Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Füsse auf den
vergoldeten Kugeln der Feuerböcke, die Pantoffel fast brennend von den
Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog
Jean den alten Quartanten, in welchem er las, auf einen Tisch, dehnte
sich, zündete sich eine Cigarette an und verfiel dann in köstliche
Träumereien, mit verhängten Zügeln die Spur der Erinnerung verfolgend,
die ihm seit Monaten entfallen und jetzt plötzlich wieder, durch das
Beifallen eines Namens, hervorgerufen wurde.
Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nämlich die Verlegenheit seines
Kameraden d'Aigurande vor Augen, als derselbe in einer Versammlung
standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat
offen gestehen musste. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die
Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bette aus. Nichts
half; vollständig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner
künftigen Frau und behauptete sogar bei ihr aussergewöhnliche
Eigenschaften von Hingebung und Zärtlichkeit erkannt zu haben.
Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in
seinem Entschluss ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in
Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wünsche an der Ecke eines neuen
Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehen.
Überzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Misèren, die unheilvoller
für starke Naturen sind als grosse, sowie sich auf die Thatsache
stützend, dass d'Aigurande kein Vermögen besass und die Mitgift seiner
Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine
unendliche Aussicht für lächerliche Unannehmlichkeiten.
D'Aigurande kaufte Möbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten
ausgehöhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinenstützen in Bogenform,
Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf
Bestellung angefertigt wird.
Er bezahlte das Doppelte dafür. Als später seine Frau für ihre Toilette
zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung überdrüssig war und
eine viereckige Etage beziehen wollte, da passte eben keins der Möbel
mehr. Nach und nach wurde dieses lästige Mobiliar eine Quelle endlosen
Verdrusses. Das frühere gute Einvernehmen, das schon durch das
gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche
zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig
vor, nicht in einem Salon bleiben zu können, wo die Kanapees und
Spiegeltische nicht einmal die Wände berührten und bei der geringsten
Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt, wackelten. Auch
fehlte das nötige Geld für die Ausbesserungen. Alles wurde ein
Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die
sich in den nicht ordentlich feststehenden Möbeln gezogen hatten, bis zu
den Spitzbübereien des Dienstmädchens, das von der Unachtsamkeit und den
Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort:
das Leben wurde ihnen unerträglich. Er amüsierte sich ausserhalb des
Hauses; sie suchte daheim durch Übertretung des Ehegebotes das Vergessen
ihrer trüben und langweiligen Existenz zu ermöglichen.
»Mein Schlachtplan war richtig,« hatte sich damals der Herzog gesagt,
der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manöver
gelungen waren. --
Er dachte jetzt vor seinem Feuer sitzend an die Trümmer dieses ehelichen
Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue
Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Träumereien wieder auf.
Andere Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe
angehörten.
Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli
einem Laufburschen von ungefähr sechzehn Jahren begegnete, einem
blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verführerisch wie ein Mädchen.
Derselbe sog mühevoll an einer Cigarette, deren Papier geplatzt war.
Schimpfend rieb er gewöhnliche Küchenstreichhölzer an seiner Hose ab,
die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr übrig blieb. Jetzt bemerkte
er den Herzog, der ihn beobachtete. Er näherte sich ihm und an den Rand
seiner Mütze greifend bat er ihn um Feuer. Herr des Esseintes reichte
ihm einige duftige Cigaretten von Dubêque, knüpfte dann eine
Unterhaltung mit ihm an und veranlasste ihn, seine Geschichte zu
erzählen.
Diese war äusserst einfach. Der Junge hiess Auguste Langlois und war bei
einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter früh verloren und
wurde von seinem Vater oft nach Noten geprügelt.
Herzog Jean hörte ihn nachdenklich an: »Komm, wir wollen etwas zusammen
trinken,« sagte er und führte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken
Punsch vorsetzen liess. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. --
»Möchtest Du Dich heute Abend amüsieren?« fragte der Herzog. Dann hatte
er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame geführt, die in der Rue
Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine
Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc.
ausgestattet waren, hielt.
Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mütze zwischen seinen Fingern
drehend ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehen, die alle wie aus
einem Munde riefen:
»Ach, der hübsche Junge!«
»Aber sag mal, Kleiner, Du hast noch nicht das richtige Alter,« fügte
eine stattliche Brünette mit gebogener Nase und grossen dunklen Augen
hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schönen Jüdin
vertrat.
Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit
der Wirtin.
»Sei doch nicht bange, Dummkopf,« rief er dem Jungen zu. »Triff Deine
Wahl, ich bezahle.« Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoss, so dass
er auf den Divan zwischen zwei der Schönen fiel.
