FÜNFTES KAPITEL.

Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem

hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehen, machte

sich das Bedürfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche

Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen

ihren vier Wänden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche

nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend.

Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte

er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern

einflössten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, welche

zarte und köstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit

vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen.

Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen

einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die

Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische

Sensationen erschüttern sollten.

Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung

hinriss: Gustav Moreau.

Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der

Nacht sass er oft träumend vor einem derselben, dem Gemälde der Salome:

Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen

Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen

Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit

Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika

ähnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt.

In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar überragte, zu dem einige

Stufen in halbrunder Form hinanführten, sass der Tetrarch Herodes, auf

dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knieen

ruhend.

Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten;

sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke über das Edelgestein, mit

dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand

besäet war.

Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des

Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte

Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den

Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und

verbreitete sich unter den Bogengängen, wo der bläuliche Rauch sich mit

dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel

fielen.

In dieser heissen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels

steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten

gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshöhe haltend; sie nähert sich

langsam auf den Fussspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren

Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt.

Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren

wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken

soll. Ihr Busen wogt und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden

Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut

blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen

strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold

und Silber gesticktes Gewand.

Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein

Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten,

theerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden

Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt,

pfauengrün getigert.

Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen

Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre

Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den

Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich

dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt, seine

Brust wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika

hervorhängend.

Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft

hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der

Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus

gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers

Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken

beim Lesen jener Zeilen:

»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und

gefiel dem Herodes sehr.

Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was

sie erbitten würde.

Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes

des Täufers auf einer Schüssel.

Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die

mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr überbracht würde.

Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten.

Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab's dem Mägdelein;

und diese überreichte es ihrer Mutter.«

Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den

berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin.

Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der

Jahrhunderte, unfassbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den

erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch

Nervenkrankheit hellsehend geworden; spröde auch gegenüber dem Maler des

Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau

verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die

aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgrösse der

Mörderin darzustellen vermochten.

In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller

Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame

Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, welche durch

wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei

frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch

die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft;

sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust,

die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier,

ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nähert, sie

berührt und sie sieht, vergiftend.

Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das

Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch

aufregender.

Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra,

auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit

silbernem Mörtel und goldenem Cement zusammengefügt, ab; Arabesken

gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den

mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige,

prismatische Strahlen ausliefen.

Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die

Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes

stützend.

Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf

den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund

offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab

den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf

die Säulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend,

die gläsernen Augäpfel entzündend, die sozusagen fest auf der Tänzerin

haften.

Mit einer Gebärde des Entsetzens stösst Salome die schreckliche Vision

zurück, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhält. Mit

weitgeöffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd,

starrt sie die Erscheinung an.

Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier

gelöst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem

Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen.

Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, kleine dunkelpurpurne

Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares ansetzend. Sichtbar ist er

für Salome allein. Sie streift mit ihrem düstern Blick weder die

Herodias, die an ihren endlich gestillten Hass denkt, noch den

Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hände auf den Knieen, keuchend

dasitzt und wahnsinnig bethört ist durch die Nacktheit dieses jungen

Körpers, der von wild aufregenden Wohlgerüchen, von Weihrauch und

Myrrhen umduftet ist. --

So wie der alte König blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet,

vom Schwindel ergriffen vor dieser Tänzerin, die weniger majestätisch,

weniger hochmütig, aber verwirrender als die Salome des Ölgemäldes auf

ihn wirkte.

Verloren in diese seine Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung

dieses grossen Künstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten,

der sich so völlig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in

Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangenen Zeitalter

erstrahlen zu sehen, auf die Spur zu kommen.

Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrene Verbindung mit

Vinci, Farbenfieber à la Delacroix; aber der Einfluss dieser seiner

Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung

blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den

ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Götterlehre,

deren blutige Rätsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die

Legenden des äussersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der

andern Völker zu einer einzigen verschmolzen.

Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein

verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich

sinnbildlichen Darstellungen, verschärft durch die aufregende

Deutlichkeit einer modernen Nervosität.

