schwelgende Erinnerungen bewahrte. Er schrieb durch ein Täubchen an Ini von
seinem Entzücken, setzte aber hinzu: Du bist dennoch schöner als jedes
Mariabild, jede Muse oder Valkire, die ich sah.
Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau dem alten nachgeahmt, dessen
Säulengänge einst so große Summen gekostet hatten. Phidias alte
Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein, ward durch eine Heilandsmutter in
gediegenem Golde vertreten, der dieser Tempel nun geheiligt war.
Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwürdigkeiten zeigte, hub an: Du
siehst Athen der Welt in seinen Schönheiten wiedergegeben, doch die
Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit den Archonten kämpfende, den Pnix
mit Geschrei und Streit erfüllende Volk der Vorzeit nicht. Diese
Erscheinungen dulden unsere besseren Tage nimmer. Wir könnten noch das
Odeon besuchen, wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bühnen, wo man
Sophokles, Euripides und Aristophanes Schöpfungen darstellen sieht, doch in
diesen Vorwürfen wird Athen anderweitig übertroffen, und die Reise eilt.
Wir wollen jetzt nach der Gränzfestung des Staats, lerne dort, wie man
mächtig der Feinde Angriffe wehrt. Nicht immer kannst du bei den lieblichen
Künsten weilen.
Diese Gränzfestung war jetzt die Citadelle bei Konstantinopel. Die
ehemalige Bevölkerung der Stadt hatte durch den politischen Wechsel um mehr
als die Hälfte abgenommen, und die Lage daneben, eignete sich zu ihrer
gegenwärtigen Bestimmung. Lange zwar hatte Europa keinen Krieg mit dem
Morgenlande geführt, aber die Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die
Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein.
Doch über der Meerenge winkte auch eine Feste von ähnlichem Umfang, und
beim Ausbruch eines Krieges ließ sich voraussehen, daß sie einander
wechselseitig beschießen würden; denn der Abstand der Citadelle von
Konstantinopel bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, wurde von der
nunmehrigen Artillerie bequem abgereicht.
Schon lange hatte man dem Schießpulver neue Bestandtheile gegeben. Seine
Wirkung ging nicht mehr von der Elastizität des sich entbindenden
Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases allein aus, man mengte dem
Salpeter noch Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem und zu
leichtem Entbinden eine chemische Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses
Pulvers zerstörende Gewalt.
Die Metallröhre schossen Kugeln von funfzig bis zu dreihundert Pfunden auf
zwei oder drei Meilen, die Mörser warfen noch weiter, und schwerere Lasten.
Da aber der Erdkrümmung halber die Fläche kaum eine Meile sichtbar ist, so
mußten die Stücke auf hohe Berge geschafft werden, wenn sie in weiter
Entfernung ihr bestimmtes Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr war dann
an den Visirpunkt befestigt, und bei der scharfen Genauigkeit der
Drehewerke, womit sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur selten
verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem Umfang, trugen deren andere in sich,
die abermal mit kleineren gefüllt waren, welche zuletzt unvertilgbar Feuer
in sich trugen. Der Artillerist wußte die Bahn, welche sie zu durchfliegen
hatten, dem Raume und der Zeit nach, auf die Sekunde zu berechnen,
besonders da auch ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit welchem die
Luft ihm entgegen streben würde, vollkommen unterrichtete. Weil daneben,
bei Verfertigung des neuen Pulvers, mit einer so großen Gewißheit verfahren
wurde, daß ein davon bereiteter Zünder, jedesmal die Explosion in dem
Augenblicke vollzog, den der Konstabler wünschte, (eine Fertigkeit, welche
man Ehedem nicht errang), so ward, indem man nach einer feindlichen Stadt
warf, die Entzündung gemeinhin bewirkt, wenn die Bombe in der Höhe von
einigen hundert Schuhen über den Dächern angekommen war. Nun breiteten sich
die größeren Granaten der Füllung, deren Explosion nach Maaßgabe der Größe
des Orts erfolgte, so aus, daß dieser mit den letzten Kugeln und den
Trümmern der schon gesprungenen, überdeckt wurde, wobei das nach allen
Richtungen sprühende Feuer die Verwüstung vollendete.
Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war unter diesen Umständen
unvermeidlich. Allein die Festungen wurden dermalen auf Höhen angelegt, wo,
ohne Wasser zu finden, tief zu graben war. Man wölbte dann hundert Schuh
unter der Erde Straßen aus, die durch Zuglöcher von oben Luft empfingen,
und beständig durch Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren
höhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit versehene,
Wohnungen seitwärts eingebrochen, in welchen die Soldaten, und was zu ihnen
gehörte, hausen konnten. Da genoß man Sicherheit, mochten oben die Bomben
einschlagen. Auch alle Wälle hatte man ausgehöhlt und mit Felsenlagen
hinlänglich gedeckt, damit sich die Wachen inwendig aufhalten konnten.
Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren Schlünden auch ihre
Widersacher, und so waren die Dinge sich wieder gleich; denn der
menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstörungsmittel, auch die
Gegenwirkung.
Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in der aus einer Festung, oder
aus einem Lager, nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen Heeres, oder
auch nach der Hauptstadt, Briefe geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen,
akkustische Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit, oder
Ausführlichkeit, zurück. In erreichbaren Abständen befanden sich nehmlich
auf befestigten Höhen Kanonen, und Zielwände. Nun sandte man eine Kugel ab,
an welcher eine Stahlkette und an dieser ein dichtes Kästchen geheftet war,
das die Briefe oder andere zu übermachende Gegenstände enthielt. Die Kugel
schlug in die Zielwand, das Kästchen blieb zurück, ward von dort wachenden
Konstablern sogleich abgelöset, und an eine andere Kugel gefügt, wodurch
denn hundert Meilen, in weniger als einer Viertelstunde, erreicht waren.
Die Citadelle bei Konstantinopel war, als die vorzüglichste im Reiche, auch
am sorgsamsten gebaut. Ihre Wälle glichen Gebirgen, die Kellerstadt, mit
ihrem unterirrdischen Leben, bot den sehenswürdigsten Anblick dar. Es
fehlte nicht an Tempeln, Marktplätzen, Bühnen; die Genüsse hatten auch
ihren Sitz in der Tiefe errichtet, und die treffliche Erhellung ließ das
Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf den Belagerungsstand zu
sein, mußte auch fortwährend im Frieden, die Besatzung hier wohnen, und,
indem sie zahlreich und gut belohnt war, hatte das viele Bürger gelockt,
sich unten anzusiedeln, und ihr Leben zu gewinnen, indem sie jenen das
ihrige bequemer machten. So wuchs die Bevölkerung nach und nach dort
ziemlich an.
Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte man auch den Minenkrieg weiter
ausgedehnt. Es war nun nicht allein ausführbar, einen großen Ort auf Einmal
in die Luft zu sprengen, sondern man legte auch außerhalb Minen in schiefer
Richtung an, warf durch sie Massen von Erde dahin, und bedeckte die Festung
in kurzer Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen bewogen
wurden, an die Fabel der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, Pelion
und Olimp auf einander thürmten. Allein die Gegenanstalten mangelten auch
hier nicht. Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung unterhöhlen zu
können. Weit hinaus vor den Festungswerken liefen Straßen unter der Erde
hin, an Größe und Dauer vergleichbar den altrömischen Wasserleitungen. Von
ihnen gingen kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen ein
weitläuftiges Gewebe bildeten. Hier zogen die Streifwachen rastlos umher,
und erspähten zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont beabsichtete.
Dann drückte man, nach ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend.
Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so war diese reichlich genug mit
dem Ammoniak- und Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu befreien,
indem sein Schutt wieder auf der Feinde Häupter geschleudert wurde. Diese
hatten daher auch auf Laufgräben zu denken, welche in der Tiefe Sicherheit
gewährten.
Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd. Sein Gemüth ward entflammt,
der Ruhm eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, oder glorreich
einzunehmen, gewann einen hohen Reiz für ihn. Sein mathematischer,
erfindungreicher Kopf wußte auch von einer Menge Verbesserungen zu reden,
die man am Geschoß, an den Minen und anderen Kriegverrichtungen gültig
machen könne. Gelino lobte dies feurige Umfassen eines hohen Gegenstandes,
setzte hinzu: ihn könne leicht der Kaiser einst beim Heere beschäftigen,
und lobenswerth müsse es dann sein, wenn er sich des hoffenden Vertrauens
würdig mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter zu wünschen, als daß
die Völker des gesammten Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten,
und, ein Welttribunal zum Schlichten aller Streitfälle unter Nationen
errichtend, die Kriege für ewig aufhöben.
Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte Guido, aber wodurch soll
dann die Kraft Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt mehr
auszubilden, wie jene, die das Gemälde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur
die Heldenseele prägt die erhabenste männliche Schönheit aus.
Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete sein Lehrer. Es giebt Feinde
genug in der eigenen Brust zu überwinden, der Sieg über sie ist eben so
glorreich, ja vielleicht noch mehr.
Die Reise ging jetzt zu der nördlichen Provinz hin, vor Zeiten das
europäische Rußland genannt. Man bediente sich dazu einen von den
Frachtwagen, die südliche Erzeugungen dorthin, und nördliche nach den
mittäglichen Gegenden brachten.
Zu dem Ende waren hier, wie meistens im ganzen Staate, herrliche
Kunststraßen angelegt. Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen, und
waren in der Tiefe von funfzig Schuhen, mit gestampftem Granit festgerammt.
Je mehr größere und kleinere Straßen der Art es schon gab, je leichter fiel
es auch, deren neue zu bahnen und die Steine nach den Gegenden zu schaffen,
wo sie mangelten.
Auf der Straße von Konstantinopel waren Wagen mit zwei Rädern gebräuchlich.
Jedes Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig Schuhen. Jede seiner
Speichen bestand aus einem mäßigen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich
verstärkt. Die übrigen Theile hatten angemessene Verhältnisse. Durch die
gewaltige Hebelkraft solcher hohen Räder ließ sich nun eine
außerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren Eichenstämmen
zusammengefügte und mit zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse hatte
eine Breite von funfzig Schuhen, und an dicken Ketten hing ein Prahmen im
Gleichgewicht, etwa sechs Schuh von der Erde, über hundert Schuh lang,
gegen dreißig breit, und gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche
Menge von Waaren geladen, und die Kajüte des Prahmens diente
Reisepassagieren zum angenehmen Aufenthalt, wie auch über den Waaren ein
Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet war. Bäumchen auf Töpfen und Blumen
gewährten einen lachenden Anblick und erhöhten das Vergnügen der Reisenden.
Die Art, in welcher die riesenhaften Karren gezogen wurden, hatte viel
Einfachheit. Zwölf Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert Schritte
voraus, an lange dicke Taue gespannt, welche von der Achse ausliefen. Die
Räder gaben, wie schon bemerkt wurde, die mechanische Leichtigkeit.
Es versteht sich aber, daß die Kunststraßen horizontal fortliefen. Tiefen
zu füllen und sich durch Höhen zu brechen, war ja auch nur ein unbedeutend
Werk, seitdem die Menschheit sich mit dem neueren Pulver vertraut gemacht
hatte, das, außer den Kriegen, noch so mannichfachen Nutzen in Sprengungen
gewährte.
Was konnte angenehmer sein, als auf einem solchen, durch Pferde bewegten
Prahmen, zu reisen. Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten die
Meerfahrzeuge schwimmenden Pallästen verglichen werden, allein hier genoß
man doch die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und die
Merkwürdigkeiten der Gegend zu sehen. Auch war die Sicherheit die
vollkommnere, was immer das Gemüth ruhiger läßt. Unfälle blieben nicht
denkbar, da auf allen Stationen der Zustand des ganzen Wagens geprüft, und
das etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste, was sich hätte
ereignen können, wäre ein Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies hätte
nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, denn aus der Bahn dieser
Kunststraßen konnten die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden Seiten
mit hohen Gittern eingeschlossen, und nöthigenfalls schnitten die vorn
reitenden Fuhrleute die Stränge ab.
Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder geographischen Meile befand sich
ein Pferdewechsel, durch Schüsse und Flaggen zeitig benachrichtigt, in der
Nacht durch Feuersignale. So war das Abschirren und Anspannen das Werk
einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom über die erhitzten Räder
leitete, und sie inwendig mit einem schlüpfrigen Oele versah. Reverberen
brannten in der Dunkelheit zu beiden Seiten des Wegs. So kam man in vier
und zwanzig Stunden gegen zwei geographische Grade weiter, aß, trank und
schlief im Prahmen. Das einzige vorenthaltene Vergnügen blieb, daß man
nicht die Städte und Dörfer inwendig sehen konnte, denn allerdings mußten
die Kunststraßen umweg laufen.
Nach einigen Tagen langte der Wagen in Moskau an, wo sich sogleich viele
gierige Käufer zu den Südfrüchten drängten, welche er geladen hatte, und
die meistens frisch überkamen.
Der Umfang, die zahlreichere Bevölkerung dieses Orts, seine großen Fabriken
gaben die Vorwürfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit fesselten. Die meiste
Betriebsamkeit war auf die Anfertigungen für die Heere gegründet, welche in
der Nachbarschaft in ihren Uebungslägern standen. Hier waren die meisten
Soldaten versammelt, theils der Gränze gegen Asien halber, theils, weil die
rauhe Gegend sich zu ihrer Abhärtung eignete.
Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung der Krieger, hatte es folgende
Bewandniß:
Es galt Regel, daß jeder europäische gesunde Jüngling sich ein Jahr lang an
den Waffenplätzen einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht erkornes Gewerbe,
verstatteten eine Ausnahme. Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr,
wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und folgten dem Zuge zu den ihnen
angewiesenen Lägern.
Sie zählten hier schon den Vortheil der Reise, und konnten bei ihrer
Heimkehr sich mancher Erinnerung freuen, auch das gesehene Merkwürdige auf
ihren anderweitigen Lebensberuf nützlich anwenden.
Im Lager wurden sie zunächst geprüft, ob sie in den Erziehungsschulen der
Heimath auch im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im Gedächtnißrechnen und
den ersten Elementen der Meßkunde und Naturlehre unterrichtet worden. Auch
über ihre wohlbegriffene Religions- und Bürgermoral hatten sie Zeugnisse
abzulegen, und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung einer sorgsamen
und von gutem Willen begleiteten Anwendung der Jugend, einzureichen.
Fiel diese Prüfung zu ihrem Nachtheile aus, war die Abweisung von der Ehre,
einst das Vaterland vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit war ein
drückendes Abwenden der öffentlichen Achtung verbunden, kein Mädchen von
Zartgefühl reichte einem solchen die Hand, nie durfte er hoffen, ein
öffentlich Amt zu bekleiden. War es ein Fürstensohn, sah er sich von der
Erbfolge seines Vaters ausgeschlossen.
Diese harte Ahndung sowohl, als auch die Allgemeinheit guter Erziehung,
woran auch der Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen solchen Fall
höchst selten.
Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing er ein Kriegergewand und
Waffen. Man theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke bei den
Veteranen, welchen die Uebung der Kriegsjugend oblag.
Hier ward er im Fechten und Schießen geübt, mußte fleißig Laufen, oder
Lasten tragen, bei spärlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, und sich
immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen lernen. Die strengste Moralität
gebot in diesen Lägern, schon durch die ganze Lebensweise, die keinem
Gedanken an Befriedigung roher Sinnlichkeit Raum gab, begründet.
