Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die
melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein
ganzes früheres Leben wieder in ihm auf.
Er war unfähig, ein Wort der Bücher zu verstehen, die er zu Rate zog;
selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist,
von Litteratur und Kunst übersättigt, sich weigerte, mehr in sich
aufzunehmen.
Er lebte nur noch in sich selbst, nährte sich von seinem eigenen Mark,
gleich Tieren während des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie
ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs
entkräftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine
Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Träumereien in ihm hervor; sie
vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, führte ihm eine Reihe
von Träumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich
ihnen zu entziehen.
Die verworrene und ungeregelte Lektüre, das künstliche Denken, dem er
sich seit seiner Zurückgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm,
mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war plötzlich
gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riss Gegenwart
und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und
seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfüllen, auf der
unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie
Strandgut umherschwammen.
Das Buch, welches er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden;
er liess sich gehen, liess voll Widerwillen und Scham die Jahre seines
vergangenen Lebens an sich vorüberziehen.
Was war das für eine Epoche!
Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der
Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter,
der Mienen, der nichtssagenden Worte, welche ihn mit der Hartnäckigkeit
jener trivialen Melodieen verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen
summt, die sich aber schliesslich mit einem Mal und ohne dass man daran
denkt wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat
darauf Gedächtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine
lateinischen Studien, um die Rückblicke selbst bis zum Eindruck zu
verwischen.
Doch der Reigen war eröffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase,
nämlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders diejenigen der
Jahre, welche er bei den Jesuiten zugebracht hatte.
Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines
Gedächtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die
langen Alleen, die Blumenbeete, die Bänke -- alle die kleinen
Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Gärten
sich beleben, hörte das Geschrei der Schüler, das Lachen der Lehrer, die
sich während der Erholungsstunden unter die Schüler mischten und sich,
den hochgeschürzten Priesterrock zwischen den Knieen haltend, dem
Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie
Kameraden unter den Bäumen plauderten.
Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluss auf
das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, welche sie
kultivierten, gewissermassen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung
zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre
Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu
fördern, indem sie sich bemühten, ihren Schülern später, beim Eintritt
in die Welt, zu folgen und sie zu unterstützen, indem sie ihnen
liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine
ehemaligen Zöglinge zu schreiben verstand.
Herzog Jean gab sich von dem Erziehungs-Verfahren Rechenschaft, welches
er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte über sich ergehen
lassen; sein Charakter, der allen Ratschlägen gegenüber rebellisch,
spitzfindig, argwöhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn
verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu
werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skepticismus nur
noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und
beschränkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und
niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen, der
so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestärkten nur noch seinen
unabhängigen Geist und vermehrten sein Misstrauen gegen jeden Glauben.
Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem
Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyceum oder in
weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein
vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging,
kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren
Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehen.
Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem
unbeschreiblichen Seelenzustand. Während eines Augenblickes glaubte er
sich instinktmässig der Religion zugeführt; bei der geringsten
Beweisführung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb
er voll Unruhe und Verwirrung.
Er wusste indessen wohl, indem er in sich ging, dass er niemals den
Geist der wahrhaft christlichen Demütigung und Reue haben würde; er
wusste, dass der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht,
dieser Augenblick der Gnade, »wo der letzte Lichtstrahl in die Seele
dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Centrum
wieder fixiert«, für ihn niemals kommen würde; er fühlte nicht das
Bedürfnis der Demütigung und des Gebetes, ohne welches nach der Wahrheit
der Priester keine Bekehrung möglich ist; er empfand nicht den Wunsch,
Gott anzuflehen, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich
schien; und doch brachte es die Sympathie, die er für seine ehemaligen
Lehrer bewahrte, dahin, ihn für sie und ihre Doktrinen zu interessieren.
Diese unnachahmliche Sprache der Überzeugung, diese begeisternden
Stimmen höherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge,
dass er an seinem Geist und seinen Kräften zweifelte. In seiner
Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundene Eindrücke, ohne
Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von aussen
kommen, in dieser unnatürlichen Verbannung, in der er eigensinnig
verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er während seines
Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rätsel
vor seinem Geist dar.
