sich ungeheure Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. Auf vielen
Kunststraßen hatte sie der Völker Thätigkeit hergeführt. Eine davon lief
nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen
die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch
die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, wie
auch treffliche Gemälde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach
Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten die Neu-Perser, mit
Elephantenlasten köstlicher Gewürze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine
dritte Straße war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das
Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere Gegenstände
seines Kunstfleißes, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von
Petersburg erst übers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft,
langten vortreffliche Schiffe zum innländischen Gebrauch an, die auf einem
Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf ähnlichen Wegen waren
vom äußersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen gekommen. Eben
daher vortreffliche Geschirre, Fensterscheiben und Bauwerkstücke aus dem so
spät erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch
Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den
englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller
Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit künstlichen Triebwerken des
Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem
sie außer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle
Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen
Teleskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der
Sonne wegführen mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu
beobachten, und seine Naturgeschichte zu entwerfen. -- Ferner Thurmuhren,
mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, sich außer den
Stunden- und Minutenweisern, ein vollständig entworfener Kalender befand,
daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Kälte oder Wärme,
Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, daß
dadurch die Witterungsveränderung auf mehrere Tage vorher kund ward, und
Jedermann bei seinen Beschäftigungen sich darnach fügen konnte. -- Ferner,
Mühlen zum Stampfen, Zermalmen und Sägen zugleich, und mit einem artigen
Mobile perpetuum regirt. -- Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflüge mit
einer geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwölf Schuh tief
aufwühlten, die geruhete Erde oben, die entkräftete unten brachten, sie
zugleich puderartig zerrieben, und von gröbern Bestandtheilen durch Siebe
reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekörner in beliebiger
Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, und so Aufwuchs und Gedeihen
ungemein erhöhten. Eben so Wässerungbehälter, geeignet, aus fernen Seen,
Strömen oder Kanälen mit wenigem Kraftaufwande, Flüssigkeit
herbeizuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit
ausgebreiteten Fontänen niederströmen zu lassen. -- Der Franke lieferte
chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie
hülfreich gebrauchen, damit bei großer Dürre, aus Wasserstoff ein Wölkchen
zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen lassen. Zudem Küchen, wo
in sehr sinnreich gestalteten Töpfen oder Pfannen, die Speisen überaus
schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten
konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig mit Seide oder
Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das
Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen Körpers niedlich
angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, färbte es zugleich
in der eben gültigen Modetinte, und parfümirte es mit köstlichen Oelen. Die
chirurgischen Instrumente der Franken waren nicht weniger sehenswerth.
Unter andern erblickte man da künstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei
nur geschwächter Hör- oder Sehkraft wurde jene durch Röhre, diese durch
Gläser bis zum Normalzustand verstärkt; außerdem hatte man aber, ein hoher
Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Röhren,
Augenäpfel mit ihren sechs Häuten und drei verschiedenen Feuchtigkeiten,
welche mit den Nerven, durch täglich wiederholten Galvanismus in Verbindung
gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder
einführten. Ihre Weinläger wurden nur von den spanischen und
portugiesischen übertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede größer
als Ehedem das Faß zu Heidelberg. -- Die Italiäner hatten unter andern
große Orgeln, für die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana,
die gewohnten Religionsgesänge deutlich vortrug, willkommen für Ortschaften
die nicht reich genug waren, Chöre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo
eine Klaviatur, Hundert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung
setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstücke und durch
akkustisch nachgeahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schöne Lieder
ausführten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem
vollständigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Könige mit
großem Aufwand vermocht hatten. -- Der emsige Deutsche wetteiferte mit
allen Europäern in Allem, und sandte daneben die meisten Bücher zum Markt.
Bücher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung
hatte.
Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien waren Kaufleute anwesend. Sie
führten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette aus ihren
Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig
redeten, Menagerien von Löwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille,
welche man aber nicht erstand, wenn sie nicht auch zugleich in ergötzenden
Künsten abgerichtet waren. Es gab auch in großen, durchsichtigen, mit
Wasser gefüllten Behältern, Fische aller Gattung aus der Fremde.