Nach einem halben Jahre ging er, von den Veteranen, zu seinem Haufen ins
große Lager, mußte nun den Dienst eines Fußsoldaten verrichten.
Beständig übte man hier, ohne Rücksicht auf Jahreszeit, Witterung,
Beschaffenheit des Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anführer ließen
mehr in der Dunkelheit als bei der Tageshelle thätig sein, suchten
absichtlich die schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht der
strenge Frost, nicht der drückende Sonnenstrahl, nicht strömende Regengüsse
machten eine Abänderung. Denn sie sagten: Der Feind wird unsere
Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen.
Das Fußvolk verfuhr in seinen Bewegungen folgendergestalt:
Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer Lanze und einem kleinen
Schießrohre versehn. Das letzte trug durch den inneren gewundenen Bau und
das Ammoniakpulver, auf Tausend Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein
kleines Fernrohr, durch welches man auf den weiten Abstand zielen konnte.
Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu Fuße gewissermaßen nicht, sondern
eine Lage. Dies heißt: sobald man sich im Bereich des feindlichen
Geschosses fand, oder es bei der Uebung voraussetzte, streckten sich die
Reihen auf den Boden hin, nachdem man in größter Eil mit den Spaten einen
Erdaufwurf von einigen Schuhen gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch
ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum darbietenden Soldaten, viel
Bedeckung gab. Ueber den Erdwurf legten sie ihre Röhre und gaben wirksame
Feuer.
Auf das Zeichen einer helltönenden Pfeife, sprangen sie plötzlich auf,
legten fünfzig Schritte gebückt, und im vollen Rennen, zurück, worauf sich
die Reihe wieder zu Boden warf, und die neue Erdwehr in einigen Sekunden
anfertigte. Die Schüsse huben wieder an, wurden auf ein abermaliges Signal
eingestellt, um einen neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man allmählig
dem Feind, der schon durch die wohlgezielten Schüsse aufgerieben sein
mußte, wenn seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe entsprachen. Da
man aber nicht auf Säumnisse hoffen durfte, so hatten die Soldaten für den
letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkränze, die entzündet in
Feindes Glieder geworfen wurden, durch ihr Glutsprühen und den
athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten, während dessen die
Röhre der fertigen Schützen erlegten, was noch übrig war.
Diese Angriffe mußten Berg auf und Thal ab vollzogen werden, man sich aber
auch dagegegen zu schirmen wissen.
In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls Platz an der Erde, und machte den
Aufwurf um so höher, als man hier verharren wollte. Schoß der Feind, bogen
sich die Vertheidiger zurück, ließen sich auch gar nicht darauf ein, Feuer
zu geben, so lange jener hinter seiner Wehr lag. Wie er aber aufsprang,
befand man sich im Anschlag und verdünnte seine Reihen. War er nahe genug
gekommen, was nicht anders als nach großem Menschenverlust geschehen
konnte, begrüßte man ihn eher mit Feuerkränzen, als er selbst daran dachte.
Waren Feuer und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze und Schwert seine
Niederlage. Auch bereiteten die militärischen Chemiker, deren einige jeder
Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, Säuren welche die Stickstoffe
schnell aufhoben. So bekämpfte höhere Kunst die höhere Kunst.
Neben diesen Uebungen mußte das Fußvolk geometrische Märsche vollziehen,
wodurch man Vortheile über den Feind gewinnen konnte, und was sonst dahin
einschlug.
Nach einem Jahre konnte der junge Soldat seinen Abschied verlangen und zu
den Seinigen gehen. Gestärkter, mit mancher Kunde bereichert, kam er dort
an, und der Staat hatte überall Bürger, welche im Nothfalle zu den Waffen
gerufen werden konnten. Auch fanden unter diesen noch jährliche Uebungen
von einigen Tagen statt, damit jener Unterricht nicht zu sehr dem
Gedächtniß entflöhe.
Zeigte aber ein Jüngling nach diesem Jahre Neigung, bei dem Heere zu
bleiben, so nahm man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen, bei den
besonderen Truppengattungen auf, deren kunstvollerer Dienst eine längere
Lehrzeit forderte.
Eigentlich ward der Krieg in den _Lüften_, _auf_ der Erde, und _unter_ der
Erde vollzogen.
Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die höhere Region an. Es wurde schon
erzählt, wie diese Zeit Adler einübte, Azotgondeln fortzuziehen. Bei den
Heeren fand man vor allem große Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab
kleinere Nachen und größere Gallionen, alle hingen aber an vielen kleinen,
damit verbundenen Steigekugeln, damit, wenn ein feindliches Geschoß traf,
nicht gleich das Sinken folgte.
Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus der Ferne, in seiner Zahl und
seinen Maasregeln zu erspähen. Da man hoch genug stieg, und die erweitete
Optik so wichtige Hülfe leistete, ergiebt sich, daß dieser schon auf
zwanzig Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. Allein der Feind,
welcher seine Plane gerne hehlen wollte, säumte gewöhnlich nicht, ähnliche
leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen zurückzutreiben
suchten. Und so ereigneten sich in der Höhe Vortrabgefechte, wie sie, um
Jahrhunderte früher, unter Husaren oder Kosaken bestanden.
Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen Entfernung, Gegenden und den
Truppenstand aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn davon
Meldung zu thun, dies waren die vorzüglichen Obliegenheiten, in welchen
diese Leute sich tüchtig zu machen hatten. Daneben mußten sie eben so
fertig als das Fußvolk zielen können, um wo möglich ihres Gegenparts Adler
zu erlegen, wo dann die Eroberung unstät treibender Nachen ein Spiel ward.
Den meisten Ruhm brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn man in
Nacht und Dunkel über Feindes Heer schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei
aller Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder wenn man über dichte
Wolken dahin schwebte und sich zu dem nämlichen Zweck in die klare Region
niederließ. Dies war indessen schwierig genug, weil dem Feinde die Vorsicht
auferlegte, bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, oben patrouilliren
zu lassen.
Die größeren Gallionen entfernten sich nicht weit und blieben den Gefechten
vorbehalten. Sie luden Granaten mit reinem Knallsilber gefüllt und
Feuerkränze, lenkten dann über einen Truppenhaufen, und ließen Verderben
auf ihn niederfallen. Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich andere
entgegen zu senden, auch wurden aus der Tiefe, weitreichende Feldstücke mit
glühenden Kugeln, auf sie gerichtet. Hier möglichst auszuweichen, und dort
doch der Absicht ein Genüge zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings
langte man nicht immer glücklich mit den Theorien aus, die Fahrzeuge
geriethen in Brand, die Adler wurden getödtet, man war gezwungen sich mit
dem Fallschirm erdwärts zu wenden, und wenn der Feind sich unten befand,
auf Gnade und Ungnade sich zu ergeben.
Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn zu diesen, im ächten Sinne des
Worts, leichten Truppen.
Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte jetzt Pferde, welche man eben so
wohl zum Krieg abgehärtet hatte, als die Menschen. Eingehegte Wildnisse
waren der Ort ihrer Erzeugung. Dort liefen sie bis ins fünfte Jahr umher,
jeder Witterung blos gegeben, durch keine warme Stallung, kein regelmäßiges
Füttern, verwöhnt. Schwer ward es dann sie zu bändigen, doch gelang es
endlich durch Güte und Strenge. Im schnellen Laufen übte man sie täglich,
dann mußten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt von Soldaten zu Fuß
und zu Pferde, zur Höhe gerichtete Gegenstände, über den Haufen rennen, in
Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, von Furcht befreit, vertraut mit
Schmerzen. Dabei mußten sie sich auf des Reuters Verlangen schnell zur Erde
werfen, denn auch hier war es im Gebrauch, wenn es die Umstände wollten und
erlaubten, sich mit Erdaufwürfen zu sichern.