Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, und einen Miethpallast,

wie es deren für sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit

bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an.

Er war aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte ein stark übergoldet

Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche,

glänzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach

der äußeren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wände mit dem

köstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere mit staunenerregenden

Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal hier,

den die Standbilder der neun altgriechischen Musen, zu Athen gefertigt,

schmückten, und zum Personal des Pallastes gehörte zugleich das treffliche

Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hören ließ. Eben so ein

kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine große

Bibliothek, der einige Gelehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit

Silbergeschirren erfüllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das

Bad war den altrömischen ähnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber

anlegten. In der Küche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf

eine große Zahl von Gästen, doch viel schmackhafter noch als bei jenem

waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die

Küchenchemie eine eigne weitläuftige Wissenschaft galt, über die

Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde gehört, lasen. Noch fand man im

Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit

Adlern, und mehrere schöne Gondeln, denn ein kleiner Kanalarm führte von

dort nach dem Strome. Auch ein schönes Landhaus mit weitläuftigen Gärten

gehörte noch zu diesem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine

Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten angemessen war.

Guido fragte: Wie ist es möglich, Unternehmungen der Art zu wagen?

Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zuströmen der

Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es

wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, was die Fremden ferner

anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebäude der Art, und selten stehen sie

leer, weil es vermögende Wanderer genug giebt. In den vergangenen

Jahrhunderten wären Erscheinungen der Art unmöglich gewesen, weil man da

weder Freiheit, noch Thätigkeit, noch Kenntniß genug, über den beweglichen

Umlauf der Reichthümer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse während ihrem

schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhört viel

Armuth. Jetzt sieht man Jene in großer Zahl und diese ist meistens

verschwunden. Große Entwürfe im Handel oder anderer Art, klug und glücklich

ausgeführt, bereichern um so leichter, da sie auf den allgemeinen Wohlstand

berechnet sind. Damit aber dennoch, nicht wenige Familien zuletzt so viel

wuchernd an sich reißen können, daß andere von ihnen abhängig sind, ist die

überaus weise Erbschaftsteuer eingeführt worden, die den Zweck vor Augen

hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thätigkeit vollkommen genießen zu

lassen, dagegen aber die Unthätigkeit der Erben, die von der Arbeit des

Todten müßig schwelgen möchten, nach Möglichkeit abzuschneiden. Je

vermögender, je höher die Steuer vom Nachlaß, und sie steigt auch nach

Maaßgabe der näheren oder weitläuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat

zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den

Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, und insofern

sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen,

Künsten und Wissenschaften lohnen, dadurch empfängt das alles höheres

Leben.

Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido?

Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf

mannichfache Weise angelegt, so daß sie den niederen Ständen wieder

zuströmen. Man gräbt Kanäle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit

nützlichen Erfindungen, wozu, wie du weißt, auch andere Summen vorhanden

sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Bürger können Anleihen

nachsuchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, des, die Dinge

und den Kunstfleiß darstellenden, Metalles, Endzweck. Hätte die Vorzeit die

Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen können, traun, sie würde um einige

Jahrhunderte früher geeilt haben, den Thron der Vernunft zu erhöhn, und in

einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung ähnlich

wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht ging das aber auch

nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schönerer Reife entgegen

führte. Wie langer, vorbereitender Aufklärung, bedurfte es unter andern zu

dem großen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu

bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten Kampfe der Politik,

und hätte ihm vorausgehen können, wodurch der Christenstaat ohne jene

schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu gründen gewesen

wäre. Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller aus dem

achtzehnten Jahrhundert, in deren Köpfen bereits so viel Licht anbrach,

kann man nicht genug über die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen

staunen, welche es nicht nützen wollten, das Heil, die Bestimmung der

Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Böses unterscheiden zu

lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu

allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mußte der große Mann erst begraben

sein, ehe das Recht seiner Aussprüche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen

noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß

zuweilen genöthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen.

O schöner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O daß ich der Menschheit

irgend eine Wohlthat ersinnen könnte, daß die Nachwelt mein Andenken

segnete!

Der Friede mit anderen Welttheilen wäre solch eine Wohlthat, antwortete

Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht

überall so glücklich bekämpft als in Europa, und auch hier, wir wollen

nicht prahlen, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wünschen

wäre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere

der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie

und da einen Fürstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem

Ansehn, entscheidenden Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht

mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern hervorruft. Man muß auf seine

Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen?

