Sogleich ließ sich Guido, durch stille Luft und einbrechende Abenddämmerung

begünstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er

an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte

ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte

er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an,

verdachtloser weiter handeln zu können. Er ging einigen Anderen vorüber,

die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben und gelangte

glücklich in das Zelt. Hier standen viele große Flaschen mit der

tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er

nahm eine davon, und schlich weit rückwärts in den Wald, indem die Nacht

dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, zündete er ein kleines

Feuer an, was seinen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich

niederzusenken.

Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte

durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn

das Gefecht hatte eine unglückliche Wendung genommen, die Europäer waren

weit zurück gedrängt worden.

Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost,

rief er, ich bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich finden.

Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die

Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge zu

fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in großer Zahl

schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden

hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthüllte sich schon aus der Natur

dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rückwärts liegenden

Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte.

Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu

fürchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trübte

einen so rein verdienten Dank.

Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl. Jeder im Heerhaufen nährte

denselben Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das erste Lehrjahr

bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man

zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war.

_Guido_ stand auf jedem Papier.

Er war beschämt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer

Freude. »Was wird Ini sagen, wenn sie davon hört!« dachte er, dann -- gab

er Befehle.

Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das

Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um

nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu können. In

der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg an, um sich in den Rücken

des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an den

Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die

Tatarn nicht dringen konnten, begünstigte an einer Seite den Entwurf, an

der andern ließ Guido schnell eine Meile lang die Bäume mit Knallsilber

umwerfen, daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre.

Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nämlichen Minute. Die Tatarn

erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne

wurden. Ja, Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten,

die Verwundeten der Europäer bedienten sich eines Gegenmittels. Die

nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit über

diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden

zu fliehn.

Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht,

da zu beiden Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf hatten die

europäischen Waffen den Vorzug.

Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend, sammelte auf den Ton eines

weitschallenden Instrumentes eine große Masse und suchte mit dieser

durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger

Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine große Mine,

deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den

unterwühlten Boden betreten hatte.

Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether

zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die

Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen Gäule und Menschen, wieder dem

Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man

erwartet hatte. Manche darunter wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von

einem großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren

glücklich, und bestieg ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn zu

vollenden.

Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern

Gegend. Guido ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten

an. Nicht überall konnten die chinesischen Schilde decken, große

Verheerungen bewirkten die europäischen Feuerröhre. Endlich traf Guido auf

den Feldherrn selbst, ein innig gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns

beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben!

Der Tatarfürst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie würde, wohl

zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem

Schwerte hinweggeschlagen hätte. Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun

gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den

Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit

fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im

Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach,

verwundete es tödtlich, und Guido mußte auf den Boden springen.

Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse über den Haufen zu rennen.

Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und

fühlte neue Kraft durch seine Adern strömen. Er wich rechts und links dem

schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in

seinen Bauch. Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem es durch die

letzte krampfhafte Bäumung den Reuter weggeschleudert hatte.

Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Füßen und Schwert gegen

Schwert wüthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an ihrer Kraft

brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch

übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich

damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.

Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen,

doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft

verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und

neue Götterflammen strömten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung

lebte auch das Triumphgefühl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den

Tatar empor zu heben und ungestüm gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der

Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens

waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.

Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die

an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europäer ließen

Sieggesang ertönen, die Räuberhorden flehten um Gnade und lieferten die

Waffen ab.

Man fand großen Raub im Lager, den Guido unter die geplünderten Landleute

vertheilen hieß. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum

Andenken des Tages zuzueigenen.

Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen

auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend

eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurück nach dem großen Lager. Das Volk

der Gegend erwartete Guido überall an den Wegen, und brachte dem Retter von

Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthränen.

Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern

Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten

entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht

vollen Widerstand leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte im

Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter

verhaßt und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie

auszurotten. Seit Jahrhunderten wußte man nichts mehr von Kinderblattern,

die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch

verbannt, daß einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem

ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person,

ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde.

Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die

Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher

Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Mäßigung in den

Leidenschaften, gestählten Organisazionen. Geist und Körper bewegten sich

bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte man die Sorge für gesunde

Nahrung, als daß Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer Gebrauch

der Milch bei den Kindern, viel frühes Laufen in freier Luft, bildeten die

Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur höchst seltne

Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten

Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen

verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung,

als bei zufälligen äußeren Wunden, oder der auch nicht schwierigen

Geburtshülfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel geübte, und

auf das Leben überall angewandte Kunst, und bekleideten demnächst, bei den

Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer höher reichte das Leben der

Menschen hinauf, immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose

Entkräftung hinaus.

Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein,

der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte.

Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in

sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer

doch nur zufällig, wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte ich es selbst

entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen.

Daß er den Feind schon überwältigt hatte, freute jene Soldaten desto

weniger. Sie hätten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklärten

die Männer im großen Heeresrath einmüthig, man müsse beim Strategion darauf

antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt.

Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine

Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber

einst neuen Krieg, dann stell' ich mich.

Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist in solchem Fall nicht sicher,

daß ein großes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von

Ohr zu Ohr gedrungen.

O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit mehr Wissen errungen haben,

antwortete Guido. Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an dem

schweren Geschoß, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhören. Die

Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf.

Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. »Wie, er

diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu können, was wir noch

nicht wissen?«

Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde.

»Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!«

Auch diese hat er gesammelt.

»Aber nicht in zulänglicher Summe.«

Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren

Urvätern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig

waren sie nicht. Sie prüften -- gingen vom Tadel zur Billigung über -- und

nahmen an.

Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt, die er gern zur Ausführung

bringen wollte. Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, sagte er im Rath

der Anführer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte,

laßt mich nun etwas für die Schönheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung

nicht verfehlen wird.

Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden

ihm beliebige Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl konnte er

entscheiden. Er ging eilig an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit

stillte bald seine Ungeduld.

Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die für einige

Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen Häusern an

Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch

Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner von der Länge einer Tanne, deren

hintere Mündung an einen großen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei

Männer durch einen Schnellhebel leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur

einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig

anklingen zu lassen, wenn das auszuführende Stück es verlangte. Aehnliche

Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr

tief und kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes Glockenspiel,

dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte.

Guido sahe bald alles dargestellt, und übte ins Geheim seine Künstler zur

Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit den Truppen.

Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der

Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hörbar. Töne

ermuthigen in der Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer

Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter

bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und

Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines großen Kampfes. Zu

den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel war verhüllt. Da

ließ Guido das mächtige Feldorchester über sie schweben, dreihundert

Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten

die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen.

Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf

Meilenfernen in gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der Gott der

Heerschaaren in den Lüften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien

zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt, wonnetrunken, horchten die

staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien

umströmt, bekämpfen können, riefen sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe

uns die wundervolle Magie.

Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle

Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die Erfindung ward

auch einmüthig angenommen, doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch nur

für den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran

gewöhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung höher reichte.

Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften

Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die

Arme schloß.

Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine Gestalt an Spiegeln, und

ward froher noch über die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen

Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden

zu überwältigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine

Schönheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung,

stellten sich die Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile

dar, heller glühte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rüstige

Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich

frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende

Bewußtsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im

Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken

gehalten, daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn ließ,

der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefühlen der Liebe

und den Entzückungen der Künste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes

Rundung emporgehoben, die ungestüme Heldengluth aber, in ihrer, besonders

den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthätigkeit, hatte sie schnell

hinausgedrängt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal

verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er

mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht

genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre mit dem Kinn, da

sie gleichwohl um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido sagte sich unter

diesen Umständen, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der

Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich muß

mehrere Gegenstände in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende

schwere Kraftübung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich

mich auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die die Empfindung

ausschließen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des

Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte Hülle weiter. Die

Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth.

Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen sendend:

»Einem andern Mädchen dürfte ich schon kühn nahen, und um ihre Hand werben.

Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu

Füßen, und schmücke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen

Vertrag, und darfst, du Göttliche, höhern Preis auf dich setzen. Je mehr

ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife

ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit weit hinaus liegt, über alles,

was schon Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren Erkennen

verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die

Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in meine Adern gießt. So aber

beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um

Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die

Göttin erhörte.«

Gelino sagte darauf, laß uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr

Schutz gegen die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer höher deckt

sich der Boden mit Schnee.

Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwächeren Greis

nachgebend, folgte er willig.

Sie traten am Abend in ein geräumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch

Oefen erwärmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen

über die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte

Gelino. Der Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und eilte um so eher zu

schreiben, weil ernsthaftere Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben

entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl,

wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört, weil ihm

dünkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den

Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Stärke

einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den

Städten, mittelst tief gewühlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer

einen Ausweg findet?

Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und träte

ja der Fall ein, würden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube

nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst

durch ganz Europa, wo Städte zertrümmert wurden.

Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend.

Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer.

Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten.

Du weißt viel, erfindest viel, dennoch schöpfest du zu wenig aus dem

rechten Quell.

Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein

weites Feld. O ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches

Andere.

Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit

Elementen vertrauen und deinem künftigen Denken neue Richtungen geben.

Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren

darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu

finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht

genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen

poetischen Anstrich. Entzückt sein, hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino

beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem jugendlichen Genie

könne erst die Gründlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß

uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino.

»Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?«

Eine noch bequemere.

»Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam

ich nicht unter dem Dache weg.«

Sie traten hinaus. Guido sah einen großen schönen Platz, ihm unbekannt. Was

ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz

Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen

Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.

O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lächelnd.

Guido blickte ihn verwundert an.

Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast

nur einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst glitten wir in den drei

Tagen sanft über den Schnee hieher.

Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein

wenig bangte. Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu kalt sein, und

wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich

nicht begreifen.

Sie besahen nun die schöne Stadt, reich durch einen üppigen Handel, und

einen glänzenden Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn

sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien

betäuben, als in seiner Lernbegier stören lassen.

Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts

mehr als die Wintergärten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen

grünender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche

Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine solche liebliche

Anstalt; die weitläuftigste darunter war jedoch öffentlich, wurde von der

Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswärtigen frei,

sich dort zu vergnügen.

Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen

im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von großem Umfang trugen

seine Gewölbe, und durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren künstlich

umhergeleitet waren, empfing die geläuterte, auf alle Weise fruchtbar

gemachte Erde, die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung.

Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch

ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem geräumigen Saal führte,

schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte

Thüren, damit die Kälte nicht eindränge, gelangte man weiter.

Aus diesem Saal führten andere Thüren in eine breite Gallerie, deren hohe

bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen.

Und wohin? Durch die starre Kälte, wie Dezember und Januar unter dieser

Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit

Eis behangen. Aufwärter reinigten die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und

säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz

beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte, das

Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grüne, auf

Veilchen, Jonquillen und Rosen.

Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht,

mit holdem Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche, aus denen

reizende Marmorgebilde winkten.

Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße Wandlung durch den kleinen

Platanenhain, an silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, wo sich

hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften öffneten.

Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff

nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen

und Hesperidengärten in die Erinnerung.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 5 / 16 段