Hier wurde nun vorerst angetragen, den Namen abendländisches Kaiserthum

aufzugeben. Was dürfen wir Rom nachahmen? fragte man. Unser Reich ist an

Umfang, Reichthum und Gewalt, bei weitem größer als das Reich der Quiriten

in seiner üppigsten Blüthe. Haben wir allenfalls in Asien mächtigere Feinde

zu fürchten als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, mit denen

vereint wir ihnen kräftigen Widerstand leisten können. Da auch die reinste

Gemeinsache der Zweck dieses großen Landtags ist, so heiße das Reich

künftig die Republik Europa.

Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekränkt zu finden, sahe hier nur

seine Wünsche ausgesprochen.

Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrönte, ist Verfassung des Rechts. Wenn

Spaltung des Willens Ehedem die Republiken erschütterte, und sie zuletzt in

Herrschaft der Willkühr untergehen ließ, so kam das daher, weil die

Volksvernunft noch nicht hinlänglich gereift war, das Gute klar einzusehn.

Man nannte die Tugend Stütze der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments.

Thörigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. Heil der Zeit, welche endlich

einsah, Ehre könne allein der Tugend Preis werden und Tugend sei durchaus

nichts anderes als Huldigung der Vernunft.

Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich selbst, Volkswillen und

Alleinherrschaft so verbunden, daß der Mann auf der Spitze, jenen

nachdrücklich ausspricht, und, wie er ihn von unten herauf vernahm, ihn von

oben hinunter in Erfüllung gehen läßt.

Es gab Zeiten wo die Fürsten sich freuten, blindgehorsamen, vernunftarmen

Sklaven zu gebieten. Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir nur Ehre darin,

freien, edlen, verständigen Bürgern vorzustehn. -- So sprach dieser

Monarch.

Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit finden, die Einrichtungen zu

sehn, welche nun in der monarchischen Republik gegründet wurden, indem man

unabläßig strebte, Tugend und Ehre zu gatten, und zugleich die

Volksintelligenz und die Fürstenintelligenz erzog. Viel Hohes, Großes,

Kräftiges, Entzückendes ist daraus hervorgegangen, wenn gleich freilich

immer noch ein Grundsatz für die Tugend der Bürger mangelt, der ihre Tugend

gewiß, ächt und als solche erkennbar macht. Ihn zu suchen ist das hohe

Geschäft der Zeit, wiewohl man noch nicht glücklich darin war.

Vor der Hand merke aber so viel von jenen Anordnungen:

Alle Völker von Europa sollten zur Sitteneinheit erzogen werden.

Man führte darum Ueberall dasselbe Maaß in Schwere und Umfang, dasselbe

Tauschmittel, dieselben Satzungen des Rechtes, ein.

Die allgemeine Sprache durch ganz Europa folgte.

Die Völker hatten ihre besonderen Fürsten, da Eine Obergewalt unmöglich das

weite Ganze im Einzelnen überblicken konnte. Diesen Fürsten blieb die

Würdeerblichkeit zugestanden, um den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung

auszuweichen, doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen, sondern an dem

edelsten Sohn. Hierüber mußte das große Rechtstribunal schlichten, welchem

der Kaiser vorsaß und wo auch alle Streitigkeiten der Fürsten gehoben

wurden, wodurch, wie das Staatswohl auch von selbst verlangte, ein

immerwährender Friede in Europa bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit,

wogegen die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, trotz ihren erblichen

Gebietern, als Provinzen betrachtet werden, traurige innere Kriege sah. So

hatte unter andern einst Deutschland einen Föderalismus gestiftet, wo aber

demungeachtet sich ein Fürst gegen den andern der Waffen bediente. Doch,

damit die Erben von Thronen, sich ihres erhabenen Berufs würdig machten,

mußten die Väter, des Gemeinwohls halber, das frohe häusliche Verhältniß

aufgeben, sie um sich zu sehn. Zeitig wurden die Söhne fernen

Erziehungsanstalten übergeben, wo sie, unerkannt und unter andern

Pfleglingen, nach den Grundsätzen gebildet wurden, die die Weisheit für die

besseren erkannte, und welche sie immerfort veredelten. Dann bekleideten

sie Aemter mannichfacher Art und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon

entwickelten Talente sich noch mehr kräftigten. Endlich, männlich gereift,

an Leib und Geist prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe Bestimmung

und traten sie, von Schmeichelei und Lüsten unverdorben, an. Dieser

Gebrauch ging in der Folge sogar auf die Fürstentöchter über, und

keineswegs dürfen die Kinder der Kaiser davon ausgenommen sein.

