Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean
mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange
Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche
Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen
Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm
die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er
vergessen, seitdem er sie erworben hatte.
Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz
an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in
London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des
alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die
lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.
Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.
Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie,
ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner
Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht
beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte.
Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte
er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova,
welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer
Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und
stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben
waren.
Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich
die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben
angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte
Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue
Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen;
oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz
gotischer Typen besass.
Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages
der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig
geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen
Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso
befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier.
Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von
Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher
anwendete, um Hanf zu verarbeiten.
Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich
verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete
ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig,
etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie
in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.
Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren
in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide,
geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass
er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar
mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.
So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von
Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen
Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.
Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank
herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder
durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen
ergreifender als gewöhnlich erschienen.
Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner
Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf
beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter
gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen,
hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt,
war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche
Vegetation der Gedanken verzweigt.
Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz
dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des
Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten
überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch
Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit
anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.
Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte
er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit,
wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und
Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche
auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede
andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von
Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art,
der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.
Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek
ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor
denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.
»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières«
brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen
ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand
zu vergleichen.
Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen
ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die
unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut
in Wallung brachten.
Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig,
noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz
besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen
Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder
vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen
Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und
bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich
an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal
aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung
ihm zu Herzen gingen.
Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in
seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.
Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen,
profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur.
Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem
Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen
wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht
hatte.
Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve,
lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers
hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in
klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber
ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.
In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die
flammende Begeisterung eines Lacordaire.
Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten
gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich
besonders bei dem Grafen de Falloux.
Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu
Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen
weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent«
veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren
beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer
Form.
Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer
Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend.
Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte
Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.
Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt
über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen
Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen
Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.
Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte,
war: »Der Mensch« von Ernest Hello.
Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast
isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte,
hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der
Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der
langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser
Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander
dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an
denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion,
die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen
Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in
der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten
hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und
war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.
Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war,
erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten
seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger
Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts.
In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame
Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm
imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf
geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber
fast immer blendend waren. --
Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le
Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern
hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der
katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und
Sadismus.
In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte
Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen
und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu
ihrem äussersten Ende verfolgte.
Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem
unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie
vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als
der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine
Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie
er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben
wollte, hatte zeichnen lassen.
Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine
Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall
eingetreten.
In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey
d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem
Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser
Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit
Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.
Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein
Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur
weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz
beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden
Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und
eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen
Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.
Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen
einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen,
abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art
seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung
der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.
Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der
Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück
aufgetragen sei.
Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem
Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben
geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen
waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten
lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch
waren, erinnerten.