Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines früh
geübten Denkvermögens, abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem Sinn
bewährt?
»Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt
meidend.«
Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte
weiter:
Wo befandest du dich nachher?
»Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte
den Erdball.«
Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt.
Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. -- Wohin
begabst du dich alsdann?
»Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.«
Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft?
»Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Stütze neben
sich sehen wollte.«
Wie ward dir bei der großen Nachricht?
»Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzückungen mit
Innigkeit, doch erschrack ich, daß einst das schwere Königsamt mich
erwarte.«
Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann soll vor nichts erschrecken, der
König am wenigsten. -- Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin?
»Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das
kleinste Dorf, suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten,
den Mann von Verdienst kennen zu lernen.«
Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen in deinem Lande?
»Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts höher umfassen zu
können, als der weise Vater.«
Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling soll nicht stehen bleiben,
sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken.
Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort:
Willst du den Thron deiner Väter besteigen?
»Wenn ihr, fromme Väter, mich dessen würdig achtet.«
Das kömmt nur auf dich selbst an. -- Was denkst du hauptsächlich beim
Regieren zu thun?
»Ueberall das Gute zu fördern.«
Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große Anmaaßung. Räume nur zuvor
überall das Böse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen.
»Ich hoffe -- nicht zu irren -- wenn ich strenge den Vater zum Vorbild
wähle --«
So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren.
»Ganz so freilich nicht.«
O, ihn zu übertreffen muß dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch
fand. Die neue entwickeltere Zeit läßt dir ja ihr Licht flammen. Durch
deine Räthe empfängst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft
gesammelt, wohlthätig zurückgießen. -- Bist du vermählt?
»Noch nicht.«
Seltsam! Und aus welchem Grunde?
»Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich nach einem geliebten Weibe
umzusehn.«
So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben
dir nicht Freiheit genug. Du bist das Werk Anderer geworden, und die
eigenthümlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren
Götterfunken nicht in dir entzündet, darum so karger Aufflug deines
Herzens. Wir können des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm
hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts
gemein. Ich urtheile, daß dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt
werden muß. Während dieser Zeit bemühe dich um Selbstvertrauen, um die
Kraft des Muthes, die Königen ziemt. Vermähle dich liebend, dann kehre
wieder und höre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu
tadeln, Väter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln.
Alles schwieg.
Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an:
Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur
Stelle nach Rom bringen.
Tief bestürzt stand der abgewiesene Thronfolger da vor der schauenden
Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschütterter mußte er
sein, als der Gram über des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte.
Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die
Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf
die neue Prüfung vorbereiten.
Still ging er nach einer Verneigung mit seinem Gefolge davon. Das im Saal
versammelte Volk, sonst gewohnt, die Aussprüche welche ihm gerecht
schienen, mit lautem Beifall zu begrüßen, verhielt sich diesmal still, und
schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen mit dem
Völkertribunal wäre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten
Betragen, den Manen des Königs eine Huldigung darbringen wollte.
In älteren Zeiten würde ein solches Bundesgericht wohl schwerlich seine
Bestimmung erfüllt haben. Die Macht des Goldes hätte ohne Zweifel seine
Sprüche gelenkt. Allein man wählte die tugendhaftesten Männer zu den
Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst,
die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder
neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet.
Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu fürchten, das über die
Gerechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fühlte, und ihre Ehrliebe hätte
ein mißbilligend Geräusch, seit länger als einem Jahrhunderte nicht
erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit
der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu
seiner Richtschnur wählte. Endlich durften die Könige insgesammt, wenn ihre
Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswürdig fand,
Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste versammeln, um statt
desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das Recht der
Billigung oder Verwerfung übte. Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre
des Senats unsträflich.
Guido redete viel mit seinem Lehrer über die Antworten des Thronkandidaten.
Er behauptete sehr keck, sie besser gegeben haben zu würden, und Gelino
ermahnte ihn, im Gefühl seines Feuers auch nicht weiter zu dringen als
Bescheidenheit es gestatte.
Aber, rief der Jüngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die
Väter an dem Königsohn straften?
Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir
voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur
erwartet, sollst mehr streben als wähnen erstrebt zu haben.
Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Jüngling, aber ich weiß auch,
daß ich schon erstrebte.
Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen Schmerz aufwallend: O es muß
göttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten!
Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt.
Leicht, leicht! schwärmte Guido. Darf ich die Kräfte zusammenfassen, kann
ich auch mächtig damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse an den Wagen, ich
will sie schon durch den Aether lenken!
»Und doch läßt jene Mithe den Verwegenen, der es unternahm, seinen
Untergang finden.«
Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und
Götterkraft durchglühte mich!
»Wahrlich, die Prüfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen.«
Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an,
öfter einsam nach, warf Gedanken über manche Völkerangelegenheiten aufs
Papier, schnelle Röthe überzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre
Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und
erklärte, einen heißen Drang zu fühlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, versetzte
Gelino, wir werden nach Rom kommen.
Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrstühle, denn, wie der
Norden von Teutonien für das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder die
hohe Schule zu Berlin die gelehrteste.
Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei
Jahrhunderten erfundenen neuen Lehrsätzen, und lächelte dabei über die
geringfügigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place.
Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Männer bleiben dennoch im
Verhältniß zu ihren Zeiten vortreffliche Köpfe, daß die unsrigen unendlich
mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen
Fortgang und die immer mehr zusammengedrängten Volkmassen nothwendig wurde.
Guido, selbst ein geübter Rechner, bewunderte die arithmetischen Formeln,
welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul
waren auch schon vollkommen ins gemeine Leben übergegangen, und die endlich
gefundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Größen noch
weit mehr.
Ueber die Mechanik vernahm er unerhörte neue Lehrbegriffe. Nur die
Ausführung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen.
Denn man beschloß während seiner Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher
in der Straße, wo er gegenwärtig stand, keine vortheilhafte Ansicht darbot,
nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gestützt,
unterhöhlt, gewaltige Hebemaschinen drängten das Gebäude im Gleichgewicht
empor, Rollen, aus Marmorblöcken gehauen, empfingen dasselbe, und in
wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich
an den nöthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte.
Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen berühmten Astronomen,
hörte er mehrere Vorlesungen. Daß man jetzt über Tausend Millionen
Fixsterne zählte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fünf und
siebenzig Millionen angenommen wurden; daß die Zahl der Ehedem bekannten
Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und über die
Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Dünste, kein
Zweifel mehr bestand; daß die Vortrefflichkeit der Sehröhre schon die
Planeten der nächsten Sonnensterne erblicken ließ, wußte er lange; ganz
unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der
Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Wärme- und Lichtstoff nimmer
hatte wägen können, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab
Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitäten gestatteten, die mit
denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden
konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie,
welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach
langen Jahrenreihen zuströmt, in luftleeren hohlen Körpern aufgefangen,
gewogen und scheidekünstlerisch zerlegt. Er wies nun den Zuhörern seine
merkwürdigen Resultate vor. Es wurde durch sie erklärt, weshalb das Licht
vom Sirius weiß, das vom Arktur röthlich sei, warum die Glanzfarben an den
Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Löwe, Eridan u.
s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe schloß nun
der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen
Modifikazionen der anorgischen und organischen Körper, wodurch er einer
ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswürdiges Feld öffnete.
In einem Hörsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit
lebhaftem Antheil ein. Hier zählte man die Mineralien, Pflanzen,
Säugethiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer auf, welche bis
jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als
verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren des Meeres, von denen
einige Tausend Gattungen in den Registern der Phisiker genannt wurden, wo
man sonst nur Achthundert beobachtet hatte. Denn bei jeder Reise in den
Grund des Ozeans -- wo sich die kühnen Erforscher der wundersamen Tiefe,
nach Maasgabe ihres Weiterdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die
Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebürge oder Meerthäler nach
ihren Namen benannt sahen -- wurde man Arten ansichtig, die bis jetzt den
Blicken verborgen geblieben waren, und nicht in die höhere Wasserregion zu
dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der
Anatomie der Infusionsthiere noch größere Aufmerksamkeit zu, und die
meiste, den Lehren über das Pflanzenleben. Hier spottete man jetzt der
Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet
einsaugende und aushauchende Gefäße sowohl, als die Erzeugung durch
Begatten, sie vom Gegentheil hätte überzeugen können.
Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der
Vorzeit sich schwerlich würden gefunden haben. Sie wollte genau angeben,
wann einst der Erdball, nur aus Urgebürgen bestehend, durch eine ätherische
Revolution von Wasserfluthen wäre umfangen worden, die die Ursache aller
Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maaße abgenommen hätten, als
diese aus ihren Mitteln hervorgebracht wären. Eben so berechnete sie die
endliche vollkommene Kondensazion der Flüssigkeiten, und wies dann dem
erstorbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit über den Uranus
hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an.
Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung
zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaßen in
Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu
betrachten wären. Die allmählige Umwandlung der Verhältnisse des Flüssigen
zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein
Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gängelbande
der Sonnenanziehkraft aufhören, und der kecke Jüngling sich der Leitung
seiner feurigen Wärterin entziehen werde, nicht mehr wärmende Pflege von
ihr bedürfend. -- Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die
Beschränkung des menschlichen Wissens, und Guido drängte den Lehrer bald
mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte.
Die Philosophie sah dies gegenwärtig wohl ein und trug zur Belehrung nur
ihre eigne Geschichte vor. Die letzteren Sisteme, die jüngsten Träume vom
Uebersinnlichen, mußten nothwendig, nach einem um so größern Maaßstabe
angelegt worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet des Sinnlichen sich mehr
ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und
überließ jedem Denker -- sich zum höchsten Wesen anbetend zu wenden.
Guido, bereits früh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie
wir schon berichtet haben, eifrig dem Studium der weisesten Schriften
dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell in sich aufnehmend, was er
hier sah und hörte, und vollendeter wurde der tiefe kräftige Denker. Die
Hochgefühle seines stammenden Thatentriebes, wurden dadurch wechselnd
gemildert und angefacht.
Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein
Gemüth zum höheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren
Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte.
Allein der Ausdruck eines so schönen Geistes prägte sich auch immer
vollendeter in seiner Gestalt aus. Er fühlte, sah es mit Frohlocken,
schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht lüge, müsse er nun
sehr nahe an seinem Götterziele stehn. --
Man besah noch das Innere von Berlin emsig. Ein altes Zeughaus lag in
ehrwürdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der
jetzigen, glücklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine
Waffenvorräthe nöthig waren.
Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte:
Diesem König war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er
führte Kriege, die allerdings zu vermeiden gewesen wären. Doch entschuldigt
der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wußte er den
Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und
das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen
vorauseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, so richtig zu
erfüllen, daß manche Züge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen
Gekrönten Muster leihen dürfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein
Denkmal, sondern seine Reste wurden späterhin auch nach Rom gebracht. Du
siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich
zur Größe aufzuschwingen verstanden, wie sein König, so ging vielleicht
Europas schönere Entwickelung, von Friedrichs Monarchie aus.
An dem Marmorbilde einer Königin des Alterthums, weilte der Jüngling
bewundernd. Gelino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise
genannt, sei die schönste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch wäre die Vorliebe
für ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen übergegangen, daß man
sie in den Marientempeln, durch Künstler von Athen, noch immer nachahmen
ließe.
Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse
verdienter Männer in diesen Gegenden, aus neuer und älterer Zeit
aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, Waldemar, Luther, Copernikus,
Guerike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen
gewissen B*** -- -- doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht
unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah,
mancher Aspirant der Unsterblichkeit würde zürnen, sich zu vermissen.
Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, sprach Gelino. Hinlänglich
sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Städte und auf dem Lande in dieser
Erdgegend. Laß uns die schnelle Luftpost dingen.
Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden warfen sich in die Gondel.
Morgenschlummer sank noch über sie. Als sie davon aufdämmerten, ließ sich
das Fahrzeug schon auf die Böhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste
Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger über die lachenden
Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altären, von denen dem
Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich
geschlängelten Silberfäden; Glockenklänge, Erntelieder, ineinander gewebt,
tönten zu ihnen herauf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglänzte Prag
vorüber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Hügel in Mähren, wo die
zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder
angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwürdige gothische
Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan geweiht, nun ein
Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend
zog man über die Wipfel des Prater hin, vielen Lustwandelnden in der Höhe
begegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passagiere auf die Platteforme des
Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen in dem
Betracht nicht geändert hatte, daß ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables
Thier bleiben wird.
Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren
hierin den Vätern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische
Beimengungen, stärkte die Lebensgeister und munterte höher zu Genüssen auf.
Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin
der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstört worden.
