Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem
Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in
anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in
schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füssen verlor,
eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich
festhalten zu können.
Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die
Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf.
Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein
Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am
ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den
Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen
Schraubstock gepresst würden.
Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel,
diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen.
Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer
herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die
Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich
in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen
sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte
die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen
konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war,
um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, musste
er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen
Übergiessungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit
Pferdehaarhandschuhen frottieren liess.
Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens
keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas
Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die
sich immer heftiger erneuerten.
Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen
Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben
und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie
pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus
seinen Zimmern entfernen.
Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie
vorher eingenommen hatten.
Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er
Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten
Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher einmal
mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in
sie, den Phantasieen des Künstlers folgend, verliebt in seine
phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber,
die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureissen, seine Räuber,
seine Dämonen und Zwerge.
Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und
Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden
Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen
wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren
Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte.
Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn;
aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten,
brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon
abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur
Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte,
Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu
geraten.
Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit
heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt
unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel
sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen
Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich
nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls
für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig.
Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster
Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm
ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der
Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er
wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht
abstumpfe und ihn betrüge.
Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden
Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu
ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das
Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die
Genesenden und die Unglücklichen entzücken.
Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als
er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete
Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen
zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände
drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten
Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich
mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen
Mann und Weib und an ihre Küsse dachte.
Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie
Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die
Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine
permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend
auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich,
war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann
durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand
jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die
Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten
Erinnerungen herum. --
Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren
Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.
Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den
Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen
Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz
klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues
Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die
Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen
Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in
ihm auf.
Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen
»Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl.
Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust
aromatischer Küsse.
Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm
ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen
Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten
Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.
Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich
nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen
anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen
entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.
An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss
dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit
grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie
gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden
Haar.
Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten
Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige
Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte.
Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die
ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst
kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn
nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten
Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem
Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer
zu erklärenden Gefühl.
Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare
Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft
bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre
zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr,
während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür
vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für
eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann
geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger
Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich
es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete
und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde;
und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie
sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne
sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen.
Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm
begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich
selbst.
Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin
abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher
Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie
sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog
des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode
zu bringen.
Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine
Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm
und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber
unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und
an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch
einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle
des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle
von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer.
Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte
keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch
gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick
gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den
Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine
Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz
entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben.
Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment
vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von
Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania
war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen
Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.
Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen
Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte,
suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu
beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch
bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens.
Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem
ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich
aber schliesslich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als
eine Menge anderer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse
weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und
kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluss an
Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms
auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon
wiederfand.
Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in
seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen
eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate aussergewöhnlich
gefesselt hatte.
Es war eine kleine, magere Brünette mit schwarzen Augen und
pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt
waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen
eines Jungen gab.
Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie
Bauchredner-Vorstellungen gab.
Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen
Ausführungen fühlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen,
die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren.
Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm
auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten
zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der
Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein
Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte
sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich
willfährig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog
ihn das Phänomen an.
Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift.
Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der
klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem,
geradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Thon, mit gesträubter Mähne,
wilde Blicke werfend, mit den Strähnen ihres Schweifes ihre
geschwollenen Seiten fächelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem
Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin
glommen weiter und vergrösserten alle Gegenstände, die wie im Schatten
verschwanden.
Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren
unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und
wartete.
Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, welche er sie lange und geduldig
vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen,
ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer.
Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen
der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten,
dann in scharfer, feiner Stimme:
»Hier, Chimäre, halte still.«
»Nie und nimmer.«
Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das
schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur
Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht:
»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« --
Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie
in einer Beschwörung, sprach.
Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum
Herzen zurück. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein
ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der
Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Scene zu spielen und
ihr Handwerk noch während ihrer Mussestunden auszuüben.
Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche
des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das
Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die
leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich
mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine
Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen
Aufreizung, zu der Furcht.
Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der
Thür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiss sehr
gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du
Schlange!«
Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf
den Böschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank
ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine
Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme
hinter der Thür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem
Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet.
Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der
enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn
diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen
Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber
kräftiger waren.
Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an
ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos.
Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren
ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche
Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von
einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach
der Rue de Babylone zu zeigen.
Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und
da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter.
»Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen würde, ein Umweg wäre,« fuhr
der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir gesagt, die Avenue in
schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und
schüchtern, fast bittend.
Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen
zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine
schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue
Krawatte mit weissen Punkten.
In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden
braunen Hut mit glattem Rand.
Sein Gesicht war beunruhigend; blass und müde, doch ziemlich regelmässig
und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen
mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen
kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche
gespalten waren.
Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge
Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des
Herzogs, der seinen Schritt mässigte und nachdenklich den wiegenden Gang
des Jünglings betrachtete.
Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden,
die sich Monate lang hinzog.
Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen
anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche
Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt
gefühlt.
Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten,
beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. --
Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet,
sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzündend, hoffte er in
dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche,
unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen.