begünstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er
an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte
ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte
er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an,
verdachtloser weiter handeln zu können. Er ging einigen Anderen vorüber,
die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben und gelangte
glücklich in das Zelt. Hier standen viele große Flaschen mit der
tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er
nahm eine davon, und schlich weit rückwärts in den Wald, indem die Nacht
dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, zündete er ein kleines
Feuer an, was seinen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich
niederzusenken.
Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte
durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn
das Gefecht hatte eine unglückliche Wendung genommen, die Europäer waren
weit zurück gedrängt worden.
Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost,
rief er, ich bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich finden.
Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die
Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge zu
fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in großer Zahl
schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden
hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthüllte sich schon aus der Natur
dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rückwärts liegenden
Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte.
Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu
fürchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trübte
einen so rein verdienten Dank.
Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl. Jeder im Heerhaufen nährte
denselben Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das erste Lehrjahr
bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man
zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war.
_Guido_ stand auf jedem Papier.
Er war beschämt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer
Freude. »Was wird Ini sagen, wenn sie davon hört!« dachte er, dann -- gab
er Befehle.
Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das
Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um
nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu können. In
der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg an, um sich in den Rücken
des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an den
Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die
Tatarn nicht dringen konnten, begünstigte an einer Seite den Entwurf, an
der andern ließ Guido schnell eine Meile lang die Bäume mit Knallsilber
umwerfen, daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre.
Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nämlichen Minute. Die Tatarn
erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne
wurden. Ja, Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten,
die Verwundeten der Europäer bedienten sich eines Gegenmittels. Die
nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit über
diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden
zu fliehn.
Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht,
da zu beiden Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf hatten die
europäischen Waffen den Vorzug.
Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend, sammelte auf den Ton eines
weitschallenden Instrumentes eine große Masse und suchte mit dieser
durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger
Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine große Mine,
deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den
unterwühlten Boden betreten hatte.
Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether
zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die
Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen Gäule und Menschen, wieder dem
Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man
erwartet hatte. Manche darunter wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von
einem großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren
glücklich, und bestieg ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn zu
vollenden.
Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern
Gegend. Guido ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten
an. Nicht überall konnten die chinesischen Schilde decken, große
Verheerungen bewirkten die europäischen Feuerröhre. Endlich traf Guido auf
den Feldherrn selbst, ein innig gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns
beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben!
Der Tatarfürst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie würde, wohl
zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem
Schwerte hinweggeschlagen hätte. Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun
gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den
Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit
fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im
Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach,
verwundete es tödtlich, und Guido mußte auf den Boden springen.
Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse über den Haufen zu rennen.
Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und
fühlte neue Kraft durch seine Adern strömen. Er wich rechts und links dem
schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in
seinen Bauch. Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem es durch die
letzte krampfhafte Bäumung den Reuter weggeschleudert hatte.
Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Füßen und Schwert gegen
Schwert wüthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an ihrer Kraft
brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch
übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich
damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.
Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen,
doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft
verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und
neue Götterflammen strömten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung
lebte auch das Triumphgefühl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den
Tatar empor zu heben und ungestüm gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der
Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens
waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.
Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die
an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europäer ließen
Sieggesang ertönen, die Räuberhorden flehten um Gnade und lieferten die
Waffen ab.
Man fand großen Raub im Lager, den Guido unter die geplünderten Landleute
vertheilen hieß. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum
Andenken des Tages zuzueigenen.
Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen
auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend
eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurück nach dem großen Lager. Das Volk
der Gegend erwartete Guido überall an den Wegen, und brachte dem Retter von
Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthränen.
Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern
Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten
entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht
vollen Widerstand leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte im
Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter
verhaßt und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie
auszurotten. Seit Jahrhunderten wußte man nichts mehr von Kinderblattern,
die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch
verbannt, daß einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem
ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person,
ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde.
Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die
Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher
Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Mäßigung in den
Leidenschaften, gestählten Organisazionen. Geist und Körper bewegten sich
bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte man die Sorge für gesunde
Nahrung, als daß Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer Gebrauch
der Milch bei den Kindern, viel frühes Laufen in freier Luft, bildeten die
Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur höchst seltne
Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten
Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen
verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung,
als bei zufälligen äußeren Wunden, oder der auch nicht schwierigen
Geburtshülfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel geübte, und
auf das Leben überall angewandte Kunst, und bekleideten demnächst, bei den
Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer höher reichte das Leben der
Menschen hinauf, immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose
Entkräftung hinaus.
Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein,
der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte.
Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in
sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer
doch nur zufällig, wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte ich es selbst
entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen.
Daß er den Feind schon überwältigt hatte, freute jene Soldaten desto
weniger. Sie hätten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklärten
die Männer im großen Heeresrath einmüthig, man müsse beim Strategion darauf
antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt.
Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine
Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber
einst neuen Krieg, dann stell' ich mich.
Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist in solchem Fall nicht sicher,
daß ein großes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von
Ohr zu Ohr gedrungen.
O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit mehr Wissen errungen haben,
antwortete Guido. Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an dem
schweren Geschoß, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhören. Die
Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf.
Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. »Wie, er
diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu können, was wir noch
nicht wissen?«
Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde.
»Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!«
Auch diese hat er gesammelt.
»Aber nicht in zulänglicher Summe.«
Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren
Urvätern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig
waren sie nicht. Sie prüften -- gingen vom Tadel zur Billigung über -- und
nahmen an.
Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt, die er gern zur Ausführung
bringen wollte. Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, sagte er im Rath
der Anführer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte,
laßt mich nun etwas für die Schönheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung
nicht verfehlen wird.
Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden
ihm beliebige Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl konnte er
entscheiden. Er ging eilig an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit
stillte bald seine Ungeduld.
Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die für einige
Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen Häusern an
Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch
Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner von der Länge einer Tanne, deren
hintere Mündung an einen großen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei
Männer durch einen Schnellhebel leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur
einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig
anklingen zu lassen, wenn das auszuführende Stück es verlangte. Aehnliche
Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr
tief und kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes Glockenspiel,
dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte.
Guido sahe bald alles dargestellt, und übte ins Geheim seine Künstler zur
Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit den Truppen.
Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der
Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hörbar. Töne
ermuthigen in der Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer
Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter
bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und
Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines großen Kampfes. Zu
den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel war verhüllt. Da
ließ Guido das mächtige Feldorchester über sie schweben, dreihundert
Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten
die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen.
Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf
Meilenfernen in gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der Gott der
Heerschaaren in den Lüften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien
zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt, wonnetrunken, horchten die
staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien
umströmt, bekämpfen können, riefen sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe
uns die wundervolle Magie.
Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle
Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die Erfindung ward
auch einmüthig angenommen, doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch nur
für den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran
gewöhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung höher reichte.
Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften
Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die
Arme schloß.
Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine Gestalt an Spiegeln, und
ward froher noch über die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen
Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden
zu überwältigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine
Schönheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung,
stellten sich die Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile
dar, heller glühte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rüstige
Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich
frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende
Bewußtsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im
Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken
gehalten, daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn ließ,
der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefühlen der Liebe
und den Entzückungen der Künste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes
Rundung emporgehoben, die ungestüme Heldengluth aber, in ihrer, besonders
den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthätigkeit, hatte sie schnell
hinausgedrängt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal
verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er
mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht
genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre mit dem Kinn, da
sie gleichwohl um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido sagte sich unter
diesen Umständen, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der
Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich muß
mehrere Gegenstände in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende
schwere Kraftübung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich
mich auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die die Empfindung
ausschließen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des
Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte Hülle weiter. Die
Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth.
Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen sendend:
»Einem andern Mädchen dürfte ich schon kühn nahen, und um ihre Hand werben.
Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu
Füßen, und schmücke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen
Vertrag, und darfst, du Göttliche, höhern Preis auf dich setzen. Je mehr
ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife
ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit weit hinaus liegt, über alles,
was schon Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren Erkennen
verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die
Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in meine Adern gießt. So aber
beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um
Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die
Göttin erhörte.«
Gelino sagte darauf, laß uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr
Schutz gegen die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer höher deckt
sich der Boden mit Schnee.
Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwächeren Greis
nachgebend, folgte er willig.
Sie traten am Abend in ein geräumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch
Oefen erwärmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen
über die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte
Gelino. Der Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und eilte um so eher zu
schreiben, weil ernsthaftere Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben
entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl,
wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört, weil ihm
dünkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den
Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Stärke
einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den
Städten, mittelst tief gewühlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer
einen Ausweg findet?
Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und träte
ja der Fall ein, würden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube
nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst
durch ganz Europa, wo Städte zertrümmert wurden.
Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend.
Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer.
Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten.
Du weißt viel, erfindest viel, dennoch schöpfest du zu wenig aus dem
rechten Quell.
Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein
weites Feld. O ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches
Andere.
Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit
Elementen vertrauen und deinem künftigen Denken neue Richtungen geben.
Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren
darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu
finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht
genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen
poetischen Anstrich. Entzückt sein, hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino
beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem jugendlichen Genie
könne erst die Gründlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß
uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino.
»Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?«
Eine noch bequemere.
»Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam
ich nicht unter dem Dache weg.«
Sie traten hinaus. Guido sah einen großen schönen Platz, ihm unbekannt. Was
ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz
Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen
Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.
O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lächelnd.
Guido blickte ihn verwundert an.
Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast
nur einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst glitten wir in den drei
Tagen sanft über den Schnee hieher.
Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein
wenig bangte. Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu kalt sein, und
wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich
nicht begreifen.
Sie besahen nun die schöne Stadt, reich durch einen üppigen Handel, und
einen glänzenden Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn
sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien
betäuben, als in seiner Lernbegier stören lassen.
Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts
mehr als die Wintergärten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen
grünender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche
Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine solche liebliche
Anstalt; die weitläuftigste darunter war jedoch öffentlich, wurde von der
Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswärtigen frei,
sich dort zu vergnügen.
Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen
im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von großem Umfang trugen
seine Gewölbe, und durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren künstlich
umhergeleitet waren, empfing die geläuterte, auf alle Weise fruchtbar
gemachte Erde, die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung.
Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch
ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem geräumigen Saal führte,
schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte
Thüren, damit die Kälte nicht eindränge, gelangte man weiter.
Aus diesem Saal führten andere Thüren in eine breite Gallerie, deren hohe
bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen.
Und wohin? Durch die starre Kälte, wie Dezember und Januar unter dieser
Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit
Eis behangen. Aufwärter reinigten die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und
säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz
beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte, das
Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grüne, auf
Veilchen, Jonquillen und Rosen.
Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht,
mit holdem Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche, aus denen
reizende Marmorgebilde winkten.
Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße Wandlung durch den kleinen
Platanenhain, an silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, wo sich
hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften öffneten.
Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff
nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen
und Hesperidengärten in die Erinnerung.