ZWOELFTES KAPITEL.

Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean

mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange

Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche

Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen

Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm

die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er

vergessen, seitdem er sie erworben hatte.

Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz

an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in

London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des

alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die

lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.

Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.

Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie,

ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner

Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht

beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte.

Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte

er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova,

welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer

Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und

stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben

waren.

Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich

die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben

angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte

Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue

Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen;

oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz

gotischer Typen besass.

Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages

der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig

geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen

Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso

befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier.

Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von

Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher

anwendete, um Hanf zu verarbeiten.

Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich

verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete

ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig,

etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie

in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.

Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren

in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide,

geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass

er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar

mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.

So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von

Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen

Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.

Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank

herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder

durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen

ergreifender als gewöhnlich erschienen.

Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner

Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf

beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter

gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen,

hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt,

war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche

Vegetation der Gedanken verzweigt.

Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz

dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des

Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten

überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch

Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit

anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.

Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte

er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit,

wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und

Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche

auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede

andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von

Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art,

der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.

Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek

ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor

denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.

»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières«

brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen

ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand

zu vergleichen.

Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen

ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die

unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut

in Wallung brachten.

Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig,

noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz

besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen

Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder

vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen

Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und

bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich

an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal

aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung

ihm zu Herzen gingen.

Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in

seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.

Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen,

profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur.

Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem

Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen

wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht

hatte.

Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve,

lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers

hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in

klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber

ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.

In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die

flammende Begeisterung eines Lacordaire.

Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten

gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich

besonders bei dem Grafen de Falloux.

Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu

Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen

weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent«

veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren

beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer

Form.

Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer

Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend.

Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte

Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.

Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt

über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen

Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen

Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.

Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte,

war: »Der Mensch« von Ernest Hello.

Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast

isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte,

hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der

Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der

langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser

Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander

dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an

denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion,

die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen

Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in

der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten

hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und

war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.

Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war,

erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten

seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger

Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts.

In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame

Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm

imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf

geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber

fast immer blendend waren. --

Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le

Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern

hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der

katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und

Sadismus.

In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte

Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen

und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu

ihrem äussersten Ende verfolgte.

Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem

unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie

vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als

der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine

Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie

er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben

wollte, hatte zeichnen lassen.

Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine

Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall

eingetreten.

In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey

d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem

Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser

Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit

Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.

Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein

Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur

weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz

beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden

Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und

eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen

Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.

Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen

einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen,

abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art

seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung

der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.

Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der

Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück

aufgetragen sei.

Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem

Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben

geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen

waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten

lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch

waren, erinnerten.

Gegen den Strich · 第 14 / 19 题