Einige Tage lang war sein Zustand erträglich, dank der Mittel, die er
seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten
Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob
seine grosse Schwäche nicht noch zunehmen und ihn nötigen würde, das
Bett zu hüten.
Es fiel ihm plötzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines
gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu
thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten.
Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare
Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt
hatte, unterrichtete er selbst seine Köchin, wie das Rindfleisch in
kleine Stücke zu schneiden und zuzubereiten sei.
Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er löffelweise ein.
Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte
sich:
»Das hätten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich
ändert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft,
die mich völlig erschöpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit
bis zur ersten Kälte durchschlagen werde.«
In dieser Erschlaffung und müssigen Langeweile, in die er versunken,
ärgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war;
da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er
unaufhörlich seine profanen Bücher vor sich, die wie Kraut und Rüben in
den Fächern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr,
da sie zu der sorgfältigen Ordnung der religiösen Bibliothek in
schreiendem Widerspruch stand.
Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er
zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung
erschöpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte
seinem Diener.
Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die
Bücher zuzutragen, die er prüfte und deren Platz er bezeichnete.
Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean
schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke
ein.
Er war nämlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch
entdecken könne, das seinen geheimen Wünschen entsprach; und seine
Bewunderung liess sogar für diejenigen Bücher nach, die dazu beigetragen
hatten, seinen Geist zu schärfen und ihn so argwöhnisch und so
wählerisch zu machen.
In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbständigen
Standpunkt ausgegangen: für ihn existierten keine Schulen, das
Temperament des Schriftstellers allein war für ihn massgebend. Die
Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch
gestellt haben mochte.
Leider war in Wahrheit diese Schätzung, eines La Palisse würdig, beinahe
undurchführbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er
es auch wünscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder
Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken
hingezogen fühlt, die mit seinem Temperament am meisten übereinstimmen.
Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte
vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als
sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die
Herrschaft übernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und
seine Bewunderungen vermindert.
Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner
Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der »menschlichen
Komödie« ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu
öffnen. Andere Wünsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren.
Er sah bei einiger Prüfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen
sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen müsse, wie zum Beispiel Edgar
Poës Kunst; aber er wagte sich häufig noch weiter vor auf diesem Wege.
Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das für sich Bedeutung hatte. Er
wollte ihm folgen, wie gestützt und getragen von einem freundlichen
Helfer, in eine Sphäre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine
ungeahnte Sensation einflössten, bei denen er lange nach der Ursache
forschen konnte.
Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von
der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu
empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und
künstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie möglich
von den Bildern und Büchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte
Themata sich auf das moderne Leben beschränkten.
Somit verlor er die Fähigkeit, die Schönheit, unter welcher Form sie
sich auch darbot, gleichgültig zu bewundern und zog bei Flaubert »die
Versuchung des heiligen Antonius« der »sentimentalen Erziehung«, bei
Goncourt »die Faustina« der »Germinie Lacerteux«, bei Zola »die Schuld
des Abtes Mouret« dem »Assommoir« vor.
Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar
wirkenden, aber so mächtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer
in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit
aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres
Wesens offenbarten.
Und so trat er in vollständige Ideenübereinstimmung zu ihren Verfassern,
weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden
haben mochten.
Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemälde, grossartiger
Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzückend
zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in
höchster Vollendung ihrer Schönheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern
schreckliche Verwüstungen und wahnsinnige Wünsche.
Das ganze Temperament des grossen Künstlers zeigte sich in den
unvergleichlichen Seiten der »Versuchung des heiligen Antonius« und in
»Salambo«, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten
Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und
ihren Grausamkeiten.
Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert,
eine Rückkehr zu der Eleganz einer für immer verschwundenen
Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den
Hafendämmen bricht. Die Wüsten, die sich in endloser Ferne unter dem
heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das
sich in einen königlichen Park oder in ein Boudoir zurückzog, das durch
die wollüstigen Ausströmungen eines Weibes mit müdem Lächeln, lüsternem
Mund und sinnenden Augen erwärmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt
seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen
Geschöpfen eingab.
Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Körper
unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflüsse ein
Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Würze der Seele, die
geistige Müdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte.
Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbücher des Herzogs. Sein
Verlangen, über einem Werke träumen zu können, wurde in diesem Werke
gestillt, wo man überall zwischen den Zeilen lesen konnte.
Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher
Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervöser Stil, ein
Stil, der fähig war, die komplizierten Nüancen einer Epoche
auszudrücken, welche an und für sich schon ausserordentlich verwickelt
waren.
In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche
geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten
Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Fülle
hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen
Doktrinen erfüllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller
gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das
Auftreten Goncourts abwarten müssen, dessen Kunst aus Erinnerungen
bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen über den leidigen Anblick des
geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er,
nicht nur in seinen Geschichtsbüchern, sondern auch in seinem
Heimweh-Werk, wie die »Faustina«, die Seele dieser Epoche wieder
auferwecken, ihre nervösen Zartheiten in dieser Künstlerin verkörpern
konnte.
Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet.
In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen,
nicht das Bedürfnis, in vergangene Zeiten zu flüchten. Sein mächtiges
zielbewusstes Temperament, verliebt in die Üppigkeiten des Lebens, in
die sanguinischen Kräfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von
den künstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen
Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit,
der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen
Träumereien des alten Orients.
An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedürfnis und
Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte
er sich in ein ideales Gefilde gestürzt, wo der Saft in voller Sonne
schäumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem
berauschenden Entzücken der Erde, von dem befruchtenden Regen des
Blütenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fällt, geträumt.
So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen
seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er
seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung
geschaffen, in einem Stil, dessen kühne, roh aufgetragene Farbe einen
seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne
der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte
und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur
die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre
natürliche Stellung offenbarte.
Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der französischen modernen
profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten
gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von
diesen Werken übersättigt.
Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu
können, hatte er sich bemüht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in
ihren Fächern ruhen zu lassen.
Deshalb öffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt.
Er begnügte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten,
nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden.
Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bücher. Es waren dies zwar
weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine
Neigung gefasst hatte.
Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie
nicht unselbständig waren; und vielleicht enthält die Behauptung eine
Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten
Ranges, der wohl eine Individualität darstellt, aber seiner
Selbständigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch kräftigeren
Trank zumutet, als der Künstler derselben Zeit, der wirklich gross und
wirklich vollkommen ist.
Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den
Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das
Publikum, das sie nicht verstand, verachtete.
Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse »Poèmes
Saturniens« debütiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die
Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berührten,
aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: »Rêve familier«
die wirkliche Persönlichkeit des Poeten durchschimmerte.
Beim Studium seiner frühen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen
unselbständigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief
durchdrungen war, dessen Einfluss sich später noch mehr geltend machte,
ohne dass er ein erdrückender geworden wäre.
Seine späteren Bücher, die »Bonne Chanson«, die »Fêtes galantes«, die
»Romances sans paroles«, schliesslich sein letzter Band »Sagesse«
enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller
offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glänzend
abhob.
Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und
besonders durch die psychologische Seite, durch die köstliche Färbung
des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefühls mit ihm
verwandt war, näherte sich Théodore Hannon besonders dem Meister in der
plastischen Form, in der äusserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge.
Seine entzückende Korruption stimmte merkwürdig mit den Neigungen des
Herzogs überein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten
erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern
seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich
materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns
beitrugen.
Mit Ausnahme dieses Poeten und Stéphane Mallarmé's, die er seinem Diener
beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fühlte sich der
Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen.
Trotz ihrer prächtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse,
die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo
sogar im Vergleich düster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de
Lisle jetzt nicht mehr befriedigen.
Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter
seinen Händen leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles
war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen öden Gedichten, deren
kaltblütige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten.
Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn
lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung für einen so
unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr
verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzückt über diese
indifferenten Beschreibungen.
Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er
seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser
vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzücken, denn keine war
dem Träumen zugänglich, keine zeigte, wenigstens nicht für ihn, einen
jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der
Stunden zu beschleunigen.
