VIERZEHNTES KAPITEL.

Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, dank der Mittel, die er

seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten

Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob

seine grosse Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen würde, das

Bett zu hüten.

Es fiel ihm plötzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines

gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu

thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten.

Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare

Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt

hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in

kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei.

Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein.

Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte

sich:

»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich

ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft,

die mich völlig erschöpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit

bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.«

In dieser Erschlaffung und müssigen Langeweile, in die er versunken,

ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war;

da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er

unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in

den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr,

da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in

schreiendem Widerspruch stand.

Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er

zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung

erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte

seinem Diener.

Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die

Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete.

Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean

schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke

ein.

Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch

entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine

Bewunderung liess sogar für diejenigen Bücher nach, die dazu beigetragen

hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so

wählerisch zu machen.

In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen

Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das

Temperament des Schriftstellers allein war für ihn massgebend. Die

Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch

gestellt haben mochte.

Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe

undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er

es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder

Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken

hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen.

Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte

vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als

sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die

Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und

seine Bewunderungen vermindert.

Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner

Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen

Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu

öffnen. Andere Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren.

Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen

sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar

Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege.

Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er

wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen

Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine

ungeahnte Sensation einflössten, bei denen er lange nach der Ursache

forschen konnte.

Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von

der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu

empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und

künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich

von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte

Themata sich auf das moderne Leben beschränkten.

Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie

sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern und zog bei Flaubert »die

Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei

Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld

des Abtes Mouret« dem »Assommoir« vor.

Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar

wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer

in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit

aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres

Wesens offenbarten.

Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern,

weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden

haben mochten.

Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemälde, grossartiger

Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzückend

zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in

höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern

schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche.

Das ganze Temperament des grossen Künstlers zeigte sich in den

unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in

»Salambo«, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten

Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und

ihren Grausamkeiten.

Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert,

eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundenen

Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den

Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem

heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das

sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch

die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem

Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt

seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen

Geschöpfen eingab.

Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper

unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein

Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die

geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte.

Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein

Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke

gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte.

Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher

Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein

Stil, der fähig war, die komplizierten Nüancen einer Epoche

auszudrücken, welche an und für sich schon ausserordentlich verwickelt

waren.

In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche

geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten

Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle

hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen

Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller

gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das

Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen

bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des

geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er,

nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem

Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder

auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern

konnte.

Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet.

In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen,

nicht das Bedürfnis, in vergangene Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges

zielbewusstes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in

die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von

den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen

Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit,

der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen

Träumereien des alten Orients.

An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und

Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte

er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne

schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem

berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des

Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt.

So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen

seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er

seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung

geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragene Farbe einen

seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne

der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte

und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur

die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre

natürliche Stellung offenbarte.

Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen

profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten

gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von

diesen Werken übersättigt.

Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu

können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in

ihren Fächern ruhen zu lassen.

Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt.

Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten,

nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden.

Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bücher. Es waren dies zwar

weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine

Neigung gefasst hatte.

Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie

nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine

Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten

Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner

Selbständigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch kräftigeren

Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich gross und

wirklich vollkommen ist.

Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den

Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das

Publikum, das sie nicht verstand, verachtete.

Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes

Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die

Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten,

aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier«

die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte.

Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen

unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief

durchdrungen war, dessen Einfluss sich später noch mehr geltend machte,

ohne dass er ein erdrückender geworden wäre.

Seine späteren Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die

»Romances sans paroles«, schliesslich sein letzter Band »Sagesse«

enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller

offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glänzend

abhob.

Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und

besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung

des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm

verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der

plastischen Form, in der äusserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge.

Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des

Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten

erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern

seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich

materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns

beitrugen.

Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmé's, die er seinem Diener

beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der

Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen.

Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse,

die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo

sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de

Lisle jetzt nicht mehr befriedigen.

Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter

seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles

war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, deren

kaltblütige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten.

Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn

lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so

unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr

verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese

indifferenten Beschreibungen.

Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er

seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser

vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war

dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen

jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der

Stunden zu beschleunigen.

Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor

Hugo.

Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge

Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für

die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab.

Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen

prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung

verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur

gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte.

Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige

Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs.

Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein

anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche

Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische

Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen

Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird.

Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den

Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte

nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem

künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von

erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem

moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine

Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure

Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und

den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie

Knabenbrüste und waren geschlechtslos.

Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt

hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in

dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch

ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz

einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an

die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen

ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen

das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die,

wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben.

Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden

Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle

unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen

hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage,

wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der

verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen

Schrecken erfasst fühlte.

Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel

vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes

Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten

Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.

Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede

Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten.

Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen

zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht

mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir,

einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.

Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des

ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles

Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden

Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das

Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen

übrig.

»Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen

kann,« seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel

herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer

überblicken konnte.

Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei

dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den

alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden

war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff,

der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie

Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte.

Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés

ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem

Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem

geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der

Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.

Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück

der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu

bannen.

Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem

gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von

dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten

hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang

von Edelsteinen durchblicken liess.

Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den

goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die

Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des

Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch

leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.

Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren

unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf

ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé

eingiebt.

Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im

Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier

abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung

vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben

der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des

Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken

jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.

Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa

diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt,

musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen

zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie

wegliess, einschliessen.

Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen

Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die

kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die

gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines

umstellen könnte.

Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten

zusammengedrängt, würde eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem

Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen

wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur

wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuss werden.

Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt

der Litteratur, das Rückgrat der Kunst vor.

Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei

Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit

tiefem Entzücken in sich sog.

Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich

jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren würde.

Gegen den Strich · 第 16 / 19 题