Was für die Religion, den Landbau, die Wissenschaften, Künste, Handwerke,

die Ausrottung der Armuth, von Oben geschah, daß sie Unten desto freier

gedeihen konnten, wird sich dir an seinem Orte verkünden.

Ungeachtet der beschloßenen und nach und nach durchgeführten Identität der

Europäer, glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich könne durch

seine Natur, und allenfalls durch gewisse Uebertragungen vom Alterthum,

sollte es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich für gewisse

Beschäftigungen vorzüglich eignen. So wurde den bildenden Künsten, deren

schönen, sittlichen Einfluß man nicht verkannte, das alte Griechenland zum

Wirkungskreis angewiesen, und dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich

phantastische Plan ausgeführt, Athen wieder aufzubauen. Du wirst diese

Stadt nun sehen und zwar möglichst genau nachgeahmt, so weit nur die

Alterthumskunde dazu Hülfsmittel anbot. Du wirst dich in die Zeiten des

Perikles zurück wähnen, in seine Mauern tretend. Keiner von den Tempeln,

keins der ehmaligen öffentlichen Gebäude mangelt. Bildhauer und Maler

treiben vorzüglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz vor Zeiten in dem

großen vortheilhaften Absatz der Statuen und Gemälde bestand, welche der

alte Politheismus aus der halben bekannten Welt in Attika kaufte, hat auch

der neuere Kultus diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand des

Stolzes geworden ist, simbolische Darstellungen aus Athen zu besitzen,

deren wohl viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht kamen. Ohne

diesen begünstigenden Umstand würden Athens neuere Bildner schwerlich die

Phidias und Apelles zurück gelassen haben, wie es wirklich geschehen ist.

Mitbewerbung ist jedoch, wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht

aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa mag die Künste üben wer

da will, und wo er will, auch wetteifern die Maler in Italien sehr

glücklich mit denen am Ilissus, doch die Fertigkeit in Stein zu gestalten,

drang hier am weitesten, wie überhaupt auch die Vorkunde (Theorie) des

Schönen, in Athen am meisten einheimisch ist.

Bei den Worten _Vorkunde des Schönen_ erglühte der Zögling und dachte an

Ini, die sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte er zu sich, ob die

Bildner zu Athen meine holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion

übertreffen werden.

Man zog nun in die Stadt ein. Guidos Herz wallte hoch auf, bei den

rührenden Erinnerungen an das edle Alterthum, so lebendig durch die

Nachahmung versinnlicht. Vor allen Häusern standen Hermen, deren

Vollkommenheit Staunen erregte, das einfache und doch mit großem Eindruck

erfüllende Ebenmaaß der heiter-majestätischen Tempel, legte entzückende

Bewundrung auf.

Gelino besuchte mit seinem jungen Freund die Werkstatt des gerühmtesten

Meisters unter den Bildhauern. Der Mann faßte den Jüngling fest ins Auge,

und schien befremdet. Dann zeigte er willig seine reichen Vorräthe, zu

welchen die meisten Künstler von Belang ihre Arbeiten geliefert hatten, die

nun in den weitläuftigen Säälen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter

Beleuchtung, dem Auge der Fremden ausgestellt sein sollten.

Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde in Athen auch künstlerisch

behandelt und man band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten

Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene Nachbildungen

jenes Apollon, jener Venus, jener Niobe und anderer Statuen, die sich einst

glücklich durch die Jahrhunderte der Barbarei retteten und in späteren das

Morgenroth des Schönen wieder aufgehen ließen, sondern man hatte auch die

nämlichen Ideen auf andere Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius

ward daran sichtbar. Föbos hatte weit mehr Göttlichkeit, die Göttin von

Paphos mehr weibliche Anmuth, wenn frühere Zeiten dies schon unbegreiflich

fanden.

Auch aus der alten nordischen Götterlehre wählten die Künstler Stoffe.

Odin, Wodan, die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen

aufgestellt, eben so Brama, Osir und was sonst dazu sich eignete.

Für Sääle und Gärten der Großen in Europa fand sich immer Nachfrage, auch

hatte jede namhafte Stadt einen Park, zur Ergehung der Bewohner, angelegt,

den der Kunstsinn gern schmückte, überzeugt, dies wirke lebendig auf den

Flug der Gemüther ein, und die so vervollkommnete Leichtigkeit der

Fortschaffung mäßigte die Kosten.

Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die Landesreligion unterhalten.

Ein Sinod von Weisen hatte früherhin fünfzigjährige Sitzungen gehalten über

diesen höchst wichtigen Gegenstand, etwas Allgemeingültiges, Dauerndes

festzustellen. Tausend Vorschläge hatte man geprüft und verworfen, bis eine

ansehnliche Mehrheit sich für die folgenden entschied.

Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist die erhabenste, noch nicht

übertroffene Legislatur der Rechtsgefühle, doch die christliche

Glaubenslehre kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. Wenn jene, ihrem

Geiste nach, und auf die ehrwürdige Urreinheit zurückgeführt, nach

Jahrtausenden segnend auftreten kann, so ist diese, nach den ungemessenern

Begriffen vom Weltgebäude, welche ein aufgehelltes Geschlecht errang, nicht

länger brauchbar, wenn die Vernunft nicht mit sich selbst im Widerspruche

leben will.

Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt bindet, uralten Erfahrungen

zufolge, die Herzen zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft dringt,

nimmt nicht nur die Schwäche, auch der kräftige Sinn freundlicher auf,

vorzüglich wenn es in das Leben der Handlung übergehn soll.

Verbannen wir daher vom _Denken_ alles Bildliche, doch zum _thätigen

Wirken_ mögen immer Dichtung und Künste uns lieblich begeistern.

Der mosaisch-christliche Theismus sei und bleibe die Grundlage unserer

neuen, und dennoch aus dem tiefen Alterthume empfangenen Religion. Wir

glauben an eine Gottheit, unbegreiflich den Formen, in welchen uns dermalen

unsere Natur zu erkennen gestattet. Außer dem Raume, außer der Zeit,

unendlich, ewig, allmächtig bezeichnen wir diese Gottheit, nichts Höheres

wissen wir zu nennen, wenn wir uns auch in tiefer Anbetung bescheiden, was

wir nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben, das unsere Kräfte

übersteigt, sein Wesen näher zu fassen, aufgeben.

Keine Ehrengebäude dieser erhabenen Vermuthung! Unwürdig stellt sie die

Materie dar. Könnten höhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen, Altäre

darin aus Feuersternen, es priese ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im

Jahre mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen Gewölbe

versammeln, und sich selbst heiligen, in heiliger Empfindung. Wenn der Ball

sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren befruchtenden Segen zu

trinken, wenn wir ärnteten, was die innere Götterkraft der Auen nährend

gestaltete, dann wimmle die Menge in Eintracht hinaus und huldige.

Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend im Raum, nicht schwimmend im

Strome der Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen Geiste,

nur im Simbol sich offenbart, so ist es hehr und würdig, zu ehren, was wir

irrdisch-göttlich nennen, und sich, so weit der Staub vermag, bildete nach

dem Ideal des Allgöttlichen, wie es im Busen der edleren Menschheit geahnet

wird.

Laßt uns preisen, was schon das tiefe Alterthum pries, schon so viele

Millionen der Gestorbenen zur Tugend erwärmte, uns im Abbild erkennbare

Muster des Hohen giebt, es einen mit den Satzungen unsers Bürgervertrags.

Laßt uns Stätten des innigen Andenkens erbauen, die uns rührender mahnen

und zur Nacheiferung weihen.

Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre, der weise Erfinder

heiliger Gesetze, der kräftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er uns

Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns geboten wird, gegen innere

feindliche Leidenschaft, oder äußere Krieger die Waffen der Vernunft oder

des Armes zu erheben. In seinen Tempeln werde das Recht gelehrt,

gesprochen, in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, wenn des Vaterlandes

Vertheidigung uns zum Schwerte ruft.

Jahrtausende nannten den Jüngling in Palästina göttlich, der in wenige

Worte die Lehre der reinsten Menschlichkeit zusammen drängte. Er sei uns

der Heros des Brudersinns. Er liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm

geweiht. Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, von seinem Geiste

durchdrungen zu werden. Vor seinen Altären höre die brüderliche

Versammlung, Moral der Gemeinschaft, und der Weisen Unterricht, klüglich

die Keime im jungen Herzen zu pflegen. Hier werden die Jünglinge, das

aufblühende Mädchen oftmal geprüft, in ihren Fortschritten zur Veredlung.

Schöner zarter Mithos deiner himmlischen Liebe, o Maria, dir gebührt eine

Stätte in unsrer Religiosität! Das Weib fühle sich erhoben, eine Heilige

ihres Geschlechts in Tempeln gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in

Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder Dichtung wetteifern, einem

gebildeten Volke schöne Bildungen der hohen Maria zu geben. Ihr bringe die

Liebe Anbetung, und erhebe sich begeisterter zum Himmlischen, sie sei die

idealische Königin aller Schönheit und die Künste machen sich ihr werther,

in dem lieblichen Wahn, von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe knüpfte

ihre innigen Bande, Maria vor deinen blumengekränzten Altären.

Des ernsten Moses Priesterthum verwalten ergraute, ruhmgenannte Helden,

untadelhafte Volksrichter und Fürsten, deren weise gepflogenes Amt die

allgemeine Liebe lohnte. Des sanften Christus Tempeldienst sollen die

edelsten Jugendlehrer verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen eine bedeutende

Zahl trefflich gedeihender Zöglinge gaben. Künstler, die verklärenden

Genius in ihren Werken offenbarten, üben den Kultus der schönen Heroin

Maria, Chöre von unsträflichen Jungfrauen im Gefolge.

So geben wir dem Irrdischen höheren Adel, indem es mit den Ahnungsträumen

göttlicher Natur verwandter gemacht wird.

Diese Religion, anfänglich mit vielem Widerspruch der lebenden Generation

bekämpft, wurde bei den folgenden allgemein, und gab den Künsten reiche

Vorwürfe. Man sah den Heros des Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten.

Die Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn immer herrlicher

empfangen, und jene Kraftsumme, lange in dem Standbilde des Herkules der

Farnese bewundert, blieb bald gegen den vollendeteren, zugleich geistvoller

ausgeprägten Moses einer geistvolleren Zeit, zurück. Neben einer Anmuth und

einem Einklang der Verhältnisse, wie sie viele Jahrhunderte an jenem

Apollon rühmten, hatte die reifere Kunst den Christusdarstellungen eine

unbeschreibliche Hoheit und Milde, über das göttliche Antlitz gegossen, so

daß nicht nur der unterrichtete Kennersinn, sondern jeder im Volke, von dem

Gesammtausdruck auf das Innigste ergriffen, gerührt wurde, und der Begriff

_vollkommene Menschlichkeit_ nach Maasgabe seiner geringeren oder

vollendeteren Bildung, schwächer oder erhabener vor seiner inneren Seele

schwebte. Nichts übertraf aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich

die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den schönsten dieser Statuen,

gingen die lieblichen Mädchen von Athen selten weg, ohne einen neuen Zug

eigner Schönheit mitzunehmen.

Wie staunte aber der schönheitsinnige Guido, von dieser Kunstsammlung

umgeben! Er schöpfte in der gefühlten Begeisterung frohen neuen Unterricht

über das Ebenmaaß der Formen, und lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch

mußte er jedoch bewundern, daß seine Geliebte, die sich nimmer in Athen

befunden, sondern ihr Studium vor den Kunstwerken in Sizilien geübt hatte,

zu einer Idee gelangt war, welche dennoch näher an die Vollkommenheit zu

reichen schien, als alles, was er hier erblickte.

Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm heran. Jüngling, nahm er das

Wort, von wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte, das durch

eine lange Reihe von Gliedern, hoher Entwicklung entgegen strebte.

Guido ward verlegen, da ihm nichts über seine Herkunft bekannt war.

Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang spricht aus deiner Gestalt, die Kunst

würde nichts zuzugeben vermögen, wenn sie dich in Marmor darstellte, nur am

Haupte, an der Stirn, an Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige

Linien zu wünschen übrig.

Guido erröthete, gab aber doch mit unbefangenem Selbstgefühl die Antwort:

Ich zähle noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist unvollendet. Wer

weiß --

Dann bat er den Künstler, sein Profil so zu zeichnen, wie es die Forderung

der höheren Wissenschaft verlange.

Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido hin. Es dünkte ihm jedoch, der

Mann stände in seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. So überfliegt denn

der Liebe Genius weit die Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit

geheimen Entzücken.

Während dieser Unterhaltung bemerkte er, daß viele Schüler umher saßen, die

ihn zeichneten, und geschmeichelt, weilte er länger. Bei dem allen pflanzte

sich Eitelkeit nicht in seine Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit

verwahrt.

Man begab sich nun in die Kunststätte des berühmtesten unter den Malern, so

reich an Schildereien als jene in Werken aus Marmor, Porphir und Elfenbein.

Voll hingen alle Wände, und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen des

Jünglings Blicke noch mehr an. Gefällig erklärte ihm der Vorsteher

Bedeutung und Werth. Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als einem

halben Jahrtausend auf eine bedeutende Höhe, von welcher sie aber

späterhin, aus mannichfachen Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten,

achzehnten, neunzehnten Jahrhundert gab es durchaus weder einen Raphael,

noch Rubens, noch Titian. Doch wenn die Ausführung krankte, rettete sich

das Urtheil durch die unfruchtbare Zeit, und bereitete vollkommenere

Schöpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter zu Ende des siebzehnten

Jahrhunderts, maaß das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer höchst

sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung, Zusammenstellung, Farbe und

Ausdruck, unter gewiße Staffeln gebracht waren. Zwanzig Grade enthielt die

Tabelle, den achzehnten nahm sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch

nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte Raphael den Preis in

Zeichnung und Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit ihn bei weiten

übertraf, Rubens im Ausdruck mit ihm wetteiferte, und ihn in der

Zusammenstellung zurückließ. Es mußte nun nothwendig der Wunsch nach einem

Gemälde entstehen, in welchem die richtige Hand, die blühende Einbildung

eines Raphael, mit der hohen Kräftigkeit eines Rubens, und der sorgsamen

lieblichen Ausführung eines Titian gegattet waren. Lange jedoch ward er

umsonst gefühlt. Erst im zwanzigsten Jahrhundert, nachdem die Künste unter

der Aegide eines langen Friedens ungestörter aufblühen konnten, und eine

kluge Regierung dem Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, sie

freundlich zu nähren, ließ sich erst die Vorzeit wieder erreichen. Nun

eilten die Fortschritte glücklich. Die vervollkommnete Lehrmethode stärkte

früh der Zöglinge Fassungskraft, die mechanische Fertigkeit konnte zeitiger

errungen werden, die Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere

Bereitung der Farben. Um die Mitte dieses Jahrhunderts vereinten die

besseren Maler schon jene sonst getrennten Vorzüge, gegen das Ende drang

bereits einer bis zu dem von Piles geahnten aber nie gesehenen Grad empor.

Jetzt darf kein Künstler ein Werk in diese Ausstellung bringen, in welches

er nicht richtigere Zeichnung, vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr

Poesie der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealität wie Titian gebracht

hätte. Siehe fühlender Fremdling, hier Werke der Art.

Er führte ihn nun zu einem großen Gemälde, das, nach der altnordischen

Mithologie, die Ankunft eines Helden in Odins Walhalla vorstellte. Guido

ward betroffen ob all der Wonne die in diesem Anblick über ihn kam.

Entzückend war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel geleitet hatte,

einen Aufenthalt belohnter Seligen, den Sinnen erkennbar zu machen. Ein

lieblicheres Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel wölbte sich über

Gefilde von unsäglich rührender Pracht. Blumen, Rasen, Bäume, waren zwar

aus der uns bekannten Natur genommen, aber in sich so verschönt, so

reitzend zusammengestellt, daß das Auge an die Natur einer andern Welt

glaubte. Man sah die ostindische Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum,

die peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, Lorbeeren, Platanen,

aber die Massen in welche sie gefügt waren, machten einen unweit

anmuthigeren Eindruck, als er in irgend einer wirklichen Gegend empfunden

wird. In den mannichfachen Blumen lebte eine Wahrheit, daß man an ihren

Duft in süßer Täuschung glaubte, und zum Triumph des Urhebers, viele

streitend behaupteten, der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer Gerüche

versehen, so wie andere die Hand in die berückende Tiefe des Gemäldes

ausdehnen wollten, und sie beschämt von der Leinwand wegzogen. Was aber dem

Ganzen am meisten das Fremdartige, übersinnlich, selig Erscheinende gab,

war die zarterfundene Beleuchtung. Eine tief am Horizont schwebende Sonne

sandte ihr Licht sparsam durch dunkel gedrängte Waldung an einer Seite.

Ihre Scheibe zeigte aber kein hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weiße

sanftstrahlende Diamantenglut. Hiedurch wurden alle Tinten verändert und

nahmen einen ätherischen Charakter an, der mit süßem Rausch erfüllte, und

die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn freudigahnend empfinden ließ.

Auch auf die menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so wunderbar,

daß sie bei der uns verwandten Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu

athmen schienen. Den eben angelangten Helden, in Kraft und Stattlichkeit,

den vollen Ausdruck edler Seelenhoheit im Antlitz, verklärte die staunende

überraschende Wonne der ihn rings umfangenden Glorie. Die Jungfrauen von

Wallhalla nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, der holdesten

Freundlichkeit, brachten ihm den Trank der Unsterblichen und krönten sein

Haupt mit ewig blühenden Rosen. Ihre heiligen Reitze geboten zugleich Liebe

und schalten das Gefühl Verwegenheit. Die erhabenen Züge forderten knieende

Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte ihnen göttlich zu huldigen.

So war dies Gemälde angethan, von dem Guido sich nicht abzuwenden

vermochte. Erst nach manchen Erinnerungen ging er weiter und trug die

Totalidee eines Helden in seiner Seele davon, der sich glorreich über alle

Schrecken der Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes werth gemacht

hat.

Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der Jairus Tochter erweckt. Des

Heilands Gesicht zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft erinnert,

das reine menschliche Gepräge stand da, doch von erhabner Liebe und festem

Götterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: »Stehe auf!« gebot sein

hohes Auge mit ruhiger Majestät, mild lächelte die männliche durch Anmuth

bewegende Wange. Der Uebergang vom Tod ins Leben war an dem Mädchen mit

bezaubernder Kunst ausgeführt. Ein leichter Rosenhauch goß sich über das

noch starre Antlitz. Der Augenaufschlag war frommer Lichtgruß, kindlicher

Engelsinn. Die kaum wieder regen Hände strebten, sich zum Gebet zu erheben.

Ihr Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge aufs Knie. Die ganze

siegende Haltung des Gemäldes zwang jeden Zuschauer, der fühlenden Sinn

mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen Lage zu theilen. So geboten hier

die Maler dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei einen noch weit

erhabneren Begriff von Tugend mit sich, als er bisher in ihm gelegen hatte.

Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert · 第 2 / 16 段