jenen Männern sind meine Knechte. Doch fahrt jetzt zu der

Schwimminsel hinüber, erschaut ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt

kaum, daß es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt. Bei heitrer

Witterung lustwandelt man auf den Hügeln, schlummert im Grase, belustigt

sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich ladet das Gebäude ein, wo

sich mehr angenehme Einrichtungen finden, als auf dem größten Schiffe,

nicht Büchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater, Fechtboden u. s. w.

fehlen. Eine Taucherhütte hängt hinten am Eiland, daß man sich auf der

Reise beliebig in die Tiefe senken, und dort umsehen kann. Dies alles wurde

erst in Philadelphia vollendet. Und prüft auch meine großen Waarenspeicher.

Wohl mehr noch als ein Dutzend große Schiffe, vermag ich zu laden,

wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbniß blosgestellt, und dennoch geht

meine Insel nicht tief, weil ihre Breite und Länge im ausgleichenden

Verhältniß zu den aufgebürdeten Lasten steht. Eiliger schießen die

Wallfische dahin, als der günstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag.

Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, er trifft sie nicht in ihrer Tiefe.

Das Eiland ist zu groß um ein Spiel der Wogen zu sein, zu hoch, zu fest,

durch Brandungen zu leiden; stranden kann es nicht leicht, und wenn auch,

es ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind Winden vorhanden, die es

bald wegschaffen. Seht, ihr Europäer, dies alles kann des Menschen Fleiß

ins Werk richten!

Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen genug finden, die Neugierigen

überzusetzen. Daß Gelino und Guido nicht zurückblieben versteht sich. Man

fand alles, wie der Mann gesagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und

Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefüttert wurden

und die Knechte auf ihren Rücken tanzen ließen.

Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Börse

Rückfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles

in wenigen Tagen ab.

Während der Zeit erwachte in Guido eine heiße Neigung, die Inselfahrt auch

zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer,

laß uns Plätze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr

Vorsicht als der jugendlich ungestüme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt,

mein Freund, antwortete er, Unfälle, die der Mann selbst nicht erwartet,

könnten uns treffen. Erfahrung muß noch deutlicher über den Gegenstand

reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stürmen, er wähnt nun

seine Anstalten über alle Gefahr erhoben, und ein Andermal kann sie ihn

überwinden. Doch dies alles leuchtete unserm Guido nicht ein, sein

Verlangen wuchs nur am Widerstande und er drang so lange mit Bitten in den

Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, einwilligte.

Viertes Büchlein.

Reise außer Europa.

Nun ward der Vertrag geschlossen, und das Eiland bezogen. Niemand fragte um

günstigen Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete man die Anker,

legte die Thiere vor, befreite das Eiland vom Grunde, und fuhr unter dem

jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen Stunden sahn unsre Reisenden die

hohen blauen Felsenküsten von Portugal nicht mehr. Guido war entzückt.

Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches Angenehme. Im Sommer würde

sie viel reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man bereits in der

Mitte des Novembers, in Lissabon freilich nicht unbehaglich empfunden, doch

desto mehr, als man in den nördlicheren Gewässern anlangte. Da gewährten

die entlaubten bereiften Bäume und das falbe, mit dürren Blättern

überstreute Gras auf der Insel, eben keinen freudigen Anblick mehr, auch

war sie in kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber hatte indessen auf

das Vergnügen seiner Passagiere gedacht, mehrere lebendige Hasen, Füchse,

Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche heraus ließ, damit man sie

jagen könne. Einige der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido

nicht, wohlthätige Schonung gegen Thiere lag in seiner Sinnesart. Er blieb

meistens bei Gelino im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit verkürzend.

Auf der hohen See wütheten einige Stürme, die Balken der Gebäude krachten,

die Wellen spülten ihren weißen Schaum über die Ufer. Unbesorgt, rief der

Pilot, es hindert unsere Fahrt nicht! In der That war es auch also. Die

Wallfische schwammen dann tiefer, als die Wogen vom Sturm bewegt wurden, so

wenig ein Boot vom Kräuseln eines Baches leidet, ward auch das Eiland vom

hohlen Gewühl des Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden.

Mit großen Reusen fingen die Knechte täglich kleinere Seefische in großer

Menge, welche sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes Größe, den

Wallfischen gaben. Diese zehrten dann, ihren Lauf nicht unterbrechend.

Zeigten sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere Richtung nehmen,

als der an großen, mit Winden versehenen Pfählen hängende, Zügel

vorschrieb, neckten einander beißend, oder wollten, dem Instinkt folgend,

der Fischjagd obliegen, strafte man sie durch zackige Mastbäume deren

Streiche ein Hebel auf sie fallen ließ. Die bändigenden Eisenstangen in

ihren Rachen wogen mehrere Zentner, und ließen ihnen, scharf durch die

Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams bald vergehn.

Nur vierzehn Tage währte die Fahrt, dann lag man auf der Rheede von

Philadelphia. Sie war schon mit Eis überdeckt, aber das Eiland brach sich

sowohl Bahn, als die Wallfische unter dem Rande hingleitend, ihn leicht

wegbröckelten. Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten zur Stadt,

frohlockten über das Vollbrachte und wurden mit freudigem Gruß bewillkommt.

Gelino war froh, diese Reise überstanden zu haben. Sie hatte ihn mehr

geängstet, als er sich selbst merken ließ.

