Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay
herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.
Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die
Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu
bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den
andern Tag wieder zu kommen.
Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den
Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen
Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran,
im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen
Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft
hatte.
Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das
Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen
wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den
Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.
Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und
befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise
fertig zu machen.
Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig
mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die
Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote,
durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit
zufriedener Miene beobachtete.
Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten
über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See
verwandelt.
An jenem Tage war der Himmel heller geworden.
Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab,
sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen
unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.
Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in
dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die
Dächer glänzten in diesem Grau in Grau.
»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke,
die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.
Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor
einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken
in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine
Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren
Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in
mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen
karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte
sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der
unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel
und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt
waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.
Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr
bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche,
vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner
Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt
des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den
Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und
offenem Mund auf dem Perron zurücklassend.
Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige
Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in
grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken
versunken, schloss der Herzog die Augen.
Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die
Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen,
erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere.
Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der
in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten
unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es,
als sollte er ersticken.
Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen
zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es
kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich
kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war
unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und
durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann
verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von
sich gehalten, jedes Plaudern.
Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig,
anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu
antworten.
Er konnte also auf sie nicht rechnen.
Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu
beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte,
begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.
Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen
vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre.
So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines
Geistes zu entgehen.
Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich,
dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor
der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.
Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in
dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt.
»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und
in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.
Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit
seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein
reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem
Beinkleid und roter Weste:
»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's
Messenger<!«
Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu
kaufen.
Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz
vorwärts.
Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster
schliessen musste.
Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz
niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen
anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein
Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter
bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im
Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks
breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen,
Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier
an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen.
Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die
von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von
Masten und Balken.
Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von
Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose
Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter
zermalmt.
Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der
ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess.
Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen
blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel,
Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen.
Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel.
Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst
trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine
Zahnbürste vergessen.
Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung,
alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und
sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende
machte.
Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben
einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen
beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er
trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen
Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen
kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber
weniger geschmacklos als die schlechten französischen.
Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das
mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten
und radebrechten in unbekannten Sprachen.
Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er
setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband
sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und
blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen
Londons beschrieben sind.
Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers;
seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen
über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in
internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie
vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais:
»die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen
grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem
Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von
einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten.
Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer
»Ida«.
Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt,
diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte
ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.
Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte
einen Baedeker und ging hinaus.
Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her
und peitschte den Regen unter die Arkaden.
»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm
mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die
Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen
erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe
glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses
abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte.
Es war die »Bodega«.
Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang
formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden
lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in
farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.
In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden
Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone
standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit
Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer,
senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt
waren.
Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal
Platz nahm.
Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von
Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu
den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen,
in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren,
mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar;
aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und
Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase,
blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen
gaben.
Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser
Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn
herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines
mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf,
die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären
Gestalten.
Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort
das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick
Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.
Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner
Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega
nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt,
vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben.
Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus,
schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam
eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der
Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer
Sündflut von Schmutz.
Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu
sein.
Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum
herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er
ein leichtes Frösteln.
Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte
die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die
aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf.
Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal
war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von
seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür.
Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen
der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her.
Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser
überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich
im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im
Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit
zurück.
Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen
Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah
nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen;
der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern
zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe
nach Newhaven und sagte sich:
»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.«
Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus
und schritt in einen langen schmucklosen Saal.
Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben
lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen
aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen,
die in einer trüben Sauce schwammen.
Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in
schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem
unverständlichen Kauderwelsch erzählte.
Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es
waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen,
mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene
auswärtige Zeitungen lasen.
Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen
mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten,
mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen.
Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die
mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden.
Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der
Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass
seine Esslust dadurch angeregt wurde.
Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese
kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten
Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so
einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank
zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen
Geschmack reizte.
Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück
Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der
Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas
Porter.
Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken,
diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter,
schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen.
Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und
machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen.
Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das
Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in
Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal,
alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern
zu sitzen.
Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen
die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich
über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle
waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.
Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und
Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine
Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.
Da schreckte er plötzlich auf.
»Und die Stunde der Abfahrt?« ...
Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten.
»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er
und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.
In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen:
Holland und England.
Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als
er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die
Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.
Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt.
Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen,
von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige
Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene
patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.
Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch
ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der
ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur
bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des
Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen
Träumen gewesen.
Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen.
Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur
Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen
und hinüberzugehen.
Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im
ganzen Körper.
»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend,
verlangte er seine Rechnung.
Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit
spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen
Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er
ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die
Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete
die Zeche.
»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog
überreichend, der ihn neugierig ansah.
»Welch seltsamer John Bull,« dachte er.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen
herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine
süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er
fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand
auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden.
»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren.
Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem
und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte?
War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen
Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben?
Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in
Holland?
Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu
laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und
ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit
Gewalt auf.
Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise
den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die
Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie
verdriesslich!« --
Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen
und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit
englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste
wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören
sollte.«
»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit
ist da heimzukehren!«
Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn
nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in
Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und
Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische
Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise
endlich wieder zu Hause anlangt.