dessen Thür der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der
Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich
wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht der
erlittenen Todesangst, aufzuheben. --
Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde
beraumt. Die Naturkundigen schrieben für und gegen jenes, schon lange
gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von
nichts, als dem Manne im Spiritus.
Gelino hatte, durch bedeutende Fürsprache, die Erlaubniß des näheren
Zutritts für sich und seinen Zögling empfangen. Man brach die Siegel, fand
das Gefäß unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde.
Auf Erhöhungen saßen die eingelassenen Zuschauer, die Naturkundigen hatten
sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrängt.
Der Körper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt.
Alle Theile waren so frisch, als hätten sie nur eine Stunde darin gelegen,
das Gesicht bläulich aufgetrieben wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd
blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den Ausgang.
Die gewöhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, man brachte die
Flüssigkeiten aus der Luftröhre, rieb, erwärmte, flößte ein, u. s. w. Doch
verging eine Stunde nach der anderen, ohne daß der Zustand des Kadavers
sich im mindesten umwandelt hätte. Nicht wahr, wir hatten Recht? sagten die
Ungläubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich
Gesicht.
Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert der Spiritus, den die
Einsaugungsgefäße aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Umschwung der
Säfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszuführen, das ohnehin durch
den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird.
Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher,
indessen kann man ein Uebriges thun.
Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kräftige Männer begaben sich mit dem
Körper hinein, und ließen die Temperatur höher treiben, als sie wohl einst
ein Blagden ausgehalten hat, während sie ihre Bemühungen unermüdet
fortsetzten.
Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte
an: der Kadaver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es
sind die Dünste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere.
Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! -- Irrthum,
Irrthum! -- Seht ihr, seht ihr! -- Ich hab' es selbst empfunden.
Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: -- Puls --
Unmöglich! Warum unmöglich? -- Meine Hand fühlte ihn.
Man wußte nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu
werden.
Der Körper ward nun in dichte Pelze gehüllt und wieder in den Saal
gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Verändrung des Gesichtes, die
Bläue war geschwunden, ein brennendes Roth überzog es, wenn sonst schon
sich keine Bewegung zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrühren mit
spitzigen Instrumenten war.
Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die
Pulsader griffen, bezeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen.
Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so daß der Zweifel wieder die
Stimme erhob, und jene Anzeigen Täuschung nannte. Dann schrie aber alles
plötzlich auf! Das eine Auge hatte sich geöffnet und wieder geschlossen.
Nicht lange, so geschah das Nämliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und
das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjährige Erstarrung
geschlossen hatte.
Niemand mied den Saal. Man vergaß über die Neugier die gewohnte Nahrung zu
nehmen, immer das Auge auf den Körper geheftet. Die ganze Nacht verstrich
so, während hin und wieder die Sprache, doch verwirrt, hörbar wurde. Am
andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende
sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen.
Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, stärkte. Er besann
sich in ein Faß geworfen worden zu sein, meinte aber, man habe ihn nach
wenig Minuten wieder herausgenommen, die Todesstrafe in eine andere zu
verwandeln. Man sah also, daß ihm damals die eigentliche Absicht nicht
vertraut worden war. Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen der
Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis auf einen, der, ein
hundertjähriger Greis, sich mit im Saale befand, und über das, den meisten
Unverständliche, was der Mann sagte, Aufschlüsse gab.
Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine
Wangen, Richter, wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern so
verändert? Und all diese Leute, wie seltsam sind sie gekleidet! Wo bin ich?
Wohin brachtet ihr mich?
Man half ihm auf, führte ihn an ein Fenster. Er sah viele unbekannte
Gebäude, vermißte viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? Wo ist der
Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie kömmt so plötzlich der
große Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken?
Es war Zeit, ihm die Räthsel zu lösen, sein Verstand hätte durch die
unbegreiflichen Erscheinungen in Zerrüttung sinken können.
Wer malt nun aber sein Staunen! »Funfzig Jahre hätte ich geschlafen?