Er ging hungrig von diesen Büchern weg; ähnlich erging es ihm bei Victor
Hugo.
Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgänge
Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug für
die gewöhnlichen Theaterstücke, stiess ihn andrerseits ab.
Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen
prägnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisführung
verband, musste er auf Edgar Poë zurückgreifen, für den seine Liebe nur
gewachsen war, seitdem er sich öfter mit ihm beschäftigt hatte.
Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige
Verwandtschaft den Träumereien des Herzogs.
Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein
anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche
Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische
Todeskampf des Überlebenden, der vor dem elenden Bett von grässlichen
Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermüdung erzeugt, erfasst wird.
Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den
Zusammenbruch des Willens hervor, begründete sie kaltblütig, schnürte
nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem
künstlich zurecht gemachten Alpdrücken des heissen Fiebers zu. Von
erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem
moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine
Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure
Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und
den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie
Knabenbrüste und waren geschlechtslos.
Baudelaire und Poë, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt
hatte wegen ihrer poetischen Berührungspunkte, ihrer gleichen Neigung in
dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollständig verschieden durch
ihre Auffassungen vom Gemüt, das in ihren Werken einen so grossen Platz
einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an
die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Poë mit seinen keuschen
ätherischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen
das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die,
wenn sie überhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfräulich blieben.
Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrückenden
Atmosphäre Gehirne zerlegte, war für den Herzog eine Quelle
unermüdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen
hatte, gab es Tage, wo diese Lektüre ihn vollständig niederwarf, Tage,
wo er mit zitternden Händen ängstlich lauschend dasass und sich, wie der
verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen
Schrecken erfasst fühlte.
Notgedrungen musste er sich schonen und diese fürchterlichen Reizmittel
vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes
Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten
Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.
Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede
Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten.
Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen
zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht
mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir,
einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.
Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des
ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles
Cros: »la science de l'amour«. Diese konnte noch durch ihren stichelnden
Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das
Vergnügen war nur relativ, denn die Ausführung liess alles zu wünschen
übrig.
»Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bücher, die man zweimal lesen
kann,« seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel
herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fächer
überblicken konnte.
Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei
dünne Einbände auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den
alten Diener. Er ergriff eines der Bücher, das in Eselshaut gebunden
war, eingehüllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff,
der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie
Mallarmé in einem entzückenden Gedichte rühmte.
Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszüge aus Mallarmés
ersten beiden Büchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem
Titel: »Einige Verse von Mallarmé« vereinigt. Sie waren von einem
geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der
Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.
Einige dieser Stücke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstück
der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu
bannen.
Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem
gedämpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefühlt von
dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten
hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Körpers durch ihren Behang
von Edelsteinen durchblicken liess.
Die Dunkelheit unterdrückte das Leben, dämpfte die Reflexe und den
goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die
Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des
Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch
leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.
Unwillkürlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren
unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf
ihren Lippen die seltsamen und süssen Verse wach, die ihr Mallarmé
eingiebt.
Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im
Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier
abseits vom litterarischen Wege lebte, geschützt durch seine Verachtung
vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben
der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des
Gehirns, indem er noch mit den schon an sich gekünstelten Gedanken
jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.
Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa
diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt,
musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen
zergliederte Längen und beschreibende unnütze Wiederholungen sie
wegliess, einschliessen.
Schon oft hatte der Herzog über das grosse Problem nachgegrübelt, einen
Roman in wenige Sätze zusammengedrängt zu schreiben, die die
kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann würden die
gewählten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines
umstellen könnte.
Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten
zusammengedrängt, würde eine Gedankenübereinstimmung zwischen dem
Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen
wenigen auserwählten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur
wenigen Feinsinnigen zugänglicher Genuss werden.
Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte für den Herzog den Extrakt
der Litteratur, das Rückgrat der Kunst vor.
Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei
Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarmé, den er mit
tiefem Entzücken in sich sog.
Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich
jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren würde.