Hornfische, Chimären, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale,
Katödons, und die vielen Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem
die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit erreichte.
So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche Sicherheit, und die
Leichtigkeit der Reisen, Menschen von allen Stämmen hieher geführt. Wollige
Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am
Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zählten
sorgsam ihre gewonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien,
kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine
mißgestaltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, Eskimos
liefen neugierig gaffend umher. Röthliche Amerikaner, noch den Federbusch
der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen.
Neuseeländer, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spät
entdeckten Südpolarländer, die schwärzere oder hellere Haut seltsam
punktirt, saßen in ihren mitgebrachten Binsenhäuschen auf künstlichen
Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Gärten aufzustellen.
Das Getümmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, die Wechselgeschäfte
verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap und
Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken,
welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene
Thätigkeit unterhalten mußten, beschickten sie auch die Märkte mit
überflüssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerröhre, großer und
kleiner Art, feil, welche von Völkern, die noch keine Waffenmanufakturen
hatten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch,
vorausgesetzt, daß man reich genug war zu solchen Ausgaben, in ihre
vorhandenen Metallgießereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den
Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich drückten
geschickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon
nachzuahmen. Das Metall floß schon in den Glühöfen, eilig vollendeten
flinke Gesellen die hohle Form, und der Guß erfolgte. Durch künstliche
Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende
höhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder
gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen Vorrichtungen,
Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke.
Ein Fürst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, ließ sich
mit derselben in Silber darstellen. Guido hätte weinen mögen, nicht Ini
hier zu sehn, und kein Kaisersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu
begehren.
Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos Lehren und eigne Anschauung,
wurde des Jünglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo
das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine
Dörfer mehr, sondern nur die in einander fließenden Vorstädte weitläuftiger
Orte. Gelino erklärte ihm die Erscheinung einer so großen Lebensfülle in
folgender Art:
Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unnütze Kriege,
verderbliche Immoralität und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene
Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevölkerung
hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft
immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange
erwünschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewöhnlich. Wenige Morgen nähren
eine Familie bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab, von dessen
Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten anschaffen kann. Das in dem,
vortrefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte Wintergetraide,
gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens
funfzigfältig. Man mäht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich
abschneiden, aufladen und hinterwärts den Boden wieder pflügen, wodurch die
Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug übrig, das Feld wieder
mit Sommerkorn, Gartengewächsen, Fütterungkräutern zu bestellen, wovon der
Fleiß noch reichen Gewinn im Spätjahre zieht. Dies würde aber nicht immer
glücklich von Statten gehn, hätte man nicht das Mittel erfunden, die
angebauten Fluren, gegen Kälte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die
Witterungmesser einen Frost ankündigen, eilt der Landwirth sein Feld mit
großen Strohmatten zu überdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es
leicht dies Mittel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem
reichlichen Stroh die Matten, über Bäume spannt man sie zeltartig, Fluren
werden ebenhin damit bedeckt.
Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu
ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umläuft verwachsen die
Scholle. Kleine Beeren und kleine Nüsse mancher Gattung blühen darauf. Das
Feld ist mit edlen Obstbäumen beflanzt, an die üppige Weinreben sich
hinaufwinden. Ihr Schatten fährdet die Saaten nicht, bei einem so kräftig
gemachten Boden, und beim Pflanzen trägt man kluge Sorge die Wurzeln nicht
zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche leicht wird.
Futterkräuter, gewisse wohlnährende Rübenarten, getrocknet Baumlaub, sind
dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit
Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich
eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt zum Fertigen gebrannter
Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein Kind
ihr vorsteht.
