ELFTES KAPITEL.

Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay

herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.

Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die

Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu

bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den

andern Tag wieder zu kommen.

Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den

Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen

Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran,

im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen

Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft

hatte.

Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das

Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen

wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den

Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.

Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und

befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise

fertig zu machen.

Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig

mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die

Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote,

durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit

zufriedener Miene beobachtete.

Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten

über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See

verwandelt.

An jenem Tage war der Himmel heller geworden.

Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab,

sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen

unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.

Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in

dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die

Dächer glänzten in diesem Grau in Grau.

»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke,

die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.

Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor

einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken

in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine

Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren

Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in

mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen

karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte

sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der

unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel

und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt

waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.

Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr

bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche,

vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner

Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt

des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den

Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und

offenem Mund auf dem Perron zurücklassend.

Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige

Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in

grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken

versunken, schloss der Herzog die Augen.

Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die

Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen,

erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere.

Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der

in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten

unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es,

als sollte er ersticken.

Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen

zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es

kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich

kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war

unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und

durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann

verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von

sich gehalten, jedes Plaudern.

Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig,

anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu

antworten.

Er konnte also auf sie nicht rechnen.

Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu

beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte,

begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.

Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen

vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre.

So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines

Geistes zu entgehen.

Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich,

dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor

der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.

Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in

dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt.

»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und

in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.

Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit

seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein

reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem

Beinkleid und roter Weste:

»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's

Messenger<!«

Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu

kaufen.

Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz

vorwärts.

Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster

schliessen musste.

Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz

niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen

anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein

Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter

bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im

Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks

breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen,

Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier

an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen.

Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die

von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von

Masten und Balken.

Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von

Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose

Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter

zermalmt.

Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der

ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess.

Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen

blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel,

Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen.

Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel.

Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst

trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine

Zahnbürste vergessen.

Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung,

alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und

sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende

machte.

Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben

einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen

beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er

trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen

Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen

kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber

weniger geschmacklos als die schlechten französischen.

Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das

mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten

und radebrechten in unbekannten Sprachen.

Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er

setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband

sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und

blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen

Londons beschrieben sind.

Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers;

seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen

über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in

internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie

vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais:

»die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen

grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem

Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von

einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten.

Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer

»Ida«.

Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt,

diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte

ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.

Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte

einen Baedeker und ging hinaus.

Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her

und peitschte den Regen unter die Arkaden.

»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm

mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die

Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen

erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe

glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses

abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte.

Es war die »Bodega«.

Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang

formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden

lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in

farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.

In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden

Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone

standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit

Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer,

senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt

waren.

Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal

Platz nahm.

Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von

Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu

den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen,

in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren,

mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar;

aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und

Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase,

blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen

gaben.

Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser

Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn

herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines

mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf,

die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären

Gestalten.

Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort

das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick

Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.

Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner

Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega

nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt,

vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben.

Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus,

schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam

eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der

Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer

Sündflut von Schmutz.

Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu

sein.

Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum

herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er

ein leichtes Frösteln.

Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte

die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die

aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf.

Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal

war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von

seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür.

Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen

der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her.

Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser

überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich

im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im

Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit

zurück.

Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen

Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah

nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen;

der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern

zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe

nach Newhaven und sagte sich:

»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.«

Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus

und schritt in einen langen schmucklosen Saal.

Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben

lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen

aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen,

die in einer trüben Sauce schwammen.

Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in

schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem

unverständlichen Kauderwelsch erzählte.

Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es

waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen,

mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene

auswärtige Zeitungen lasen.

Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen

mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten,

mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen.

Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die

mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden.

Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der

Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass

seine Esslust dadurch angeregt wurde.

Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese

kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten

Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so

einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank

zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen

Geschmack reizte.

Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück

Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der

Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas

Porter.

Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken,

diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter,

schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen.

Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und

machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen.

Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das

Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in

Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal,

alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern

zu sitzen.

Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen

die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich

über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle

waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.

Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und

Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine

Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.

Da schreckte er plötzlich auf.

»Und die Stunde der Abfahrt?« ...

Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten.

»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er

und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.

In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen:

Holland und England.

Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als

er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die

Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.

Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt.

Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen,

von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige

Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene

patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.

Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch

ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der

ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur

bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des

Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen

Träumen gewesen.

Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen.

Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur

Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen

und hinüberzugehen.

Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im

ganzen Körper.

»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend,

verlangte er seine Rechnung.

Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit

spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen

Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er

ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die

Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete

die Zeche.

»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog

überreichend, der ihn neugierig ansah.

»Welch seltsamer John Bull,« dachte er.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen

herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine

süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er

fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand

auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden.

»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren.

Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem

und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte?

War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen

Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben?

Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in

Holland?

Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu

laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und

ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit

Gewalt auf.

Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise

den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die

Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie

verdriesslich!« --

Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen

und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit

englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste

wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören

sollte.«

»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit

ist da heimzukehren!«

Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn

nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in

Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und

Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische

Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise

endlich wieder zu Hause anlangt.

Gegen den Strich · 第 13 / 19 题