Die Lektüre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke
meist von Bischöfen und Mönchen verfasst, hatte ohne Zweifel zu dieser
Krisis beigetragen. Eingehüllt in eine Klosteratmosphäre, in einen Duft
von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven
aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bücher die
Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht
gefördert.
»Die Sache ist klar,« sagte sich der Herzog Jean, indem er vernünftig
nachzudenken und dem Gang dieser Einführung des Jesuitenelementes in
Fontenay zu folgen versuchte -- »ich habe seit meiner Kindheit, und ohne
es je gewusst zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegärt hatte, in
mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer für alle religiösen Sachen
gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafür.«
Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu überzeugen; unzufrieden,
nicht mehr unumschränkter Herr über sich selbst zu sein, holte er Gründe
herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden müssen, da
die Kirche allein die verlorengegangene Kunst und Form der Jahrhunderte
gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewöhnlichen modernen
Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber
der schlanken Kelche und der Hostiengefässe in ihrer edlen Rundung auf
uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedlen
Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen
beibehalten.
Die meisten der kostbaren Gegenstände, welche im Museum von Cluny
klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der
Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs
her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die
Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschützt hat, so hat sie auch
die plastische Kunst hinübergerettet.
Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und
Goldschmiedekunst erhalten, welche die Fabrikanten kirchlicher
Gegenstände verhunzen, ohne ganz auf die ursprüngliche entzückende Form
verzichten zu können. Es war daher durchaus nicht überraschend, dass er
hinter antiken Nippsachen hergejagt, dass er mit Hilfe zahlreicher
Sammler die Reliquien bei den Antiquitätenhändlern in Paris und den
Trödlern auf dem Lande aufgestöbert hatte.
Aber vergebens berief er sich auf diese Gründe; es gelang ihm nicht,
sich vollständig zu beruhigen. Gewiss, indem er alles kurz
zusammenfasste, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche
Legende, als eine grossartige Betrügerei zu betrachten, und doch trotz
all seiner Auslegungen fing sein Skepticismus an zu wanken.
Die seltsame Thatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in
seiner Kindheit, wo die Fürsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn
gewirkt, als er in ihren Händen, ohne Familienbande, ohne Einfluss von
aussen her, ihnen sozusagen mit Körper und Geist angehörte. Sie hatten
ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack für das Wunderbare eingeflösst,
der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der
jetzt in der Einsamkeit aufblühte.
Beim Prüfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fäden zu
verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der
Überzeugung, dass seine Handlungsweise während seines gesellschaftlichen
Lebens von seiner Erziehung herrührte. Waren nicht seine Neigungen für
das Verkünstelte, sein Verlangen nach dem Excentrischen die Resultate
besonderer Studien und Raffiniertheit? Gewissermassen theologische
Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum
Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten
Glückseligkeit, wie jene, die uns die heilige Schrift verspricht.
Er hielt plötzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab.
»Mir scheint,« murmelte er verdriesslich, »dass ich noch mehr getroffen
bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist,
bekämpfe.«
Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt.
»Ach! ich werde stumpfsinnig,« sagte sich der herzogliche Einsiedler;
»die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht,
schliesslich die Krankheit selbst herbeiführen.«
Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschütteln; seine Erinnerungen
liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar;
jetzt waren es die Gegenstände der Streitigkeiten allein, die ihn
heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er
war gänzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an
die widersprechenden Auslegungen der Glaubenssätze, an die verloren
gegangenen Lossagungen von den Klostergelübden, die Pater Labbe in dem
Werk über die Konzilien erwähnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen,
Überbleibsel dieser Ketzereien, die während mehrerer Jahrhunderte die
Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier
war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig
machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die
menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe;
da war es Eutyches, der da erklärte, dass das Bildnis Christi nicht
demjenigen der andern Menschen gleichen könnte, da die Gottheit, in
seinem Körper domizilierend, die Form ganz und gar verändert habe; dann
waren es wieder andere Zänker, welche behaupteten, dass der Erlöser gar
keinen Körper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur
bildlich zu nehmen sei; während Tertullian sich in seinem berühmten,
beinahe materialistischen Axiom äussert: »Nichts, das ist, ist
unverkörpert; alles was ist, hat einen Körper, der ihm eigen;« und
schliesslich diese alte, während langer Jahre erörterte Frage: »Ist
Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins
in drei Personen, in ihrer dreifachen Persönlichkeit am Kreuze Golgathas
gelitten?«
Alles das trieb ihn an, drängte ihn -- und mechanisch wie eine einmal
gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben
zu beantworten. --
Während einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von
Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber
die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der
Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wänden aufgehängt
waren.
