Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die
Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln
der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten,
herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe
Wunde ins volle Fleisch.
Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die
Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen und die Angst
vor einem grässlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog
gewirkt, als der Hass der niederträchtigen Existenz, zu welcher ihn das
Urteil des Arztes verdammte.
»Und doch giebt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne
mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die
Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese
Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig
werden.«
Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte
ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine
Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des
Nervenleidens bestätigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergnügen,
Freude auf die Krankheit Einfluss haben könnte, die richtige wäre.
Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein
für allemal erklärt, dass er sich weigere, seine Behandlung
fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach
den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben.
Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu
Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle
ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er
eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay
zurückgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern
befohlen, die Koffer zu packen.
Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung
nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen
Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er musste diesen
Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von
Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte!
Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und
womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen?
Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er
einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen
zu verbannen, sich in Träumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen
Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit
einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen
Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehen,
einen Verlaine zu lieben?
Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen
Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen
Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine
Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete?
In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? --
Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener
Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den
Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert.
Die meisten mochten sogar verheiratet sein.
»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der
sonst so prüden Gesellschaft angenommene Gewohnheit!« träumte der Herzog
vor sich hin.
War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die
Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen?
Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten
bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines
Stallknechtes und Jockeys würdig waren.
Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie
verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser
zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische
Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den
Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt
Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse.
Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen
grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich
zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren
und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und
Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und
Krukenverschliesser.
Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog
Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem
Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im
allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und
interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er
ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und
Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die
Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten.
Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in
den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen
Katholizismus anerkennen dürfen.
Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich
lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte,
konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht
begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde.
Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte
gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in
Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich
herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu
besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit
Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu
bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten.
»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem
schmerzlichen Seufzer; »man müsste die Augen schliessen können, sich
durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen
vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von
oben bis unten erschüttert haben.«
»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die
Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreissen; es sind
die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten
Überzeugungen ausrotten können.
Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der
hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: >Die
Fälschungen der sakramentalen Substanzen< unumstösslich zu beweisen,
dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil
die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?«
Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit
verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz
verfälscht worden.
Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer
unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges
Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz,
Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies
Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet
werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde.
Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig
wegzulassen und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus
Kartoffelmehl!
Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das
für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny
drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weissem Chorhemd und
Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände wuschen und den
Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den
Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen
Feuer backten und Psalme dabei sangen!
Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein
künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler.
Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm
werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein
Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor
Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in
einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag!
Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen
Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus
allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern?
Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der
Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und
schurkischen Instinkten.
Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene
Geistlichkeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre
einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an
Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster
verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoss
es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten,
den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen
und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen.
Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan,
hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der
nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und
die Ansteckung seiner Dummheit.
Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die
Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die
verächtlichen Künstler auf den Knieen und küssten inbrünstig die Füsse
der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie
ernährte!
Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in
der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte,
hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der
Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt,
sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires
sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt,
treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der
Dirnen herum.
Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es
war die ungeheure und unerhörte Anmassung des Geldmenschen und
Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische
Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der
Bankhäuser zotige Gesänge ausstösst.
»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der
Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser
Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte.
»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, dass dies alles kein Traum
ist! Dass ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts
hineingeworfen werde!« Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden
Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den
schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht
betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn
wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen
jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte
Kraft.
Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgründe des Pessimismus
ohnmächtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmögliche Glaube an ein
zukünftiges Leben allein beruhigend wirken würde.
Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung
und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen,
es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet!
Würde der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte
von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die
Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anzünden, die einst
die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!?
Würde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die
alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von
Schande aufgingen!? -- -- --
Plötzlich ging die Thür auf. In der Ferne, von den Thürpfosten umrahmt,
sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Möbel
auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thür wieder
hinter dem alten Diener, der Packete mit Büchern geholt hatte.
Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl.
»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu
Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen
Mittelmässigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort
verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muss. Ach! Mir
fehlt der Mut!
Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem
Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein
hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine tröstenden
Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.«