Hier fühlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge

eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntniß

des Menschen scheint mir nicht unmöglich, aber den Frieden aller Völker zu

knüpfen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser wäre, was ich

da thun wollte. Da muß das Schicksal selbst freundlich zutreten.

Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die

Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. --

Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knüpften

Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Künstler, Gelehrte, wurden

zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Gärten geladen, und baten

sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel

Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen

Jünglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine

Schönheit. Die Damen waren ganz entzückt, sie schwuren, nie eine so

vollkommene männliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler,

Kupferstecher und andere Künstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er

ausging, sah er beschämt überall Gemälde, Gipsabdrücke, Statuen von sich.

Auch Denkmünzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen,

viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte

Zuschriften voller Witz, und übte wieder den eignen Witz, indem er die

zärtlichen Anträge so ablehnte, daß sich die Schönen dennoch bezaubert

fühlten. Dadurch entstand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame

veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft witzigen Billets,

die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewiß.

Kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte Guido von einem sonderbaren

Rechtshandel. Er hatte sich schon über die Menge von Diamanten gewundert,

welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren

so damit bedeckt, daß man auf Spatziergängen nicht nach der Seite blicken

konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmädchen in seinem

Pallaste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie

möchten unächt sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man

benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhändler vorhanden, der die

edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei ein unerhört

angefülltes Waarenlager hielt, und so auch den Pöbel in Stand setzte, den

gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann,

verschmähten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne

Juwelenschimmer zeigen, hieß glänzen.

Die andern Kleinodienverkäufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten

ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand,

wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen könne. Neue Prüfungen über

die Güte seiner Steine folgten, sie schlugen abermal zu seinem Vortheil

aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er

antwortete: Dies habe er, zufolge der Handelgesetze, nicht nöthig zu

erklären. Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes Handelshaus zu nennen,

mit dem er Geschäfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeiführe.

Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine würden nicht von

Auswärts gezogen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich

sind sie, trotz allen Proben, unächt.

Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure

andere Behauptung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet keinen andern

Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kämen. Ich

betrog nicht, verkaufte ächte Diamanten, dem Käufer kann es gleich sein, ob

die Natur, ob ich sie hervorbringe.

Bei näherer Untersuchung fand sich, daß der Mann, den lange schon in der

Chemie genannten Bestandtheil, _reinen_ Kohlenstoff, so zu verdichten

gewußt hatte, daß der wirkliche Diamant erzeugt wurde.

Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die große Zerrüttung des Werthes der

Edelsteine, welche der glückliche Erfinder veranlaßte, machte ihm Bedenken.

Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: Dem Manne dürfe keine Strafe

anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt

werden. Möchten die Weiber gern schimmern, so wäre ihnen die Gelegenheit

aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der

wohlfeile Schimmer nicht, zeigten sie noch größere Thorheit als zuvor. Der

Mann könne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht

mehr auf Pflege der wahren Schönheit hielt, mehr dem Manne durch weibliche

Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, hätte das

Gemeinwohl dem Künstler innig zu danken. Verlören übrigens manche

Juwelenhändler, sei das zufällig, und das Gesetz könne ihres einzelnen

Vortheils halber, keine irrige Grundsätze aufstellen. Dabei blieb es nun.

In der That, rief Guido, als er bald darauf einige mit Edelsteinen

überladene Frauenzimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so

köstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach.

So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen nicht frei, fiel der Lehrer

ein. Doch möchte nur alles Schöne so gemein werden, daß man keine

Auszeichnung darin fände, desto besser stände es um die Menschheit. Zum

Glück ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt

staunend gepriesen hätte, blikten wir oft als gleichgültige Alltäglichkeit

an. Wohl uns! --

Sie begaben sich eines Tages nach der großen Oper. Das Haus war ungemein

mit Zuschauern gefüllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich

ein gefülltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter

sich. Gelino lächelte. Wisse, sprach er daß der Vorhang ein Spiegel ist,

der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz

der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stück an, wird ihn eine Maschine empor

winden.

Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Bühne. Man

sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil der

Theatererhellung, die dem Tage vollkommen glich, waren sie sämmtlich

erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang niederschwebte,

wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzündet.

Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine

Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmöglich gemalt sein

konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklärte ihm, wie dies

Opernhaus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der

Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis

über die Häuser der Stadt höbe, daß, nach weggenommener Hinterwand, man das

wirkliche Feld der Gegend erblickte.

Also schweben wir jetzt in solcher Höhe? fragte Guido.

»Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, daß Niemand sie merkte.

Hat schon ein altrömischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend

Zuschauer gedreht, wird die Mechanik unserer Zeiten es doch wohl erheben

können.«

Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden?

»Fürchte nichts. Die Polizei läßt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk

durch Sachverständige prüfen.«

Im zweiten Akt zeigte sich die Hölle. Ungeheure, weite, brennende Klüfte

und Abgründe, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. Die Fernsten

erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch

ein Sehrohr überzeugte. Wie ist dies möglich? fragte er abermal.

Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit großen Kosten ein tiefes

Souterrain aushöhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Höhe des

Montmartre liegt. Will man nun weite Gebäude, oder Klüfte und Abgründe

darstellen, wird das Haus durch jene Schraubenwerke in die Tiefe gesenkt,

wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden

uns jetzt unter der Erdfläche, die letzten Gestalten sind einige Tausend

Schuh von uns entfernt.

Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige Farben, ungemein zarte

Umrisse aller Gegenstände wirkten mit bezaubernder Schönheit. Ein anderer

Mond, andere Sterne mit einer tiefrührenden Idealität gezeichnet, blinkten

daher, was aber Guido am meisten in Verwunderung setzte, war, daß ihre

Strahlen durch Euridizens und der anderen Schatten Körper leuchteten. Und

doch war Euridize die nämliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch

bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer

unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen,

in einem Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein

sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. Daher muß das Licht diese

Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr

Schatten. Daß auch die Blumen, Gebüsche, Hügel, so zarte Umrisse, so

seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine große Platte von grünem doch

klaren Glas, welche davor hängt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der

Bühne, ohne daß wir sie wahrnehmen.

Musik, Gesang, Tänze waren den übrigen Vorwürfen an Vollkommenheit ähnlich,

und mit hohem Entzücken verließ Guido dies Schauspiel, sich lange noch

Orpheus, und Ini Euridize träumend.

Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen

Stücke eine Thatsache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung

wagend. Eine junge Monarchin, schön, liebenswürdig, geistvoll, ist mit

einem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzüge mangeln. Er kömmt eben zur

Regierung, belegt aber durch seine ersten Schritte, dem großen Amte

durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche

dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden müsse, die Kraft ihres Genius regt

sich kühn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust.

Doch vermag sie nichts über den Gemahl, der sie nicht versteht, ihren

schönen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerrüttung

drohen dem Reich, die Monarchin fühlt, sie könne ihm eine gedeihenvolle

Zeit blühen lassen.

Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, beglücke!

Sie schaudert. Sie kann nur über den Leichnam des Gemahls jenen Stufen

nahn. Es ist ein Unwürdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefühl empört

der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz

trägt solche Vorstellung nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr entfliehn.

Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit

deiner Tugend zu schmücken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die

höchste deiner Tugenden, allen übrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es

nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner

Geistesgröße es verlangen, dann erniedrigt dein Säumen dich zur Frevlerin.

Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich

schwerer, da du ihn in Seegen hättest umwandeln können.

Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. Eine kühne Missethat --

und dann ein schönes Leben, dem Ruhm, gottähnlich über ein geliebtes Volk

zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend -- und nichts als der Anblick

eines elenden geliebten Volkes. Hier steht sie -- weint, ruft sich selbst

um Kraft an, mahnt ihren Genius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu

werfen -- und -- stört endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will.

Nun empfängt sie das Scepter, und hält den Hoffnungen des Ruhmes Wort.

Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige

Versammlung, sonst gewohnt, sich über alles Schöne oder Unedle ganz

bestimmt zu äußern, die der Kunstwerke Vorzüge, nach dem richtigsten Takt

mit Beifall lohnte, und ihre Mängel eben so durch Tadel strafte, wußte --

unerhört in den Annalen dieser Bühne -- heute sich nicht zu entscheiden.

Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den

folgenden, immer gedrängt besuchten Vorstellungen.

Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn.

Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte,

regellose Sachen aufführte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an,

genannt:

Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren.

Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen

konnte.

Als der Vorhang weggenommen war, wollten die Zuschauer fast vor Lachen

sticken, über die närrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie

war es möglich, riefen viele, daß sich die Menschen jemals so unbequem,

geschmackwidrig und lächerlich umhüllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade

aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher ähnlich, oder gar ein

Dreieck mit abentheuerlichen Stülpen! Wie vielerlei Lappen hängen an den

Männern, der natürlichen Form ganz zuwider, mit häßlichen Ecken, und

dennoch übel gegen die Witterung schirmend. Wie muß dies vielfache

Einschnüren die Körper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und

Gesundheit entzogen haben! Und so unanständig, pfui, so unanständig!

Fürwahr diese Urväter mußten grobe Narren sein!

Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen dargestellt, wo denn aber das

Gelächter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit,

wo unverschämte Priester ganz widersinnige, unnatürliche, die Gottheit

herabwürdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend,

immer noch als Wahrheiten lehren wollten, und das thörichte Volk

gauklerisch betrogen. Man sahe Fürstenhöfe, wo eine widrige Erziehung das

Oberhaupt ärmer an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am Fuß der

Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben

war, und blödsichtige engherzige Höflinge ihm eitel Lügen sagten, wo das

wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb.

Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten ab, wo ein europäisches

Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mußte

jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren

Faustrechtes, zwischen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das

neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu

wechseln, durch Bücher voll Unsinn Irthümer auszubreiten, durch falsche

Finanzoperationen ganze Länder verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit

der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideentausch zu erschweren, überströmte

eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich

alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino

erläuterte aber der Versammlung, daß doch auch nicht jeder damals die

Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwürdige Namen von Männern, die sich

ein großes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben hätten, und

schloß: es sei für die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle

Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthätiger zu

begreifen. --

Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwürdigkeiten, welche

aufzuzählen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der

Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten Anstalten zu Paris

besuchten, und wohin sich jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen

drängte.

Die Veranlassung war diese:

Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Bürger in

Paris mehrere todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange

mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen,

wohin, wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen, deren Vernunft sie

nicht von der Schönheit eines gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die

Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich

rein gegen jenen Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und

verbat die Verunehrung.

Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert

war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und

Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen

verwirkt, und hatte er das furchtbare, gräßliche Schauspiel unerhörter

Frevel geben können, war das Beispiel einer eben solchen öffentlichen

Ahndung gerecht. Zuletzt entschied man denn für seinen Tod, doch über die

Art desselben konnte man sich nicht einigen.

Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Laßt ihn durch seinen Tod

nützen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung bereichern.

Wir entdeckten eine geistige Flüssigkeit, viel vervollkommnet gegen die,

welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische Organe dauernd

aufzubewahren. Sie erhält einen Körper genau in dem Zustande, worin er ihr

übergeben wird. Ich rathe, wir füllen ein weites Gefäß mit diesem Fluidum.

Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertränkt. Dann soll aber das

Gefäß verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberührt bleiben. Nach

Verlauf dieser Zeit aber soll man den Körper wieder herausnehmen, und die

gewöhnlichen Mittel, welche im Wasser Verunglückte oft ins Leben rufen,

anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemühn, denn

die Lebenskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in ihrer

Vollkommenheit erhalten worden, weil der Reitz des geistigen Feuers in

unsrer Flüssigkeit, der Auflösung Widerstand leistet. Irre ich nicht, so

wird es merkwürdig sein, einen Mann zu sehen, der funfzig Jahre lang

schlief, er wird manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber

vergaßen. Künftig könnte man sogar Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und

gewiß mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem Weiterstreben der

Menschheit, manches Gute unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit

heilsam werden kann.

Der Arzt sah sich häufig bestritten, man lachte sogar über ihn. Endlich

aber erklärte ein Geschichtforscher: er habe in einem alten Buche gefunden,

daß einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten

Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, die im

Weinfasse nach Nordamerika gekommen wären, und zehn Jahre lang im Keller

gestanden hätten, wieder lebendig gemacht habe.

Was wollt ihr nun? fragte der Arzt.

Fliegen und Menschen! spöttelten seine Gegner.

Nun, es kömmt auf den Versuch an, hieß es endlich, und man beschloß, den

Rath zu vollziehn, was auch geschah.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 11 / 16 段