verführerische Klangworte sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten der
Lira verminderte, wie Gregor VII. bei dem Tempelchor auf größere Einfalt
drang, ließ sich jetzt eine Censur die Tanzstücke vorzeigen, und strich
manche Notenphrase. Bei den maskirten Bällen sah sie indessen hie und da
nach, vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen Jüngling,
die alte Strenge gegen leidenschaftliche Aufwallung, beinahe zu Grunde.
Guido knüpfte, mit seiner Tänzerin im Nebenzimmer ruhend, warme
Unterredungen an. Sie war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer mit
Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle Empfindung verkündete sich in
ihren Worten. Guido sagte ihr, seiner nicht länger mächtig: Ich liebe ein
Mädchen daheim, ach mehr wie das Göttliche in der Natur, nimmer wankte mein
Herz -- als vor deinem Anblick!
Die Verschleierte gab zu Antwort: Der Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt
mit hoher Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, als den neuen seligen
Taumel würzen!
Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang deiner Stimme! Dein Auge
strahlt helle Glorien durch den Schleier. O warum darf ich es, warum die
Blüthe der Wangen nicht sehn?
Hier nicht, entgegnete die Schönheit, doch folge nach meiner Wohnung.
Sie stand auf, eine ganz verhüllte, ältliche, weibliche Maske, trat hinzu,
begleitete Jene.
Guido zauderte lange. Ein drängender Zug, den Himmel weissagend, gebot ihm
ihr nachzueilen, eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurück. Doch eine
weiche Hand, die die seinige ergriff, und mit ätherischer Wärme
durchglühte, ließ keine Wahl mehr.
Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die Masken stiegen in denselben. Guido
nahm rückwärts seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz von süßen
Erwartungen bebend, die Gewissensregungen niederkämpfend, saß der
Liebeglühende da, zur Rede kaum ermannt.
Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf ein Zeichen öffnete. Holde
Blumendüfte athmeten den Eintretenden entgegen. Der röthlich aufgehende
Mond schien durch die blühenden Orangenbäume, die holde Maske führte Guido
nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor einem hohlgeschliffenen
großen Amathist brannte. Diese magische Helle verklärte alle Gegenstände
umher. Köstliche Teppiche waren im Zimmer ausgebreitet, das Ruhebett im
Hintergrunde umfloß eine künstliche Wolke, aus dem Rauche süß betäubender
arabischen Spezereien. Die Maske führte Guido hinein, alle Fibern und
Nerven erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, laß mich dein Antlitz
schauen! -- »Nicht ehe, bis du mir, ein Abtrünniger deiner vorigen
Erwählten, ewige Liebe schwörst.«
Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung nahm jedoch zu.
Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese Nacht, deine Io umarmt dich in
dem Zaubergewölk.
Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte sich öffnen, doch seine Hand
hatte Inis Bild am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm Ermannung
durch die Seele. Er riß das Gemälde hervor, warf einen Blick darauf, hohe
Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurück. Nein, Verführerin, rief er, Treue
ist schöner als Wollust! Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht!
Er eilte aus der Grotte, stark, kräftig in wiedergekehrter Tugend. Es
schien ihm, als ob himmelsüße Stimmen ihn zurück riefen, er widerstand.
Am Gartenthor angekommen, fand er es verschlossen, was ihn peinigend
ängstete. Er wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister zu sein der
gefährlichen Leidenschaft, in Gelinos Armen Schutz dagegen suchen, wenn die
eigne Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war heftig, doch gerecht. Er
wußte auch, der wahre Muth könne sich der Verführung nur entwinden, und
sein feiges Beben durchflammte Heldengefühl.
Umsonst bemüht das Thor zu öffnen, weilte er mit Einemmale starr und
unbeweglich. Eine Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden Zaubertönen
redend, edler, siegender, wie alle die er in Wien gehört hatte, doch schon
einst von ihm gehört, löste sie göttlich seine innere Welt. Erinnernd, die
seligsten Bilder der Vorzeit im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die Saiten
einer Zephirharmonika strömten sie nieder, dort in Sizilien hatte sie ihn
einst zu einem verklärteren Dasein emporgetragen. Was hieß das? Was sollte
Guido denken?
Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, nach der Seite des Klanges
horchend. Süß lispelten die Zweige der blüthenduftenden Linde, im stärker
wehenden, warmen Abendwind. Höher schwebte der klare Mond, heller gossen
sich seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido sah etwas über diesen
Wipfeln, sanftleuchtend und rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad
dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand,
führte ihn durch eine dunkle Krümmung, wo er aus den Blick verlor, was er
eben gesehen hatte, doch immer noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte
die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt vor einem freien mondbeglänzten
Hügel, und völlig sichtbar in der ereilten Nähe, winkte das hohe
Instrument, dem ähnlich, das Guido auf dem heimathlichen Eiland entzückte.
Die Hebe rührte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, ach! wie einst Ini
im Abendschein. Guido sank aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und selige
Wonne zugleich im Busen. Des Mädchens weißer Arm zog den Schleier vom
Antlitz -- o Himmel! -- Geliebte! Mehr vermochte der Jüngling nicht zu
sagen.
Ini trat näher, erhob ihn lächelnd. Prüfen wollt' ich deine Liebe, sprach
sie, Athania war Zeugin von Allem. -- Die schwarze Maske enthüllte auch ihr
Gesicht.
O ich bin ein Unwürdiger, verdiene den Tod! rief Guido mit zerrissenem
Gemüth.
Richte, Athania! sprach Ini wieder.
Die Erzieherin fing an: Männlich hast du der scheinbaren Verführung
widerstanden. Deine Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich die Liebe
anklagen.
O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in nie geahnten himmelvollen
Entzückungen verwirrt mir die Seele. Laß mich Besonnenheit sammeln, damit
ich mein Herz fragen könne, ob Schuld seine Reinheit trübt? Dann -- o dann
will ich entfliehn, mich ewig zu verbergen!
Frage, entgegnete hold das Mädchen.
Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; dann hob er das Auge langsam
empor, doch freier, klarer.
Freudig erröthend rief Ini: So blickt nur die Unschuld auf. Du bist rein!
Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt mich einen Augenblick mir selbst
raubte, so konnte es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich nicht
anzuklagen, sie gebietet meinem Leben.
Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glückliche Freundin!
Wenn meine alten Bedingungen erfüllt sind, ist er meiner werth; und ich
seiner, wenn ich selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt habe, war
Inis Antwort.
Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein erleuchtet Gemach zu bringen. Er
folgte, immer noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika beschieden,
sagte sie auf dem Wege, ohne zu wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst
nach Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, ich beschloß, dich
hier zu sehn, zu prüfen, miethete den Garten. Doch nur eine Stunde kann ich
noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen auf und fliege zur Heimath.
Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige Bestürzung über des Mädchens
vollkommenere Schönheit in Guidos strahlendem Blick, aber auch das nämliche
süße Staunen in Inis glühendem Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein Guido
während seiner Entfernung gethan, die innere Schönheit auszubilden, der
letzte Sieg göttlicher Tugend machte dich verwandter noch mit meinem Ideal,
der unverkennbare Zug des edlen Triumphgefühls ist dir auf ewig eingeprägt.
»O Ini -- ich weiß mich nicht anzuklagen, und dennoch -- ich hätte nicht
folgen sollen --«
Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein Sieg.
Guido ließ nun seinem Entzücken über Inis neue hinreißende Anmuth freien
Lauf.
Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im Stillen sinnen, wo der Mann in die
Ferne schweift, handelt, wirkt. Doch über sein Handeln und Wirken sinnt
eben einsame Liebe ungestört, und frägt das ruhige Gefühl nach dem Rechten,
Guten, Wahren. Ich, die Malerin, ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefühl
weissagte ihre Lösung. Der Geist deiner Liebe mußte ferner walten, und
redlich hat er gewaltet. Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht
lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die Zeit vor dir, die Kraft in dir,
werden mächtig fortgestalten. Nur vergiß nicht, daß du Gemüth und Geist in
immer vollkommeneren Einklang bringen mußt, den Preis der höchsten
Schönheit davon zu tragen. Noch gab' dein Gemüth oft zu vielen Ausschlag.
Dieser Durst nach Heldenruhm, um den ich dich einst anklagte, wenn er
gleich dem Manne ziemt, muß sich der Betrachtung über die schönere
Eintracht der Menschheit unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht,
müssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht es gebeut, mußt du
entsagen können, auch wirklich entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann wird
erst das Göttliche in Herrlichkeit den inneren Menschen durchstrahlen, und
von vollendeter Bildung die verklärte Gestalt zeugen. Roher Sinnenwahn,
niedere Leidenschaft gebieten nicht mehr in dir, durch den letzten Kampf
hast du dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere Kraft wohnt auf
der weit vorgedrungenen Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und da
ein Mißverhältniß erzog, ist viel ausgeglichen. Viel -- nicht vollkommen.