Philadelphia hatte einen großen Umfang und viele Schönheiten der Baukunst

aufzuweisen. An Reichthum und Vergnügungen gab sie keiner Stadt in Europa

von ähnlicher Größe etwas nach, übertraf sie sogar. Denn die Kultur in

Nordamerika hatte eine Stufe erreicht, welche den Vorrang der europäischen

streitig machte. Dies konnte auch nicht anders sein, da diejenigen Mittel,

welche einen raschen Gang der Bildung begründen können, den Einwohnern

schon in sehr früher Zeit zu Gebote standen. Die ganze Halbinsel von der

Honduras-Bai, bis weit hinter der Beringsstraße und Kap Lisburn hinauf, wie

an der östlichen Seite hinter der Baffins-Bai, Grönland noch

eingeschlossen, war nach einem schon frühen glücklichen Kriege, zu einem

glücklichen Staat vereint, dessen viele weitläuftige Lande, jedes seine

demokratische Regierungsform hatte, und wieder durch einen, dem

europäischen ähnlichen Föderalismus, sich zur vollkommneren Gesammtkraft

verbanden. Man war auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung

bewogen worden, die neue europäische Sprache einzuführen.

Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, wie von einem Theben oder

Babilon, die Ufer der Ströme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah,

Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen Wohnplätzen besäet. Mexiko,

Luisiana, Florida waren Erdenparadiese, nördlicher konnte man den Zustand

der Dinge mit jenem in Spanien, Frankreich oder Brittanien vergleichen.

Gegen die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen von Polen oder

Moskau wieder. Im Innern des Landes waren die wichtigsten neuen

Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied zwischen Nadovessiern, Huronen

oder Ueberkömmlingen aus der alten Welt schwand immer mehr, da diese Völker

durch Heirathen sich verschmolzen und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch

war dies vielleicht auch der Grund, weshalb die Nordamerikaner, in der

Mehrzahl, an Schönheit den Europäern nachstanden.

Guido und sein Lehrer schoben es aber bis zum künftigen Frühling auf, das

Land zu durchwandern. Es sollte zudem sehr flüchtig geschehen, dann wollten

sie nach Südamerika, jetzt ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa,

den ostindischen Eilanden und China. Auch einen Besuch am Kaiserhofe zu

Calcutta gedachten sie abzustatten, und dann, über Persien die Reise um den

Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen bleiben, weil die

Mißverständnisse, schon einige Zeit zwischen den Höfen von Neu-Carthago und

Rom obwaltend, eine bedenklichere Ansicht gewannen.

Für die Gegenwart faßten sie den Entschluß, einer Reise zum Nordpol

beizuwohnen, wovon einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. Sie

fanden mehrere Gefährten, die sich eben in Philadelphia dazu bereiteten.

Niemand sparte an den nöthigen Summen, und so trat man den Weg bald an.

Ueber das alte Land der Eskimos flog die Gesellschaft in Luftfahrzeugen

dahin, ließ die Hundsonsstraße unter sich liegen. Weiterhin ward die Kälte

in der hohen Region zu empfindlich. Man stieg nieder und bediente sich der

Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis über Jones-Sund hinaus noch

Anbau, freilich nur in zerstreuten Hütten von Einwohnern, die im Sommer

sich vom Fang der Meerfische, und im Winter von jenem der Robben, Seekühe

und anderer Amphibien nährten. Einen Beweis, daß der Mensch nach und nach

den Willen aller Thiere beherrschen könne, fanden sie hier dadurch

abgelegt, daß die Wölfe gezähmt und angelehrt waren, den Dienst der Hunde

bei den Wohnungen zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich ihrer

allerdings mit noch größerem Vortheil. Und die Eisbären, in so furchtbarer

Gestalt, und einer Wildheit, von der Niemand sonst sich würde haben träumen

lassen, sie sei je zu bändigen, fand man in Ställen, um mit ihnen dort zu

reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nämlich jenseit des achtzigsten

Grades nördlicher Breite.

Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen Abhärtung ehern hätte

nennen mögen, ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbären und legten artige

Strecken zurück, wer aber aus milderen Himmelstrichen kam, fürchtete, sie

nicht lenken zu können, oder auch die zu strenge Kälte im Freien, ließ sie

also vor die Schlitten legen.

Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad gab es noch ein Dörfchen, bewohnt

von Verwiesenen aus Nordamerika. Ihre Häuser waren auf hohe Säulen gebaut,

an welche Treppen hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig Schuh

reichenden, Verschneiung überdeckt zu werden. Man sah bei dem allen hier

Wohlstand, durch den Handel mit Kristall vom Pol, der schon bei den

Nordländern jener Hemisspähre zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den

Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, welche alljährlich ankamen,

zogen.

Man hielt alles für diese bereit, was ihnen zu Vollbringung ihres Vorhabens

nöthig war. Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke überall

versehn, mit Fenstern aus sehr dickem Kristall, mit kleinen Oefen, deren

Züge an den Wänden umhergeleitet waren, und die vermöge ihrer guten

Einrichtung nur eines geringen Feuermaterials aus Papier bedurften, ließen

die entsetzliche Kälte vergessen. Der Schnee hatte eine gefrorne Decke,

über welche sie hingleiteten.

Meer oder Land waren vollkommen gleich. Einem Schlitten, den etwa vier

Wanderer einnahmen, folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten für die

ganze Dauer der Reise. Sie bestanden aus Suppentafeln, Gallerten, Austern,

Fischrogen und anderen Dingen, die viele Nährkraft in kleinem Umfang

verschließen. Doch nahm man auch Früchte in Spiritus, sogar einiges

lebendige Geflügel mit. Zudem vortreffliche gebrannte Wasser und

Weinessenzen. Ein dritter Schlitten enthielt Feuerungstoff, da über diese

Linie weg, weder Holz noch Gesträuche sichtbar wurden. Ein vierter Nahrung

für die Eisbären.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 13 / 16 段