So ist also für den Unterhalt dieser Menschen reichlich gesorgt, und die
eitle Furcht ob einer zu großen Bevölkerung, in rohen Zeitaltern oft
angekündigt, würde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die
Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum nützlicher Thätigkeit
finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man
sammelte, nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, welche gute Köpfe im
Erproben des Ausführbaren machten, ist jedermann lebendig überzeugt, die
Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja
die Gränze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen könne, durchaus
nicht abzusehn. Und träte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein,
mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag nähren könne, so weiß
man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Länder genug in anderen
Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien senden lassen. Afrika enthält in
seiner Mitte große Wüsten, die, einst urbar gemacht, unermeßliche Ausbeute
liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenfluß sind
weitläuftige Strecken bereit, neue Millionen aufzunehmen. So rüstig auch
der Altbritte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat,
und die weitläuftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern
reich zu machen, so hat doch, im Verlauf weniger Jahrhunderte, immer noch
nichts Erhebliches geschehen können, und Auswanderer würden dort höchst
willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen
die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jährliche
Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach
einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien,
ein ungeheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika,
treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge
verbreiteten hierüber schon in alten Zeiten Licht, jetzt hat man ihren
Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag überhaupt aus der Vergangenheit
genauer auf die Folge zu schließen, weil sinnige Forscher, ihre
Beobachtungen der Nachwelt, ein schätzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt
unter andern die Insel Owaihi, weit größer an Umfang, als zu der Zeit, wo
ein kühner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich großen und
hohen Eilande, westlich von Peru, hießen vor Jahrhunderten die niedrigen
Inseln, ein Beweis, wie damals die See höher an sie hinaufspülte. Das
Senkblei fällt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose nehmen zu, die
Taucher können dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen
diesen Umständen läßt sich die Richtigkeit jener Verkündung ahnen. Alle die
Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgrücken des neuen Erdtheils
sein.
Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du drängst mein Nachsinnen in einen noch
tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Möglichkeit des
Lebens zu träumen, auch sehe ich nur Vortheil für das Geschlecht darin,
wenn junge Länder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze
Meer, das mittelländische Meer, trocken geworden, mit Städten und Dörfern
übersäet werden können. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das
Wasser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball verschwände, müßte
nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unabläßig gebunden, jammervoll
untergehn?
Gelino lächelte und gab seinem Zögling die Antwort: Dies könnte wohl sein,
und wenn die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wäre denn
noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es
etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl dürfte sein Untergang
auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann
der Erdensohn nicht übernehmen, was die Natur nicht mehr nöthig erachtet,
für ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften ausstattete, und der
Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich erweitert ist? Können wir nicht lange
schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen?
Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht
hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den Hausbedarf, Regengewölke
zum Tränken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen,
scheinen keineswegs außer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du
wirst darüber in Berlin manche Hipothese hören.
Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur
Ansicht darbietet. Du siehst alle Städte in Teutonien voller Kunstfleiß,
voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bühnen zieren die
meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer großen
Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Städte Flor eine ganz
natürliche Folge. Der Ackermann nährt den Handwerker, indem er ihm seinen
Ueberfluß verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche
er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Märkte
anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde,
und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, überall werthhaltig
und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhältnisse
zum Preis der Sachen, empfängt einen schnellen Umlauf, und regt auf
demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an.
Wie blühend wir aber diese Gegenden finden, so hätten wir nur alte Bücher
zu fragen, um über die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert
Jahren sie drückte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile
ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten sklavensinnige
Halbmenschen wohnten.
In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend danieder. Europens Staaten
hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre
Thätigkeit zu beleben und die Genüsse auszutauschen; man sann nur auf
Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatürlich große
Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel
jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere nährten sich nicht selbst
durch Nebenarbeit, sondern mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen
sich genöthigt sahen, die Völker mit Abgaben zu erdrücken. Unter solchen
Umständen mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten bleiben; Tausend
harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter
Einrichtungen, nicht zu gedenken.
Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die
göttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur
dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und
scheidekünstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es galt
demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang:
Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,
Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.
Unter diesen Gesprächen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie
ein dichtes Volkgedränge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anlaß
dieser Erscheinung zu unterrichten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum
Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmückte Priesterinnen gingen, einen lauten
Chorgesang anstimmend, voran; dann folgte ein etwas gebeugter, doch
gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmütterchen,
das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem
Allen aber, aus einem mit Runzeln überpflügten Gesicht und dem ermatteten
Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweißen dünnen Locken des Paares
waren Blumenkränze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus
Personen von dem verschiedensten Alter zusammengestellt, Greise und
Greisinnen, Männer und Frauen in den Mitteljahren, viel blühende Jugend und
ein zahlreicher fröhlicher Kinderschwarm.
Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: wie das Paar die
Hundertjährige Feier seiner Ehe beginge. Im fünf und zwanzigsten Jahre,
erzählten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zählte damals
zwanzig. Arbeit, Mäßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so hohes Alter
erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und
Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammältern mit inniger Liebe und
Ehrerbietung zugethan.
Tiefere Rührung empfand Guido während seiner ganzen Reise nicht, als im
Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der
Glückseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt,
rückblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts häuslicher
Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, so träumte er mit
hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am späten
Lebensziele gekrönt von Urenkeln.
Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See-
und Stromschiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten
Hafen, mit leichten bunten Flaggen geziert, spielend im frischen
Abendwinde. Die schöne Bergkette, welche an einer Seite den großen Ort
umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingärten,
beschattet von Lustgehölzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen
reicher Bürger.
Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche Kunst auf eine seltne Art
über die widerstrebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur
eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhöhungen, die nicht einmal
Hügel, sondern Niederungsränder des Stromes waren, unterbrochene Fläche.
Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere da, zeichnete sich durch
regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schöne Prachtgebäude aus,
wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht,
die dir, wenn wir ihre Plätze und Straßen durchwandeln, zu Gesicht kommen
werden.
Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als
nothwendig glückliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des
europäischen Bundesgerichts -- welches man hieher verlegte, weil Berlin
ziemlich den Mittelpunkt von Europa einnimmt -- sehr bedeutend wurde,
wollte der Schönheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die
Weisheit nöthig fand, seiner großen Einwohnermenge neue Quellen der
Erhaltung zu öffnen.
Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der berühmte Kanal, tief
genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen
Wege verbindet, und bei Berlin vorüber geht, wurde gefertigt, dazu der
Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Größe einem mäßigen Landsee
gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen
Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde leicht aus der Tiefe zu winden
ist, und man die Ströme gegen Versandung und Seichtigkeit schützt, wären
solche Arbeiten unmöglich gewesen; mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige
Hände an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevölkerung aller Kunstfleiß
mächtig heranwuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Böhmischen
Gebirge, ausgetieft, und eine große Zahl geräumiger Schiffe, führte aus den
dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbrüchen, die Quadern, womit des
Kanals Seitenwände eingefaßt wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde
diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthürmen. Ist ihre Höhe, gegen
Urgebirge gehalten, freilich nicht von großem Belang, so ist sie es doch
scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt.
Indem, nach dreißig mühevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen,
meinten die Zeitgenossen, sie wären immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden
von Egipten zu vergleichen, überträfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie
hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es sich von selbst
versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen großer Reichthümer für Berlin.
Sie waren unter diesen Gesprächen bis an ein Thor gekommen, das auf großen
Säulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit
mit den überall vorhandenen Gegenständen erwarten läßt, Europa schon
durchwandert, und konnte daher seinem Zögling immer Auskunft geben. Dies
Thor, das Brandenburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste,
es bleibt jedoch als eine ehrwürdige Antiquität stehen, und trotzt auch
schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr
befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit fällt, wo Bruchsteine nur
mit schwerer Mühe auf ärmlichen Spreekähnen herbeigeführt wurden, und man
sich meistens der Ziegel bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister
bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so große Ladungen von Felsblöcken
trägt, und nun können freilich die Tempel und Palläste leicht so stattlich
sein, als wir sie sehen.
Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, daß
eine Menge leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend erschienen. Nun
erklärte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straßen mit
doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang, auf hohe Säulen gestellt.
Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte Flamme, deren
Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien,
so daß das Ganze den Vollmond um so täuschender nachahmte, als seine Karte
auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich
Silberlicht goß seine Schimmer in die Straßen und Plätze nieder. In der
Mitte der Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher Hohlspiegel, für
die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner
Größe nach der der Straße richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der
Stadt von Außen ein sonderbar liebliches Ansehn.
Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein
Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit
Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl
zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr
von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren
gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis an Größe übertraf, und aus
Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos
Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. -- Warum
gebt ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone? fragte Gelino einen
Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß
erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere
Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort.