Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schöne, doch an Betragen überaus

sittsam züchtige, Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und

athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien

in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies

zuzuschreiben, ihre Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt

dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und

zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, daß man

nur durch Keuschheit sich die höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin

haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir

übrigens das lehrende Wort, Guido!

Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit

heiliger Schrift in den Busen.

Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwürdigen

Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier überhaupt

lernen, welche Bewandniß es mit unserer Verfassung hat.

Noch wenig hörtest du von den Königen in diesem Erdtheil, wenn wir schon

einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein großer

Segen für die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu

machen, und sie wählten das Verderben, über Fremde und Unterthanen

gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren Beruf

hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt,

denn so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr Land hereinbricht, am

besten geführt. Den Lohn für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim

Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa für das tiefste Verbrechen

geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre

Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich

Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kömmt sie in den Tempel

der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die

Regierung als einen Genuß, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen

gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben. Auch ist es

herkömmlich, daß dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur

sagt: In diesen Jahren herrschte ein König, dem das Gehorchen besser

gewesen wäre.

Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegründet

werden konnte, wollte man erst die Könige wählen, und immer dem Weisesten

in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der

Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes würde heuchlerischen

Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des großen Bundes heiligten

überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser, von dem du schon oft

hörtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die

Einrichtungen so, daß, was früherhin nimmer geschehen war, auch die Könige

zu ihrem Amte erzogen wurden.

Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte

Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter

sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene

Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, daß sie dann

mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der

möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, daß

die Staaten Männer auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen

über die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und

Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, daß die Fürstensöhne, früh

in ein Fündlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche

Pflege genossen, daß an Körper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Männer

aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel

Willkühr gelassen wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über die

bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln

gezwungen, ihre ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt man ihnen,

nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen

schöpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem

fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann,

unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung des großen Rathes

hingeben. Fällt diese Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie

regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlässig.

Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen,

jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tüchtigkeit dazu außer Zweifel

gesetzt hätte, so gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten, und eine so

weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher

Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall überlassen

blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frühe Gift

der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz

zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener für sie waltete, wo sie

bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte

und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen

Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden

Kleinigkeiten ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen und Außen Preis

gaben. Hart mußten solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das Loos der

Könige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Genüsse freuten sie nicht,

da sie keine Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr,

und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer

Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen

allein ein klares Auge hätte erziehen können, um durch die dicke

Weihrauchumwölkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie

von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik

genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ängstete sie

unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Völkerrechtes, sie

sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern, die das große

Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um höhere

Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse oder eitlen blutigen Ruhm,

erkennen und empfinden zu lernen.

Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem dreißigsten Jahre kein Fürst das

Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt, folgt eine

Regentschaft.

Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines Königs? fragte Guido.

Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder zu genehmigen oder zu

verwerfen, und läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur

Vollziehung bringen, antwortete Gelino.

Aber könnten die Räthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden,

und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte es keiner

Könige.

»Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies,

leicht die Folge. Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben, als jene

Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens

den herrschenden Zügel führt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze

auslaufen, ist die Rückwirkung nachdrücklicher.«

Beschränken übrigens diese Räthe den König?

»In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die

er zuträglicher findet. Doch seit länger als einem Jahrhundert ließ sie

jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht

verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden,

muß er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind das

Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom Schlußstein der Piramide bis an ihre

Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige Gewalt ist den

Königen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem

Mißbrauch entstehen könne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen.

Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstände auferlegt, denn verwalten

sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch

hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden Genuß von Rechten,

gegen andere Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft muß die

Güte des Opfers einsehn, und die Könige, auch ohnehin in Europa

Republikaner, werden es dadurch gewissermaaßen noch mehr. Sie müssen sich

-- dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die

Gesammtkraft vollzogen -- der Süßigkeit entübrigen, ihre Kinder um sich zu

sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das

Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen,

wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.«

Welche Einkünfte genießen die Könige?

»Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevölkerter und regsamer

das Land ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres

eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu

mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und

dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit, und Thoren

können die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher

sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den

Königen auferlegt.

Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, kann ihnen nicht einfallen,

denn die Unsicherheit desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit

lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen

ungerecht sich bereicherten.«

Welche Ausgaben bestreiten die Könige?

»Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jährliche Summe in

den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen

andere Erdtheile nothwendig wird.«

Von den drei Räthen habe ich manches erfahren, doch wünschte ich, du

nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau.

»Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet

wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die höhere

Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen

abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einfluß, jeder Einzelne

mag zu seiner inneren Würdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag,

die Feste des höchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen,

sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles

das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer

eingestanden, welche bei solchem Anlaß über dich kamen. Doch die irdische

Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schöner mit

der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder

nieder in die Welt vorhandener Dinge, kräftiger und erleuchteter zu

heiligen. Du knietest oft gerührt im Christustempel, dem ersten von allen.

Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend

im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros,

oder Beschützer und Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem

Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Würdigen aus denen

jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung und Brudersinn zu wachen,

dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu

bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten

Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge darzubringen, wie

neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat

aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhärtung und Bildung

der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch höheren moralischen

Adel zu glücklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege

geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der

Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern

auch der Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter der Leitung des

Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und

hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener

zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem Beruf darin

nachkommen, daß sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach

weisen Anzeigen, so viel als möglich die Richtung geben, und, indem alle

Weisheit in ihre Körperschaft strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus

welchem das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller

Volkthätigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall

Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus ihrer höheren Vollkommenheit

von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer

mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer

mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen, öffentlichen Reden,

Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und

Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs

versäumt; doch strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und

Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang

zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun

übersichtlich den ersten Rath der Könige und seine ausgebreiteten

Verwaltungzweige kennen. -- Der zweite Rath hängt mit der Verehrung des

Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich

dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im großen Feldlager

kund. Reden wir von dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein

weit größeres, vollständigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue

Verhältnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer

gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glücklich die, von Wahn

gereinigte und durch die Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb

zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien

der Bürgerehre verwebt wurden; wie klar das, in früher Erziehung geübte

Kombinazionsvermögen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel

erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam

weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken,

niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des

Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu

tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des

Gesammtvortheils auf _sich_ beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei

weitem seltener als Ehedem, hören wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie

von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten,

so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in

warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. Er geht vom Mosestempel

aus. Hier wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren

zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden können, indem die

traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, abnahmen. Hier werden auch

Streitigkeiten über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, sondern Zweifel

zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hält sich die

Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, übt

sie ihr wohlthätig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke,

erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, schärfen seine Würde, und zeigen

vorzüglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der

erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht

eine Klage über Gewaltthätigkeit -- die letzten Jahre zählten sie sparsam

-- so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu führen hat, einen Maler,

der die kränkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemälde

wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So

braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden

Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schönere

Obliegenheit geworden, Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den Bürger

vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung verdient machte, der irgend

etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der

funfzig Jahre irgend einen Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer

langen Reihe von Jahren durch häusliche Tugenden ehrwürdig, den alten

treubewährten Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder Ehrenzeichen.

Die ältesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden

in der Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. -- Im Tempel der Maria fleht

die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die schönen das Leben

schmückenden Künste, die Poesie, die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der

Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche

Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen

ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebührt,

und ihre Moralität so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie eignen

erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht

gemahnt, ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht erläutert, ihr Sinn

für das Schöne und Gute geschärft, wodurch sie an Anmuth und

Liebenswürdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht

wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe kann dem

Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser

Priesterinnen, stellen des Königs dritten Rath zusammen. Eine frühere Zeit

würde über den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so

angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel

gestiftet.«

Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!

»Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem

Befehl. Er wacht über den Frieden der Republik, läßt die Heere ins Feld

rücken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm

gelang, die Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der

Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fürsten sonstige Machtvollkommenheit,

nur ein allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch ziehn die Könige

nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber

die Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fällt.

Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch

besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion,

dir schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet über einzelne Fälle,

theils allein, theils nachdem der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch

Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprüche zu sankzioniren,

insofern von Streitigkeiten der Könige gegen einander, oder von

Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht

nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde,

daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die

Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen

Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Königreich, und zwar das

größere, aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. Seine Vorfahren hätten

bei ihrem großen Waffenglück leicht ganz Europa sich _unbedingt_

unterwerfen können, sie wollten es aber nur durch die gegenwärtige

Verfassung _bedungen_, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der

immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.«

Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel über die Verfassung von

Europa nach, es drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert

werden könnte, und er nahm sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen.

Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschläge gut wären, er

sicher auf das Vergnügen zählen könne, sie in Ausführung gebracht zu sehn.

Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Völkertribunal seine

Sitzungen hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine Festigkeit auf ewige

Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne

Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe zierten das Dach. Sie hielten

sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen

über die majestätvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme

Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen

schneefarbne Bärte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein

rührend Schauspiel.

Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs ward in den Saal gebracht,

von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der

Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach,

einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der

Unsterblichkeit zu bewilligen.

Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es

darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer König das Grab

des Ruhmes verdiene?

Nun drängten sich besondere Sendungen der Räthe in den Staaten des Todten

hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl während

seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die

Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben diesem Zeitraume, ungemein

vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die

Papiere wurden laut verlesen. Bedächtig horchten die Greise, rührende

Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie

einmüthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen.

Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.

Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte

den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den

Rasenhügeln empörte er die Gefühle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte

der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen Kennzeichen des

Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen

chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, und die festen Theile in

Erde aufgelöset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die

Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Städte mit

Baumpflanzungen und Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort

einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen,

wenn die Mitbürger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen

dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lügen

entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen

auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, öde, ohne Strauch und Blumen,

und die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem

Gebiete zu wissen.

Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen

Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch

die akkustischen Röhre zurücksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit

den Kunden überein, welche ihm von der Amtsführung jenes Königes auf

anderen Wegen zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, bestätigte

ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.

Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrönt,

dann unter hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und

dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgeführt. Ein

Ausschuß der Greise des Völkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der

angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten,

den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit

zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand:

wie die Rührung, welche er heute empfände, jede bisher gefühlte, überträfe.

Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger für unsern Jüngling. Denn jenes

Königs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.

Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter

verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal.

Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz führte, fragte ihn:

Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 8 / 16 段