Es war in seinen Werken ein eigentümlicher Zauber, ein Reiz, der einen

bis ins tiefste Innere bewegt, wie in einigen Dichtungen von Baudelaire;

man bleibt erstaunt, träumerisch und bestürzt von dieser Kunst, die die

Grenzen der Malerei überschreitet und der Dichtung ihre zartesten

Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, für welche Herzog

Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an

den Wänden seines Arbeitszimmers.

Aber darauf beschränkten sich keineswegs seine Bilderankäufe.

Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst

nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoss allein schon eine

ganze Reihe Bilder verlangt.

Das Erdgeschoss war folgendermassen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das

mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flügel

des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von

dort ins Esszimmer, welches den anderen Flügel bildete.

Diese Zimmer, welche die eine Vorderseite der Wohnung darstellten,

dehnten sich in gerader Linie aus und die Fenster sahen auf das Thal von

Aunay hinaus.

Die andere Seite der Behausung bestand aus vier, den ersteren ganz

gleichen Zimmern. Die Küche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem

Esszimmer in Verbindung; dann folgte ein grosser Hausflur, der als

Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung

mit dem Schlafzimmer.

Diese letzteren Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des

Thales hinaus und sahen auf den Turm von Croy und Châtillon.

Die Treppe war an einem der Flügel des Hauses von aussen angebracht;

Herzog Jean hörte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger

deutlich.

Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen,

und an allen Wänden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen

Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten holländischen

Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war.

Er besass von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Künstler

die Serie seiner »Religionsverfolgungen«, wahrhaft entsetzliche Blätter,

die die Martern des religiösen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen

der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Körper auf

Kohlenglut gebraten, der Schädelhaut beraubte Köpfe, von Nägeln

durchbohrt, tiefe Einschnitte von Sägen herrührend, Eingeweide aus dem

Leibe gerissen und auf Knäule gerollt, langsam mit Zangen losgelöste

Fingernägel, ausgestochene Augäpfel, Augenlider, die mittels spitzer

Instrumente umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen,

blossgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt.

Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem

Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfüllt waren vom Schrei des

Entsetzens und der Verfluchung, liessen dem Herzog Jean, den sie mit

verhaltenem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu die Gänsehaut

überlaufen.

Aber ausser dem Schauder, den sie ihm bereiteten, ausser der gewaltigen

Begabung dieses Künstlers, dem ausserordentlichen Leben seiner Figuren

entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltenen Talent zur Gruppierung,

die er mit einer an Callot erinnernden Geschicklichkeit und Schärfe zur

Ausführung bringt, wunderbare Fähigkeiten zur Wiedergabe gewisser

Zeitstadien: z. B. seine Architekturen, Kostüme und Sitten zur Zeit der

Makkabäer, dann während der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter

der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur

Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit

peinlicher Sorgfalt aufgefasst und mit ausserordentlicher Kunst

wiedergegeben sind.

Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen für mancherlei Aufschlüsse;

man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermüden; sie führten zum

Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit töten, wenn er keinen

Sinn zum Lesen hatte.

Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz für ihn. Eifriger

Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte

er religiöse Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb

die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzückt

und gleichzeitig erschüttert wurde.

Dabei die Welt verachtend überliess Luyken all seinen Besitz den Armen

und lebte von trockenem Brot; schliesslich hatte er sich mit einer

alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs

Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte

überall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er

beinahe verrückt geworden. --

In dem grösseren Raum nebenan, in der mit Cedernholz in

Cigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andere Kupferstiche,

andere Zeichnungen übereinander.

Die »Todes-Komödie« von Bresdin. In einer unmöglichen Landschaft, mit

Bäumen, Dickicht und Gehölz bedeckt, welche die Formen von Dämonen und

Gespenstern angenommen und zwischen welchen sich Vögel mit Rattenköpfen

mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schädeln

besäet war, richteten sich knorrige, gespaltene Weiden in die Höhe, von

Skeletten überragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt

einen Siegesgesang an, während Christus in den mit Wölkchen bedeckten

Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrunde einer Grotte, den Kopf in

den Händen vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch

Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rücken, die

Füsse in einem Pfuhl, der Entkräftung erliegt.

Der »Gute Samariter« von demselben Künstler, als grosse Federzeichnung

auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbäumen,

Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rücksicht auf

Jahreszeit und Klima; ein Stück Urwald, übersäet mit Affen, Eulen,

Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstümpfen, so missgestaltet wie die

Wurzeln des Alrauns.

Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen

Schönheiten dieses Kupferstiches schätzte, so hielt er sich doch noch

öfter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmückten.

Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand

unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines

Merowingers auf einer Schale; das eines bärtigen Mannes, ein Mittelding

zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit

seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berührt; dann eine

abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Körpers ein menschliches

Angesicht trägt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des

Träumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird.

Dann wieder ein grosser Würfel, aus dem ein halbgeschlossenes trauriges

Auge blinzelt; dort dürre unfruchtbare Landschaften, kalcinierte Ebenen,

Umwälzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte

Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatürlicher Blumenreichtum

entfaltet sich auf Felsen; überall erratische Blöcke, schmutzige

Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen,

deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrückte Schädel

an die Köpfe unserer Vorfahren erinnern.

Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie überschritten

die Grenzen der Malerei und führten wunderlich phantastische Neuerungen

ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns.

Diese Gesichter, diese masslos vergrösserten und missgestalteten wie

durch eine Karaffe gesehenen Körper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen

an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nächten und

schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren.

Erfasst von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten

Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen »Sprichwörtern« Goyas, an die

sie erinnerten, oder wie beim Schluss einer Lektüre von Edgar Poë, von

dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestäuschungen und die

Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien,

rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt

die »Schwermut«, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrückten, trüben

Stellung auf einem Felsen sitzt.

Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit,

eine kraftlose Verzweiflung bemächtigt sich seiner Gedanken und er

stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an.

Ausser dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wände

des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine

sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in

unnatürlichen Farbentönen, von übertriebenen Linien und grausamer

Färbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Künstlers, als er die Idee

aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian ähnlich zu sein.

Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrün ausgeführt

zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen

Übereinstimmung mit dem Mobiliar.

Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer

einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nächtlicher Ergötzung, oder

ein Plätzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtsstätte des

Gedankens, eine Art Betzimmer.

Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er,

dass das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen liesse: mit

freundlichen Gegenständen eine traurige Sache zu schaffen, oder

vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Hässlichkeit

lässt, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit

aufzudrücken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram

wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte

Wirkung zu erzielen, indem man sich prächtiger Stoffe bedient, um ihnen

den Anstrich der Dürftigkeit zu verleihen; mit einem Wort eine

Karthäuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche.

Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das

vorgeschriebene geistliche Gelb, nachzuahmen, liess er die Wände mit

safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Panele

wiederzugeben, liess er sie mit violettfarbenen Holzleisten, die mit

Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant;

sie konnte von weitem an die düstere Starrheit des Vorbildes erinnern.

Der Plafond wurde in Gelbweiss tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne

dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in

der Nachbildung ziemlich gut dank einem Teppich, dessen Muster rote

Fliesen vorstellte, mit weisslichen Stellen in der Wolle, welche die

Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen

sollten.

Er möblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art

Mönchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fussende mit

reich aufgetragenen Verzierungen versehen.

Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Inneres ein

Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Aussenseite eine Kirchenagenda

trug. Gegenüber an der Mauer liess er einen Kirchenstuhl anbringen, der

von einem durchbrochenen Altarhimmel überragt wurde, verziert mit

vorspringenden Stützen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch

Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besonderen Geschäft kaufte,

das nur Kirchenartikel führte, denn er hegte eine grosse Abneigung gegen

Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da

sie ihm zu grell und unzart erschien. --

Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem

Kopfkissen, seine Umgebung betrachtend, stellte er sich leicht vor, dass

er sich hundert Meilen von Paris befinde, weit weg von der Welt, im

Innern eines Klosters.

Und im Grunde genommen war die Täuschung leicht, da er ein Leben führte,

das dem eines Mönches fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die

Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem

warmen, angenehmen Zimmer gemacht, hatte er sein Leben regelmässig und

bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschäftigt und dennoch frei.

--

Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem

Einsiedler gleich, reif für die Einsamkeit. Niedergedrückt wie ein Mönch

und voll unendlicher Müdigkeit, war er beseelt von dem Bedürfnis nach

Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die

bei ihm für Utilitarier und Dummköpfe galten.

Gegen den Strich · 第 7 / 19 题