Von jeher hatte der Herzog für Blumen geschwärmt.
Seit langem schon verachtete er die gewöhnlichen Pflanzen, denen man
wohl in den flachen Körben auf den Pariser Märkten in angefeuchteten
Töpfen unter den grünen Zelttüchern und roten Schirmen begegnet.
Wie sich sein litterarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert
und sich sein Überdruss an allgemein verbreiteten Ideen verstärkt hatte,
so hatte sich auch seine Zärtlichkeit für Blumen von jedem Bodensatz und
jeder Hefe losgemacht und geklärt.
Er verglich den Laden eines Gärtners mit einem Mikrokosmus, wo alle
Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jämmerliche, elende und
erbärmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern
wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtöpfe und alte Schalen gesteckt
wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm
gefallsüchtige Blumen, wie sie von jungen Mädchen auf Porzellantöpfe,
wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schliesslich die Blumen hohen
Geschlechtes, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und
fröstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, warmen
Glaspalästen gezüchtet werden, Prinzessinnen des Pflanzenreichs, die,
für sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Strasse und
dem bürgerlichen Blumenflor.
Nichtsdestoweniger fühlte er ein gewisses Mitleid mit den niederen
Blumen, die durch die Ausströmungen der Kloaken und Dünste aller Art in
den ärmlichen Vierteln entkräftet werden; seine wirkliche Augenfreude
waren die vornehmen und seltenen Pflanzen von weit her, die mit grösster
Sorgfalt durch künstliche Ofenwärme erhalten werden.
Dieser entschiedene Vorzug für die Treibhausblume hatte sich ebenfalls
durch den Einfluss seiner allgemeinen Ideen modifiziert. Damals in Paris
hatte seine natürliche Vorliebe für das Künstliche ihn dahin geführt,
die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das
dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und
des Sammets sein buntes Scheinleben führte.
Er besass eine wunderbare Sammlung künstlicher tropischer Pflanzen, von
den Händen tüchtiger Arbeiter angefertigt.
Diese bewunderungswürdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er
träumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora.
Er machte sich daher daran, die Treibhäuser der Avenue de Châtillon und
des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmüde nach Hause, die Börse leer,
aber entzückt über die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehen
hatte.
Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben, ruhelos verfolgt von
dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete.
Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der
Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern.
Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an
gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle
hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen
gleich zu sein.
Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die
Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu
sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer
durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders
Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten
Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem
Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen
täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder
andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Blätter
aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein
aufgeschwollenes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte.
Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von
roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von
Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und
behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich
schliessenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden
Schorfes; noch andere waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von
Brandwunden zerstört; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von
Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit
Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner
Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers
gesprenkelt.
»Potztausend!« rief er entzückt aus.
Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die
Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer
Schicht grüner Bronze überstrichen, über welche silberne Reflexe
hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen,
es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen
gefertigt.
Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in
deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass
schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die
alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der
Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber
Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie
der Schwanz eines Schweines.
Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach
Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher
auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit
fischstecherartig geschnittenen Blättern, mit langen schwarzen, mit
Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.
Herzog Jean frohlockte.
Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in
Watte gehüllte Blüten das hässliche Rosa eines verstümmelten Gliedes
hatten; Nidularium, in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigend;
Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe
hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rändern, eine
wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale,
einem Holzschuh, über welchem sich eine menschliche Zunge aufschürzte
mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und
Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen,
rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen,
vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild.
Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien
kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen
jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel
vorzulesen.
Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt
die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus,
eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man
sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu
verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig
von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni,
eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland
gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät;
Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form
überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz
eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu
einem Bischofsstab abgerundet.
Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die
Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die
vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden
Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen
Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln
versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt
bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit
drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine
gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und
aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle
Grenzen der excentrischen Form überschreiten.
Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen,
aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an
den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem
dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner
Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche
Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder
sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit
Haaren besetztes Inneres zeigend.
»Diese hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog.
Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es
eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige
Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.
Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der
Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von
verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine
Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich
einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von
Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages
wachriefen.
Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen
den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu
haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.
Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein
Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen,
ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne
Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen
von blendendem, hartem Ton schwebten.
Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines
Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes
Licht.
Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim
Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen.
»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat
er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht.
Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier,
Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein,
um solche Extravaganzen hervorzubringen.
»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »dass in den meisten Fällen die
Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu
erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die
Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch
aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen.
So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich
schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch
chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang
gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden,
sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er
bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet
für sie neue Nüancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige
Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe,
zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf.
Kein Zweifel,« meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, »der
Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule
Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind
entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.«
Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre
der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen
gemacht, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der
lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines
zurückgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu
schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett;
aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine
Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert,
fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der
düstern Macht des Alps verfiel.
Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte; er ging an
der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war
mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller
Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden.
Sie trug eine grosse weisse Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die
Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze
Haube mit Rüschen verziert.
Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene
Gauklerin.
Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in
seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem
Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine
Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos
war.
Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen
eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und
sich dann im Sattel herumdrehte.
Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er
an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war
grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter
violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund;
aussergewöhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum
Ellbogen, steckten aus zerrissenen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber,
und fleischlose Lenden klapperten in übergrossen Reiterstiefeln.
Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean,
durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem
Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess
ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen.
Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er
hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich.
Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg,
erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand;
dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder.
Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er
ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau
mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie
heisse Thränen, jammernd, dass sie während der Flucht ihre Zähne
verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schürze
Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stücke der weissen
Röhren in die Löcher ihres Zahnfleisches steckte.
Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die
Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie
fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus.
Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein
furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter
ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit
einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den
zerbrochenen Thonstücken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein,
sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit
Händen und Füssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors,
sie fast erwürgend, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er
eine Wirtshausthür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf,
nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehen.
Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse
Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen.
Thränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals
würde er die Schwelle der Thür überschreiten können.
Ich würde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befürchtungen
zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuren
Hanswurste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen
Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald
mit ihren Füssen stiessen.
Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in
dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah
durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben
Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch.
Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er
schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst,
nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur
eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder
die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen
Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine
abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine
wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war
von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl
aufgelösten Phosphors erinnerte.
Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes
Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren.
Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte
Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von
Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das
Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie
ihn leise.
Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das
Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen
färbten sich mit wildem feurigen Rot.
Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er
sich.
Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke;
er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn
zauberisch an und langsam trat er näher, versuchend, nicht weiter zu
gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu
nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze
Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des
Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer.
Er schob sie beiseite, stiess sie zurück, einen grenzenlosen Widerwillen
empfindend, während er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen
Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich
wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst
machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen
Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck
angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer
Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn
zurück, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen
Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten.
Er streifte mit seinem Körper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er
fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf,
halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert
aufatmend seufzte er:
»Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!«