Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel
brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, dass der Herzog so
schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören musste.
Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen
begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen,
Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der
Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiss traten Täuschungen des
Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des
Übels zu zeigen pflegen.
Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein
Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese
Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank
ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwächer und löste sich
in hellen Glockenklängen auf.
Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen
Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit.
Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie
wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.
Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit grosser Pracht
ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter
Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem
künstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam.
Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen
spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von
Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug
gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie
auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren
priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte.
Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des
einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.
Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort
und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das
ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert,
eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten
hinaufgesandt wurde.
Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem
mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den
Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die römischen Gewölbe
ausfüllte.
Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von
dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des
gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler
unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen;
oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte,
traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der
Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende
Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht!
Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern
der Genius der Kirche geschaffen, unpersönlich, namenlos wie die Orgel
selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik
profan.
Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und
Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel
und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine
Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes
zu finden.
Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich
der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabenen
Majestät des alten Chorals.
Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den
Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die
religiöse Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die
klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die
instinktmässig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu,
dass er unfähig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der
Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die
Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur
Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fühlte.
Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium
imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der
Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen
und mit Sachverständnis zu geniessen.
Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil
man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen
pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche
Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus
belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert,
welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene
Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode
hetzt.
Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um
Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre
leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen
genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht
mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge
ungestraft losgelöst werden durfte.
Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von
Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die
Partitur kannten, die man verhunzte.
Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten
Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und
Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und
Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien
und die pöbelhaften Reize der Italiener.
Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit
den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser
Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und
Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die
innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.
Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos
gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor
Entzücken ausser sich gebracht hatten.
Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben
wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz
betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu
empfinden.
Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie,
entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens
Klage« hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen
stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas
Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in
einer düsteren, öden Landschaft.
Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die
Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der
geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung
verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein,
durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen
Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren
geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss.
Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle
Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller
Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er
deren Ursache nicht erkannte.
Er überliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde,
liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in
klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schläfe
ergoss.
Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war
wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu
bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte
sich kaum wieder.
Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren
aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar
und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das
Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen,
verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel
brannten.
Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von
Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte,
erschreckte ihn diese Veränderung seines Äussern.
Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn
niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen
plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris
zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle
aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.
Sein vollständiges Sichgehenlassen ging in plötzliche Hoffnung über;
denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch
seine Kuren nervöser Krankheiten.
»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den
meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in
einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.«
Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit.
»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden
verstehen die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung.
Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde,
Bromkali und Baldrian verschreiben.«
»Aber wer weiss,« fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung
klammernd, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so
kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis
gebraucht habe.«
Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon
neuen Lebensmut.
Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände
und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht,
dass der Diener ihn nicht antreffen könnte.
Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde
zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über,
übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen
einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo
es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes
verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde,
wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein
Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu
lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor,
so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein,
dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige
Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte.
Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und
neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese
Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der
Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von
Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den
Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz
apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt
plötzlich ins Zimmer trat.
Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs
unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst
beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster,
von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der
Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er
übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an
ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse
Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens
offenbarten.
Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort,
seine baldige Rückkehr zusagend.
Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr
befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit
vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei
Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog
Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen
Gesicht des alten Mannes verriet.
Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden
verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte,
gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und
unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und
Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine
blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier
brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig
Stunden wiederholen müsse.
Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit
dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit,
welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den
Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des
Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der
Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine
Sünde der Gefrässigkeit!
Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und
Geruch anders war als das von Pepton.
»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr
aufgeregt war über die in das Instrument gegossene Flüssigkeit.
Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des
Arztes entfaltend las er:
Leberthran 20 Gramm
Kraftbouillon 200 Gramm
Burgunderwein 200 Gramm
Eigelb 1 Gramm.
Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten
nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu
bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süsslichen Punsch mit
Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao
seinem Mund zusagte.
Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu
arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen
durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera
eingeschränkt wurde.
Schliesslich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und
mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Kräfte
nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht
stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock stützend und an den
Ecken der Möbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen,
vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt über die Länge der
Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung
hinauszögere.
Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er während ganzer
Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer
umherzugehen vermochte.
Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die
Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach
langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.
Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehen zu werden,
erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu
ändern und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonieen zusammen.
Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die
Rückkehr zu seinen früheren Beschäftigungen und alten Liebhabereien
wahrnehmend.
Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände
betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus
griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewändern in Goldstoff,
Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus
Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt
ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er
sich nach seinem Befinden.
Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue
Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen
der Nüancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer
aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklärte,
dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung
bringen werde.
Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm
auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er
die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das
Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt
sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere.
Er fügte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine
Kaltwasserkur anfangen könne, was ausserdem in Fontenay unmöglich sei,
er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das
allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie
jeder andere Mensch zu zerstreuen.
»Aber die Vergnügungen der Anderen zerstreuen mich nicht!« rief der
Herzog empört aus.
Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass
die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre.
»Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog
erbittert aus.
Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lächelte
und schritt ohne zu antworten der Thür zu.