Unmöglich!«
Man zeigte ihm Bücher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen,
deren er sich als Jünglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt
keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm
war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und rühmte wiederholt die
Süßigkeit seines tiefen Schlummers.
Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris
geführt, wo Fenster und Dächer, wie sich denken läßt, mit Zuschauern
überfüllt waren. Geschichtforscher und Antiquare ließen ihm daheim keinen
Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte,
durch seinen Mund.
Er hatte nun gehört, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er:
Mein Gewissen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht!
Man entgegnete: Möchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die
Zeit hätte einen Schleier darüber geworfen, auch seitdem Erziehung und
Moral wieder so viel an Vollkommenheit gewonnen, das solche Verbrecher wohl
nicht mehr aufständen. -- So gebührt mir die Strafe jener Zeit. Sendet mich
in die Verweisung, entgegnete er.
»Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung selbst, wenn du die lange
Verweisung aus der Gesellschaft überständest.«
Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen
zu entladen, freiwillig abermal in das Gefäß. Ihr übergebt mich den Enkeln
auf Hundert Jahre. Weit nützlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist
es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschließen, ja es ist
wohl im letzten Fall noch weit merkwürdiger. In diesem Jahre will ich mich
von den Veränderungen der Welt während meines Schlafes überzeugen, und ohne
Zweifel werde ich oft staunen.
Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu
beneiden, und willfahrtete ihm übrigens.
Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten
sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr diesmal so schnell,
daß Beide, unweit Paris ein wenig entschlummernd, nicht ehe als über London
wieder erwachten, und deshalb auch den Damm zwischen Calais und Dover nicht
sahn, welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs mit Brittanien
anlegte. Er lief von beiden Küsten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten
Felsstücken erhöht, und, damit der Seestrom den freien Durchgang behielte,
von Hundert Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brücken aus Hangewerk
unterbrochen, die jedoch sämmtlich höher waren, als das Gewölbe des Rialto
zu Venedig. Denn die größten Kriegschiffe fanden mit allen aufgezogenen
Segeln kein Hinderniß.
London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine glückliche, zum Handel
bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den unsinnigen
frevelhaften Vorsatz, alle übrigen Nazionen der Erde zu Grunde richten zu
wollen.
Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah
man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach.
Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld,
oder vielmehr seine Darstellung in Papier, war in die Hände von etwa
Dreißigtausend Gläubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre
Zinsforderungen befriedigen zu können, wurden dem übrigen Volke unerhört
drückende Gaben aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und endlich völlig
erschlaffte Staatskraft, mußten die Folgen sein. Freilich retteten sich die
Wohlhabenderen nach Bengalen, und späterhin, wie dir bekannt ist, nach
Polinesien, wo das jetzt mächtige Reich durch sie gegründet, und mindestens
die Kultur nach früherhin fast unbekannten Erdgegenden, verbreitet wurde;
doch die zurückbleibenden traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie sich auch
wieder zum gemessenen Streben ermannten, und im freundlichen, auf ewigen
inneren Frieden gegründeten Bund mit Europa, ein festeres Gedeihen als je
fanden.
Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl verfallen, die
Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete,
Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht.
Der Luxus war dem in Paris ähnlich, die Reisenden bezogen wieder einen
Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen öffentlichen Garten,
wo das alte Eden nachgeahmt war und in der That Milch und Honig in Bächen
floß. Es gab aber auch Teiche von Portwein, Rum, Punsch, auf denen man in
Nachen aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen Metallen fuhr, Bäume
von denen man leckere Konfituren pflückte, gebratene Vögel die in der Luft
flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefüllt), gespickte Haasen, die
umherliefen (eben so in Bewegung gesetzt), Puddings, Roßbeefstücke,
Hammern, Austern, Bifsteeks von großem Umfang, die Pilzen gleich aus der
Erde wuchsen, (denn die Küche hatte unterirdische Gänge). Bisweilen regnete
es Limonade, hagelte Zuckerwerk oder fror süßes Pistazieneis. Der Eintritt
in diesen Garten kostete aber, nach altem Münzfuß gerechnet, Hundert
Guineen.
Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches Bett aufgeschlagen. Wer nun die
Beschreibung davon lesen wollte, mußte so viel zahlen, als für den Eintritt
in jenen Lustgarten, daneben einen Eid schwören, nicht auszuplaudern. Guido
las, ward von den Vorstellungen unendlich zauberisch ergriffen. Der Lehrer
sagte: Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger Liebe knüpfen, dann
bediene dich dieser Erfindung. Der Jüngling loderte in Flammen, und
verwahrte dieses Wort treu.
Die Bühnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab
andere und in größerer Zahl. Das vorzüglichste hieß Shakespears Theater,
doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hatten
ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe für ihn, viel
Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem übrigen Europa,
hatten ihn nicht ganz aufgehoben, was auch in anderen großen Provinzen der
Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele
noch immer, jedoch übersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren
Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft,
Ausdruck, Bedeutung gewinnen ließ. Die Theaterkunst trieb es so weit als in
Paris. Führte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches,
sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein großes
Wasserbecken gehörte zu dieser Bühne, die man bei solchen Gelegenheiten
unmerklich an seine Ufer rollte. Im Hamlet war der Geist ein Riese, dessen
Haupt weit über den Pallast emporragte, und den auch der Mond durchschien.
Bankos Gespenst in Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller Augen
in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen, gehandelt. Dies war immer die
Wirkung kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche Illusionen
hervorgebracht wurden.
Guido verlangte jedoch von den Ergötzungen weg, deren er schon so vielen
beigewohnt hatte, um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau
das Landheer den Hauptsitz hatte, waren Brittaniens Häfen, und vorzüglich
London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die
meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und
gefahrvolle Küsten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern
Mannschaften desto vollkommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Spätjahr,
mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewöhnlichen Stürmen, wo die
Hauptprüfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat
gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung welche
bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden, und dann wollte man zwischen
den Belten Seekämpfe halten.
Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren übrigens auch
Kriegshäfen, doch der obern Leitung der Admiralität zu London übergeben
worden.
Die Flotte gehörte wie das Landheer dem Föderalismus. Ihre junge Mannschaft
zog sie aus allen Küstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, wie sein
Unterricht, seine Entlassung oder Beförderung zu wichtigeren Stellen,
wurden nach Grundsätzen verfügt, die jenen beim Landheere ähnlich waren.
Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgerüstet,
wohlgenährt, besaß sogar Schätze genug, um einen langen Krieg aus ihren
Mitteln führen zu können. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im
Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralität, für
Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit
durch ganz Europa machte ihn noch weit einträglicher.
Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der auszulaufenden Fahrzeuge, sagte
ihm, wie er sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet habe, dennoch aber
einer Seeübung als Freiwilliger beizuwohnen wünsche. Die Erlaubniß wurde
auf seine Bitte zugestanden, nachdem er vorher bedeutende Proben seiner
Geschicklichkeit im Schwimmen, Fechten und Schießen nach dem Ziel, abgelegt
hatte.
Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere Art geführt als Ehedem. Man
zählte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, suchte
brennende Stoffe auf die feindlichen Galleonen zu werfen und Masten oder
Segelwerk zu zerstören. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf
geübt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es
gab Schützen, welche dicht bepanzert an Strängen hingen. An den Masten
wurden sie staffelförmig zur Höhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel
zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr
zurückgesenkt, dort laden zu können. Einem feindlichen Schiffe nahe, mußten
sie auf einer Fallbrücke hinüber und mit dem Schwert wüthen, blieben
demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um sie im schlimmen Falle, eilig
wieder auf das eigene Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, noch
kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie bedienten sich immer der
glühenden Kugeln, denen zweckmäßig ersonnene Oefen, in einem Augenblick die
nöthige Hitze gaben. Auch lange Schwerter wurden in Bögen von oben nach
unten, und von einer Seite zur andern, aus dazu geeigneten trogartigen
Mörsern geworfen, Tauwerk und Segel zu verwüsten. Es gab Schiffchemiker,
welche die Brandmaterien anfertigten, womit man noch wirksamer als selbst
durch die glühenden Bälle zu zerstören strebte, und auch wieder Stoffe,
welche den verderblichen Lauf derer, welche der Feind sandte, hemmen
konnten, alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit noch nicht
ahnte. Es gab Seemechaniker, die bewunderswürdige Maschinen lenkten. Dahin
gehörten die schnellen Ruderwerke, welche bei Windstillen dienten; die
künstlichen Steuer, geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit zu
drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte man dennoch als den wichtigeren
betrachten. In den schon beschriebenen Taucherhütten galt da der schlaue
grimmige Kampf. Unter den Bauch der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst
fürchterlicher Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch fürchterlichere Petarden
anzuschrauben, deren Pulver auch im Wasser seine Kraft übte. Wer hätte
nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstörungsmitteln müßte es in wenigen
Minuten um ganze Flotten geschehen sein, dennoch begründeten die
Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Kräfte, und zeigte der Feind
dieselbe Kunst, hing die Entscheidung oft an Zufälligkeiten. Die
Befehlhaber gestanden auch, wie die Flotten von Afrika oder Amerika, eben
so wohlgerüstet und mit kunsterfahrnen Kriegern bemannet wären, daß also
hier von keinem überwiegenden Vorzug die Rede sei, und derjenige ein
wichtiges Verdienst um den Meerkrieg erwerben könne, der etwas aufzufinden
im Stande sei, das, den Fremden unbekannt, in der nächsten Fehde den
gewissen Ausschlag gäbe.
Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und ließ sie
aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu lösen sein? fragte er sich. Und
warum nicht? Strebt doch alles höherer Vollkommenheit entgegen. Er sann
weiter über diesen Vorwurf nach.
Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied
genommen, der in London zurückblieb. Bei einem wüthenden Orkan stach man um
Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen.
Gegen den Wind kämpften die Ruderwerke, die Klippen und Sandbänke, nach
welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie
des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach
wenig Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen bei einem dunkeln Nebel
auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann.
Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, stieg dann wieder in sein
Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er
wollte von Allem genaue Kunde zurückbringen, Jedermann sah sich befremdet
durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer.
Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei,
schnitten der diesseitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt,
und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es
nicht, den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen. Man wandte alle
Mittel an, den Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder alle Vorkehrungen
trafen, es zu hindern; denn sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte
Bewegung ausgeführt zu haben.
Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere,
gehaltenen Uebungen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die empörten
Fluten, wo ihn weder das eigne fertige Schwimmen, noch die Hülfe der
Kameraden zu retten vermochte; doch die Röhre lud man nicht.
Allein auf dem bedrängten Schiffe -- Guido befand sich eben hier -- kam ein
Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, daß er
ihre Segel und Ruderwerke zerstörte. Strafwürdig füllte er also sein
Geschoß ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, daß ein
Fahrzeug drüben bald außer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen
willkührlich zu lenken.
Dies Verfahren machte aber, daß die andern wütheten, und Gleiches mit
Gleichem bezahlten. Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern Einhalt
geschehen konnte, warfen sie glühende Bälle ab. Das bedrängte Schiff hatte
ein doppelt überlegenes Feuer zu leiden, und mußte sich nun auch ernst
vertheidigen, oder untergehn. Das Erste geschah mit zügelloser Hitze, die
jedoch nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge hatte, daß viele Soldaten
an beiden Theilen todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemüther, ergrimmt
setzte man den Kampf fort. Die Offiziere fielen sämmtlich. Guido, dessen
kriegerisches Feuer im rasenden Getümmel hoch aufflammte, lenkte den
Streit, ertheilte so guten Rath, daß man sich willig unter seinen
Oberbefehl stellte. Er drang geschickt auf das eine Fahrzeug ein, ließ im
gültigen Augenblick die Fallbrücke werfen, stürzte sich mit der Hälfte
seiner Leute auf das feindliche Verdeck, wo man sich dieser Kühnheit
dennoch nicht versah, und sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem
andern Schiffe, wo es eben so gelang, und führte die eroberten Schiffe im
Triumphe dem Admiral zu. Dieser zürnte, wie billig, verordnete Strenge
gegen die frevelhaften Urheber des blutigen Unfugs, wunderte sich aber
hoch, daß der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen habe gewinnen, und
ihm mit so vieler Sachkunde und Geistesgegenwart habe entsprechen können.
Er begriff auch gar wohl, wie ohne die schnell beherzte Entscheidung, noch
mehr Leben würde gefallen sein. Guido wurde mit Lob überhäuft, und auf
allen Fahrzeugen rühmte das eilig umlaufende Gerücht, den kühnen, weisen
Jüngling. Er bewährte sein Genie auch noch höher, indem er in der That die
Erfindung machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt blieb, ein
entschieden Uebergewicht im Kampf begründete, und die lange vergeblich
gewünscht worden war. Sie bestand in einer einfachen, doch höchst wirksamen
und wohlberechneten mechanischen Vorrichtung, mittelst der man, ohne es
selbst zu verlieren, einem feindlichen Schiffe das Gleichgewicht rauben,
und es rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimniß vertraute er seine
Theorie dem staunenden Admiral. Dieser fand sie so wichtig, daß er sogleich
die weiteren Uebungen aufhob, um nach London zurückzusegeln.
Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschuß der
oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden entworfenen
Maschine zu halten. Sie betrogen die hohe Erwartung nicht; die Admiralität
ertheilte ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm bekannt: daß dem Strategion
und dem Kaiser eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst um den
Seekrieg würde zugesandt werden. Bescheiden zog sich der Jüngling zurück,
und drang in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen trug er
nicht, sondern übermachte es Ini, mit der Bitte, es mit jenem
aufzubewahren. -- Diese hatte sich aber damals schon von Sizilien entfernt.
Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente
mit traurigen Bezeichnungen, und überschrieben: »Denkmal beweinter
Irthümer.« Gelino gab ihm hierüber folgende Auskunft: Spanien hatte vor
mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes
eingenommen. Freundlich durch die Natur begünstigt, sah man zahlreiche,
kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner üppigen, reitzenden Gefilde pflegen,
in den weiten blühenden Städten wohnten Thätigkeit und Ueberfluß. Doch ein
Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend
in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum der Verfinsterung, trat mit
widrigen Maaßregeln seiner Regenten in Bund, und entvölkerte nach und nach
den gesegneten Erdstrich bis auf ein Drittheil der alten Menschensumme. Der
Zufall ließ Spanien die ersten Vortheile von Amerikas Entdeckung ziehn,
weite reiche Landschaften eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen,
wie sie zuvor keinem Staate gehörten, wurden sein Eigenthum. Doch dieser
Umstand brachte, statt wiedererwachten Flor, nur tiefere Verarmung zuwege;
denn Spanien ergab sich dem Müßiggang, das Gold wich in die Fremde, man
sank in Schulden. Zuletzt schwelgten nur noch wenige Großen und die
Priester, die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten
Aberglaubens, die Regierung, trotz der meerumflossenen und durch die Mauer
der Pirenäenkette gesicherten Lage von Spanien, konnte sich nicht mehr
vertheidigen. Die späterhin geistesentwölkten Nachkommen, blickten nun mit
Wehmuth in eine Vergangenheit zurück, die so viel Säumniß, das Gute zu
erkennen, zu beklagen darbot. Sie meinten, wenn man der Kraft und Weisheit
billig Denkmale stelle, gebühre solches auch wohl zerrüttenden Irthümern,
damit die schaudernden Enkel laut gemahnt würden, auf edlem Pfad zu
wandeln.