Auf ein Zeichen der Wirtin rückten diese etwas zusammen, hüllten die
Kniee des Jungen mit ihren Röcken ein und hielten ihm ihre entblössten
Schultern, die stark nach einem betäubenden Puder rochen, unter die
Nase. Der arme Kleine rührte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiss
und rot, der Mund trocken; die Augen niederschlagend wagte er nur
verstohlen einige neugierige Blicke.
Wanda, die schöne Jüdin, küsste ihn und gab ihm gute Ratschläge, empfahl
ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen und zur selben Zeit
glitten ihre Hände langsam über den Jungen hin, dessen veränderte
Gesichtszüge konvulsivisch zuckten.
»Es ist also nicht Deinetwegen, dass Du heute Abend kommst?« fragte
Madame Laura den Herzog. »Aber zum Teufel, wo hast Du nur den Schlingel
aufgetrieben?« fing sie wieder an, als Auguste mit der Schönen in einem
Nebenzimmer verschwunden war.
»Auf der Strasse, meine Beste.«
»Du bist doch nicht betrunken?« murmelte die alte Wirtin. Und nach
einiger Überlegung fügte sie mit einem mütterlichen Lächeln hinzu: »Du
liederlicher Strick, Dir steht nach frischer Ware der Sinn!«
Herzog Jean zuckte mit den Achseln. »Du irrst Dich gehörig! ja
vollständig,« entgegnete er. »Die Wahrheit ist, dass ich einfach
versuche, mir einen Mörder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner
Beweisführung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter
erreicht, wo das Blut zu wallen anfängt; er würde hinter den jungen
Mädchen in seinem Viertel herlaufen, sich amüsieren und doch noch
rechtschaffen bleiben, um schliesslich sein bescheidenes Teil an einem
momentanen Glück zu geniessen, wie es den Armen eben beschieden ist. --
So aber, wo ich ihn hierher führe, in die Mitte Eures Paradieses, das er
gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedächtnis verbleibt, und
indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil
werden lasse, wird er sich an den Genuss des Fleisches gewöhnen. Es wird
ihm systematisch zum Bedürfnis werden! Nehmen wir selbst an, dass er
drei Monate braucht, bis der Genuss ihm absolut notwendig geworden --
und mit den langen Zwischenräumen, die ich mache, laufe ich keine
Gefahr, ihn zu übersättigen -- nun, am Ende dieser drei Monate werde ich
die kleine Rente, die ich Dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird
er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu können; er wird alle Hebel
in Bewegung setzen, um sich auf diesem Divan und unter diesem Gas wälzen
zu können.
Die Sache zum äussersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tages
seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er dessen Geldschrank öffnet,
einfach den Hals umdrehen, und so ist, wie Du siehst, mein schöner Zweck
erreicht. Ich werde im Verhältnis meiner Mittel eben dazu beigetragen
haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen
Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns
brandschatzt, gerade recht ist.« --
Die Frauenzimmer sahen ihn mit grossen Augen an.
»Da bist Du ja!« fing er wieder an, als er Auguste in den Salon
zurückkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schönen Jüdin zu
verstecken suchte.
»Nun, mein Junge, es ist schon spät, sag diesen netten Damen gefälligst
Adieu.«
Und auf der Treppe teilte er ihm mit, dass er alle vierzehn Tage, ohne
dass es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehen könne; dann auf
der Strasse angelangt, sah er den ganz betäubten Jungen einen Augenblick
lang an, und schloss:
»Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem
Vater, dessen Hand ihm unthätig juckt und behalte das gewissermassen
schöne evangelische Wort: >Thue den andern das, was Du nicht willst, das
sie Dir thun< wohl im Gedächtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit
kommen. -- Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so
bald wie möglich von Dir hören, das heisst auf dem Wege der
hochlöblichen Gerichtszeitung.« -- -- -- --
»Der kleine Judas!« murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schürend;
-- »sich sagen zu müssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter
Vermischtes gelesen habe! -- Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht
zu thun gehabt hätte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen
mehr lese.«
Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.
»Es wäre trotz alledem schade,« sagte er sich, »denn indem ich so
handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der
allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen
in einen >Langlois< zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt
endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen
ganz und mit Gewalt zu öffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente
und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schärfere Genüsse wittern,
die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. --«
»Und die Thatsache ist,« fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung
fort, »die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der
Erziehung ist, dass er sich erweitert und schärft, je nachdem die Ideen
entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das
Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die
gewaltig lebenskräftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in
ihnen anfachen und entwickeln.« -- --
Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr
Morgens. -- Er zündete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von
neuem in die durch seine Träumereien unterbrochene Lektüre des
lateinischen Gedichts »De laude castitatis«, das unter der Regierung des
Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist.