In früheren Zeiten galt es erschöpfende Anstrengung, wenn Reuterei etwa

eine Viertelmeile im vollen Rennen zurücklegte. Jetzt hatten die wild

aufgewachsenen, durch Uebung immer mehr gekräftigten Kampfrosse, Athem

genug, dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie sowohl als der

Reuter gepanzert waren, und oft noch ein Schütz hinten auf saß, der denn im

vollen Laufe, entweder über des Reuters Schultern, oder rechts und links,

feuerte.

Auf große Abstände bediente sich diese Waffe schon des Feuerrohrs, Hundert

Schritte vom Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen zu

schleudern, zwei andere Spieße, die ein leichter Mechanismus senkte oder

hob, waren an des Reuters Füßen befestigt.

So geschah der Einbruch. Zuletzt strömten weite Pistolen noch kleine Kugeln

und Raketen, dann wüthete das Schwert.

Doch der Feind traf auch Gegenmaaßnehmungen. Das Fußvolk zog in

bewundernswerther Geschwindigkeit Gräben mit Lanzen ausgespickt, über

welche die Kampfrosse fielen. Reuterei warf Fußangeln an dünnen Stricken

weit hinaus, den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber auch gleich wieder

aufzunehmen, wenn es Verfolgung galt.

Die jungen Männer, welche hier Anstellung fanden, mußten, neben dem schon

vergangenen Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im Reiten, im Schießen

vom Sattel, und dem Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben.

Mitgebrachte Vorkunde und glückliches Auffassungvermögen minderten

gleichwohl diese Zeit.

Weit bewundernswerther als andere Waffen, trat jedoch die Artillerie auf.

Wie würden die Männer aus dem achtzehnten und dem Anfange des neunzehnten

Jahrhunderts, welche dem großen Geschoß vorstanden, haben staunen müssen,

wenn ihnen ein Blick auf ihre späten Nachfolger, von jenseits der Gräber

her, wäre vergönnt gewesen. Es wurde schon bei Gelegenheit der Festen

gemeldet, welche Kaliber die dermalige Zeit sah, allein auch im Felde

leiteten Metallehre, Scheidekunst und Bewegungstheorie, das Geschäft des

Verderbens wundersam.

Vervielfältigt waren die Mittel, dem Rücklauf zu begegnen, und so konnte

der Konstabel sich leichter Röhre bedienen, wenn sie gleich schwere Ballen

fortzutreiben vermochten. Es gab viele derselben auf einem Gestell, die mit

Lademaschinen in unglaublich kurzer Zeit nach einander den Tod spieen.

Andere wieder, auf so hohen Wagen, daß sie über Fußvolk und Reuterei

emporragten und durch diese gedeckt, von hinterwärts ihre Zerstörung

aussandten. Es gab feuerfeste Wandelthürme, in vielen Stockwerken mit

Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten, auf allen ihren Seiten

Batterien. Wie schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen hätte

schon um Jahrhunderte früher vorhanden sein können, wenn damals nicht eine

so große Geistesträgheit unter den Kriegern zu finden gewesen wäre, wenn

nicht manche Völker es vorgezogen hätten, dem Verderben zuzueilen, als das

Genie über die Maasregeln ihrer Rettung zu hören. Das war nun freilich

späterhin anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er klüger war, als der

Haufe, der Verstand war kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft schaffte

diese Wandelthürme, diese Wandelschanzen fort, und es ist gar so schwer

nicht, die Möglichkeit zu ahnen.

Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stücke nicht auf Wagen, sondern bei

sich an den Sätteln, in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden

zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich noch schneller als die gewöhnliche

Reuterei, indem sie die vorzüglichsten Pferde empfing, und jener im

Ansprung voraus eilen mußte, durch einige schnell angebrachte Lagen die

Bahnen aufzuhellen.

Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier wurden unter andern die

Feuermaterien gemengt, deren Flammen sich überall vertilgend anhingen. Die

Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche Reihe so damit, daß ein dichtes

Glutmeer über sie hinströmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt geizte

die Artillerie nach der Ehre, Schlachten und kleinere Gefechte zu

entscheiden, ohne daß andere Massen Theil daran nahmen, was auch oft

gelang.

Den Krieg unter der Erde führten die Minirer. Reutereiangriffen, wie sie

jetzt angethan waren, dem schnellen Heranbringen mordender Batterien,

konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung entgegen gestellt werden, wenn

der Boden an Stellen, wo sie vorüberkamen, unterhöhlet, und Mine an Mine,

mit reinem Knallsilber gefüllt, gereiht wurde. Dann ließen sich Tausende

leicht zerreissen, nach den Wolken senden. Selten ward ein Lager bezogen,

wo die rüstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich die ganze Linie mit

ihren verborgenen Werken umgürtet hätten. Brachten sie diese nun zum

Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben Vulkan spie, und die flüßigen

Feuer strömten, der Lava gleich, weit umher.

Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der Angreifer zu sinnen, wie er seinen

Kohorten, vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies konnte nicht anders

als unter seinem Rande geschehen. Daher mußten die disseitigen Minirer

zeitig ihren Weg antreten. Große Erdbohrer, durch Maschinen in Bewegung

gesetzt, dienten zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die höllischen Anlagen

aufzufinden und durch eine frühere Brandstiftung sie unschädlich zu machen.

Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung entsetzlicher Naturkräfte!

Doch dies fürchterliche Verfahren war nothwendig geworden, man durfte sich

nicht ungestraft an Mordkunst überbieten lassen. Und die Möglichkeit

solcher Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden zur ersten

Tugend der Menschheit zu erheben. Noch hörten aber nicht alle Völker

darauf.

Wer nun von den jungen Soldaten in eine der kunstreichen Truppenarten

aufgenommen worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre empfangen

hatte, konnte nach Belieben wieder austreten, denn es war nützlich, unter

den Bürgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter zu wissen. Es war nun

eine Befreiung von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr Lohn.

Wer aber noch länger zu weilen Lust zeigte, trat ins große Heer, wo sein

Dienst zehn Jahre währte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen, welche

entweder die Besatzung der Festen bildeten, oder der Uebung junger Rekruten

oblagen. Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger im offenen Felde dürfe

mehr als dreißig Jahre zählen. Man kannte den leichten, die Gefahr

höhnenden Sinn, welcher allein mit der Jugendkraft verbunden ist.

Nothfällen blieben Ausnahmen vorbehalten.

Die Beförderung zu höheren Stellen bestimmte die Dienstzeit. Im Frieden

ward dies durchaus nicht abgeändert, eine Auszeichnung war da selten, weil

alle ebenmäßig gebildet wurden. Im Kriege galten Großthaten Pflicht, und

die Voraussetzung, Niemand werde ihrer ermangeln, wenn ihm die Gelegenheit

winkte. Es ist schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. Die Abwesenheit

desselben bei Vielen, wird stillschweigend eingestanden, wenn des Einzelnen

Lob darum ertönt.

Doch _Anführer_ großer Heerhaufen wurden nach Maaßgabe des höheren Genies

ausgewählt, das sie beurkundeten. Sie mußten in den Kriegsübungen, während

vieler Jahre, keinen Tadel verwirkt haben. Sie mußten aus den Schulen ihrer

Theorien, welche sich bei den Heeren befanden, vortheilhafte Zeugnisse

mitbringen. Sie mußten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl

besteigen, denn man wußte gar wohl, wie auch der beste Kopf lehrend am

meisten lernt. Sie mußten in gehaltvollen Schriften beweisen, daß sie die

Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, und ihren einzelnen Abtheilungen nach,

ergründend verständen, sondern daß sie sie auch mit neueren Ansichten zu

bereichern wüßten. Gute Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften

Vortheil über die der Nachbaren errang, gaben endlich den Ausschlag, der

Zahl derer beigesellt zu werden, aus welcher man Heerführer wählte.

Dies geschah aber von Seiten des Heeres selbst. Die meisten Stimmen, im

Geheim ertheilt, entschieden. So konnten keine unreine Mittel angewandt

werden, ein solches Amt zu erlangen. Auch war es nicht ausführlich,

Hunderttausend Mann zu bestechen. Nur ächte, keine Scheingenialität, konnte

wohl mit ihrem Rufe so weit dringen, daß die Mehrheit einer solchen Zahl in

ihren Wünschen gewonnen ward. Dann sandte der aus den Aeltesten

zusammengesetzte Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das Strategion,

eine Körperschaft alter Feldherrn und Kriegsgelehrten, ihre Gründe

untersuchte und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Bestätigung vorgelegt

werden sollte, oder nicht. Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder

Nein.

So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen Frage: wer seinen

trefflichen Heeren gebieten sollte?

Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten, so kosteten sie dem

Staate nichts. Gewissermaaßen nichts.

Denn jener zehnjährige Dienst nach den Lehrjahren, er mochte bei den

künstlerischen Truppenarten oder nur bei dem einfacheren Fußvolke Statt

haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu schwierig für sich fanden,) ward

nicht allein mit Kriegsübung hingebracht. Dies hätte man unnöthig,

überflüssig gefunden. Die großen Heere tummelten sich drei Monate im Jahr.

Und dabei wählte man nach einander Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter.

Dies schien hinlänglich, das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt zu

haben, und der Strenge jeder Witterung Trotz bieten zu können. Zudem hatten

diese Uebungen so viel Praktik als immer thunlich blieb. Zwei Heere

bildeten sich und verfuhren als Feinde gegen einander, auf alle Weise die

Wirklichkeit darstellend, nur daß freilich die Röhre nicht mit Kugeln

versehen waren. Gleichwohl ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf es

auch bei Menschen, deren ganzes Wesen die Gefahr geringschätzen soll, nicht

ankommen muß. In der Hitze des Streits blieb hie und da ein Krieger, und

ward dann, als ob Ernst bestanden hätte, an den Ehrensäulen genannt, welche

der Nachwelt die Namen derer übergaben, die im Kampfe mit des Vaterlands

Feinden gefallen waren.

Nun hatte aber der Staat seit lange den Heeren Ländereien übergeben. In den

Provinzen, Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden der vormaligen Türkei

von Europa, gab es überflüssige Waldungen, unbewohnte Steppen, Moräste, die

einer Austrocknung fähig waren, in Menge. Auch fanden sich hie und da

Bergwerke, zeither ungenützt und ergiebig. In den neun Monaten, wo nun die

Soldaten sich nicht mit den Waffen beschäftigten, war ihr Beruf, zu

urbaren, zu bauen, zu säen, zu pflanzen, zu ärnten. Dies war im Laufe der

Zeit schon weit gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte

Besitzungen.

Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing auch Jeder seinen Antheil,

den er für sich bearbeitete, doch auch die Obliegenheit, einer

nebenliegenden Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese war Vermögen der

Gesammtheit, welche, durch die Menge derselben, sich eines hohen Reichthums

erfreute. Aus den Einkünften davon, konnte nicht allein der Sold für die

Rekruten und Veteranen, bestritten werden, sondern sie waren auch die

Quellen, aus denen man zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten

schöpfte.

Das Heer ließ seine Magazine mit Korn füllen, und häufte hier immer

Vorräthe für mehrere mögliche Kriegsjahre auf. Es zog seine Pferde in den

wilden Stutereien. Es ließ seine Kupferminen, seine Eisen- und

Schwefelbergwerke bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak und andere

Gegenstände für seine Waffenfabriken und chemische Laboratorien in

Ueberfluß. Auf Kunststraßen, welche es bauen half, schafte es mittelst ihm

zugehöriger Prahmwagen sie leicht an die Orte, wo diese Fabriken angelegt

waren. Die Wolle seiner Schäfereien, die Linnen seiner Flachsschollen,

kleideten die Soldaten. Die Veteranen, nach dem dreißigsten Jahre

keinesweges veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe

Einrichtungen in früheren Zeiten, wo man den Müßigang der Krieger willig

duldete und sie dadurch vielseitig verdarb, nie ins Dasein gerufen.

Gelino machte nun dem Zögling bekannt, wie er, als europäischer Bürger,

sich nun werde gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. Guido

hörte das mit innigem Vergnügen, von jeher hatte das Kriegshandwerk für

seine lebhafte Einbildung unsägliche Reitze gehabt, und immer hoffte er

einst Ruhm darin zu finden, wenn schon eben keine Aussicht zu ernstlichen

Kämpfen bestand.

Drittes Büchlein.

Guido im Heere.

Der Lehrer führte ihn einige Meilen von Moskau weg, wo eben die große

Uebung des Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jüngling der strahlende

Waffenglanz, der laute Donner so vieler Feuerröhre, deren Rauchwolken den

ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen und wieder mit tausendfachem Blitz

erhellten. Am fernen Boden schlängelten sich der Minen Lavabäche, wenn ihre

Erdberge emporstiegen.

Nachdem die Truppen die heutige Uebung geendet hatten, begab sich Gelino

mit seinem jungen Freund, zum Anführer. Er stellte ihm Guido vor und

übergab dabei ein Schreiben. Der Feldherr blickte den Jüngling wohlgefällig

an, und brach darauf das Siegel. Nachdem er gelesen hatte, sagte er: Wohl

scheinst du es werth, Jüngling, daß der Kaiser dich selbst empfielt. Er muß

dich vortheilhaft kennen gelernt haben, große Wärme spricht in seinem

Briefe, und deine Miene betrügt auch wohl kein Vertrauen. Doch verlangt

deines Beschützers Weisheit unfehlbar nicht, daß ich dir unverdienten

Vorzug einräume. Zeige jedoch Willen und Kraft, so kann die Ehre im Heere

geachtet zu werden, dir nicht entstehn.

Guido ward verlegen, da er von dem Briefe des Kaisers nichts wußte. Doch

antwortete er mit bescheidenem Selbstgefühl: er achte sich zu sehr, eine

Auszeichnung zu verlangen.

Er hatte nun die Prüfung zu bestehn. Seine seltne Gewandheit in

Leibesübungen erregte Staunen, er war so keck, die Behendesten im Laufen,

die Stärksten im Ringen, die Rüstigsten im Schwimmen, zum Wettkampf

einzuladen, und trug den Sieg davon. Eine Probe seiner geometrischen

Uebersicht abzulegen, schwang er sich an einen Luftball empor, und entwarf

binnen einer Stunde eine höchst genaue Charte des sichtbaren Landhorizonts.

Auch anderweitig bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern zur

Bewunderung der Anwesenden, was dem Lehrer Gelino süß schmeichelte.

Er empfing seine Waffen und begann die Uebungen froh. An Ini schrieb er:

Ich trage nun das Kriegerkleid. Neue Kraftübungen werden meine Formen

entfalten, der hohe Gedanke an Heldenthum, verbunden mit dem entzückenden,

verklärenden an dich, werden mir endlich die Gestalt vollenden, welche

deiner allein werth sein kann.

Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin über das Schwere. Sorge und wache.

Liebe stärke dich!

Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare Einwirkungen. Jedes

Geschäft geht leichter von dannen, der Genius erwacht, trägt bald auf den

Gipfel des Vorhandenen und läßt höhere Vollkommenheit umfassen.

Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe mit dem scharfen Spaten bald,

und führten Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein geübtes Auge

brauchte in wenigen Wochen das Feuerrohr so fertig, daß er nie sein Ziel

fehlte.

Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen, dir ist schon alles

bekannt, was der Fußsoldat wissen muß, um zu seinem Haufen zu gehen.

Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er hatte nachgedacht, ob man nicht

über den Erdwurf feuern könne, ohne das Haupt dem feindlichen Geschoß zum

Ziel darzubieten. In der Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er ließ

sich ein hakenförmiges Sehrohr fertigen, das die Lichtstrahlen in einen

Winkel brach, und sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben versehn. Nun

blieb er ganz hinter der Erdwehr liegen, und sah durch sein Instrument

dennoch darüber hin. Der Schuß erfolgte da bei aller eignen Sicherheit. Er

zeigte den Veteranen, was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm großen Beifall

zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr an die Rathsversammlung des Heeres,

welche neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie war von dem wichtigen

Nutzen der vorliegenden zur Stelle überzeugt, und schickte sie wieder durch

einen Eilboten dem Strategion zu Rom. Dieses antwortete bald: Man hätte

sogleich alle Feuerröhre der Fußsoldaten auf die vorgeschlagene Weise

umzuändern.

Man sprach beim ganzen Heere von diesem Ereigniß. Durchaus war es neu, daß

ein Jüngling, nur einige Wochen unter den Waffen, schon eine Abänderung

beim Heere veranlaßt hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte

liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche Anwendung. Wenn es

diesmal auf einmüthigen Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann die

Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung.

Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit los, ein Lehrjahr bei den

Fußsoldaten zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine andere Waffe zu

treten, und er wählte die Reuterei.

Grade waren Pferde aus der eingehegten Wildniß angelangt, und der Führer

des Zuges klagte über die Unbändigkeit des einen darunter, rathend, es als

unbrauchbar zu tödten. Guido bat um die Gunst, es versuchen zu dürfen. Man

wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend, schon die bewährtesten Reuter

hätten Unfälle mit diesem Thiere gehabt. Jener ließ aber nicht nach, zäumte

und sattelte das Roß, bei allem Widerstreben, und schwang sich darauf. Es

bäumte sich hoch, Guido drückte ihm mit starkem Arm den Kopf nieder. Es

ging, dem Zügel nicht mehr gehorchend, athemlos ins Weite. Guido riß ihm

den Kopf herum und brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines Meisters

gewahrend, bequemte sich die üppige Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte

das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es vor aller Augen an einen

Bombenmörser, und ließ ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger Sprung zur

Höhe folgte, der Jüngling saß fest und hielt sein Thier auch zugleich

wieder an, es kühn mit dem Sporn für die Unart strafend. Es schnaubte Wuth,

wagte aber, bei einem zweiten Schuß, nicht mehr, von der Stelle zu gehn.

Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine Ohren, erlegte tausend

Schritte davon einen Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein Pferd

rührte sich nicht.

Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprüche, und er dachte geheim: Hätte mich doch

Ini jetzt gesehn!

Eine freundliche Aufnahme in die Reihen war sein Lohn, und das Verlangen,

dies Pferd für den Dienst behalten zu dürfen, fand Bewilligung.

Er bewies sich bald so tüchtig als Reuter, daß die Veteranen urtheilten, es

bedürfe hier durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er aber, zu dem

großen Heere gesandt zu werden, und das aus folgendem Grunde:

Der Cäsar von Neu-Persien hatte Asien im Besitz, mit Ausnahme von Japan und

China. Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen immer glücklichen

Widerstand geleistet, jenes durch seine abgesonderte, meerumflossene und

durch Felsenküsten sichere Lage, dieses mittelst seiner ungeheuren

Bevölkerung, und indem es, aufgeweckt durch die nähere Gefahr, das

Volksgenie auch geweckt und in den Kriegskünsten neuer Zeit mitgestrebt

hatte. Grade war aber eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser

Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt worden, der, Unfug und

Verheerung übend, den Gränzen von Europa nahte.

Man sandte eine Heerabtheilung, meistens Reuterei, entgegen, im Fall sie

sich nicht entblöden würden, das diesseitige Gebiet zu betreten, und da

Guido sehnlich wünschte, dem etwanigen Feldzuge beizuwohnen, drang er so

lebhaft darauf, zum Heer gesandt zu werden, was auch geschah.

Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig sammelte sich die Menge, den

Jüngling zu sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht hatte und für den

kräftigsten Rossebändiger galt. Die Art, wie er unter den neuen Kameraden

auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und Gewogenheit.

Es ging zur Gränze, wo eilig das Gerücht einlief, schon wären mehrere

Dörfer geplündert und verwüstet worden. Der Anführer nahm seinen Marsch in

die Gegend, welche, die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen

durchschnitten.

