Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog
Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Briefträger nicht einmal
in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder
eine Zeitung zu bestellen hatte, so zögerten anfänglich die beiden alten
Dienstboten, nicht wissend, ob sie öffnen durften. Auf das laute
Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es
endlich, durch das kleine Schiebfenster, welches in der Thür angebracht
war, zu sehen; vor derselben stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals
bis zum Leib mit einem ungeheuren goldenen Schild bedeckt war.
Sie benachrichtigten hierauf ihren Herrn, der am Frühstückstisch sass.
»Ganz richtig, führen Sie ihn herein,« sagte er -- denn er erinnerte
sich, dass er vor einiger Zeit einem Edelsteinhändler, der eine
schwierige Bestellung für ihn ausführen sollte, seine Adresse gegeben
hatte.
Der Herr grüsste und setzte ohne Umstände auf den Boden des Esszimmers
seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter
dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkröte hervorlugte, um
sich plötzlich wieder erschrocken unter die Schale zurückzuziehen.
Diese Schildkröte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm
einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war.
Eines Tages, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe
desselben bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der über das Gewebe
lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, dass
es sich nicht übel ausnehmen müsse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu
setzen, um den Farbenreiz durch einen dunklen Ton zu erhöhen.
Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die
Strassen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im
Schaufenster bei Chevet eine Schildkröte in einem Bassin bemerkte, da
schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem plötzlich ein Gedanke
gekommen.
Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange
hatte er das Tier mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam betrachtet.
Der Ton des harten Braunes des Rückenschildes verdunkelte die Reflexe
des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz
strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbigen Ton den
Rand dieser harten glanzlosen Schale.
Er biss sich auf den Finger, ein Mittel suchend, diese Missverbindung zu
versöhnen und die offenbare Scheidung der Töne zu verhindern, wobei er
schliesslich entdeckte, dass seine erste Idee, die darin bestand, die
Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunklen
Gegenstand zu schüren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich
noch zu auffällig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht
genügend abgestumpft und gedämpft; es handelte sich darum, den Satz
umzukehren, die Töne abzuschwächen, sie durch den Kontrast eines
glänzenden Gegenstandes zu erlöschen, alles um sich zu erdrücken und
goldiges Licht auf das matt silberne zu werfen.
In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er
beschloss infolgedessen, den Panzer der Schildkröte mit einer Goldglasur
überziehen zu lassen.
Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder
zurückkam, leuchtete es wie die Sonne.
Anfänglich war Herzog Jean ganz entzückt von der Wirkung; dann kam ihm
der Gedanke, dass dieses riesengrosse Schmuckstück bis jetzt nur
flüchtig entworfen, und dass es erst vollendet wäre, wenn es mit
eingelegten seltenen und kostbaren Steinen besetzt sein würde.
Er wählte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein
Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dünnen Stengel wie
Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete
eine Einfassung darum, die das Bouquet in einen ovalen Rahmen
einschloss, und erklärte dem verdutzten Juwelenhändler, dass die Blätter
und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgeführt und in das
Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten.
Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich
geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde
und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern
zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase
anbelangt, geglüht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der
kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit
Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der
Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter
bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der
Schlächterfrauen, welche sich für einen bescheidenen Preis gern mit
schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir
allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung
genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben
sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden
Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht
bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint
einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu
blitzen.
Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean;
ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess
wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und
zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus,
deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen
sollte.
Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die
Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefasst mit dem Chrysoberill,
einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin.
Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem
blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des
Weinsteins im Innern der Fässer.
Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehen, benutzte er
bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis,
den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen
Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums
ist. Dagegen wählte er schliesslich die Türkise des Abendlandes, Steine,
die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von
einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau
erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt.
Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten
Blumen mitten im Strausse einzufassen und für die Blumen, die
dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit
gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen.
Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen
und saphirartigen Steinen zusammen.
Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher
Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers
herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von
schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden
Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte;
der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweisse
Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf
dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbläuliche Feuer entzündet.
Der Juwelenhändler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche
die Steine eingesetzt werden sollten.
»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schliesslich.
Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art
Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und
farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser
interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des
Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu
rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich
je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan
anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu
entzünden, wenn man ihn anfeuchtet.
Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich
abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben
Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blassrot;
Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die
dunklen Schatten des Rückenschildes zu erhellen und das Blühen der
Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, welche sie mit einer schmalen
Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. --
Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und
betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte.
Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an
dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz
gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein.
Er tunkte seine gerösteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen
Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung
von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von
China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch
sie den famosen Kameelduft angenommen haben.
Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen
Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen
bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus
altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte,
so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so
die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab.
Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer
zurück und liess sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in
ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte.
Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten
sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den
Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich
geschmolzenem Zucker.
Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein.
Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit
ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster.
Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm
schwarz mit weissen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den
Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte
sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz
getupft.
Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze
und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer
zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu geniessen, das
ihn wieder erwärmte.
Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war,
in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen
Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen
am unteren Ende versehen waren.
Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel.
Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig
gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk
verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf
sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten.
Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u.
s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank
von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere
Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu
verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte
jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein.
Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz
und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt;
der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und
sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky
erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und
Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps
gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische
Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke
mitteilen.
Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf
Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem
Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und
zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer
den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und
schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer,
stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst
-- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen
Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei
und zart wie der Kümmel wiedergäbe.
Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen,
infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen,
stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von
Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören.
Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen
des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken,
seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen
oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde
erzeugend.
Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen
mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang
der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem
sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von
Estella und die »Ach! ich sage Ihnen, Mama« aus der alten Zeit.
Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu
fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur
seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor
einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich
in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste
gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken
Kreosotgeruch erfüllte.
Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten
Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit
von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.
Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu
einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten,
seinen Mund erfüllt hatte.
Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien
über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich
und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame
Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben.
Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden
Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in
Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer
umher.
Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die
Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen.
Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten
Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen
würden.
Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle.
Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die
man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit
ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich
verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger
hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten
besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem
jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit
ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese
sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu
warten.
Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens
eines bekannten Technikers erinnernd, der sich »Volkszahnarzt« nannte
und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss
verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten.
Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem
grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen
Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah
man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch
eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der
Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn,
ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine
Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr
weh.
Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte
er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten
Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit
himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür.
Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den
Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein
ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das
Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im
selben Augenblick öffnete sich die Thür und eine alte Frau bat ihn
einzutreten.
Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Esszimmer, eine
andere Thür ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrötiger Mann im
schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn
auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen.
Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er
erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt
und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn
legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...«
Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog
seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen
gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein
Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann.
Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert
und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor
den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen
erfasst, und so brüllte er, mit den Füssen strampelnd, wie ein wildes
Tier.
Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen;
ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schädel einschlüge. Er
hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt,
der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den
Leib dringen wolle.
Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten,
hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an
das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen
blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing.
Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut
ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert,
welchen ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt,
darreichte und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte.
Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger, sich für
alles und jedes interessierend. -- -- --
»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine
Gedanken genommen hatten.
Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit
zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu
beschäftigen.
Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war
an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer
ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den
man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet,
die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert, nicht
vertragen können.