Gelino erzählte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-mühevoll denkende
Regierungen bewirkt hätten, daß Seeschiffe die Donau stromauf hätten
befahren können, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Fleiß, nicht
einmal mit kleinen Kähnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft mit
Griechenland, große Summen und das Ausharren bei vieljähriger Arbeit,
hätten dennoch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes
alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Dämme aufgeführt, das
Flußbette vertieft und geändert, und demnächst von dreißig Meilen zu
dreißig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserfälle angelegt worden, die dem
von Niagara flüchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem
ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen -- entweder
vom Winde oder von Maschinenruderwerken geleitet -- bis an einen
Wasserfall, hob es eine Schleuse empor; im anderen Falle trug sie es
nieder.
Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier
vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener
Zweig der Steiermärkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und
Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erkälte die Gegend und mache die
Witterung unbeständig. Ohne ihn, war man überzeugt, müsse das Klima so
freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. Nicht nur auf sich,
sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Großväter -- diesen
Namen zwiefach tragend -- eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder
achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit
verpflegen zu können. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge
gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschüttern,
sondern durch künstlich darin erzeugtes Eis, was auch früherhin begreiflich
gewesen wäre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, die Kraft, welche
eine Bombe, mit Wasser gefüllt, das in Frost übergegangen ist, sprengt, auf
3351 Pfund berechnete. Die zerstückelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen
von ungewöhnlicher Größe, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststraße aus
Eisenerz, nach Mähren. Da sie aber keine Brücke hätte tragen können, mußte
man sich entschließen, einen hohlen Gang unter der Donau hin zu wölben,
gegen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanäle im alten Rom, nur ein
Spielwerk zu nennen waren. In Mähren ward das Gebirge wieder aufgeführt.
Nun wehten die südlichen Lüfte freier, die aus Norden wurden beträchtlich
gehemmt.
Durch alle solche Maaßregeln hatte die Bevölkerung der Stadt bis auf eine
Million zugenommen. Die alten Festungwerke vertilgte man längst, wo sonst
die Vorstädtische Linie ging, begränzte sich nunmehro die Stadt, die neuen
Vorstädte flossen nicht nur mit Schönbrunn, Dornbach, Nußdorf, sondern
sogar mit Enzersdorf und Neuburg zusammen. Vergnügungen und Wohlleben
wurden überall sichtbar. Guido besuchte an einem Abend den maskirten Ball.
Sein Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben. Die alte Sitte,
sich scherzend zu verlarven, bestand noch, doch feinsinniger und
deutungreicher. Der Jüngling erblickte viele Schönheiten, anziehend durch
liebliche Formen, bei allem dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge mehr
neugierig als betroffen darauf. Eine aber darunter, wie Hebe gekleidet, das
Gesicht bis an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit lebendiger
an. Höchst edler Gang, bezaubernde Harmonie in allen Bewegungen, der untere
Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in zarten Wellenlinien, der
ausdruckvolle, lächelnde Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft
gespannten Lippen, darstellten, begannen seinen Puls zu erhöhen. Alles
mahnte ihn an Ini, nur eine etwas längere Gestalt sah er hier. Er konnte
nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im Gedränge zu folgen, den
trunkenen Blick ihr nachzusenden, endlich bebend die Maske zum Tanz
einzuladen. Sein Verlangen ward erfüllt, selig flog er mit der Schönheit
durch die Reihen. Ihre Berührung traf ihn wie elektrische Funken. Gefühle
wie aus anderen Welten durchströmten ihn. Die Musik, nur Melodien der Liebe
und Wollust athmend, nahm das noch Uebrige seiner Besonnenheit hin.
Wien, schon im Alterthum seiner Tonkünstler wegen gerühmt, hatte auch
zeither hierin den Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, Ehedem kaum
geahnt, war von Wien ausgegangen. Wo sonst die Töne wild und dunkel
schwärmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. Die Musik hatte, was ihr
immer fehlte, ihre Grammatik empfangen, auf diese gründete sich die
Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So konnten die bestimmten
Zusammenklänge, Figuren, Zeitmaaße, Worte vertreten; Poesien, Reden u. s.
w. ausgeführt werden, die der leicht Unterrichtete vollkommen verstand.
Einem Götteridiom glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck mußte sie
hervorbringen!