So leicht der europäische Stolz diesen Krieg gewürdigt hatte, so

furchtbar-schwer war er zu führen. Die Waldungen deckten den Feind. Man

konnte sich nicht über seine Zahl oder Stellung erkundigen, weil die

leichten Truppen, für dies Geschäft dem Heere zugetheilt, nicht von oben

herab durch die Kronen der Bäume zu blicken vermogten. Die Tatarn verbargen

sich geschickt, drangen dann unvermuthet in wilden Haufen hervor, fielen

mit Ungestüm an, und entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den

Vortheil auf ihre Seite brachte. Denn ihre Pferde, welche Klugheit bei

Zucht und Anlehrung der europäischen auch thätig war, hatten den Vorzug.

Die berittene Artillerie ließ sich in den Gehölzen nicht brauchen, wider

die kleineren Röhre bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit einem in

China erfundenen Lack überzogen, der bei großer Leichtigkeit Reuter und

Pferd deckte, im Anrennen vorn, im Weichen hinterwärts Gebrauch fand.

Schlimmer wie alles das, konnte man ihre Pfeile ansehn, womit sie überaus

geschickt trafen, und den gepanzerten Mann entweder im Gesicht oder an den

Händen verwundeten. Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht, das nicht

allein den Getroffenen hinraffte, sondern auch sich epidemisch mittheilte.

Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, mußten mit einem schirmenden

Gegenmittel versehen sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen hörte.

Groß war, bei allem anerzogenen tapfern Sinn, die Bestürzung, als der Tod

in den europäischen Reihen wüthete. Die Aerzte wußten keinen Rath, fanden

selbst ihr Grab. Der Anführer wagte einen verwegenen Streich, wurde aber

mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen.

Die Truppen wählten einen neuen Gebieter, der einstweilen sein Amt

übernahm, bis die Bestätigung darin eingelaufen sein konnte. Es war der

Sohn eines vornehmen Fürsten, welcher demungeachtet der erforderlichen

Eigenschaften nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine kräftige Anrede,

worin er die Nothwendigkeit bewies, die Räuber zu vertilgen, wenn dem

ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest drohen sollte; mahnte jeden an,

den Sinn der Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, auf welchen

Wegen sich der entsetzlichen Gefahr begegnen ließ. Der Feuerwille, im Kampf

dem Tode zu trotzen, ließ sich auch überall wahrnehmen, doch die natürliche

Furcht vor der Pest bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager tönte

Wehklage, da keine Minute verging, wo nicht ein Freund dem Freunde starb.

Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in Moskau geblieben war: Komme ich

um, so sage Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den Lippen entflohn,

vielleicht aber gelingt es mir, ruhmgekrönt wiederzukehren, denn ein

Wagstück ist mir beigefallen, das uns retten kann.

Er ging zu dem Heerführer, bat sich einen Luftnachen und einige

muthbewährte Männer aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den

Spähtruppen? fragte jener. Vertraue mir um was ich bitte, hieß die Antwort,

ich will mein Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu fernen.

Wohlan! Und möge das Glück dich geleiten.

Guido stieg hoch in die Lüfte auf, begab sich über den Feind und blickte

mit einem treflichen Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein

Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer vergeblicher Mühe entdeckte er

in der Waldung einen kleinen offnen Raum, wo ein prächtig Gezelt stand.

Hier ist ohne Zweifel der tatarische Feldherr, sagte er zu seinen

Begleitern, dies wollte ich erkunden.

Jetzt schwebt er zurück über das eigne Lager, und ließ einen Brief

niederfallen, in welchem er den disseitigen Heerführer bat, einen Angriff,

wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach einer halben Stunde, daß

seine Bitte Gehör gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die Glieder

rückten aus.

Jetzt mußten ihn die Adler wieder über jenen lichten Raum bringen, hoch

genug, daß, bei ohnehin trüber Luft, er nicht mit bloßen Augen zu entdecken

war. Sein gutes Fernrohr zeigte ihm aber bald, wie auf den Schlachtlärm ein

vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich begleitet sich aufs

Kampfroß schwang und vorwärts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten in

einiger Entfernung wachend das Hauptquartier.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 4 / 16 段