Noch Uebung im edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch ein großer
Triumph über selbstsüchtig Begehren, und ich hoffe, du stehst am Ziel.
Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner Unterhaltung. Sie floh wie ein
Augenblick. Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini zurück. Sie erhob
sich im mondbeleuchteten ätherischen Wagen, flog unter den Sternen hin,
einem Seraph ähnlich, in der Glorie aus Lunens Strahl gewunden, und schwand
dann in blauer dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich.
Guido empfand die Nacht und den folgenden Tag hindurch, nur den Nachklang
der seligen Erscheinung, alles um sich vergessend; dann ermannte er sich,
und drang wieder, um den schönen Preis kämpfend, ins Leben. --
Die Reise ging nun nach Frankreich. Es würde zu viele Zeit geraubt haben,
noch länger in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel Sehenswerthes
übrig blieb, das sie in München, Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. hätten
betrachten können, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente alter
trefflicher Fürsten, Volkfreuden. Doch sie mußten es, nach dem einmal
gewählten Plan, bei den größten Städten bewenden lassen.
Unfreundliche Herbstwitterung störte die Reise in etwas. Wenn sich der
Luftwagen vom Posthause aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte,
hatten die Adler Mühe, gegen die Stürme anzukämpfen. Außerdem hielt man
sich jedoch in der höheren Region, wo kein Wind mehr sauste, und die
angespannten Thiere konnten bequem ihren Pfad verfolgen. Gegen die Kälte
schirmten artige Oefen von dünnem Blech, mit Papier geheitzt, und
Pelzhüllen von Schwanenfell.
Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen Lothringens, freute sie der
laute Winzerjubel der unter ihnen tönte, eben so die überall noch dichter
als in Germanien angebaute Landschaft. Ohne Unfälle erlebt zu haben,
erblickten sie bald das weitläuftige Paris, dessen Vorstädte jetzt mit
Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. zusammenhingen.
Guido wunderte sich über eine dünne spitze Säule von niegesehener Höhe, die
eine seltsame Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon zu
denken hätte? Dieser erklärte ihm, wie die Pariser schon lange damit
unzufrieden gewesen wären, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute Stadt so
unreinlich zu sehn. Die Erfindung hätte sich in mancherlei Mitteln gegen
diesen Uebelstand erschöpft. Es sei im Werke gewesen, die nahenden
Regenwolken jedesmal durch Kanonen von Luftbatterien zu zerstreuen und so
die Atmosphäre der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthümer der Gärten in
den Umgebungen, hätten sich über diese Maaßregeln mit Recht beklagt,
weshalb man sie einstellen müssen. Endlich aber sei ein Projektant
aufgetreten, mit dem riesenhaften Entwurf eines Regenschirms für die
eigentliche Stadt.
Die dünne Spitzsäule, fuhr er fort, ist es. Eine Gesellschaft Aktieninhaber
besorgte die Errichtung; eine kleine Abgabe aller Einwohner, für die
trockne Reinlichkeit willig gezollt, trägt den Zins und die fortlaufenden
Kosten. Die Säule steht genau in der Mitte von Paris. Zweitausend Schuh
hoch, besteht sie aus starkem Granit, auf einer hinlänglich festen
Grundlage. Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefügte Eichenstämme, um
welche Eisenringe laufen. Eine Wendeltreppe von Außen führt vom Fuß bis zur
Höhe.
Der ungeheure Schirm besteht aus einem von Hanffäden gewebten Tuch, mit
wasserdichtem Firniß überzogen. Wallfischrippen, durch Klammern verbunden,
spannen ihn bis zur Mitte, von da wird der gardinenartig aufgehobene Theil,
mittelst gewaltiger Taue, die nach allen Seiten in Abständen von Hundert
Klaftern, zur Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht. Die
Erhebung der Wallfischrippen vollzieht ein ungemein kunstreicher
Mechanismus.
Indem er noch sprach, umdunkelte sich der schon trübe Himmel noch mehr, die
Gewölke nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine Fahne wehte plötzlich vom
Gipfel der Piramide, das Zeichen für sämmtliche Arbeiter an ihr Werk zu
gehn. Nun währte es kaum zwei Minuten und das weite Gezelt breitete sich
über die Tempel und Häusermassen hin. Der Postillon trieb die Adler mächtig
an, um auch bald den Schutz zu genießen, und in kurzem befand man sich
unter der wohlthätigen Decke, auf welche der Platzregen mit dumpfhohlem
Getöse niederschlug. Guido bewunderte am meisten die Röhren des Umkreises,
die das abströmende Wasser auffingen, und in die verschiedenen, zu diesem
Zweck gegrabenen, Teichbassins leiteten, die wieder einen Abfluß in der
Seine fanden. Er betheuerte: unter allem Merkwürdigen, was er noch auf der
Wanderung gesehen, stände dieser Paraplu oben an. Es ist auch ein
Erdenwunder von Kunst, sagte Gelino.