Er sah eine ganze Prozession von Prälaten an sich vorüber ziehen:
Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben,
um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Bärte beim Lesen und
Gebeteleiern schütteln; er sah ganze Züge schweigender Büsser in die
dunklen Totengrüfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome
erheben, in denen weiss gekleidete Mönche von der Kanzel herunter
donnerten.
Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der
Höhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen
Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich
verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des
Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue
und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den
Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, göttliche Vorrechte
versichernd, den Betrübten den besten Teil des Paradieses versprechend,
die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott
seine Trübsale und Sünden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als
Sühnopfer darbringe.
Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses
Geständnis der sozialen Schändlichkeit befriedigt, wieder aber empörte
ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen
von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er stützte sich ebenfalls
auf die Ungerechtigkeit und Schändlichkeit der Welt, er stiess auch mit
seiner »Nachfolge Jesu Christi« den schmerzlichen Ruf aus: »Es ist
wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein!« Er predigte auch die
Erbärmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurückgezogenheit, warnte
die Menschheit, dass, was sie auch thun möge und nach welcher Seite sie
sich auch drehe, sie immer nur unglücklich bleibe: arm wegen der Leiden,
die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhältnis zu der
unbesiegbaren Langenweile, welche der Überfluss erzeugt; aber er pries
kein Universalmittel an, vertröstete mit keinem Köder, um dem
unvermeidlichen Übel abzuhelfen.
Er unterstützt nicht das empörende System der Erbsünde; versucht nicht
zu beweisen, dass derjenige ein allgütiger Gott sei, der die Spitzbuben
beschützt, der den Dummköpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter
verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rühmt nicht die Wohlthaten
einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverständliche, ungerechte und
alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht
keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen
und Prüfungen. Ruft er doch in seiner empörten Barmherzigkeit aus: »Wenn
ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein;
das menschliche Elend würde mir das Herz brechen!«
Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die
evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger
Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken
keine Entschädigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des
Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trösterin der auserwählten
Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie
sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor.
Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last.
Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn
durch die Berührungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen
ebenso poetischen wie rührenden Katholizismus, in dem er erzogen war und
von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte,
nicht zu vergessen vermochte.
Diese Rückgänge zur Gläubigkeit quälten ihn, besonders seit sich
Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu
hinzugetretenen nervösen Störungen zusammen.
Seit seiner jüngsten Kindheit war er von unerklärlichen Abneigungen
gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rücken kalt
hinunterliefen, ihm die Zähne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel
nasse Wäsche sah, die von einem Mädchen ausgewrungen wurde. Diese
Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er
einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hörte, oder
wenn er moirierte Seide anfasste.
Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die übertriebenen
Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprüngliches Nervenleiden
ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg
verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits
Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen müssen, vornehmlich gegen das
Zittern der Hände und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie,
die ihm das Gesicht zerrissen, die Schläfen wie mit Hammerschlägen
bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm
Übelkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekämpfen vermochte, als
dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rücken legte.
Diese Zufälle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens
langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer
Form geltend, indem sie den ganzen Körper durchliefen; die Schmerzen
gingen vom Schädel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glühenden
Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervös trockner Husten, der zu einer
bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten währte,
ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hörte
ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknöpftes
Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen.
Er enthielt sich aller geistigen Getränke, des Kaffees und Thees, trank
nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen,
stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das
Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die
Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintönig machten. Als
letztes Mittel verzichtete er vorläufig auf jede Lektüre und, von
Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein müssiges Dasein zu
ändern, ein Projekt auszuführen, welches er aus Bequemlichkeit und Hass
gegen jede Störung fortwährend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay
niedergelassen hatte.
Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu
berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzückenden Überraschungen
des schönen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner
Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich
auf diese Weise eine materielle Beschäftigung zuzugestehen, die ihn
zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen würde. Er
hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen
ihn etwas entschädigen würde für die wahrhaft wunderlichen Farben des
Stils, welchen seine litterarische Diät ihn momentan vergessen oder
verlieren liess.