Sie stiegen im Posthause ab, übergaben Trägern ihr Gepäck, und eilten zu
einem Wechsler, wo der Lehrer Summen, für ihren Aufenthalt nöthig, in
Empfang nehmen wollte. Unterwegs stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick
dar.
Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhört, daß das aufgeregte Mitleid keine
Gränzen kannte. Aus allen Häusern eilte man hervor, den Unglücklichen mit
Wohlthaten zu überhäufen, der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes
sah, daß er flehend bitten mußte, nur einzuhalten.
Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich trug, und fragte den Lehrer:
wie so eine, die Menschheit entwürdigende, Erscheinung möglich sei? Dieser
erkundigte sich näher, und erfuhr: der Mann wäre aus dem südlichen Amerika,
und durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen.
Guido schauderte bei der Nachricht von einem Schiffbruch. Sie waren jetzt
überaus selten, nur ein bedeutender Fehler des Piloten konnte es dazu
kommen lassen. Denn bei den genauen Karten vom Meergrunde, der schon seit
mehr als einem Jahrhundert entdeckten Berechnung der Länge, den herrlichen
Mitteln bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, konnte man beliebig
jeder Gefahr entfliehn, auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und der
Möglichkeit, fast überall vor Anker zu gehn, nicht einmal zu gedenken. Hier
hatte inzwischen ein Schiffer strafbare Nachlässigkeit verschuldet.
Das Betteln aber mußte darum männiglich so befremden, weil auch seit länger
als einem Jahrhunderte es in Europa unerhört war. Denn Staatsordnung,
Sitte, moralisches Gefühl hielten Jeden zur Thätigkeit an, und da Landbau
und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und viel erweitete Technik, so
leicht, so überflüssig die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so war es
auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie mochte bestehn worin sie wollte,
nur ein Spiel, seinen Antheil zu erwerben. Die erhöhte Bevölkerung, statt
diese Leichtigkeit zu stören; mußte sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach,
fördern, woran man, nur bei irriger Kenntniß der möglichen Fruchtbarkeit
des Erdbodens, zweifeln kann. Allein weise Anordnungen dachten auch auf
Krankheitfälle Unbemittelter, auf Verstümmelte, auf hohes entkräftetes
Alter. Um nun in solchen Fällen ein Recht auf Unterstützung zu begründen,
hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu
erlegen, oder vielmehr die Aeltern statt seiner. Zudem jede einzelne
Person, einen geringen monathlichen Beitrag. Die Summen wurden klüglich
bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natürlich hoch an, und konnten viel
bestreiten. Um aber die monathliche Erhebung der Beiträge minder
weitläuftig zu machen, hatte man sie in eine, durch ganz Europa gleichmäßig
aufgelegte, sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte sich Jemand aber in
Europa auch befinden, wo er wollte, seinen Aufenthalt ändern, so oft es ihm
gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt sein Recht. Die Summe des
allgemeinen Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil -- bei der
vervollkommneten Arithmetik, wovon schon die Rede war, höchst bequem
übersah -- mußte auch darum so größer werden, als Reiche oder Wohlhabende,
bei der Geburt eines Kindes nicht den gewohnten Satz, sondern mehr
beisteuerten.
Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er sich bei der nächsten
Sadtverwaltung. Diese untersuchte seinen Zustand genau. Einem gesunden
Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht, sondern er empfing die
Gelegenheit, durch diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den
Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm ihn ein Spital auf. Das Alter
von sechzig Jahren durfte auf eine angemessene Beihülfe zu der ihm noch
möglichen Arbeit zählen, über siebzig Jahr verpflegte man dagegen Greise
und Greisinnen ganz, was auch bei Krüppeln und dergleichen geschah. Bei dem
allen hielt ein zartes Ehrgefühl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder
in die Nothwendigkeit zu versetzen, die öffentliche Wohlthätigkeit in
Anspruch zu nehmen; wenn es irgend möglich schien, verheimlichten sie den
Mangel in den einer der ihrigen gesunken war, machten es auch zum
Gegenstand ihrer Religion, Kranke und Alte selbst zu pflegen.
Ueberlegt man hiebei, daß die meisten Ursachen, welche Armuth
hervorbringen, ja lange schon aus dem Wege geräumt waren, als
Kriegräubereien, unmäßige Auflagen, falsche Geldoperazionen der
Regierungen, Handelsverbindungen, in welchen ein Volk mit betrügerischer
Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner eigenen Kräfte auftritt,
gehässige Immoralität des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet, ehrlose
Trägheit und Unempfindlichkeit gegen Achtung, die nicht erwerben mögen,
auch Almosen spendende Klöster, den Müßiggang unterstützend; erwägt man
noch, daß das furchtbare Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert
hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie ein Reisender Europa
durchwandeln konnte, ohne jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei
wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklärt sich demnach so gut, als das
mitleidige Zudrängen der Pariser.
Es währte aber nicht lange, so erschien ein Polizeibeamter und fragte den
Armen zürnend: warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen sei? Die Antwort
hieß: Weil ich kein Europäer bin, folglich nicht zu euren
Wohlthätigkeitsanstalten beigetragen habe, durfte ich auch nicht mit Recht
auf ihre Milde bauen. Der Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen
viele Bürger anderer Erdtheile in Europa, und die Akzise gewinnt an ihrer
Zehrung. Wie unbillig würde es daher sein, wenn irgend Jemand darunter sich
arm ankündigte, ihm Hülfe zu versagen. Du hast uns durch Mangel an
Vertrauen beleidigt und ein öffentlich Aergerniß gegeben, dessen sich ohne
Zweifel der älteste Greis nicht mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte,
verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir dir eine Summe geben, mit
welcher du dein Vaterland wieder erreichen kannst. -- Wider diesen Spruch
galt keine Einrede, denn er enthielt den Geist der Gesetze.
Gelino und sein Zögling drängten sich mühevoll durch das Volkgewimmel der
Straßen, und um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage, der Regenschirm
Dunkel verbreitete. Doch eben da sie auf einem großen Markt angekommen
waren, hatte das Unwetter geendet und die Bedeckung wurde wieder eingelegt.
Man verrichtete dies schnell, und neu, überraschend, blendend war die
Wirkung des plötzlich niederscheinenden Sonnenlichts.
Sie langten im Hause des Wechslers an. Gelino übergab ein Schreiben; der
Mann war sehr höflich und rief einige Träger, welche schwere Goldsäcke auf
einen Wagen luden. Der Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, und
nahm dann mit seinem Zögling Platz auf dem Wagen.
Dieser hatte befremdet und nachdenkend zugesehn. Nun fragte er: Woher die
großen Summen, und wozu? Gelino antwortete: Wir behalfen uns bisher mit
geringen Kosten, doch in Paris und London wollen wir einigen Aufwand
machen, damit du auch mit dem Leben des Reichthumes vertraut wirst.
Da empfange ich nur eine Auskunft, rief Guido. Woher, frage ich abermal,
die großen Summen?
»Von dem nämlichen Wohlthäter, der dich bisher in den Stand setzte, die
Welt reisend zu betrachten.«
O dieser Wohlthäter muß reich, sehr reich sein. Mein leichter Sinn fragte
noch wenig darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser selbst, dem ich so
viele Zeichen der Milde verdanke?
»Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. Was er von dir hörte, besonders
von deinen Thaten im Heere, erwärmte sein Herz noch mehr für dich. Frage
nicht weiter, genieße, und vor allen Dingen, lerne, begreife, mache dich
der Güte ferner werth.«
Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O daß
ich keine Eltern kenne, und so süße Gefühle, wie die kindlichen, mir
versagt wurden! Erst bei den Fündlingen erzogen, hernach unter deiner
Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte ich tiefere
Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das
entzückende Schauspiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im
Stillen mein hartes Loos.
Gelino drückte ihm gerührt die Hand. Geduld mein Sohn, vielleicht findest
du einst deinen Vater.
Stürmische Ungeduld entbrannte in dem Jüngling. Von süßen Hoffnungen wogte
sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimniß seiner Geburt
aufzuklären, wenn er anders den Schlüssel dazu hätte, oder wenn er nichts
genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber
gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lösung seines Schicksals. Es
war Guido bekannt, daß er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat,
er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier über seine
Herkunft jetzt heißer als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm
aufstieg. Er tröstete sich wohl über den Mängel an Kindesliebe, weil ihn
Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch
meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glühend zu
umfassen.